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Ausgabe 90, 23. Februar 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Frankreichs Familienpolitik auf dem Prüfstand
Auch die französische Gesellschaft ist noch weit von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit entfernt

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Frankreichs Familienpolitik auf dem Prüfstand
Auch die französische Gesellschaft ist noch weit von Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit entfernt

Sie leben wie Gott in Frankreich, die berufstätigen Mütter - zumindest legt das die familienpolitische Debatte nahe, die in Deutschland geführt wird. Frankreich kann sich seit den 1990er Jahren einer im europäischen Vergleich hohen Geburtenrate rühmen: Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau erreichte 2008 den Wert von 2,02 (Deutschland: 1,38). Und dabei sind französische Mütter häufiger erwerbstätig als etwa deutsche: Die Erwerbstätigenquote von Französinnen zwischen 25 und 49 Jahren, die Kinder haben, ist mit derzeit knapp 73 Prozent vergleichsweise hoch.

Hinzu kommt, dass die berufstätigen Mütter mehrheitlich in Vollzeit arbeiten. Da liegt die Vermutung nahe, dass die Versorgung der Kleinen in Frankreich besser organisiert ist als anderswo: Tatsächlich liegt die außerhäusliche Betreuungsquote in Frankreich laut OECD bei Kleinkindern im Alter von null bis zwei Jahren bei rund 43 Prozent, bei drei- bis fünfjährigen Kindern sogar bei fast 100 Prozent (2006). Zum Vergleich: Deutschland kommt auf gerade mal 14 Prozent bei den ganz Kleinen und auf rund 89 Prozent in den Kindergärten. All das ist Grund genug für die Annahme, dass es die Frauen in Frankreich leichter haben als hierzulande, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen.

Wie kam es dazu, dass Frankreich familienpolitisch eine Führungsposition erlangt hat? In dem Discussion Paper "Ungleiche Nachbarn" hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung den Hintergrund erläutert: Wegen des starken Geburtenrückgangs, der schon nach der Französischen Revolution einsetzte und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts andauerte, dachte Frankreich bereits Ende des 19. Jahrhunderts über eine aktive Familienpolitik nach. 1939 wurde der "Code de la Famille" verabschiedet, der bis in die 1960er Jahre noch die "male breadwinner family" unterstützte, etwa indem der Staat Beihilfen zahlte, wenn die Mutter zu Hause blieb. Diese Politik trug dazu bei, dass viele Frauen keiner bezahlten Arbeit nachgingen - und nahm ihre ökonomische Abhängigkeit in Kauf. Erst - aus deutscher Perspektive: schon - in den 1970er Jahren wurde die Politik an das gesellschaftliche Modell einer Zwei-Verdiener-Gemeinschaft angepasst. Außerdem wurde die bereits 1881 eingeführte kostenlose Vorschule ("école maternelle") für Kinder zwischen zwei und sieben Jahren nach 1945 erheblich ausgebaut. Nahezu alle Eltern machen inzwischen von diesem Betreuungsangebot in irgendeiner Weise Gebrauch.

Eine Studie, von der Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik Ende 2009 mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung veröffentlicht, übt jedoch trotz der guten Ergebnisse der französischen Familienpolitik Kritik und fordert Reformen. Ist die Lage wirklich so rosig, wie es scheint? Und arbeitet die französische Regierung tatsächlich daran, die flächendeckende Betreuung aller Kinder einzuführen und die Frauenerwerbstätigkeit zu fördern?

Diese beiden Maßnahmen, die Staatspräsident Nicolas Sarkozy Anfang 2009 angekündigt hatte, sollten jedenfalls den angestrebten familienpolitischen Zielen dienen: erstens der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, zweitens der Chancengleichheit von Kindern, drittens der frühkindlichen Förderung und viertens der Gleichstellung von Frauen und Männern. Anne Salles, Dozentin an der Pariser Universität Sorbonne, kommt in ihrer Untersuchung "Die französische Familienpolitik: ein Erfolgsmodell unter Reformdruck" jedoch zu einem ernüchternden Ergebnis.

Mangel an Betreuungsplätzen behindert Berufstätigkeit

Viele Eltern hätten keine "freie Wahl" - auf dem Papier ein staatliches Leitprinzip - zwischen Kinderbetreuung zu Hause oder in einer Einrichtung, weil die Kindergärten oder -krippen zu weit entfernt sind oder weil deren Öffnungszeiten nicht mit den Arbeitszeiten zusammenpassen, heißt es in dem Bericht.

Die Vielfalt von Betreuungsangeboten ist zweifellos groß. Zwischen acht und zwölf Prozent der Kleinkinder werden in Krippen betreut. Die wiederum unterscheiden sich: Es gibt Ganztagskrippen sowie flexible Einrichtungen, die Teil- oder Vollzeitbetreuung anbieten, und Mikrokrippen für Kleingruppen. Auch die Kindergärten, die nur Zweijährige aufnehmen und den Übergang zur Vorschule bilden, zählen zu den Krippen. Hinzu kommen eine begrenzte Anzahl von Tagesmüttern des familiären Betreuungsdienstes, die landesweit 62.000 Plätze anbieten und von den Kommunen bezahlt werden, sowie Betriebs- und Elternkrippen. Bei den Krippen tragen die Eltern je nach Einkommen einen Teil der Kosten, im Durchschnitt zehn Prozent, den Rest übernimmt der Staat. Krippen und familiärer Betreuungsdienst zusammen bieten Betreuung für rund 14 Prozent der Kleinkinder an.

Nutzen die Eltern - ob freiwillig oder unfreiwillig - weder das Krippenangebot noch den familiären Betreuungsdienst, sondern stellen privat eine staatlich anerkannte Tagesmutter oder eine Kinderfrau ein, beteiligt sich der Staat an den Kosten. Die Eltern tragen dann mindestens 15 Prozent. Für rund 30 Prozent der Kleinkinder gibt es einen Platz bei einer solchen Tagesmutter, knapp zwei Prozent der Kinder betreut eine Kinderfrau. Letzteres bleibt ein Privileg der Besserverdienenden, allen staatlichen Familienzuschüssen und -beihilfen zum Trotz.

Ab einem Alter von zwei Jahren können französische Kinder in die Vorschule gehen. Die meisten "écoles maternelles" bieten ganztägig von 7.30 Uhr bis etwa 18.30 Uhr außerhäusliche Betreuung - bis auf mittwochs, da dann die Vor- und Grundschulen geschlossen sind. 2008/09 besuchten 7,5 Prozent aller Kinder unter drei Jahren die Vorschule, die Mehrheit von ihnen jedoch nur am Vormittag. Viele Mütter arbeiten auch deshalb in Teilzeit, weil sie so am Mittwoch, wenn die Vorschulen geschlossen bleiben, ihre Kinder selbst betreuen können.

Ab drei Jahren werden die meisten Kinder nicht mehr nur zu Hause betreut ...
Anteil außerhäuslich betreuter Kinder an allen Kindern nach Altersgruppen in Prozent 2006

Bei der außerhäuslichen Betreuung der Drei- bis Fünfjährigen liegt Frankreich innerhalb der EU vorne, dicht gefolgt von Spanien. Bei den Kleinkindern dagegen schneiden etwa Dänemark, die Niederlande und Schweden besser ab. Im Vergleich zu Deutschland ist die Betreuungsquote in dieser Altergruppe in Frankreich allerdings immer noch mehr als doppelt so hoch. Die außerhäusliche Betreuungsquote sagt aber nichts darüber aus, wie viele Stunden am Tag die Kinder betreut werden (Datengrundlage: OECD).

... aber meist nur ein paar Stunden am Tag
Außerhäusliche Kinderbetreuung nach durchschnittlicher Stundenzahl in der Woche 2008

Die Zeit, die Kinder unter drei Jahren wöchentlich in außerhäuslicher Betreuung verbringen, liegt in Frankreich über dem EU-Durchschnitt, aber niedriger als in Deutschland. Bei den Kindern ab drei Jahren bis zum Einschulungsalter nutzen die Eltern in Frankreich und in den nordischen Ländern jedoch wesentlich stärker außerhäusliche Betreuungsangebote. Deutschland liegt hier nahe am EU-Durchschnittswert (Datengrundlage: Eurostat Datenbank).

Betreuen Eltern ihre Kinder selbst, erhalten sie eine staatliche Beihilfe. Bleiben sie bis zu 80 Prozent erwerbstätig, können sie ein gemindertes Erziehungs- mit dem Betreuungsgeld zur Teilfinanzierung der Betreuung kombinieren. Schätzungen zufolge werden zwischen 50 und 60 Prozent der Kinder vorwiegend von ihrer Mutter betreut. Da das Betreuungsangebot bei genauerem Hinsehen insgesamt also immer noch ungenügend ist, bleibt es Anne Salles zufolge schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren.

Familie und Job: geteilte oder doppelte Belastung?
Beschäftigungsquoten von Frauen und Männern, jeweils mit und ohne Kinder 2008

Überall in der EU sind kinderlose Frauen häufiger beschäftigt als Mütter. Bei den Männern verhält es sich umgekehrt. Vor allem in der Tschechischen Republik haben es Mütter schwer, Familie und Beruf zu vereinbaren. In Portugal und in den Niederlanden unterscheiden sich die Beschäftigungsquoten von Frauen mit und ohne Kindern am wenigsten, und auch in Frankreich ist die Lage besser als in Deutschland (Datengrundlage: Eurostat Datenbank).

Keine Chancengleichheit für Kinder

Das Einkommen bleibt ein entscheidender Faktor bei der Wahl der Betreuungsart, bemängelt Anne Salles. Und die Betreuungsart wiederum beeinflusse die frühkindliche Förderung, auch wenn eine außerhäusliche Betreuung keine Garantie dafür liefere. Das einkommensunabhängige Erziehungsgeld von 552 Euro monatlich, das zusätzlich zu anderen Unterhaltsleistungen gezahlt wird, bietet nur bei einem niedrigen Einkommen ein Anreiz dafür, auf die Erwerbstätigkeit zu verzichten. Kinder aus einkommensschwachen Familien werden deshalb eher zu Hause betreut als Kinder aus Haushalten mit einem höheren Budget. Das führt dazu, dass die finanziell schlechter ausgerüsteten Kinder oft weniger frühkindliche Förderung erhalten, als die Betreuungseinrichtungen mit dem ausgebildeten pädagogischen Personal bieten könnten.

Zudem sind auf dem Land die Betreuungsplätze knapp: Je nach Département gibt es für 100 Kleinkinder zwei bis 30 Plätze. Oft springen deshalb Verwandte ein - oder die Mutter nimmt eben doch den Erziehungsurlaub in Anspruch, weil sie keine andere Möglichkeit findet. Untersuchungen zufolge ist dies bei 33 bis 40 Prozent der Familien der Fall.

Die Knappheit hat verschiedene Gründe: Zum einen steht der hohe bürokratische Aufwand für die Anmeldung von Tagesmüttern und Betreuungseinrichtungen neuen Angeboten im Wege. Zum anderen entscheiden sich immer weniger Frauen für den finanziell wenig einträglichen Beruf der Tagesmutter (Tagesväter scheint es nicht zu geben), da die Ausbildungsmöglichkeiten heute vielfältiger sind als noch vor Jahrzehnten. Frauen sind zudem inzwischen auch selbstverständlich in Berufen mit einem hohen Qualifikationsniveau tätig. Einen solchen Beruf wegen der Kindererziehung aufzugeben, fällt schwerer, als auf einen wenig angesehen, schlecht bezahlten Job zu verzichten. Auf die Tätigkeit einer Tagesmutter umzusteigen und neben dem eigenen Nachwuchs weitere Kinder zu betreuen, wie es früher häufiger der Fall war, scheidet heute als Option meist aus.

Keine Geschlechtergerechtigkeit

Wenn es um die Arbeitsteilung zwischen Müttern und Vätern geht, zeigt sich ein weiteres Problem: Die Väter übernehmen keinesfalls die Hälfte der Hausarbeit und der Kinderbetreuung - ein Drittel der Französinnen und Franzosen ist der Meinung, dass es für ein Kind am besten sei, in den ersten drei Lebensjahren von der Mutter betreut zu werden.

Entsprechend nehmen in Frankreich nur 2,5 Prozent der Väter Erziehungsurlaub. Zum Vergleich: In Deutschland haben immerhin rund 15 Prozent der Männer Elterngeld beantragt, nehmen also Erziehungsurlaub - wenn auch überwiegend nur für zwei Monate. Wer aber als Frau drei Jahre mit der Arbeit pausiert, hat es anschließend oft schwer, ohne Karrierebruch in den Beruf zurückzukehren. Und genau dieser lange Erziehungsurlaub wurde durch die Rentenreform 2004 noch unterstützt, indem der dreijährige Erziehungsurlaub voll für die Rente angerechnet wird. Diejenigen, die ihre Berufstätigkeit lediglich einschränken, können aber nur sechs Monate pro Kind für ihre Rentenansprüche geltend machen können. Damit wird Anne Salles zufolge der Doppelbelastung von erwerbstätigen Müttern keinesfalls Rechnung getragen.

Frankreich diskutiert über Reformen

Die französische Familienpolitik unterstützt bislang vor allem kinderreiche Familien, Familien mit Kleinkindern und einkommensstarke Familien. Anne Salles plädiert dafür, die von der Regierung verkündeten Ziele mit mehr Anstrengung und auch finanziellem Aufwand zu verfolgen. Nur so ließe sich die Chancengleichheit von Kindern aus einkommensschwachen und -starken Familien erhöhen, Müttern und Vätern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern und damit auch die Gleichstellung der Geschlechter tatsächlich fördern.

Ein größeres Angebot an Betreuungsplätzen würde viel dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen. Das hat angesichts der steigenden Geburtenrate und der zu erwartenden Knappheit an qualifiziertem Personal auch die Regierung erkannt. Rund 790.000 Kinder kamen 2009 in Frankreich (ohne Überseeregionen und -gebiete) zur Welt. Präsident Nicolas Sarkozy hatte 2009 angekündigt, 200.000 neue Krippenplätze für Zweijährige bereitzustellen - vor allem in Unternehmenskrippen, in von den Kommunen finanzierten "jardins d'éveil" ("Gärten der Erweckung") und bei Tagesmüttern. Diese Pläne zeigen zwar den Willen, die außerhäusliche Betreuung auszubauen, gehen aber klar in die Richtung einer Privatisierung der Betreuung. Und die können sich weder alle gleichermaßen leisten, noch fördern sie die Erwerbstätigkeit von Müttern oder die Erziehungsarbeit von Vätern.

Andere Maßnahmen könnten hier mehr bewegen: Den Erziehungsurlaub zu verkürzen, würde den Müttern den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtern. Ein höheres Erziehungsgeld nach dem schwedischen Modell, das 80 Prozent des Nettolohns vorsieht, kann Väter zu mehr Erziehungsleistungen motivieren. Dasselbe gilt für Prämien für Paare, die den Erziehungsurlaub teilen. Diese Maßnahmen sind in Frankreich jedoch umstritten - ebenso wie der Vorschlag, den Betreuungszuschuss für einkommensschwache Familien zu erhöhen.

Die Regierung will stattdessen zusätzlich die Arbeitgeberbeiträge für Familien begrenzen. Das wiederum berge die Gefahr, dass die sozialen Milieus weiter auseinanderdriften, warnt Anne Salles. Sie bezweifelt, dass die familienpolitischen Ziele auf dem geplanten Weg zu erreichen seien. Eher drohe die Gefahr, dass die Qualität der Betreuung abnehmen und Frankreich langfristig an Familienfreundlichkeit einbüßen werde.

Literatur / Links

Europäische Kommission: Eurostat Datenbank, Bevölkerung und soziale Bedingungen.

OECD Family database.

Anne Salles (2009): Die französische Familienpolitik: ein Erfolgsmodell unter Reformdruck. DGAPanalyse Frankreich 6, 21. Oktober 2009.

Stephan Sievert / Reiner Klingholz (2009): Ungleiche Nachbarn. Die demografische Entwicklung in Deutschland und Frankreich verläuft gegensätzlich - mit enormen Langzeitfolgen. Discussion Paper 2. Berlin.

 

   
 

 

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