Anmelden Glossar Über uns Kontakt  
 
 
Ausgabe 95, 28. April 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

 
   
 
   

"Die Bevölkerungsentwicklung ist der zentrale Faktor des Biodiversitätsverlustes"
Interview mit Günter Mitlacher, WWF

weiterlesen

Ein Atlas für Deutschland
Auf jeder Seite ein Schatz: Die thematischen Karten machen Zahlen aus allen Lebensbereichen greifbar

weiterlesen

Immer mehr Menschen leben in Städten - Arm und Reich nebeneinander
Ein großes Wohlstandsgefälle führt zu gespaltenen Wohnformen

weiterlesen

Ab 29. April in den Kinos: Schöner Wohnen hinter Stacheldraht
Der Dokumentarfilm "Auf der sicheren Seite" stellt das Leben in drei bewachten Wohnanlagen in Johannisburg, Bangalore und Las Vegas vor

weiterlesen

 
     
 

"Die Bevölkerungsentwicklung ist der zentrale Faktor des Biodiversitätsverlustes"
Interview mit Günter Mitlacher, WWF

Günter Mitlacher (geboren 1953) hat in Tübingen und Bonn Geographie studiert. Seit 2009 ist er beim WWF Deutschland im Bereich internationaler Politik zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beschäftigt. Vorher arbeitete er im Bundesamt für Naturschutz, im Bundesumweltministerium und im Naturschutzbund Deutschland sowie als freiberuflicher Consultant für Bund, Länder, wissenschaftliche Institute und Verbände.

Noch wächst die Bevölkerung der EU, aber nach 2030 dürfte sie wieder schrumpfen. Erhöht diese Entwicklung die Chancen, die Artenvielfalt zu erhalten?

In der EU liegen die Ursachen für die Gefährdung von Arten vor allem in der Lebensraumzerstörung, der Zersiedelung der Landschaft, dem zu hohen Flächenverbrauch, der Zerschneidung der Landschaft mit Verkehrswegen, der zu intensiven Landwirtschaft. Wenn die Bevölkerung in der EU schrumpfen würde, könnte es einerseits in abgelegenen Gebieten, beispielsweise in den Mittelgebirgen, wieder mehr Flächen für Natur oder sogar Wildnis geben. Andererseits wird die Verstädterung weiter zunehmen. In den großen Ballungsregionen muss es deshalb Grüngürtel und naturbelassene Korridore geben, um sowohl den häufigeren Arten wie Amsel, Drossel, Fink und Star als auch selteneren Tieren und Pflanzen überhaupt Überlebensmöglichkeiten zu lassen.

Im Tiergarten in Berlin leben angeblich neben Kaninchen und Füchsen auch schon Wildschweine. Siedeln dort oder in anderen Stadtparks auch seltenere Arten? Wie könnte man hier Lebensraum für bedrohte Arten schützen oder schaffen?

Berlin ist ein gutes Beispiel, wie sich in ausgedehnten Grünanlagen, Parks oder großen Brachflächen Natur auch im innerstädtischen Bereich frei entwickeln kann. Wichtig ist aber, sowohl die natürlichen Landschaftselemente zu erhalten, etwa das Tegeler Fliess, als auch Platz für "wilde Natur" und freie Entwicklung zu belassen wie etwa am Gleisdreieck. Das sind Möglichkeiten, den Lebensraum bedrohter Arten in Großstädten zu erhalten und Raum für Evolution und Anpassung zu lassen. Aufgrund der Strukturvielfalt in Städten ist die biologische Vielfalt oft größer als in den umliegenden ausgeräumten Agrarlandschaften.

Mancherorts erobert sich die Natur ja auch bereits Raum zurück. Die Menschen verlassen die peripheren Regionen Europas, die kaum Arbeitsplätze bieten - das ist in Deutschland etwa in Prignitz oder in der Lausitz zu sehen. Gibt es Überlegungen oder gar laufende Programme, an solchen Orten die Natur arbeiten zu lassen oder die Rückkehr von Wildnis zu fördern?

Die peripheren strukturschwachen Regionen werden für den Naturschutz in Europa zukünftig eine wichtige Rolle spielen, weil sie sich von Menschen entleeren und dort großflächiger Wildnis wieder gefördert werden kann. Die ehemaligen großen Truppenübungsplätze sind ebenfalls gute Naturentwicklungsgebiete. Bislang wurden solche Bereiche vereinzelt als Nationalparke oder Biosphärenreservate eingerichtet. Auch Naturparke sollten einen größeren Anteil an Wildnisflächen haben, weil somit ein neues Naturerlebnis möglich wird. Damit würde der Naturschutz neue Flächen bekommen, die auch einem ökologischen Tourismus dienen können.

Wer treibt die Einrichtung dieser Schutzräume voran? Initiieren das vor allem Naturschutzverbände, die Landes- oder Bundesregierung oder die Kommunen? Welche Rolle spielt hierbei bürgerschaftliches Engagement?

Die großen Antreiber für die Einrichtung solcher Naturräume in den Städten sind die Naturschutzverbände, aber auch viel Bürger engagieren sich für ihre Stadtteile und deren ökologische Aufwertung. Großstädte wie Berlin oder Regionen wie Frankfurt integrieren die stadtökologischen Anforderungen in ihre Stadt- und Regionalplanung. In der freien Landschaft betreuen viele Naturschutzgruppen kleinere oder größere Schutzgebiete. Das bürgerschaftliche Engagement spielt eine ganz entscheidende Rolle, sowohl um die Gebiete zu schützen, als auch um sie später zu betreuen, die Naturentwicklung zu beobachten oder sie für die Umweltbildung zu nutzen.

Werden die Bürgerinnen und Bürger systematisch darin unterstützt oder dazu angeregt?

Das ehrenamtliche Engagement genießt in den letzten Jahren zunehmende Akzeptanz in der Gesellschaft und bei Politikern. Die örtlichen Naturschutzverwaltungen sind oft auf die Bürger und Vereine angewiesen. Von einer systematischen Unterstützung wie etwa im sozial-karitativen Bereich kann aber nicht gesprochen werden, wohl weil die Umweltschützer zu unbequem und kritisch sind.

Die Vereinten Nationen hatten es sich zum Ziel gesetzt, den Artenverlust bis 2010 weltweit deutlich zu reduzieren. Sie sind gescheitert - gibt es einen neuen internationalen Plan?

Sowohl im globalen Maßstab als auch in Europa konnte das Ziel nicht erreicht werden, den Artenverlust signifikant zu verringern oder sogar zu stoppen, wie die EU es wollte. Dies ist ein deutliches Eingeständnis von Politikversagen. Deshalb müssen die Anstrengungen auf allen Ebenen verstärkt werden. Gefragt ist vor allem die EU, die in den nächsten zehn Jahren eine Trendwende herbeiführen muss. Auch auf UN-Ebene wird momentan ein neuer strategischer Plan für die Jahre 2010 bis 2020 vorbereitet. Zu den wichtigen Zielen in globalem Maßstab gehört es beispielsweise, die Entwaldung zu stoppen und umweltschädliche Subventionen wie etwa in der intensiven Landwirtschaft oder industriellen Fischerei zu beenden. Betrachtet man einzelne Naturräume oder Regionen, gibt es durchaus Gewinner und Verlierer an Artenvielfalt.

Berücksichtigen diese Ziele auch die jeweilige Bevölkerungsentwicklung in den verschiedenen Staaten oder Weltregionen?

Das ist eine sehr schwierige Thematik: Die Ziele zur Erhaltung der biologischen Vielfalt enthalten keinen Bezug zur Bevölkerungsentwicklung in bestimmten Regionen der Erde, wenngleich allen klar ist, dass die Bevölkerungsentwicklung ein wichtiger Treiber des Ressourcen- und Landschaftsverbrauchs sowie des Biodiversitätsverlustes ist. Schließlich konkurrieren wir Menschen mit den anderen Lebewesen um die gleichen Flächen, beispielsweise für Urwald oder Sojaanbau. Ob eine intelligente, energieeffiziente und nachhaltige Ressourcennutzung letztendlich eine Lösung bietet, ist nicht abzusehen.

Was meinen denn Sie persönlich dazu?

Die Diskussion um Bevölkerungsentwicklung wird ja nicht von biologischen Argumenten der Grenzen des Wachstums beeinflusst, sondern sehr entscheidend von religiösen, ethischen und wirtschaftlichen Werten. Die Übertragung des Nachhaltigkeitsprinzips auf alle unsere Lebens- und Wirtschaftsbereiche ist ohne Alternative, weil wir unsere Existenz nicht von den ökologischen Systemen abkoppeln können. Übernutzen oder schädigen wir die ökologischen Systeme zu stark, werden wir für die Konsequenzen büßen müssen. Bestes Beispiel ist der Klimawandel. Das wird uns nicht nur viel Geld kosten, vielleicht ist auch eine andere Bevölkerungspolitik nötig.

Das Interview führte Margret Karsch.
Nachdruck unter Quellenangabe (Margret Karsch / Berlin-Institut) erlaubt.

 

   
     
 

Ein Atlas für Deutschland
Auf jeder Seite ein Schatz: Die thematischen Karten machen Zahlen aus allen Lebensbereichen greifbar

Ob Spielorte der "Tatort"-Serien, Sitz der Fanclubs der Fußballvereine FC Bayern München und Schalke 04, Brauereistandorte oder Verteilung von ökologischen Landwirtschaftsbetrieben - im "Deutschlandatlas" dürfte für alle Leserinnen und Leser etwas Interessantes dabei sein. Das Leibniz-Institut für Länderkunde hat ihnen mit dem Buch einen großen Dienst erwiesen. Denn der Band enthält neben unterhaltsamen Schmankerln eine Fülle von grundlegenden Informationen zu Bevölkerung, Erwerbstätigkeit, Naturraum, Bildung und anderen Themen.

Während der zwölfbändige Nationalatlas des Leipziger Instituts zwar schon lange für seine Qualität bekannt ist, machen ihn Preis und Umfang für private Haushalte zu einem Luxusprodukt, auf den die meisten dann doch verzichten. Das gute Stück im Zwölferpack kostet immerhin 940 Euro. Der 240-seitige Deutschlandatlas bietet nun zwar nicht genau denselben Inhalt, stellt aber, wie der Untertitel ankündigt, in komprimierter Form "Unser Land in 200 thematischen Karten" dar. Am Ende jedes Kapitels steht eine Erklärung der Fachbegriffe. Die leicht lesbaren Texte erläutern Zusammenhänge und Entwicklungen, so dass das Buch sowohl als Nachschlagewerk als auch zur Bettlektüre geeignet ist.

Viele Karten lassen auch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung noch eine Ost-West-Spaltung erkennen. Das ist etwa bei der Zahl der nicht ehelichen Geburten der Fall: Während auf dem Gebiet der ehemaligen DDR der Anteil im Jahr 2007 in nahezu allen Kreisen über 50 Prozent lag, pendelt der Wert in der ehemaligen Bundesrepublik je nach Region zwischen 15 und - in Ausnahmefällen - 50 Prozent, vielerorts liegt er hier unter 30 Prozent. Das deutet auf einen unterschiedlichen Stellenwert der Institution Ehe hin. Ins Auge sticht darüber hinaus, dass mit Ausnahme der Zentren Berlin, Dresden und Leipzig der Anteil der ausländischen Bevölkerung im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Osten viel geringer ist als im Westen. Die absoluten Zahlen sind ebenfalls niedriger - der Hauptgrund dafür dürfte gegenwärtig in der wirtschaftlichen Situation liegen, während zu DDR-Zeiten die politischen Verhältnisse den Zuzug erschwerten. Eine Ausnahme von dieser Regel bildet die Gruppe vietnamesischer Bürger, die damals als Vertragsarbeiter in den sogenannten sozialistischen Brüderstaat kamen. Und betrachtet man als weiteres Beispiel etwa das zahlenmäßige Geschlechterverhältnis der 18- bis 24-Jährigen in Ost und West, zeigt sich im Osten ein deutlicher Männerüberschuss. Die Ursache: Viele gut qualifizierte junge Frauen haben die strukturschwachen Regionen verlassen (vergleiche dazu die Studie "Not am Mann").

Denn wirtschaftlich ist ebenfalls keine Angleichung erreicht: Das verfügbare Einkommen privater Haushalte je Einwohner im Osten liegt deutlich unter dem im Westen. Aber das Einkommen ist nur ein Indikator für Wohlstand beziehungsweise Armut, die Grenze ökonomischer Unterschiede lässt sich nicht einfach zwischen Ost und West ziehen. Verschiedene Karten zeigen, wie viele Frauen und Männer im Alter von 15 bis 64 Jahren - in absoluten Zahlen und anteilig an allen Erwerbstätigen - sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind: Bei den Männern ist der Wert im Osten sowie an den Rändern der Republik niedriger als anderenorts, bei den Frauen ist dies ganz im Westen sowie an der nördlichen Grenze des Landes der Fall. Insbesondere junge sozialversicherungspflichtig beschäftigte Frauen und Männer zwischen 15 und 24 Jahren sammeln sich vor allem im Süden Deutschlands, vorrangig in Bayern.

Bei der durchschnittlichen Kinderzahl je Frau hat mittlerweile eine Angleichung von Ost und West stattgefunden: Nachdem die Kinderzahlen je Frau im Osten Mitte der 1990er Jahre auf die Hälfte des Vorwendewertes und damit auf ein historisches Tief abgesunken waren, sind sie in den ostdeutschen Kreisen wieder gestiegen. In vielen westdeutschen Kreisen sind sie dagegen gesunken (vergleiche dazu das Diskussionspapier "Kleine Erfolge" des Berlin-Instituts). Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau lag 2007 in beiden Landesteilen bei 1,37. Die jahrzehntelange Teilung Deutschlands hat sich keinesfalls in allen Lebensbereichen niedergeschlagen - das belegt etwa der hausärztliche Versorgungsgrad: Hier spielen die Unterschiede zwischen Stadt und Land eine weit größere Rolle als zwischen West und Ost.

Naturraum und Klima bestehen zwar nicht unabhängig vom Menschen, aber die Erdgeschichte hat sich zunächst unbeeinflusst von der Besiedlung und ihren Folgen entwickelt. Der Atlas informiert auch über Bodenbeschaffenheit, Sonnenstunden, Regentage und Schneedecke sowie über Wasserqualität, Renaturierung und Artenschutz. Das Kapitel "Deutschland und die Welt" enthält zu guter Letzt Wissenswertes über die internationalen Beziehungen, vom Kaffeehandel bis zu den Standorten der deutschen Auslandsinstitute.

Das Wort "Atlas" mag manchen unangenehm an einen schweren Schulranzen erinnern, aber das Blättern bereitet großen Spaß. Wer den Atlas gelesen hat, ist für fachliche Diskussionen wie für Partygespräche gut gerüstet.

Hänsgen, Dirk / Lenz, Sebastian & Tzschaschel, Sabine (2010): Deutschlandatlas - Unser Land in 200 thematischen Karten. Leibniz-Institut für Länderkunde, Darmstadt, Primus Verlag, ISBN 9783896786821, 240 Seiten, 39,90 Euro.

 

   
     
 

Immer mehr Menschen leben in Städten - Arm und Reich nebeneinander
Ein großes Wohlstandsgefälle führt zu gespaltenen Wohnformen

Seit 2008 lebt den Vereinten Nationen zufolge die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten. Gegenwärtig sind es etwa 3,5 Milliarden Menschen. Dabei unterscheiden sich die verschiedenen Weltregionen stark: Nordamerika, Lateinamerika und die Karibik, Europa und Ozeanien weisen einen hohen Grad von Verstädterung auf, der bis 2050 sogar noch zunehmen wird. Im März 2010 reichte er von 70 Prozent in Ozeanien, wozu Australien, Neuseeland und verschiedene Südseestaaten zählen, bis zu 82 Prozent in Nordamerika. In Afrika dagegen lag der Grad der Verstädterung bei 40 Prozent, in Asien bei 42 Prozent. Die Vereinten Nationen erwarten bis 2050 ein Wachstum auf 62 beziehungsweise 65 Prozent.

Die meisten Menschen leben in Asien - dort finden sich auch die meisten Megacities

Vergleicht man die Bevölkerungsgrößen der Weltregionen und betrachtet die Einwohnerzahl der Städte, liegt Asien vorne: In Asien leben mehr als 4,1 Milliarden der insgesamt fast 6,9 Milliarden Menschen auf der Erde. Von den weltweit beinahe 1.000 Städten und ihrem Großraum, sogenannten Agglomerationen, mit mindestens einer halben Million Einwohnern, befindet sich heute den Vereinten Nationen zufolge mehr als die Hälfte in Asien - und ein Viertel allein in China. 14 Prozent der Städte dieser Größenordnung liegen in Europa, jeweils zwölf Prozent in Afrika sowie Lateinamerika und der Karibik, neun Prozent in Nordamerika und ein Prozent in Ozeanien.

Die Stadt, in deren Großraum gegenwärtig weltweit die meisten Menschen wohnen, ist Tokio mit mehr als 37 Millionen Einwohnern. Auf der Rangliste folgen der Großraum Delhi mit 22 Millionen sowie São Paulo und Mumbai mit je etwas über 20 Millionen Einwohnern. Insgesamt leben bereits 324 Millionen Menschen, rund neun Prozent der Weltbevölkerung, in sogenannten Megacities, also städtischen Agglomerationen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern. Von den europäischen Städten zählen nur Paris und Moskau zu den Megacities.

Die Verstädterung und die Zahl der Megacities nehmen zu

Die Weltregionen Asien und Afrika weisen insgesamt jeweils einen wesentlich geringeren Urbanisierungsgrad auf als Europa, Lateinamerika und die Karibik, Ozeanien und Nordamerika. Lediglich in Westasien finden sich überwiegend Urbanisierungsgrade von über 60 Prozent. Die bevölkerungsreichsten Länder der Welt, Indien und China, sind noch wenig verstädtert. Hier finden sich jedoch die meisten Megacities sowie Städte mit mehr als einer Millionen Einwohnern, die darüber hinaus in den letzten 15 Jahren ein starkes Wachstum aufweisen. Aufgrund des immer noch großen Anteils an Landbevölkerung wird dieser Trend mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter anhalten (Quelle: Kraas 2003, Datengrundlage: UN 2000).

Es ist nicht mehr in erster Linie die Zuwanderung aus den ländlichen Regionen, die in Entwicklungsländern die Städte wachsen lässt. Die Vereinten Nationen schätzen, dass zu etwa 60 Prozent des Zuwachses das natürliche Bevölkerungswachstum beiträgt, also die Tatsache, dass die Zahl der Geburten die Zahl der Todesfälle übersteigt. Aber immer noch bieten in weniger entwickelten Ländern Städte oft eine höhere Lebensqualität als der ländliche Raum - selbst die Slums erscheinen attraktiv, deshalb hält die Zuwanderung an.

Die Bevölkerungsentwicklung ist allerdings auch von der Altersstruktur der Bevölkerung abhängig und je nach Land sehr verschieden: In China etwa ist wegen der Ein-Kind-Politik die durchschnittliche Kinderzahl je Frau mit 1,6 laut World Population Data Sheet 2009 sehr niedrig. Nur zwei Fünftel der chinesischen Bevölkerung leben in Städten, hier spielt die Zuwanderung aus den ländlichen Regionen eine größere Rolle als beispielsweise in Lateinamerika und der Karibik.

Große Einkommensunterschiede

In vielen Städten leben Reich und Arm auf engem Raum nebeneinander. Große gesellschaftliche Ungleichheiten behindern jedoch die ökonomische Entwicklung und können zu sozialen Unruhen führen. Die Ressourcen, welche die Stadtverwaltungen aufzubringen haben, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, fehlen dann etwa beim Ausbau der Infrastruktur, der Gesundheitsdienste oder der Bildungseinrichtungen. Die sozialen Unterschiede haben in den letzten Jahren zugenommen. So fiel zwischen 1990 und 2004 in den sich entwickelnden Regionen der Welt der Anteil des ärmsten Viertels der Bevölkerung am nationalen Konsum von 4,6 auf 3,9 Prozent.

Die hohen Einkommensunterschiede, die in Ländern wie Südafrika, Indien oder den USA zu finden sind, zeigen sich auch in den Wohnformen - die Extreme bilden hierbei Slums auf der einen Seite und Villenviertel auf der anderen Seite. Große soziale Ungleichheit, insbesondere ein großes Wohlstandsgefälle, kann dazu beitragen, dass die Kriminalität um sich greift. Wer es sich leisten kann, sorgt mit privaten Mitteln dafür, die eigene Sicherheit zu erhöhen.

Das hat zur Entstehung sogenannter Gated Communities beigetragen. Gated Communities sind bewachte Wohnanlagen, die meist durch einen Zaun oder eine Mauer vom angrenzenden Gelände abgeschottet werden. Die Größe der Anlagen variiert von einigen separierten Wohneinheiten bis hin zu komplexen Siedlungen, die zum Teil sogar über eine eigene Infrastruktur mit Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Krankenhäusern verfügen.

In allen Ländern der Welt gibt es Gated Communites, auch in Deutschland. Die Siedlung Arcadia Potsdam brauchte allerdings über zehn Jahre, bis sich 30 wohlhabende Käufer für die 45 Wohnungen und sieben Villen auf einem parkähnlichen Grundstück in bester Lage gefunden hatten. Das Leben in Deutschland macht Mauern nicht unbedingt erforderlich. Seit Mai 2008 sind die Immobilien alle verkauft, letztlich dürfte weniger das Sicherheitsbedürfnis als der gebotene Service ausschlaggebend gewesen sein.

Literatur/Links

Kraas, Frauke (2003): Megacities as Global Risk Areas. In: Petermanns Geographische Mitteilungen 147, 2003/4, S. 6-15.

Population Reference Bureau (2009): World Population Data Sheet 2009. Washington.

United Nations (2010): World Urbanization Prospects. The 2009 Revision. New York.

United Nations Humans Settlement Programme (2008): State of the World´s Cities 2008/2009. Harmonious Cities. London/Sterling.

United Nations Humans Settlement Programme (2010): State of the World's Cities 2010/2011. Cities for All: Bridging the Urban Divide. London/Sterling.

Wehrheim, Jan (1999): Gated Communities. Sicherheit und Separation in den USA. In: RaumPlanung 87. S.248-253.

 

   
     
 

Ab 29. April in den Kinos: Schöner Wohnen hinter Stacheldraht
Der Dokumentarfilm "Auf der sicheren Seite" stellt das Leben in drei bewachten Wohnanlagen in Johannisburg, Bangalore und Las Vegas vor

Die Filmemacher Corinna Wichmann und Lukas Schmid stellen drei geschlossene und bewachte Wohnanlagen vor: "Dainfern" in Johannesburg, Südafrika, "Palm Meadows" in Bangalore, Indien, und "Spanish Trail" in Las Vegas, USA. Die Kamera begleitet jeweils eine Bewohnerin oder einen Bewohner und gewährt so Einblicke in die Lebensgestaltung und den Tagesablauf innerhalb und außerhalb der Mauern. Auch die jeweilige Haltung zu der jeweiligen Gated Community wird deutlich. Außerdem kommen in dem Film Bedienstete und verschiedene Fachleute zu Wort, die über die verschiedenen Wohnformen und die sich dadurch verändernden oder auch verfestigenden gesellschaftlichen Verhältnisse nachdenken.

"Entdecken Sie den Ort, der Sie glücklich macht", wirbt Dainfern in Johannisburg. Die Gated Community verspricht Sicherheit und einen bestimmten Lebensstil, eine Nachbarschaft gut verdienender Hauseigentümer, die sich auf dem dazugehörigen Golfplatz trifft, sowie ein gepflegtes Gelände und Servicepersonal. Ein anderer Slogan Dainferns klingt fast wie eine Drohung: "Denken Sie nie, es könnte Ihnen nicht passieren". Johannesburg ist bekannt für seine im weltweiten Vergleich sehr hohen Kriminalitätsraten und Gewaltverbrechen. Fast jeder hat hier von eigenen Erfahrungen zu berichten. Das Gefühl der Unsicherheit ist in allen sozialen Milieus verbreitet. Die Immobilienmaklerin, die einer Kundin das Gelände und ein Haus zeigt, betont entsprechend stark die Effizienz des Sicherheitssystems: ein doppelter Zaun, der elektrisch geladen ist und pausenlos von Videokameras überwacht wird, eine doppelte Einlasskontrolle mit Führerschein-Scan und Code. Sicherheit ist das beste Verkaufs- und Kaufargument.

Die Maklerin, die selbst Golf spielt, hält Dainfern mit den rund 5.000 Bewohnern für den idealen Ort zum Leben. Als Angehörige einer vermögenden Schicht nimmt sie die Angestellten ganz selbstverständlich zum Putzen und zur Kinderbetreuung in Anspruch. Zwar ist die Apartheid in Südafrika abgeschafft, aber der Wohlstand ist immer noch sehr ungleich verteilt. Auch wenn eine Angestellte sagt, sie fühle sich wie die Schwester ihrer Arbeitgeberin, widerlegen die Bilder der Verhältnisse dies eindeutig - hier die Wellblechhütte, dort die Villa. In Dainfern haben die meisten Häuser vier Schlafzimmer, drei Bäder, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, eine Terrasse, und ein Zimmer für Bedienstete. In den Slums gibt es höchstens eine Miniatur davon: "Hier schlafe ich", sagt die Angestellte, und deutet auf ihr Bett, "hier koche ich", sie zeigt eine Kochnische, "hier wasche ich mich", sie hebt einen Waschbottich an.

Ein weiterer Angestellter lobt seine Arbeitsstelle ebenfalls: Er fühle sich in der Anlage sicher und wohl, sagt er - und das glaubt man ihm sofort, denn die Kamera, die ihn bei der Rückfahrt nach Hause begleitet, zeigt das Leben außerhalb der Zäune: enge Straßen voller Menschen in der Innenstadt, hohe Häuser mit kleinen Wohnungen, staubige Straßen, Slums. Der Kontrast ist riesig: Innen waren alle Menschen weiß, außen sind alle farbig, so scheint es. Sein Häuschen von einem Gartenzaun umgeben, mit zwei Türen gesichert - "hier gibt es keine Sicherheit, du musst dich und deine Familie selbst beschützen", sagt er. Er träumt davon, eines Tages auch in Dainfern zu leben - "in der Zukunft", sagt er, lacht und schaut nachdenklich in die Luft.

Gated Communities unterscheiden sich stark - wie auch die Mentalität ihrer Bewohner. Im indischen Bangalore folgt die Kamera einem charismatischen, erfolgreichen Unternehmer, der wegen der Ruhe und Sauberkeit mit seiner Familie in Palm Meadows lebt. Der Boom der IT-Industrie hat vielen Wohlstand gebracht und auch westliche Vorstellungen von Organisation. Der Privatmann kämpft - auch durch finanzielles Engagement - für intakte, saubere Verkehrswege und versucht, der Stadtverwaltung die Bedeutung für ein angenehmeres Leben und die Wirtschaft deutlich zu machen, da der Stau ihn täglich behindert. Straßenszenen zeigen die Schwierigkeiten, die das Land dabei hat, der wachsenden Bevölkerung eine funktionierende Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Seine Vision: Ganz Indien soll so aussehen wie Palm Meadows, dann wären Gated Communities überflüssig.

Als drittes Beispiel einer Gated Community zeigt der Film Spanish Trail in Las Vegas, USA. Die Straßen der Siedlung sind wie leergefegt, die identisch aussehenden Häuser wirken unbewohnt, die Garagentore sind geschlossen. Nur bei wenigen der Häuser steht ein Auto auf der Einfahrt. Ein Pensionär, der dort lebt, erzählt, wie unwohl und einsam er sich dort fühle, dass er fast keine sozialen Kontakte zur Nachbarschaft habe, obwohl er sie suche. Er und seine Frau leben nur noch wegen des kranken Hundes dort - sobald er tot ist, wollen sie wegziehen. Die Verwaltung der 1.200 Häuser schreibt den Eigentümern akribisch vor, wie die Straßenfront und Vorgärten auszusehen haben, ein sogenannter Sicherheitsschutz kontrolliert 24 Stunden am Tag. Er meldet der Zentrale offene Garagentore, die den Blick auf darin stehende Dinge freigeben könnten, auf der Einfahrt parkende Autos, zu früh oder zu lange vor dem Haus stehende Mülltonnen. Wieso die Bewohner sich freiwillig diesen Regeln unterwerfen, bleibt offen. Der lokale Frisör liefert einen Erklärungsansatz: Er schätzt den Ort, weil er sich hier unter Gleichgesinnten fühlt.

Es ist ein sehenswerter und unterhaltsamer Film, der zum Nachdenken anregt. Er macht das Konfliktpotenzial deutlich, das das Wohlstandsgefälle innerhalb der Länder birgt, und nimmt das Sicherheitsbedürfnis der Reicheren sowie den Wunsch nach einer gleichförmigen Umgebung ernst, ohne die Ambivalenz dieses Rückzugs aus der Gesellschaft zu verschleiern: Verschiedene gesellschaftliche Gruppen grenzen sich voneinander räumlich ab, teilen immer weniger Erfahrungen und Begegnungen und verlieren so immer mehr das Verständnis füreinander. Das ist nicht ohne Risiko für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, den eine Demokratie braucht - und fördert möglicherweise das Risiko von Zusammenstößen noch. Zwar zeigt der 80-minütige Film nicht, wie der Untertitel nahe legt, "die Zukunft der Städte", aber er leuchtet zumindest eine Facette der gesellschaftlichen und städtebaulichen Entwickungen aus: die Gated Communities. "Auf der sicheren Seite" läuft ab dem 29. April 2010 bundesweit in den Kinos.

Literatur /Links

Wichmann, Corinna/Schmid, Lukas (2010): Auf der sicheren Seite. www.realfictionfilme.de

 

   
 

 

Hinweis in eigener Sache:

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist eine Stiftung mit dem Zweck, Forschung zu demografischen Veränderungen zu betreiben und das öffentliche Wissen über gesellschaftliche Prozesse zu verbessern. Das unabhängige Berlin-Institut erhält für seine Arbeit keinerlei öffentliche Förderung. Spenden und Zustiftungen ermöglichen die erfolgreiche Arbeit des Instituts.

Bankverbindung:
Bankhaus Hallbaum
BLZ 250 601 80
Konto 20 28 64 07

Online spenden per Lastschriftverfahren

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:
Dr. Reiner Klingholz
E-Mail: reiner.klingholz@berlin-institut.org
Telefon: 0 30-22 32 48 45

 

 

 

Ältere Ausgaben finden Sie im Archiv:
http://www.berlin-institut.org/newsletter/newsletter_archiv.html

Möchten Sie den Newsletter abbestellen? Bitte hier klicken.

Dieser Newsletter wird herausgegeben von dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung,
Schillerstr. 59, 10627 Berlin