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Ausgabe 96, 17. Mai 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Ökonomische Krisen treffen Migranten besonders hart
Die Position von Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt ist meist unsicherer als die Einheimischer

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Kaum Kinder in Südkorea
Mit durchschnittlich 1,22 Kindern pro Frau liegt der Staat weltweit am unteren Ende der Rangliste - ist die Bevölkerungspolitik über ihr Ziel hinausgeschossen?

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Der Wissenschaftliche Beirat des Berlin-Instituts ist um weitere Experten gewachsen

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Ökonomische Krisen treffen Migranten besonders hart
Die Position von Zuwanderern auf dem Arbeitsmarkt ist meist unsicherer als die Einheimischer

In allen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) altert die Bevölkerung. Der demografische Wandel sorgt dafür, dass schon bald weniger junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten als ältere Erwerbstätige in den Ruhestand gehen werden. Zwar ist Zuwanderung nicht der einzige Weg, um den zunehmenden Arbeitskräftemangel auszugleichen, aber sie bleibt - etwa neben einer stärkeren Mobilisierung der inländischen Erwerbsfähigen und technologischen Entwicklungen - ein wichtiges Mittel, um die Produktivität aufrechtzuerhalten.

Der jüngst veröffentlichte OECD-Bericht "International Migration Outlook" untersucht, wie die Wirtschaftskrise die weltweite Migration beeinflusst. Um die Auswirkungen voll zu überblicken, sei es noch zu früh, aber einige Beobachtungen ließen sich bereits treffen. Insgesamt schädige der wirtschaftliche Einbruch den Arbeitsmarkt stärker als zunächst erwartet, insbesondere die Arbeitsmarktbeteiligung von Migranten sei nachhaltig bedroht.

Im letzten Jahrzehnt sahen etwa Irland, Spanien und Großbritannien ihre Zuwanderungsraten schnell ansteigen. Die Beschäftigungsquoten sind gestiegenen, und hiervon haben auch die Migranten profitiert: In Österreich, Dänemark, Italien und Spanien trugen in den letzten Jahren Zuwanderer zu mindestens 40 Prozent des gesamten Beschäftigungswachstums bei.

In vergangenen Phasen konjunkturellen Abschwungs war der Wanderungssaldo in der Regel zurückgegangen, weil der Bedarf an Arbeitskräften gesunken war und die Länder sich verstärkt gegen Zuwanderer abgeschottet hatten. Das war auch bei der gegenwärtigen Krise zu beobachten: Einige Staaten haben die Zuwanderung zahlenmäßig beschränkt oder die Anforderungen an die Qualifizierung der Zuwanderer erhöht. In Ländern, die besonders früh von der Krise betroffen waren, ist in der Folge die Einwanderung bereits zurückgegangen. Die Arbeitslosenquoten sind gestiegen, und die Beschäftigungsquoten der Migranten sind gegenüber denen der Einheimischen sowohl in absoluten als auch in relativen Zahlen gesunken. Die OECD warnt allerdings davor, dass noch strengere Regelungen zu mehr Missbrauch führen könnten und es den sozialen Zusammenhalt gefährde, wenn die Kluft zwischen einheimischen und zugewanderten Arbeitnehmern wachse - insbesondere dann, wenn sich die Wirtschaft wieder erhole.

Arbeitslosenquote von Ausländern in 2008 und 2009

Seit Beginn des Jahres 2008 ist die Arbeitslosenquote von im Ausland Geborenen in vielen EU-Mitgliedsstaaten gestiegen. Das gilt insbesondere für Länder, die früh von der Krise betroffen waren. Deutschland dagegen verzeichnete nur einen geringen und kurzzeitigen Anstieg und konnte die Arbeitslosenquote inzwischen sogar unter das Niveau des ersten Quartals 2008 senken. Ein Grund dafür ist, dass viele deutsche Unternehmen erhebliche Arbeitszeitverkürzungen vorgenommen haben und der Staat Kurzarbeit gefördert hat, um Entlassungen zu verhindern (Daten von 2008 und 2009, Datengrundlage: Eurostat).

Mehr Arbeitslose unter Ausländern als unter Einheimischen

In der Tschechischen Republik und in Griechenland sind Ausländer seltener arbeitslos als Einheimische. Dagegen sind Ausländer in manchen EU-Ländern doppelt häufig ohne Job, etwa in Deutschland oder Schweden (Daten von 2008, Datengrundlage: Eurostat).

Zuwanderer sehen sich im Allgemeinen auf dem Arbeitsmarkt größeren Schwierigkeiten gegenüber als Einheimische. Migranten arbeiten tendenziell häufiger in zeitlich befristeten oder Teilzeitjobs als Einheimische. Auch in den Beschäftigungsbereichen für gering Qualifizierte sind sie überrepräsentiert. Hinzu kommt, dass Zuwanderer potenziell von Diskriminierung bedroht sind - nicht nur bei der Einstellung, sondern auch bei der Entlassung. Viele Migranten arbeiten darüber hinaus in konjunkturempfindlichen Branchen wie etwa Bauwirtschaft, Tourismus oder Gastgewerbe, die besonders stark von der Krise betroffen sind. Länder, in denen diese Branchen einen großen Anteil an der Wertschöpfung und am Arbeitsplatzangebot stellen, erlitten schmerzhaftere Einschnitte als jene mit einer weniger empfindlichen Arbeitsmarktstruktur: In Spanien etwa arbeiten 15 Prozent der Beschäftigten im Bausektor, in Deutschland dagegen sind es nur fünf Prozent.

Ausländer in konjunkturempfindlichen oder saisonal abhängigen Branchen

Ausländer arbeiten vornehmlich in konjunkturempfindlichen oder saisonal abhängigen Branchen: In Griechenland arbeitet ein Drittel aller 15- bis 64-jährigen erwerbstätigen Ausländer im Baugewerbe. In Österreich und der Tschechischen Republik sucht sich jeder Siebte einen Job im Großhandel oder auf Großmärkten. Weiterhin arbeiten Zuwanderer überproportional häufig als Hilfskräfte im Hotelgewerbe oder in der Landwirtschaft (Daten von 2007, Datengrundlage: OECD).

Der OECD-Bericht zur Migration will Maßnahmen empfehlen und einen Fahrplan liefern, um die Integration von Migranten zu fördern. Er hält die Regierungen nachdrücklich dazu an, die bestehenden Integrationsprogramme für Zuwanderer fortzusetzen und Antidiskriminierungsmaßnahmen zu verstärken. Denn wenn die Konjunktur sich erhole, steige der Bedarf an Arbeitskräften und die Zahl der Migranten wieder - und damit die Notwendigkeit, die Zuwanderer gesellschaftlich zu integrieren. Deshalb brauche es nachhaltige Maßnahmen, die die irreguläre Migration verringern und sowohl den Migranten selbst auch als ihren Kindern eine langfristige Perspektive bieten, so die OECD. Und zwar nicht nur hoch Qualifizierten, sondern auch gering Qualifizierten. Für die Kinder sei es besonders wichtig, dass sie die Sprache ihrer neuen Heimat lernen und bereits eine gute Vorschulbildung erhalten. Es gelte, die räumliche und soziale Isolation von Zuwanderern zu vermeiden.

Nach Maßgabe des OECD-Berichts sollten die Länder in ihren Migrationsprogrammen den Bedarf an Arbeitskräften auch regional erheben und deutlich machen. Dass es dazu eine klare Sprache brauche, darauf hatte Michael Hüther, Leiter des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, bereits im vergangenen Jahr in einem Interview hingewiesen. Die OECD empfiehlt darüber hinaus, formelle Anwerbungssysteme für gering qualifizierte Zuwanderer zu schaffen sowie Visumanträge zügig zu bearbeiten und eine ausreichende Zahl an Visa bereitzustellen. Des Weiteren empfiehlt der Bericht, wirksame Bestimmungen für den Grenzschutz und Kontrollen am Arbeitsplatz zu erlassen und effiziente Verfahren einzurichten, um Wohnsitz und Migrationsstatus zu überprüfen. So lasse sich irreguläre Beschäftigung von Zuwanderern verhindern. Die Aufnahmeländer profitieren oft davon, dass Migranten für wenig Geld Arbeiten übernehmen, die Einheimische nicht leisten wollen.

Im Wettbewerb um qualifizierte Beschäftigte sind die Staaten im Vorteil, in denen Englisch gesprochen wird. Aber auch jene mit den Landessprachen Spanisch, Französisch und Portugiesisch haben gute Karten. Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, empfiehlt die OECD Ländern mit einer anderen Amtssprache, hoch Qualifizierten finanzielle Beihilfen für Sprachkurse anzubieten. Insbesondere Studierende aus dem Ausland sollten gefördert werden. Ein Problem sei zudem oft, dass die Aufnahmeländer Qualifikationen nicht angemessen anerkennen. Hier brauche es geeignete Beurteilungskriterien und mehr Bereitschaft seitens der Arbeitgeber, damit Bewerberinnen und Bewerber Gelegenheit erhielten, ihr Können zu beweisen und sich gegebenenfalls weiterzubilden. All diese Empfehlungen der OECD machen deutlich: Migrationspolitik ist kein Tagesgeschäft, das sich allein nach den Börsennachrichten richten darf, sondern erfordert nachhaltige Konzepte und Strategien.

Literatur / Links


Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2009): "Aus der Zuwanderungsverhinderungsregel müssen wir eine Zuwanderungsbegrüßungsregel machen". Interview mit Prof. Dr. Michael Hüther, Institut der deutschen Wirtschaft, Köln. In: Demos 68, 25. März 2009.


Deutsche Bank Research (2010): Deutschlands Beschäftigungswunder. Kurzarbeit, flexible Tarifverträge & gesunde Unternehmen. Frankfurt am Main.

Europäische Kommission (2010): Eurostat Datenbank Arbeitsmarkt.

Organisation for Economic Cooperation and Development (2009): International Migration Outlook. Paris.

Organisation for Economic Cooperation and Development (2010): OECD-Wirtschaftsberichte. Deutschland 2010. Paris.

 

   
     
 

Kaum Kinder in Südkorea
Mit durchschnittlich 1,22 Kindern pro Frau liegt der Staat weltweit am unteren Ende der Rangliste - ist die Bevölkerungspolitik über ihr Ziel hinausgeschossen?

In den 1960er und 1970er Jahren sorgte sich die Weltöffentlichkeit um eine "Bevölkerungsexplosion". Viele Entwicklungsländer versuchten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Bevölkerungswachstum mit politischen Strategien zu verlangsamen. Sie reagierten damit auf die hohen Wachstumsraten, die mehr als das Dreifache dessen betrugen, was die Industrieländer je erlebt hatten. Hinzu kam, dass sich in einem Großteil der Entwicklungsländer seit 1950 die Sterberate verringerte - eine Entwicklung, wie sie vorangehend schon in Europa und Nordamerika stattgefunden hatte. Die Strategien der Entwicklungsländer erzielten stark unterschiedliche Ergebnisse, von großem bis zu gar keinem Erfolg.

In Südkorea lag den Vereinten Nationen zufolge die durchschnittliche Kinderzahl je Frau (Total Fertility Rate) 1970 noch bei 4,53. Der Staat liefert ein Beispiel für ein ehemaliges Entwicklungsland, dessen Programm zur Senkung der Geburtenrate unerwartete Folgen hatte: Die durchschnittliche Kinderzahl je Frau sank so weit unter zwei, dass die Bevölkerung in Zukunft schrumpfen und das Durchschnittsalter der Gesellschaft deutlich steigen wird. Die Geburtenrate Südkoreas gehört gegenwärtig mit durchschnittlich 1,22 Kindern pro Frau zu den niedrigsten weltweit. Global liegen noch keine vergleichbaren Daten für 2009 vor, aber den neuesten Zahlen des "World Population Data Sheet 2009" vom Population Reference Bureau in Washington zufolge ereichen nur die beiden Sonderverwaltungszonen der chinesischen Volksrepublik Hongkong und Macau sowie Taiwan geringere Werte. Südkorea selbst veröffentlichte im März 2010 neue Zahlen für 2009: Demnach lag die Kinderzahl je Frau sogar nur bei 1,15 - gegenüber 1,19 in 2008. Die Zahl der Geburten sei von knapp 466.000 in 2008 auf rund 445.000 in 2009 gesunken.

Südkoreas Aufstieg: ein tiefer Fall der Kinderzahlen

Die Fertilitätsrate Südkoreas sank seit den 1960er Jahren rapide ab und unterschritt in den 1980er Jahren das bestandserhaltene Niveau von 2,1 Kindern pro Frau. Seit dem Jahrtausendwechsel liegt sie sogar deutlich unter dem Durchschnitt der Industrieländer (Datengrundlage: UN).

Kleinere Familien und wirtschaftlicher Fortschritt in den 1960er und 1970er Jahren

Die Bevölkerung Südkoreas war lange vornehmlich ländlich und bäuerlich geprägt. Noch in den Jahren zwischen 1955 und 1960 bekamen die Frauen im Mittel mehr als sechs Kinder pro Frau. Im Jahre 1962 begann Südkorea mit einer nationalen Familienplanungskampagne, um die Zahl ungewollter Schwangerschaften zu senken. Die Kampagne sollte zur Aufklärung, zur Verbesserung der medizinischen Grundversorgung von Müttern und Kindern und zur Bereitstellung von Versorgungsgütern und Diensten für Familien beitragen. Das Programm galt als unerlässlich, um Wirtschaftswachstum und Modernisierung voranzutreiben. Die Bevölkerung reagierte allgemein zustimmend auf das ausgegebene Modell der "kleinen und wohlhabenden Familie". Bis 1974 fiel die durchschnittliche Kinderzahl je Frau auf 3,87. Gleichzeitig vollzog sich eine rasche Industrialisierung. Das sorgte dafür, dass die Nation ihren landwirtschaftlichen Charakter immer mehr verlor. Zuversichtlich aufgrund des vorherigen Erfolgs propagierte die Regierung im Jahr 1982 das Ziel einer Zwei-Kind-Familie, das innerhalb der nächsten vier Jahre durch ein Programm finanzieller Anreize erreicht werden sollte. Der Plan wurde sogar übererfüllt: Schon 1984 lag die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau bei 1,98, also unterhalb des Niveaus von 2,1, bei dem eine Bevölkerung langfristig stabil bliebe.

Die Gesellschaft altert

Obwohl das Ziel erreicht war, änderte Südkorea das Programm zur Familienplanung nicht. Die Altersstruktur war noch immer jung, das Wachstum der Bevölkerung setzte sich fort und Bedenken gegenüber negativen Effekten durch Übervölkerung blieben bestehen. Im Jahre 2002 jedoch machte das Nationale Institut für Altersvorsorge ("National Pension Institute") darauf aufmerksam, dass der Rentenfonds bald aufgebraucht sei, da die Anzahl von Personen im Erwerbstätigenalter im Vergleich zu der von Rentnern zurückgehe. Die Regierung erkannte, dass die Zahl von Frauen im geburtsfähigen Alter abgenommen hatte und sich diese Entwicklung noch beschleunigen würde. Außerdem fiel die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau weiterhin. Im Jahr 2005 erreichte die Fertilitätsrate das Tief von 1,19 - damit lag sie nun schon seit fast 20 Jahren unter dem Reproduktionsniveau.

Die südkoreanische Bevölkerung wird immer schneller altern

Der Anteil der über 64-Jährigen an der Gesamtbevölkerung Südkoreas hat seit 1950 stark zugenommen und wird bis 2050 weiter anwachsen. Innerhalb der nächsten fünf bis zehn Jahre wird es in Südkorea mehr Menschen im Rentenalter als Kinder geben. Gleichzeitig fällt auch der Anteil der Personen im Erwerbstätigenalter im Vergleich zum Anteil der über 64-Jährigen stark ab; eine Entwicklung, die das südkoreanische Rentensystem vor erhebliche Probleme stellen wird (Datengrundlage: UN).

Wende zu einer Geburten fördernden Politik?

2005 reagierte die südkoreanische Regierung, nachdem sie sich mit Experten - auch vom Berlin-Institut - ausgetauscht hatte: Sie setzte einen Beratungsausschuss für den Präsidenten ein und verabschiedete ein Gesetz, um die Grundlage für eine neue, nun Geburten fördernde Politik zu schaffen. Der Saero-Maji-Plan ("Neuanfang"), dessen Laufzeit auf die Jahre von 2006 bis 2010 festgelegt wurde, zielt darauf ab, das Land kinderfreundlicher zu gestalten. Er beinhaltet eine lange Liste von Maßnahmen, unter anderem Steuererleichterungen - vornehmlich für den Wohnungskauf - und die Unterstützung der Kinderfürsorge. Die Zahl der Betreuungseinrichtungen soll um 30 Prozent gesteigert und die Kinderbetreuung am Arbeitsplatz verbessert werden. Die Regierung will Eltern bei der Schulbildung finanziell unter die Arme greifen und Hilfe für ungewollt kinderlose Paare anbieten. Diesem "First Basic Plan for Low Fertility and Aged Society" sollen von 2011 bis 2015 ein "Second Plan" und von 2016 bis 2020 ein "Third Plan" folgen. Letzteren verkündete die Regierung im Juni 2006 unter dem Namen "Vision 2020". Er soll die Fertilitätsrate bis 2020 auf 1,6 Kinder pro Frau steigern, auf den Durchschnittswert der OECD-Länder, und das Land auf eine rasch alternde Gesellschaft vorbereiten.

Die Ursachen für die niedrige Fertilitätsrate liegen vermutlich darin, dass in Südkorea die alten Familientraditionen, die vergleichbar sind mit denen in anderen ostasiatischen Ländern, noch immer das Denken prägen: Demnach bildet die patrilineare Erbfolge vom Vater zum ältesten Sohn das zentrale Element des familiären Zusammenhalts. Das Verhältnis von Vater und Kind wird generell als wichtiger erachtet als das von Mann und Frau. Heirat ist gesellschaftlicher Standard, deshalb bleibt die Zahl unehelicher Kinder relativ gering. Die Ausbildung der Kinder wird für wichtig erachtet. Mütter scheiden in vielen Fällen aus einem Arbeitsverhältnis aus, um die traditionelle mütterliche Rolle zu übernehmen. Junge Familien leben meist in der Nähe ihrer Eltern, die sie bei der Erziehung der Kinder unterstützen.

Dieses Familienmodell und die damit verbundene Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern finden sich jedoch immer seltener: Südkorea hat einen enormen Modernisierungsschub hinter sich. Die Frauen sind zunehmend gut ausgebildet und erwerbstätig, werden gesellschaftlich aber noch nicht allgemein als gleichberechtigt anerkannt. Die Männer beteiligen sich kaum an den Aufgaben der Kinderbetreuung und im Haushalt. Zudem sind die Kosten gestiegen, um ein Kind großzuziehen, insbesondere die Schulbildung ist teuer. In einer Umfrage aus dem Jahre 2005 gaben 49 Prozent der allein stehenden Frauen an, dass sie nicht heiraten wollen. Gleichzeitig fiel der Untersuchung zufolge die Zahl der verheirateten Frauen, die angaben, sich Kinder zu wünschen, innerhalb von acht Jahren von 90 auf 65 Prozent. Da fast alle Kinder ehelich geboren werden, hat der sinkende Stellenwert der Ehe große Folgen für die durchschnittliche Kinderzahl je Frau: 2007 lag einer im vergangenen Jahr im Japanese Journal of Population vorgestellten Studie zufolge der Anteil der in einer Ehe geborenen Kinder bei 98,5 Prozent. Auch das steigende Alter der Frauen bei der ersten Eheschließung wirkt sich auf die Kinderzahl aus: 1985 lag es noch bei 24,1 Jahren, 2007 bei 28,1 Jahren. Eine Rückkehr zu den traditionellen Familienverhältnissen wird es somit nicht geben.

Ähnlich wie in europäischen Ländern mit sehr niedriger Fertilität zeigt sich in Südkorea, dass eine Gesellschaft geradezu zwangsläufig niedrige Kinderzahlen erfährt, wenn sie einerseits moderner wird - vor allem im Bildungssektor - andererseits aber in der Vorstellung von Familienmustern und Geschlechterrollen in traditionellen Strukturen verharrt. Die Studie "Emanzipation oder Kindergeld? Was die neue Familienpolitik Deutschlands von anderen europäischen Ländern gelernt hat" des Berlin-Instituts aus dem Jahr 2008 hat gezeigt, dass mittlerweile in jenen Ländern mehr Kinder geboren werden, die in Bezug auf Wohlstand und auf die Gleichbehandlung der Geschlechter die modernsten Gesellschaftssysteme aufweisen. Solange es in Südkorea nicht gelingt, dass sich die Geschlechter im gesellschaftlichen und familiären Leben auf gleicher Augenhöhe begegnen, dürfte es demnach schwer sein, die Nachwuchszahlen zu erhöhen.

Bemerkenswert ist der Erfolg von Südkoreas Kampagne gegen geschlechtsspezifische Abtreibungen. Diese hatten in der Vergangenheit dazu geführt, dass wesentlich mehr Jungen als Mädchen geboren wurden. Während im Jahr 2000 je 100 neugeborenen Mädchen noch 113 Jungen geboren wurden, kamen im Jahr 2009 je 100 Mädchen 107 Jungen zur Welt. Zum Vergleich: In Deutschland lag das Geschlechterverhältnis bei der Geburt bei 106 Jungen pro 100 Mädchen.

Auch eine bessere Kinderbetreuung und die finanzielle Unterstützung bei der Schulbildung versprechen mehr Erfolg als eine Stärkung überkommener Traditionen. Denn koreanische Frauen äußern - wie die Frauen in nahezu allen Industrieländern - zwar im Mittel den Wunsch, zwei Kinder zu bekommen, dies scheitert aber offensichtlich an den Verhältnissen.

Die Finanzkrise 1997 trug ebenfalls dazu bei, dass sich die Frauen mit der Eheschließung Zeit ließen und die durchschnittliche Kinderzahl je Frau weiter sank. Das hat zur Folge, dass die heutige Bevölkerungsgruppe der unter 15-Jährigen, die in einigen Jahren das potenzielle Elternalter erreicht, im Vergleich zur Vorgängergeneration enorm geschrumpft ist. Selbst ein signifikanter Anstieg der Geburtenrate könnte deshalb nicht mehr verhindern, dass sich das zahlenmäßige Verhältnis von Erwerbstätigen zu Rentnern verschlechtert. Jedes weitere Jahr wird die Situation noch verschärfen und die Gesellschaft rasant altern lassen.

Literatur / Links

CIA (2009): World Factbook 2009. Washington.

CIA (2000): World Factbook 2000. Washington.

Haub, Carl (2010): Did South Korea's Population Policy Work Too Well? Population Reference Bureau. Washington.

Lee, Sam-Sik (2009): Low Fertility and Policy Responses in Korea. In: The Japanese Journal of Population, Vol. 7, No. 1.

Population Division of the Department of Economic and Social Affairs of the United Nations (2009): World Population Prospects: The 2008 Revision. New York.

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

Bevölkerungsentwicklung in Japan: Fokus Märkte
von Florian Kohlbacher

Japan erlebt momentan die schnellsten demografischen Veränderungen innerhalb der führenden Industrienationen. Auch in Deutschland geht die Entwicklung in eine ähnliche Richtung. Die Bevölkerungsalterung und der Geburtenrückgang sind auch auf dem deutschen Heimatmarkt und in den Mutterhäusern über kurz oder lang ein Thema. Ohne Frage wird der demografische Wandel zu den Herausforderungen gehören, denen sich global tätige Unternehmen in Zukunft stellen müssen. Erfahrungen in Japan können nicht nur wertvolle Hinweise für die gesellschaftlichen Implikationen des demografischen Wandels liefern, sondern auch Trends, Chancen und innovative Ansätze für die sich entwickelnden Märkte aufzeigen.

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Der Wissenschaftliche Beirat des Berlin-Instituts ist um weitere Experten gewachsen

Am 4. Mai haben sowohl der Stiftungsrat als auch der Wissenschaftliche Beirat des Berlin-Instituts erstmals in neuer Zusammensetzung getagt.

Der Stiftungsrat war vertreten durch seinen Vorsitzenden Dr. Christoph Bertram, der von 1998 bis 2005 als Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin tätig war, durch Prof. Dr. Wolfgang Lutz aus Wien, den Leiter des Weltbevölkerungsprogramms des International Institute for Applied Systems Analysis und Leiter des Instituts für Demografie an der Akademie der Wissenschaften sowie durch Jakob von Weizsäcker, Fellow des Think Tanks Bruegel in Brüssel. Außerdem gehören dem Stiftungsrat Prof. Dr. Hartmut Graßl an, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, der Rechtsanwalt und Wirtschaftsprüfer Christian Knoke aus Hannover sowie die Freie Journalistin und ehemalige Chefredakteurin der entwicklungspolitischen Zeitschrift Der Überblick, Renate Wilke-Launer.

Der Wissenschaftliche Beirat besteht aus engagierten und anerkannten Forschern, die in sehr unterschiedlichen Fachgebieten arbeiten. Da das Berlin-Institut Demografie als Querschnittsthema begreift, soll durch diese vielseitige Zusammensetzung die Kompetenz und Expertise in unterschiedlichen Untersuchungs- und Politikfeldern gestärkt werden. So arbeitet Dr. Steffen Angenendt, Senior Associate Global Issues Division der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin im Bereich Migration. Stefan Schneider leitet das Team Macro Trends der Forschungsabteilung der Deutsche Bank AG, DB Research.

Erstmals dabei war Prof. Dr. Christian Behl, der am Interdisziplinären Forschungszentrum für Neurowissenschaften der Universität Mainz tätig und Experte für medizinische Fragen der Alterung ist. Auch für Prof. Dr. Stephan Kaufmann, Geschäftsführender Direktor und wissenschaftliches Mitglied des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Abteilung Immunologie, in Berlin, war dies die Premiere einer Beiratssitzung des Berlin-Instituts.

Das Team des Berlin-Instituts steht außerdem in engem Austausch mit den Beiratsmitgliedern Prof. Dr. Thomas Büttner, Population Affairs Officer der United Nations Population Division, Prof. Dr. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie, und Prof. Dr. Rainer Lindner, Direktor des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft im Haus der Deutschen Wirtschaft, Berlin.

 

   
 

 

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