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Ausgabe 98, 09. Juni 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Starke demografische Verwerfungen im Land der Fußball-WM
Sinkende Kinderzahlen tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung Südafrikas bei - aber Aids hält die Lebenserwartung niedrig

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Weniger Fleisch, mehr ökologischer Landbau
Der Klimaschutz fordert ein verändertes Konsumverhalten der Verbraucher und eine Wende in der Agrarproduktion - hin zu nachhaltiger Landwirtschaft

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Starke demografische Verwerfungen im Land der Fußball-WM
Sinkende Kinderzahlen tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung Südafrikas bei - aber Aids hält die Lebenserwartung niedrig

Die Staaten südlich der Sahara sind innerhalb Afrikas wirtschaftlich am wenigsten entwickelt. Liberia, Burundi und die Demokratische Republik Kongo verzeichnen die niedrigsten Bruttoinlandsprodukte (BIP) weltweit. 18 der letzten 20 Plätze beim BIP pro Kopf belegen Länder aus Subsahara-Afrika. Gleichzeitig verzeichnet diese Region im internationalen Vergleich die höchste Geburtenrate mit durchschnittlich 5,3 Kindern pro Frau. Für Europa liegt dieser Wert nur bei 1,5, in Asien und Lateinamerika bei 2,3. In Subsahara-Afrika leben heute mehr als 840 Millionen Menschen - und es ist die Region der Welt, deren Bevölkerung am schnellsten wächst: In nur dreißig Jahren wird sich die Einwohnerzahl verdoppelt haben. Nirgendwo auf der Welt ist die Bevölkerung jünger - über die Hälfte der Menschen in dieser Region wird dann unter 18 Jahre alt sein.

Die parallele Entwicklung von hohen Geburtenraten und niedriger Wirtschaftsleistung behindert den Fortschritt eines Landes, da die Staaten nicht im notwendigen Maße in Ausbildung, Gesundheit und Arbeitsplätze investieren können. Häufig kommt es dadurch zu gesellschaftlichen Konflikten, auch weil natürliche Ressourcen wie Ackerland oder Trinkwasser knapp werden. Das Berlin-Institut hat diese Zusammenhänge in der Studie "Das Ende der Aufklärung" ausführlich dargestellt.

Südafrika bildet in der Region eine Ausnahme. Von allen Staaten Subsahara-Afrikas - abgesehen von den Inselstaaten Mauritius und den Seychellen - hat Südafrika gegenwärtig die niedrigste Fertilitätsrate. Im Jahr 2009 lag sie bei 2,38 Kindern je Frau. Gleichzeitig erzielt die südafrikanische Wirtschaft seit Jahren mit die höchsten Wachstumsraten des Kontinents - im Zeitraum von 2000 bis 2008 von durchschnittlich 4,8 Prozent pro Jahr. Grundlage für den ökonomischen Erfolg sind der Rohstoffreichtum und der gut ausgebaute industrielle Sektor des Landes, der Südafrika zum wichtigsten Industriestaat des Kontinents macht. Auch die jüngste Wirtschaftskrise hat Südafrikas Ökonomie relativ gut überstanden: Trotz des massiven Einbruchs der Rohstoffpreise ging das Wachstum im Jahr 2009 lediglich um zwei Prozent zurück.

Sinkende Geburtenrate, wirtschaftliches Wachstum

Südafrikas Geburtenrate ist seit den 1960er Jahren stetig gesunken. Das bildet eine gute Voraussetzung für ökonomisches Wachstum - und tatsächlich hat Südafrika hier einen riesigen Sprung gemacht. Allerdings hat nicht die gesamte Bevölkerung von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Die Schere zwischen Arm und Reich geht in Südafrika weit auseinander (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Dennoch belegt Südafrika beim Human Development Index (HDI), der den Entwicklungsstand eines Landes anhand von Bildung, Wirtschaftsentwicklung und Lebenserwartung misst, nur Rang 129 von 182 Staaten. Zwar schneiden die meisten anderen Staaten Subsahara-Afrikas noch schlechter ab, doch Südafrika liegt in der Tabelle der Vereinten Nationen weit hinter vergleichbaren Schwellenländern wie Brasilien (Platz 75) oder China (Platz 91).

Die schlechte Einstufung beim HDI liegt vor allem an der niedrigen Lebenserwartung der Südafrikaner. Denn während das Land beim BIP pro Kopf mit 9.757 US-Dollar besser als Brasilien (9.567 US-Dollar) und China (5.383) dasteht und bei der Alphabetisierungsrate, die als Indikator für die Bildung dient, mit 88 Prozent nur knapp hinter den beiden Ländern liegt (Brasilien 90 Prozent, China 93,3), sticht der Unterschied bei der Lebenserwartung wesentlich deutlicher hervor. Sie lag im Jahre 2009 in Südafrika im Mittel bei nur 52 Jahren. In Brasilien und China dagegen ist die Lebenserwartung kontinuierlich gestiegen. Dort leben die Menschen durchschnittlich 21 Jahre länger.

Südafrika verzeichnete zwischen 1990 und 2006 sogar einen Rückgang der durchschnittlichen Lebenserwartung. Während diese in der Zeit bis 1990 noch kontinuierlich zugenommen hatte und sich auf 61 Jahre belief, ist sie innerhalb von nur 15 Jahren auf das Niveau der 1960er und 1970er Jahre zurückgefallen. Besonders die Frauen sind von dieser Entwicklung betroffen: Während die Lebenserwartung der Männer "nur" um acht Jahre abfiel, brach sie bei Frauen um zwölf Jahre ein.

Lebenserwartung nach jahrzehntelangem Anstieg stark gefallen

Die Lebenserwartung in Südafrika ist lange kontinuierlich gestiegen. Nach 1990 ist sie, vor allem durch den Einfluss von Aids, jedoch wieder stark zurückgegangen. In den letzten fünf Jahren scheint sie sich stabilisiert zu haben - bei Männern steigt sie sogar wieder leicht an (Datengrundlage: Vereinte Nationen).

Aids dünnt die mittlere Altersgruppe aus

Für die Länder Subsahara-Afrikas ist eine sinkende Lebenserwartung nicht ungewöhnlich. Die Ursache dafür liegt hauptsächlich in der Immunschwäche-Krankheit Aids. Auch in Staaten wie Sambia, Botswana und Malawi entwickelt sich die Lebenserwartung rückläufig - die drei Länder verzeichnen weltweit die höchsten Raten an Infektionen mit dem Humanen Immundefizienz-Virus (HIV). Viele Menschen, die an HIV erkranken, sterben bereits in jungen Jahren an der Krankheit - im Schnitt elf Jahre nach der Infektion. Je höher in einem Land die Wahrscheinlichkeit ist, an HIV zu erkranken, desto niedriger liegt im Allgemeinen die durchschnittliche Lebenserwartung. In Südafrika sind Schätzungen zufolge mehr als fünf Millionen Menschen und somit jeder fünfte Einwohner von HIV betroffen.

In der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen ist sogar jeder vierte Einwohner infiziert, Frauen etwas häufiger als Männer. Bedenklich ist darüber hinaus, dass die Zahl der Infizierten in der letzten Dekade zwar nur leicht, aber kontinuierlich von Jahr zu Jahr zugenommen hat. Das ist auch ökonomisch ein Problem, denn diese Altersgruppe stellt den produktivsten Teil der Gesellschaft. Ältere und jüngere Menschen, die nicht mehr oder noch nicht erwerbstätig sind, hängen von den Einkommen dieser Familienmitglieder ab. Zudem gibt es viele Aids-Waisen, die dann - bestenfalls - von Großeltern oder der Gesellschaft versorgt werden. Die Infektionsrate ist vor allem deswegen hoch, weil nur unzureichend Aufklärungsarbeit geleistet wird, diese insbesondere auf dem Land häufig auf Ablehnung stößt und Männer sich oft weigern, Kondome zu benutzen.

Die geringe Lebenserwartung wirkt sich massiv auf die Altersstruktur aus: Knapp ein Drittel - 30,5 Prozent - der Einwohner Südafrikas sind unter 15 Jahre alt. In anderen Schwellenländern sind es deutlich weniger: in China 20,2 und in Brasilien 25,9 Prozent. Dafür werden nur 4,5 Prozent der Südafrikaner über 64 Jahre alt. In China und Brasilien erreichen 8,1 respektive 6,7 Prozent ein solches Alter.

Dennoch: Im Vergleich mit anderen Ländern südlich der Sahara steht Südafrika sehr gut da. In der gesamten Region sind durchschnittlich 42,6 Prozent der Menschen unter 15 Jahre und lediglich 3,1 Prozent über 64. Das lässt sich vor allem auf die anfänglich beschriebene deutlich höhere Geburtenrate in der gesamten Region gegenüber Südafrika zurückführen. In Subsahara-Afrika bekommen die Frauen im Schnitt knapp drei Kinder mehr als die Südafrikanerinnen.

Große Unterschiede auf nationaler Ebene

Die südafrikanische Statistik unterscheidet verschiedene Bevölkerungsgruppen nach ihrer Herkunft beziehungsweise Hautfarbe: Afrikaner, Asiaten oder Inder, Weiße sowie Farbige, zu denen vorrangig Menschen gezählt werden, die aus Mischbeziehungen zwischen den einzelnen Gruppen hervorgegangen sind. Diese Einteilung stammt noch aus Zeiten der Apartheid. Das statistische Amt hat sie jedoch beibehalten, um soziale Fortschritte wie die Integration benachteiligter Bevölkerungsgruppen besser beobachten zu können. Offiziell wurde die Trennung der Bevölkerungsgruppen mit der Unabhängigkeit des Landes 1994 aufgehoben, doch ist die Gesellschaft auch heute noch durch Gegensätze geprägt. Das drückt sich auch in der Altersstruktur aus. So finden sich unter den jungen Südafrikanern mit fünf Prozent nur wenige Weiße, während sie in der Gruppe der über 64-Jährigen 25 Prozent ausmachen.

Unterschiede in der Altersstruktur

Der Lebensstandard der einzelnen Bevölkerungsgruppen Südafrikas drückt sich in deren Altersverteilung aus: Während Weiße bei den unter 15-Jährigen deutlich unterrepräsentiert sind, stellen sie bei den über 64-Jährigen bereits ein Viertel. Bei den Afrikanern ist der Trend umgekehrt. Die Erklärung für diese Diskrepanz: Weiße bekommen weniger Kinder, erkranken seltener an HIV und leben länger (Datengrundlage: Statistics South Africa).

Die Spaltung des Landes zeigt sich auch in sozioökonomischer Hinsicht. Zwar gilt der friedliche Übergang von der Apartheid zur multikulturellen Regenbogennation als Erfolgsgeschichte, doch die Ungleichheit der Einkommensverteilung ist eine der höchsten der Welt - Tendenz steigend. Die afrikanische Mehrheit, die 80 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, verdient pro Kopf lediglich 13 Prozent dessen, was die weiße Bevölkerungsgruppe nach Hause bringt, deren Anteil an der gesamten Einwohnerzahl bei neun Prozent liegt. Dafür ist die Arbeitslosenrate der afrikanischen Bevölkerung beinahe fünfmal so hoch wie die der Weißen.

Migration in und nach Südafrika

Ein weiterer Faktor für die demografische Entwicklung Südafrikas ist die Zuwanderung von Menschen aus anderen Ländern des Kontinents. Politische Flüchtlinge aus den Krisenregionen Subsahara-Afrikas wie der Demokratischen Republik Kongo oder Simbabwe und Arbeitssuchende aus anderen afrikanischen Staaten träumen von einem besseren Leben im wirtschaftlich prosperierenden Südafrika. Es wandern daher wesentlich mehr Menschen in das Land ein als es verlassen - in Deutschland verläuft diese Entwicklung derzeit umgekehrt. Die Zahl der in Südafrika lebenden Einwanderer wurde 2010 auf 1,9 Millionen geschätzt, was 2,6 Prozent der gesamten Bevölkerung ausmacht. Ihr Anteil dürfte jedoch wesentlich höher liegen, da viele Migranten illegal ins Land kommen und statistisch nicht erfasst sind.

Darüber hinaus ziehen immer mehr Menschen vom Land in die Stadt. Schon in der letzten Dekade der Apartheid setzte trotz extrem restriktiver Gesetze eine starke Landflucht ein, die sich bis heute fortsetzt. Innerhalb der vergangenen 25 Jahre ist der Anteil der urbanen Bevölkerung von 49 auf 61 Prozent angestiegen. Bei der Bekämpfung von HIV könnte dies sogar von Vorteil sein, denn in ländlichen Regionen liegt die Infektionsrate höher, vor allem weil hier die Aufklärungsarbeit schwieriger zu leisten ist. In Städten hingegen sind die Menschen besser über Ursachen und Folgen von Aids informiert. Auch um die Rechte von Frauen ist es besser bestellt.

In Südafrika vollzieht sich somit eine zweigeteilte demografische Entwicklung: Einerseits führt das wirtschaftliche Wachstum wie überall in Schwellenländern zu sinkenden Geburtenraten. Aber andererseits steigt gleichzeitig nicht wie sonst üblich die Lebenserwartung aufgrund einer besseren Versorgung. HIV/Aids erweist sich somit als massives Entwicklungshemmnis. Aufklärung und Prävention wären die wichtigsten Instrumente der südafrikanischen Regierung, um die derzeitigen wirtschaftlichen Erfolge nicht zu gefährden.

Literatur / Links

Hamburger WeltWirtschaftsInstitut (2010): Afrika: Strategie 2030 - Vermögen und Leben in der nächsten Generation. Hamburg.

Kröger, Inga/van Olst, Nienke/Klingholz, Reiner (2004): Das Ende der Aufklärung. Der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung. Hgg. v. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Berlin.

Population Reference Bureau (2009): World Population Data Sheet. Washington.

Shisana, O./Rehle, T./Simbayi, L.C./Zuma, K./Jooste, S./Pillay-van-Wyk, V./Mbelle, N./Van Zyl, J./Parker, W./Zungu, N.P./Pezi, S. & the SABSSM III Implementation Team (2009): South African national HIV prevalence, incidence, behaviour and communication survey 2008. A turning tide among teenagers? Kapstadt.

Statistics South Africa (2009): Mid-year population estimates. Pretoria.

Stiftung Wissenschaft und Politik/Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit (2010): Südafrika - Modell für Afrika, Partner für Deutschland? Berlin.

The International Bank for Reconstruction and Development/World Bank (2010): World Development Report 2010: Development and Climate Change. Washington.

United Nations (2009): World Population Prospects: The 2008 Revision. CD-Rom-Edition. New York.

 

   
     
 

Weniger Fleisch, mehr ökologischer Landbau
Der Klimaschutz fordert ein verändertes Konsumverhalten der Verbraucher und eine Wende in der Agrarproduktion - hin zu nachhaltiger Landwirtschaft

Die Kuh als Klimakiller - diese Schlagzeile taucht immer wieder auf, sobald es um Klimawandel und Landwirtschaft geht. Das war auch nach der Veröffentlichung des jüngsten Berichts der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) der Fall. Der Bericht weist darauf hin, dass immer noch beinahe ein Drittel aller Treibhausgase auf das Konto der Landwirtschaft geht. Diese wiederum reagiert besonders empfindlich auf Klimaveränderungen. In der Diskussion kursieren allerdings stark unterschiedliche Zahlen bezüglich der Verursacher und ihrer Anteile. Zwar haben die Empfehlungen der FAO und des Weltklimarats die Debatte um eine Wende in der Agrarpolitik und im Ernährungsverhalten einmal mehr angeregt, nachdem bereits der Weltagrarbericht 2008 eine Umkehr gefordert hatte. Konsequent verfolgt wird dieses Ziel aber nicht - auch nicht von Deutschland oder der Europäischen Union.

Wie Landwirtschaft weltweit zum Klimawandel beiträgt, lässt sich dem Kritischen Agrarbericht 2009 des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) zufolge im Kern an drei Sachverhalten festmachen: Erstens wandeln agrarwirtschaftliche Unternehmen Wälder, Moore, Feuchtgebiete oder Grünland für ihre Zwecke in Acker- oder etwa Weideland um. Hierbei werden die oberirdische Biomasse verringert und der in Böden gespeicherte Kohlenstoff freigesetzt - und so wichtige Kohlenstoffspeicher zerstört. Zweitens gehen von Nutztieren und bewirtschafteten Böden Treibhausgase aus. Drittens verbrauchen die Agrarwirtschaft und die ihr vor- und nachgelagerten Bereiche viel Energie - meist in Form fossiler Brennstoffe.

Der Fleischkonsum eignet sich gut als Beispiel, um zu zeigen, dass eine wachsende Weltbevölkerung nachhaltig wirtschaften und konsumieren muss, wenn sie ihre Lebensgrundlagen erhalten will. Die Politik sollte die Rahmenbedingungen dafür schaffen - doch die fehlen, auch wenn mögliche Maßnahmen bekannt sind. Ein Bericht des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz von 2008 weist darauf hin, dass die Zusammensetzung des Speiseplans das größte Potenzial bietet, um Treibhausgasemissionen einzusparen: Schätzungen zufolge könnten mit einer fleischreduzierten Kost gegenüber einer Mischkost bis zu 27 Prozent eingespart werden. Mit vegetarischer Kost kämen noch einmal 15 Prozent hinzu, weitere Einsparpotenziale lägen im Verzehr von saisonalen und regionalen Freilandprodukten sowie im Konsum von Ökoprodukten und im Verzicht auf Tiefkühlkost. Mediziner empfehlen diese Ernährungsweise zudem, weil sie beispielsweise das Risiko von Übergewicht und Herz-Kreislauf-Erkrankungen mindert. Ein geringer Fleischverzehr dient also der Gesundheit und dem Klima zugleich.

Um eine Kalorie tierischen Ursprungs herzustellen, braucht es bis zu zehn Kalorien pflanzlichen Ursprungs. Ein Rind aufzuziehen und zu schlachten erfordert erheblich mehr Energie, als Getreide zu säen und zu ernten. Je mehr Fleisch gegessen wird, desto mehr Futtermittel müssen angebaut werden - der Schritt der "Nahrungsveredlung" von Pflanze zu Tier kostet Energie. Hierbei ist die Anbaumethode entscheidend: Eine Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung kam zu dem Ergebnis, dass der ökologische Landbau pro Kilogramm Winterweizen weniger als halb so viele Treibhausgasemissionen verursacht wie der konventionelle Weizenanbau. Entsprechend empfiehlt die Studie, auf ökologischen Landbau umzustellen: Ökologisch wirtschaftende Betriebe, die Pflanzenbehandlungsmittel und industrielle Düngemittel einsparen, benötigen weniger Energie und Stickstoffdünger als konventionelle Agrarbetriebe. Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat errechnet, dass ein Schweineschnitzel aus konventioneller Haltung viermal so viele Treibhausgase verursacht wie eines aus ökologischer Haltung. Zudem stiege die Effizienz des Ökolandbaus weiter, wenn Zulieferer und Vertriebswege - etwa in Molkereien und beim Transport von Tieren zu Schlachtereien - auf Ressourcen schonende und tierfreundliche Standards eingestellt wären.

Ein weiterer Beitrag zum Klimaschutz bestünde darin, das Düngemanagement, die Stallhaltung und die Produktion von Fleisch im konventionellen Landbau zu optimieren - etwa durch eine kombinierte Produktion von Milch und Fleisch, durch die Futtermittelzusammensetzung und eine schnellere und häufigere Entmistung. Darüber hinaus sei es sinnvoll, keine Futtermittel zu importieren, deren Anbau und Transport das Klima weiter schädigt - schon gar nicht aus Anbauflächen in Regenwaldgebieten. Entwässerte Moore, die durch den biologischen Abbau der Torfmasse enorme Mengen Kohlendioxid freisetzen seien wieder zu vernässen.

Die Speisekarten der Welt unterscheiden sich, aber die Zutaten stammen von überall

In Industriestaaten ist der Fleischverbrauch höher als in Entwicklungsländern: Laut FAO haben die Menschen in den Industrieländern im Jahr 2005 pro Kopf etwa 80 Kilogramm Fleisch gegessen. In den Entwicklungsländern waren es dagegen nur knapp 30 Kilogramm Fleisch pro Kopf im Jahr. Doch der Verbrauch steigt auch dort, denn in vielen Ländern folgen die Menschen dem westlichen Vorbild. Die Ernährungsumstellung von Getreide, Hülsenfrüchten und Gemüse auf Fleisch und Milchprodukte wird auch als "nutrition transition" bezeichnet. Der Bedarf an Futtermitteln und der Ertragsdruck auf landwirtschaftliche Flächen sind entsprechend hoch. Die europäischen Staaten importieren zudem einen erheblichen Anteil der von ihnen verbrauchten Futtermittel. Dadurch beeinflusst der hiesige Speisezettel auch die landwirtschaftliche Produktion außerhalb Europas - und gefährdet dort die Umwelt, etwa wenn Unternehmen im Amazonasgebiet für Sojaplantagen Wald roden.

Mehr Menschen, die mehr Fleisch verzehren

Die Weltbevölkerung wird zukünftig weiter wachsen. Doch während in vielen Industrieländern die Einwohnerzahl von heute etwa 1,3 Milliarden kaum noch steigt, verzeichnen alle Entwicklungsländer eine Zunahme. Die Zahl der Menschen, die auf der Erde leben, erhöht sich derzeit pro Tag um mehr als 225.000 Personen. Das ergibt ein jährliches Wachstum von mehr als 82 Millionen Menschen. Der mittleren Prognose der UN zufolge werden im Jahr 2050 rund 9,2 Milliarden Menschen die Welt bevölkern - heute sind es knapp sieben Milliarden. Rund 99 Prozent des Wachstums geht auf das Konto der Entwicklungsländer, in denen die Bevölkerungszahl von 5,5 auf 7,9 Milliarden Menschen steigen dürfte.

Selbst die zurückhaltendste Bevölkerungsvoraussage prognostiziert Wachstum

Die Weltbevölkerung wird in den nächsten Jahren rasant weiter wachsen. Zieht man die mittlere Prognose zu Rate, erhöht sich die Bevölkerungszahl weltweit auf 9,2 Millionen Einwohner (Datengrundlage: Population Reference Bureau).

Noch problematischer wird der hohe Anteil, den die Viehhaltung am Treibhausgasausstoß hat, wenn man die Entwicklung des weltweiten Fleischkonsums betrachtet. Denn in den nächsten zehn Jahren wird der Fleischverbrauch den Prognosen der FAO zufolge bis 2018 kontinuierlich auf über 320 Millionen Tonnen ansteigen. Pro Kopf ist die verzehrte Fleischmenge zwischen 1970 und 2002 von elf auf 29 Kilogramm in Entwicklungsländern und von 65 auf 80 Kilogramm in den Industriestaaten gestiegen. Die Ursachen dafür liegen vor allem darin, dass sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung auch Ernährungsweisen und Lebensstile verändern.

Weltweit steigt der Fleischkonsum

Der Fleischkonsum steigt in allen Regionen der Welt. Dieser Trend dürfte sich auch zukünftig fortsetzen, insbesondere in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Dort könnte sich der Verbrauch pro Kopf in manchen Regionen sogar verdoppeln. Weil darüber hinaus in diesen Ländern die Bevölkerung noch wächst, könnte die tatsächliche Nachfrage nach Fleisch weiter stark zunehmen. Aber auch in den Industrieländern, in denen die Einwohnerzahl konstant bleibt, wird mehr Fleisch verzehrt - ein Trend, der Umwelt und Klima gefährdet (Datengrundlage: Food and Agriculture Organization of the United Nations).

Literatur / Links

Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (2008): Potenzieller Beitrag der deutschen Landwirtschaft zu einem aktiven Klimaschutz, interner Bericht des BMELV zum Tagesordnungspunkt 24 der Amtschef- und Agrarministerkonferenz vom 24. bis 26. September 2008 in Meißen.

Bundesverband der deutschen Fleischwarenindustrie e. V., www.bvdf.de

Cohen, Joel (2010): Meat. First Annual Malthus Lecture. Washington.

Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), www.dsw-hannover.de

Food and Agriculture Organization of the United Nations (2009): The State of Food and Agriculture. Rom.

Fritsche, Uwe/Eberle, Ulrike (2007): Treibhausgasemissionen durch Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln. Hamburg.

Hirschfeld, Jesko/Weiß, Julika/Preidl, Marcin/Korbun, Thomas (2008): Klimawirkungen der Landwirtschaft in Deutschland. Schriftenreihe des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) 186. Berlin.

International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development (2008): Agriculture at a Crossroads. Global Report. Washington.

Niggli, Urs/Fließbach, Andreas (2009): Gut fürs Klima? In: AgrarBündnis (Hg.): Kritischer Agrarbericht 2009. Konstanz/Hamm. S. 103-109.

OECD (2009): Agricultural Outlook 2009 - 2018. Paris.

Population Reference Bureau (2009): 2009 World Population Data Sheet.

Ribbe, Lutz (2009): Gutes Klima für Veränderungen in der Agarpolitik. In: AgrarBündnis (Hg.): Kritischer Agrarbericht 2009. Konstanz/Hamm. S. 45-51.

 

   
     
 

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"Roma in Deutschland"
von Gregor Grienig

In Deutschland leben Roma seit etwa sechshundert Jahren. Die Anzahl ihrer Nachfahren mit deutscher Staatsbürgerschaft wird auf etwa 70.000 geschätzt. Über die Anzahl der Flüchtlinge und Vertriebenen, sowie der Arbeitsmigranten, die vor allem in der letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts dazugekommen sind, gibt es nur vage Annahmen. Unicef rechnet mit 50.000 Roma-Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien, darunter 20.000 Kinder.

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