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Ausgabe 99, 08. Juli 2010

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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Die Schweiz als Einwanderungsland
Der Alpenstaat bleibt auch in der Wirtschaftskrise attraktiver als die meisten EU-Mitgliedsländer

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Prima Integrationsklima
Eine neue Studie wehrt sich gegen das "Schreckbild einer gescheiterten Integration"

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In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

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Die Schweiz als Einwanderungsland
Der Alpenstaat bleibt auch in der Wirtschaftskrise attraktiver als die meisten EU-Mitgliedsländer

Die Attraktivität der Schweiz als Einwanderungsland hat im letzten Jahrzehnt stark zugenommen. Der Anteil von Zuwanderern an der Gesamtbevölkerung beläuft sich inzwischen auf rund ein Viertel. Werden die in der Schweiz geborenen Personen mit Migrationshintergrund hinzugezählt, wächst der Anteil sogar auf ein Drittel an. Mehr als 1,7 der 7,8 Millionen Bewohner der Schweiz besaßen am Ende des Jahres 2009 einen ausländischen Pass. Gleichzeitig hat sich die Struktur der Zuwanderung deutlich verändert. Während früher besonders geringqualifizierte Migranten aus Süd- und Südosteuropa in die Schweiz kamen, waren es in den vergangenen zehn Jahren vermehrt Hochqualifizierte aus den unmittelbaren Nachbarländern beziehungsweise aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Der Anteil von Arbeitsmigration an der Gesamtzuwanderung belief sich im Jahre 1994 auf einen Tiefstwert von 17 Prozent. Im Jahr 2008 hingegen erreichte er eine Spitze von 52 Prozent. Gleichzeitig ging der Anteil des Familiennachzugs von etwa zwei Dritteln auf ein Drittel zurück.

Verzögerter Einfluss der Wirtschaftskrise auf die Zuwanderungszahlen

Nach den Erfolgsjahren 2007 und 2008 ist die Zuwanderung im Jahr 2009 beinahe wieder auf das vorhergehende Niveau zurückgegangen. Die Folgen der Wirtschaftskrise für die Attraktivität der Schweiz als Einwanderungsland haben sich erst zeitlich versetzt ausgewirkt. So konnte im Krisenjahr 2008 beim Wanderungssaldo sogar ein Rekordgewinn von Immigranten verzeichnet werden (Datengrundlage: Eurostat 2010).

Sucht man nach den Gründen für die sprunghaft gestiegene Zuwanderung, stechen zunächst zwei Punkte heraus: die schrittweise Einführung der Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union und die damit in Zusammenhang stehende steigende Wirtschaftskraft des Landes. Die Schweizer Wirtschaft hat sich erfolgreich auf wissensintensive Arbeit mit hoher Wertschöpfung konzentriert und so einen massiven Strukturwandel vollzogen. In der Folge mangelte es an hochqualifizierten Arbeitskräften. Die Schweiz hat auf den Mangel reagiert, indem sie sich weitgehend für die europäische Binnenwanderung geöffnet hat: Die Einführung der Personenfreizügigkeit erlaubt es Zuwanderern, in dem Alpenstaat zu wohnen und zu arbeiten. Bis zur Weltwirtschaftskrise 2008 ging eine florierende Konjunktur mit steigender Einwanderung einher. Im Wettbewerb um die talentiertesten Köpfe in Wirtschaft und Wissenschaft zählte die Schweiz - anders als etwa Deutschland - zu den klaren Gewinnern.

Auch die Schweiz hat jedoch während der globalen Wirtschaftskrise an Attraktivität als Migrationsziel verloren. So erreichten die Zuwanderungszahlen im Jahr 2009 nicht mehr die Spitzenwerte der vorangegangenen zwei Jahre, aber sie blieben immerhin auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Andere Länder wie Irland oder Spanien, die in den letzten zehn Jahren ebenfalls hohe Einwanderungszahlen notierten, haben einen sehr viel stärkeren Einbruch bei der Zuwanderung erlebt. Irland verzeichnete 2009 sogar einen deutlich negativen Wanderungssaldo.

Auch die Schweiz als junge Aufsteigerin leidet unter der Krise

Die Einwanderungszahlen in den Ländern der Europäischen Union sind während der jüngsten Weltwirtschaftskrise zurückgegangen. Vor allem in Ländern wie Irland und Spanien, die in den letzten zehn Jahren eine starke Immigration verzeichneten, ist die Quote seit 2007 extrem eingebrochen. Die Schweiz hingegen konnte die Zuwanderung im ersten Krisenjahr 2008 noch einmal deutlich steigern. Doch zeigt sich auch hier der Einfluss der Krise - wenngleich die Einwanderungszahlen im europäischen Vergleich auf hohem Niveau geblieben sind (Datengrundlage: Eurostat 2010).


Was macht die Schweiz für die Immigranten so anziehend? Das Einwanderungsregime, die volkswirtschaftliche Struktur und die gute Konjunktur bilden hier drei wichtige Aspekte: Seit 2007 ist die volle Personenfreizügigkeit für Menschen aus den EU-15 Staaten gültig, und sie wird in den nächsten Jahren auf die alle Mitgliedsstaaten der EU erweitert werden. Das wird auch mehr Menschen in die Schweiz locken.

Volkswirtschaftliche Strukturvorteile ergeben sich in der Schweiz besonders aus der vergleichsweise niedrigen Steuer- und Abgabelast. Der Großteil der eingewanderten Hochqualifizierten stammt aus den Nachbarländern, die ihrerseits zu den weit entwickelten Volkswirtschaften der Welt zählen, jedoch wesentlich höhere Steuersätze anwenden. Darüber hinaus weisen diese Länder eine deutlich schneller ansteigende Staatsverschuldung auf, eine Entwicklung, die als Indiz für die zukünftige Abgabenbelastung durch die öffentliche Hand gilt.

Auch bei der Konjunktur schneidet die Schweiz im Vergleich sehr gut ab. Zwar schrumpfte die Wirtschaft im Jahre 2009 um 1,5 Prozent, doch ist dies nach Polen noch der beste Wert in Europa. Der Einbruch des Bruttoinlandsprodukts fiel daher im Gegensatz zu anderen Ländern relativ gering aus. So nahm zum Beispiel die Wirtschaftsleitung in Italien und Deutschland um jeweils fünf Prozent ab. Neben den wirtschaftlichen sind auch weiche Faktoren für die Attraktivität der Schweiz verantwortlich, so Gianni D'Amato, Professor am Swiss Forum for Migration and Population Studies. Das Land biete unter anderem Stabilität, Toleranz, internationale Schulen und ein vielschichtiges Kulturangebot. Darüber hinaus bilde das gut ausgebildete und mehrsprachige Personal in den Räumen Lausanne-Genf und Zürich ein gutes Argument für ausländische Unternehmen, sich in Europa niederzulassen.

Wie erfolgreich die Schweiz im Vergleich zum umliegenden Ausland durch die Krise gekommen ist, lässt sich am vergleichsweise hohen Zuwanderungsniveau erkennen, denn die Einwanderungserlaubnis hängt im Wesentlichen von der Aufnahme einer Erwerbstätigkeit ab. Das Land steht nun vor der Aufgabe, seine Attraktivität für Zuwanderer langfristig zu erhalten, denn wie viele andere Länder Europas sieht sich die Schweiz mit dem Problem einer alternden Bevölkerung konfrontiert: Der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung nimmt immer weiter ab, während gleichzeitig der Anteil der Rentner steigt. Das erschwert es zunehmend, die sozialen Sicherheitssysteme zu finanzieren. Die bisherigen Erfolge müssen daher erfolgreich abgesichert werden. Unter anderem müssen dazu die vorhandenen Potenziale jener Migranten besser genutzt werden, die bisher nur geringe Qualifikationen aufweisen. Und das geht nur über eine bessere Ausbildung für die betreffenden Gruppen.

Zudem schläft die Konkurrenz nicht: Auch die Länder der Europäischen Union erkennen zunehmend den Wert hochqualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland. Durch die Einführung einer gemeinsamen, so genannten Blue-Card sollen hochqualifizierte Drittstaatenangehörige für die EU angeworben werden um den steigenden Bedarf gut ausgebildeter Kräfte zu decken. Zwar steckt eine gemeinsame EU-Migrationspolitik noch in den Kinderschuhen, doch wird sich der Wettbewerb um Hochqualifizierte weltweit weiter verschärfen.

Literatur / Links

Angenendt, Steffen/Parkes, Roderick (2010): Blue Card - (noch) kein Erfolg? In: SWP-Aktuell, April 2010, S. 1-4.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): Hochqualifizierte Arbeitskräfte zieht es in die Schweiz. Demos 57, 02. Oktober 2008.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2008): "Es gibt viele Gewinner und nur wenige Verlierer der Neuen Zuwanderung". Interview mit Dr. Daniel Müller-Jentsch. Demos 57, 02. Oktober 2008.

Brandes, Dennis (2010): Migration: Die Schweiz als attraktiver Nachbar. In: bulletin, März/April 2010, S.48-51.

Duttweiler, Andrea (2010): "Der Nutzen der Migration überwiegt die Kosten". Interview mit Gianni D'Amato. In: der arbeitsmarkt, Januar/Februar 2010, S. 19-22.

 

   
     
 

Prima Integrationsklima
Eine neue Studie wehrt sich gegen das "Schreckbild einer gescheiterten Integration"

Dass die Integration der nach Deutschland Zugewanderten und ihrer Kinder besser hätte laufen können, bestreitet kaum ein Politiker. So lag die Arbeitslosigkeit 2008 unter Migranten bei zwölf Prozent und der Anteil der Migrantenkinder ohne jeden Bildungsabschluss stieg zwischen 2007 und 2008 von zehn auf 13 Prozent. Bei den Einheimischen waren es jeweils nur etwa sieben Prozent. Jugendliche mit Migrationshintergrund warten erheblich länger auf einen Ausbildungsplatz als einheimische Jugendliche, nämlich im Schnitt 17 Monate statt nur drei. Auch leben Migranten häufiger in Haushalten mit geringen Einkommen und unterliegen einem doppelt so hohen Armutsrisiko wie Einheimische. Fortschritte sind zwar in einigen Bereichen zu erkennen, etwa in dem leichten Anstieg der höheren Bildungsabschlüsse oder in dem deutlichen Rückgang der Kriminalitätsrate. Die Integration in Deutschland bleibt jedoch nach wie vor eine "Großbaustelle", wie es die Integrationsbeauftragte der deutschen Bundesregierung, Maria Böhmer, erst dieser Tage wieder formulierte. Zu einer ähnlichen Einschätzung war die Studie "Ungenutzte Potenziale" des Berlin-Instituts bereits im vergangenen Jahr gekommen.

Aber die Lage könnte auch deutlich schlechter sein, so das Fazit des Jahresgutachtens "Einwanderungsgesellschaft 2010" des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Dieser Rat, 2008 von acht deutschen Stiftungen gegründet, versteht sich als ein unabhängiges, wissenschaftliches Gremium, das migrations- und integrationspolitische Entwicklungen in Deutschland beobachtet und dazu Stellung bezieht.

Das Jahresgutachten ist die erste umfassende Studie des Sachverständigenrates. Sie liefert eine Fülle von Informationen über die gegenwärtige Situation der Integration im Einwanderungsland Deutschland. Dabei hebt sie vor allem die positiven Entwicklungen hervor. Die Studie besteht zum einen aus dem eigentlichem Gutachten, das die politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen und Entwicklungslinien der Migration nach und Integration in Deutschland aufzeigt. Gesellschaftliche Bereiche, in denen die Teilhabe für Menschen mit Migrationshintergrund besonders wichtig ist, analysiert das Gutachten genauer. Außerdem zeigt es das Entwicklungspotenzial und den Handlungsbedarf. Als empirische Grundlage seiner Einschätzung führt der Sachverständigenrat zum anderen das so genannte Integrationsbarometer ein, dessen Ergebnisse in einem gesonderten Kapitel ausführlich dargestellt werden.

So informativ das eigentliche Gutachten des Sachverständigenrats auch ist, die größte Aufmerksamkeit zieht das Integrationsbarometer auf sich. Dieses basiert auf einer Telefonumfrage unter über 5.500 Personen aus der Mehrheitsgesellschaft und der Gruppe der Zugewanderten. Es misst auf einer Skala von null (negativ) bis vier (positiv) die eigenen Erfahrungen und Erwartungen beider Gruppen in Sachen Integration, und zwar sowohl auf sich selbst bezogen als auch in Bezug auf die jeweils andere Gruppe. Zusätzlich werden die Ergebnisse nach Bildungsstand der Befragten, Einkommensklassen sowie Herkunftsgruppe der Zuwanderer und deren Zugehörigkeit zur ersten oder zweiten Migrantengeneration unterschieden. Thematisch berücksichtigt das Integrationsbarometer neben der allgemeinen Einschätzung der Integrationssituation und -politik die Bereiche Nachbarschaft, Arbeitsmarkt, soziale Beziehungen, Bildung und soziale Sicherung. Außerdem misst das Barometer das Vertrauen beziehungsweise Misstrauen zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund sowie zwischen den verschiedenen Zuwanderungsgruppen. Die Antworten auf die einzelnen Fragen liegen in einem Integrationsklima-Index zusammengefasst vor, der sowohl für die einzelnen Teilbereiche als auch auf die verschiedenen Herkunftsgruppen ausgewiesen wird. Dabei bedeutet ein Indexwert von null das denkbar schlechteste Ergebnis und ein Wert von vier das denkbar beste.

Wie zu erwarten war, liegt die Einschätzung zur Integration irgendwo in der Mitte. Die Autoren der Studie berechnen einen Integrationsklima-Indexwert von 2,77 für die Mehrheitsgesellschaft und von 2,93 für die Zuwanderer. Sie interpretieren dieses Ergebnis als in der Tendenz positiv. Die Einheimischen nehmen dabei das Integrationsklima leicht pessimistischer wahr als die Migranten, wenn diese es auch je nach Herkunft unterschiedlich bewerten. Aussiedler sowie Menschen mit einer Herkunft aus den Mitgliedsstaaten der EU-27, sonstigen europäischen Ländern sowie Afrika, Asien oder Lateinamerika schätzen das Integrationsklima am besten ein, nämlich mit einem Wert zwischen 2,97 und drei. Die Einschätzung der Menschen türkischer Herkunft dagegen liegt mit 2,75 sogar noch knapp unter dem Indexwert der Mehrheitsgesellschaft.

Zuwanderer zufrieden mit Integration?

Die meisten Zuwandergruppen schätzen die Lage ihrer Integration besser ein als die Mehrheitsgesellschaft. Das gilt für alle befragten Gruppen - mit Ausnahme der Türkischstämmigen. Unter ihnen befinden sich besonders viele Menschen mit einem geringen Bildungsniveau. Diese bewerten die Integrationssituation generell weniger optimistisch. Die einheimische Bevölkerung hingegen tendiert offenbar dazu, eher auf die Schwächen der Integration zu schauen, und übersieht dabei die positiven Beispiele.

Die Ursachen für die Unterschiede werden in der Studie kaum thematisiert, lassen sich jedoch aus den Ergebnissen der einzelnen Fragen des Barometers zum Teil ablesen. So berichten Menschen türkischer Herkunft von mehr Diskriminierungserfahrungen als Menschen anderer Herkunftsgruppen und fühlen sich in Deutschland im Vergleich auch am wenigsten wohl. Von der Mehrheitsgesellschaft wird ihnen dann im Gegenzug auch zusammen mit den Afrikanern und Osteuropäern das geringste Vertrauen entgegengebracht. Vor diesem Hintergrund erscheint es fast verwunderlich, dass Türkischstämmige der Mehrheitsgesellschaft fast ebenso stark wie der eigenen Herkunftsgruppe vertrauen - und damit deutlich mehr als allen anderen Migrantengruppen.

Im Bereich Bildung fördert das Integrationsbarometer noch ein anderes Paradox zu Tage. So schätzen sowohl die Mehrheitsgesellschaft als auch die Zuwanderer kulturelle Vielfalt im Bildungswesen tendenziell positiv ein und geben auch im Durchschnitt positive eigene Erfahrungen damit an. Ihre eigene Einschätzung weicht jedoch stark von ihrem tatsächlichen Verhalten ab. So fällt die Bereitschaft, die eigenen Kinder in Bildungseinrichtungen mit einer hohen kulturellen Durchmischung zu geben, bei allen Gruppen deutlich geringer aus als die Bewertung dieser Vielfalt. Je höher dabei das Einkommen eines Haushaltes ist, desto größer ist dieser Unterschied zwischen Einstellung und Verhalten - ein Paradox, dass der bekannten Benachteiligung im deutschen Bildungssystem von Kindern aus sozio-ökonomisch schwierigen Verhältnissen entspricht.

Insgesamt zeigen die weiterführenden Analysen der Barometerergebnisse, dass die Einschätzung zur Lage der Integration in Deutschland weniger zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund schwankt, als vielmehr zwischen den verschiedenen Bildungs- und Einkommensgruppen. Daraus leiten die Autoren eine stärkere gemeinsame Basis zwischen Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern ab, als gemeinhin angenommen wird - eine Interpretation, die in die Gesamtvorstellung einer positiven Integrationsentwicklung passt.

Bei aller Euphorie sind die Ergebnisse des Integrationsbarometers jedoch mit Vorsicht zu genießen. So fand die Erhebung ausschließlich in den Gebieten Rhein-Ruhr, Rhein-Main und Stuttgart statt. Die Autoren begründen diese Entscheidung damit, dass diese Ballungsräume stark von Zuwanderung geprägt und somit repräsentativ für Deutschland sind. Berlin bleibt unter Hinweis auf die besonderen Rahmenbedingungen der Zuwanderung und des Arbeitsmarkts ausgeklammert. Aber gerade Berlin mit seinen fast 900.000 Personen mit Migrationshintergrund und Stadtteilen, in denen Migranten nicht nur die Mehrheit bilden, sondern in denen erhebliche Integrationsprobleme bestehen und sich zum Teil parallelgesellschaftliche Strukturen herausbilden, prägt ganz maßgeblich die Debatte über Zuwanderung in Deutschland. Integrationserfolge wie -misserfolge der Hauptstadt sind somit entscheidend für die gesamtdeutsche Entwicklung. In diesem Zusammenhang verwundert es, dass die zur Auflockerung der Studie eingestreuten Bildergeschichten aus dem Alltag von Migranten in Deutschland ausgerechnet aus Berlin stammen. Unklar bleibt auch, ob Problembezirke wie Duisburg-Marxloh genauso berücksichtigt wurden wie besser gestellte Bezirke etwa in Frankfurt am Main. Informationen gibt es nur darüber, dass die Befragung sowohl in innerstädtischen Räumen als auch in Stadtrandgebieten und in ländlichen Räumen stattgefunden hat.

Darüber hinaus ist die Bewertungsskala des Integrationsbarometers von null bis vier sehr kurz gewählt. Die Ergebnisse des Klimaindexes schwanken daher nur um wenige Nachkommastellen und lassen eine differenzierte Deutung kaum zu. Zusätzlich werden die Werte des Integrationsbarometers in der Analyse zum Teil in Schulnoten übersetzt. Wer die Studie liest, muss somit an manchen Stellen sehr genau darauf achten, was denn nun mit welchem Wert gemeint ist.

Insgesamt muss man sich fragen, welchen Stellenwert der Integrationsklima-Index für politische Entscheidungen haben kann. So setzen sich die Ergebnisse des Integrationsbarometers nur aus subjektiven Einschätzungen aus der Bevölkerung zusammen. Diese sind zwar wichtig und fehlten bisher bei der Beurteilung der Integrationssituation in Deutschland. Sie können aber nicht über die harten Fakten der Integration wie die Unterschiede im Bildungsbereich und auf dem Arbeitsmarkt hinwegtäuschen. Deshalb erlauben die Ergebnisse des Integrationsbarometers auch keineswegs, wie die Studie behauptet, "Maßnahmen der Integrationspolitik eindeutig zu bewerten", sondern nur, deren Akzeptanz in der Bevölkerung zu messen.

Die harten Fakten der Integration werden in dem eigentlichen Jahresgutachten des Sachverständigenrats umfassend dargestellt und analysiert. Grundlage hierfür bilden Sekundäranalysen und eigene Berechnungen aus statistischen Datenbanken. Dieser Teil der Studie benennt dann auch deutlich die vielen Fehlentwicklungen der Vergangenheit und Gegenwart - wie zum Beispiel die Mängel des Optionsmodells zur Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft - und beschreibt Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Politik. Letztere bleiben jedoch sehr schwammig und werden nicht mit den Ergebnissen des Integrationsbarometers verknüpft.

Die Studie bietet insgesamt einen guten Überblick über das weite Feld der Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland. Der Versuch, die öffentliche Diskussion von den Defiziten zu den Erfolgen und Potenzialen zu lenken, ist auf jeden Fall ehrenwert. De facto beruht Integration - wie auch deren Einschätzung - jedoch auf konkreten Ergebnissen. Damit sie sich verbessern kann, bedarf es einer pointierteren Argumentation, als das Gutachten sie bietet. Auch der Handlungsbedarf bei konkreten Problemen sollte in Zukunft deutlicher herausgearbeitet werden.

Das Ziel, durch Leserfreundlichkeit insbesondere die Politik und die Öffentlichkeit zu erreichen, verfehlt die Studie. Den Text kennzeichnen in weiten Teilen lange Satzstrukturen und Fachsprache. Auch ist das Gutachten lang und sehr kleingliedrig aufgebaut. Vor allem fehlen knappe und informative Zusammenfassungen der Ergebnisse sowie Übersichten. Selbst die Kernbotschaften sind wenig eingängig formuliert und bleiben mehrheitlich abstrakt. Es bleibt den Leserinnen und Lesern überlassen, Ergebnisse, Stellungnahmen und Empfehlungen voneinander zu trennen und mit bereits Bekanntem zu einem Gesamtbild zur Lage der Integration zusammenzufügen. Das war allerdings auch schon vor dem Bericht des Sachverständigenrates der Fall.

Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Migration und Integration (SVR): Einwanderungsgesellschaft 2010. Jahresgutachten 2010 mit Integrationsbarometer. Berlin. 256 Seiten.

 

   
     
 

In eigener Sache
Neu im Online-Handbuch Demografie

"Roma in Europa"
von Gregor Grienig

Roma leben über den ganzen europäischen Kontinent verstreut. Die etwa neun Millionen Angehörigen dieser Bevölkerungsgruppe bilden hier die größte Minderheit. In vielen Ländern ähneln sich die Probleme der Roma: Weil sie oft nur einen geringen Bildungsstand besitzen und häufig arbeitslos sind, leben sie in prekären Verhältnissen und genießen nur ein niedriges soziales Ansehen. Ihre Lebensumstände sind vor allem in den ehemaligen Ostblockländern schwierig, in denen der Lebensstandard der Roma auf einem im Vergleich zu den übrigen Staaten noch niedrigeren Niveau liegt.

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