Facebook
Twitter
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wanderungsregion Westbalkan

Wanderungsregion Westbalkan

Die Asylmigration aus den Westbalkanstaaten ist jüngst deutlich zurückgegangen. Stellten binnen der ersten drei Monate des Jahres 2015 noch knapp 39.000 Personen aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien Neuanträge auf Asyl in Deutschland, waren es zwei Jahre später nur noch knapp 3.300. Zu diesem Rückgang um etwas mehr als 90 Prozent dürfte neben Änderungen im Asylrecht besonders die sogenannte Westbalkanregelung beigetragen haben, welche die Bundesregierung im Herbst 2015 auf den Weg gebracht hat. Mit ihr wurde ein Kanal geschaffen, der es auch niedrigqualifizierten Bewohnern der Balkanstaaten erleichtert, auf regulärem Wege nach Deutschland zu kommen und eine Arbeit aufzunehmen. Ersten Analysen zufolge scheint die Regelung vornehmlich von Menschen genutzt zu werden, die zuvor wenige Möglichkeiten hatten, über einen anderen Weg als die Asylmigration nach Deutschland zu gelangen.

Doch längst nicht alle Zuwanderer vom Westbalkan kommen als niedrigqualifizierte Arbeitnehmer oder Asylbewerber. Auch wenn die Asylmigration die öffentliche Wahrnehmung der Zuwanderung vom Westbalkan stark prägt, kam in den vergangenen Jahren – mit Ausnahme von 2015 – der überwiegende Anteil der Menschen über den Familiennachzug, ein Arbeitsvisum oder als Student nach Deutschland und verfügt damit über eine längerfristige Perspektive, im Land zu bleiben. Im Auftrag des Sektorvorhabens „Beschäftigungsförderung in der Entwicklungszusammenarbeit“ der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat sich das Berlin-Institut mit den Ursachen und Folgen der Wanderungsbewegungen auf dem Westbalkan beschäftigt. Die Ergebnisse sind nun unter dem Titel „Beschäftigung und Migration in der Region Westbalkan“ erschienen.

 

Von der Flucht- zur Erwerbsmigration

In den 1990er und frühen 2000er Jahren verließen hunderttausende Menschen aus den Westbalkanländern auf der Flucht vor Krieg und Gewalt ihre Heimatländer – die meisten von Ihnen in Richtung Europäischer Union und der Schweiz. Obwohl inzwischen Frieden eingekehrt ist, kommt die Abwanderung vom Westbalkan nicht zum Erliegen. Im Ergebnis leben heute rund 45 Prozent der albanischen, bosnischen und montenegrinischen Bevölkerung außer Landes, in Kosovo und Mazedonien sind es 30 Prozent, in Serbien knapp unter 20 Prozent. Anlass zur Migration bietet seit dem Ende der Konflikte vor allem die schlechte Situation auf den heimischen Arbeitsmärkten.

 

Verlorene Arbeitsplätze kommen nur langsam zurück

Entwicklung der Zahl der Beschäftigungsverhältnisse zwischen 2008 und 2015

(Datengrundlage: International Labour Organization)

Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise gingen auf dem Balkan Tausende von Jobs verloren. Davon waren die Länder allerdings unterschiedlich stark betroffen. Während die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse in Mazedonien sogar weiter wuchs, waren die Auswirkungen der Krise in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Montenegro und Serbien stark spürbar. Bislang ist es von diesen Ländern nur Montenegro gelungen, zum absoluten Beschäftigungsniveau des Jahres 2008 zurückzukehren. Für 2010 und 2015 liegen keine Daten für Albanien vor.

 

Tausende Menschen sind arbeitslos und sehen nur wenige Chancen, ihre Lebenssituation vor Ort zu verbessern. Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 hat die Lage in den Ländern nochmals verschärft. Davon betroffen ist vor die junge Bevölkerung. In jedem der sechs Balkanstaaten zählt mindestens ein Fünftel der 15- bis 24-Jährigen zu den sogenannten NEETs (Not in Employment, Education or Training) – also zur Gruppe derer, die weder in Ausbildung noch in Arbeit sind und damit weder theoretische Kenntnisse noch Berufserfahrung sammeln. Albanien führt die Liste mit knapp der Hälfte der 15- bis 24-Jährigen an. Ihre Aussichten auf einen Arbeitsplatz sind gering, der Anreiz zur Abwanderung ist dagegen groß.

Auch für hochqualifizierte junge Menschen gibt es kaum Chancen, aus ihren Fähigkeiten Kapital zu schlagen. Bereits bei Studienantritt streben viele eine spätere Beschäftigung im Ausland an. Sichtbar wird das daran, dass ein auffällig großer Studierendenanteil in den Gesundheitsberufen eingeschrieben ist. In der EU besteht ein besonders großer Mangel an Fachkräften in diesem Bereich.

 

Die Folgen der Abwanderung

Der Weggang der gut Ausgebildeten, der sogenannte Brain Drain, stellt die Herkunftsländer vor große Probleme. Bereits in den Jahren 2010/11 hatten 32 Prozent der mazedonischen und 39 Prozent der albanischen Hochqualifizierten das Land verlassen hatten. Im Falle Bosnien und Herzegowinas waren es sogar 43 Prozent. In Serbien (hier noch gemeinsam mit Montenegro und Kosovo betrachtet) lag die Quote laut OECD-Angaben bei 15 Prozent. Es mangelt deshalb allerorts an Fachkräften, um die Länder wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu machen.

Die Abwanderung vor allem junger Menschen trübt einerseits die Aussicht auf eine wirtschaftliche Erneuerung der Länder, andererseits trägt sie zu einem massiven demografischen Wandel bei. Denn wenn junge Menschen im Erwerbsalter das Land verlassen, fehlen sie als potenzielle Eltern und befördern sowohl den Bevölkerungsrückgang als auch die Alterung der Gesellschaft. Der Druck auf die Renten- und Gesundheitssysteme der Länder dürfte daher zukünftig deutlich zunehmen.

 

Junge Zuwanderer

Zusammensetzung der Zugänge in das Ausländerzentralregister der Bundesrepublik Deutschland aus Serbien und Zusammensetzung der serbischen Bevölkerung nach Geschlecht und Altersgruppen in Prozent, 2015

(Datengrundlage: Ausländerzentralregister der Bundesrepublik Deutschland, Eurostat)

Die Gruppe der serbischen Zuwanderer in Deutschland unterscheidet sich deutlich von der Bevölkerung im Heimatland. Die größte Altersgruppe unter den Migranten sind Menschen im jungen Erwerbsalter. In Serbien bilden die 55- bis 64-Jährigen mit knapp 15 Prozent der Gesamtbevölkerung die größte Altersgruppe. Die nachwachsenden Generationen werden demgegenüber immer kleiner.

 

Die Chancen der Migration

Migration sorgt nicht nur für Probleme in den Herkunftsländern, sondern sie bietet auch Chancen. Denn die abgewanderte Bevölkerung könnte eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung der Westbalkanländer übernehmen. Ihre Bereitschaft dazu gilt als groß. Viele Migranten überweisen Geld in die Heimat, um ihre Familien und Bekannten zu unterstützen. Hingegen investieren sie bisher kaum gezielt in die lokale Wirtschaft. Auch ein stärkerer Wissensaustausch, zum Beispiel zwischen Unternehmern in der Diaspora und Studenten in der Heimat, kann gewinnbringend sein. Ein Brain Drain ließe sich so in einen Brain Gain verwandeln. Dieses Potenzial ist lange kaum genutzt worden. Mittlerweile bemühen sich die Herkunftsstaaten zunehmend um eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Diaspora. Wäre diese Arbeit erfolgreich, können sie die großen Wanderungsverluste zumindest teilweise kompensieren.

 

Quellen: