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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Weniger Wachstum und die Folgen

Weniger Wachstum und die Folgen

Das Wirtschaftswachstum hat sich in den Industrienationen im langfristigen Trend stetig verlangsamt. Seit der globalen Finanzkrise sind die Wachstumsraten noch einmal weiter gesunken. Experten sprechen bereits von einer „säkularen Stagnation“, von einer sehr lange anhaltenden Wirtschaftsschwäche.

Um die Ökonomie wieder anzukurbeln, haben Regierungen und Zentralbanken in der Vergangenheit meist zu den klassischen Instrumenten der Konjunkturpolitik gegriffen: Die Regierungen haben sich Geld geliehen und die öffentlichen Ausgaben erhöht, sie haben Subventionen erfunden oder Steuern reduziert, um den Konsum zu fördern. Die Zentralbanken haben die Zinsen gesenkt und den Markt mit billigem Geld geflutet, um staatliche und private Investitionen zu erleichtern. Meist gelang es früher so, die Wirtschaft zurück auf den Wachstumspfad zu führen.

Doch in einer strukturell bedingten Schwäche wie einer säkularen Stagnation werden diese Instrumente stumpf. Die Folge: Die Schulden steigen, die alten Wachstumsraten kehren aber dennoch nicht zurück. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies in Japan, jenem Land, das die Financial Times als Weltmeister in Sachen säkularer Stagnation bezeichnet. Die expansive Fiskalpolitik Japans hat die Staatsverschuldung immer weiter ansteigen lassen – von 66 Prozent im Jahre 1990 bis heute auf knapp 240 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Trotzdem gelang es dem Land nicht, den Rückgang des Wirtschaftswachstums zu stoppen.

 

Staaten auf Pump

Klassischerweise haben Staaten zu wirtschaftlichen Krisenzeiten Schulden aufgenommen, um die Konjunktur mit Investitionsprogrammen zu beleben. Bei einer Erholung der Wirtschaft ließen sich die Schulden dann zurückzahlen. Doch seit der Finanzkrise steigen die Verbindlichkeiten in vielen Ländern deutlich schneller als die Wirtschaftskraft. Ein Trend, der sich in Japan bereits seit über zwei Jahrzehnten zeigt.

 

Weniger Wachstum und die Folgen

Auch wenn sich die meisten Menschen eher Wachstum als das Gegenteil wünschen, stellt sich die Frage, was denn eigentlich so schlimm wäre an einem schleichenden Ende des Wachstums in den früh entwickelten Industrienationen: Hieße das für die meisten Menschen, dass alles so bleibt, wie es ist? Nicht mehr und nicht weniger von allem? Auf dem heutigen, im weltweiten Vergleich sehr hohen Wohlstandsniveau wäre daran wenig auszusetzen.

Doch die Folgen der Stagnation sind komplex und wirken sich auf nahezu alle Lebensbereiche aus. In der Studie diskutiert das Berlin-Institut, was ein Ausklingen des Wirtschaftswachstums für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten könnte. Das größte Problem dabei ist, dass sich die weit entwickelten Staaten vom Wachstum abhängig gemacht haben. Sie brauchen es einerseits, um ihre in den letzten Jahren stark angestiegenen Schulden bedienen zu können und andererseits, um leistungsfähige Sozialsysteme für ihre alternden Gesellschaften zu erhalten. Selbst in Deutschland dürfte sich die aktuell gute Lage des Staatshaushaltes langfristig eintrüben. Denn der demografische Wandel lässt die Ausgaben für die Sozialsysteme deutlich ansteigen. Bleibt unter diesen Bedingungen das Wachstum schwach, muss der Staat die Steuer- und Beitragsätze erhöhen und seine verfügbaren Mittel stärker als bisher umverteilen oder seine Ausgaben kürzen.

Ebenso wie der Staat ist die moderne Wirtschaft auf Wachstum angewiesen. In einem wirtschaftlich schwächeren Umfeld dürften sich die Gewinnaussichten der Unternehmen insgesamt eintrüben. Erfahrungsgemäß investieren sie dann weniger Geld in neue Technologien. Modernisierungsschübe, die zumindest zeitweise eine neue wirtschaftliche Dynamik entfesseln können, würden seltener. Die betroffenen Volkswirtschaften verlören an Wettbewerbsfähigkeit. Die größte Gefahr einer Stagnation wären massive Jobverluste, denn bei einer schwachen wirtschaftlichen Entwicklung werden weniger Arbeitskräfte gebraucht.

 

Mehr Freiheit, mehr Wohlstand

Der „Freedom in the World 2017“ Index gilt als Messgröße für politische Rechte und bürgerliche Freiheiten. Ein hoher Wert deutet auf eine freie Gesellschaft hin. Je freier die Länder dabei bewertet werden, desto höher ist tendenziell auch das Pro-Kopf-Einkommen. Jedoch gibt es auch Ausnahmen. So erreichen die ölreichen Länder ein hohes BIP pro Kopf, obwohl ihre Gesellschaften selten frei oder demokratisch sind.

 

Wachsende Arbeitslosigkeit und eine erlahmende Wirtschaft könnten letztendlich auch die Demokratien vor eine ungewohnte Bewährungsprobe stellen. Diese Staatsform ist klassischerweise entstanden beziehungsweise sie hat sich stabilisiert, wenn sie kraft eines starken Wirtschaftswachstums den Wohlstand in der Breite verteilen konnte. Das Gegenteil, nämlich eine Stagnation mit erodierenden Einkommensmöglichkeiten und Sozialsystemen, haben die meisten Demokratien bisher noch nicht über längere Zeiträume erlebt. Ohne wirtschaftliches Wachstum könnten immer größere Kreise der Bevölkerung Einbußen erfahren und sich neuen politischen Kräften zuwenden, die eine vermeintliche Rückkehr zu jenen Zeiten versprechen, als das Wirtschaftswachstum noch selbstverständlich war. Politische Krisen oder der Aufstieg populistischer Kräfte würden wahrscheinlicher und die offene und freie Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, gefährden.

Die Studie "Was tun, wenn das Wachstum schwindet? Warum auf Staat, Bürger und Wirtschaft eine neue Normalität zukommen könnte" entstand in Zusammenarbeit und mit Förderung der Daimler und Benz Stiftung.

 

Die Studie ist unter folgendem Link erreichbar:

http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/was-tun-wenn-das-wachstum-schwindet.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60

Manuel Slupina, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, slupina[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 10 26 98