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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Das Wachstum schwindet – aber profitiert davon die Umwelt?

Das Wachstum schwindet – aber profitiert davon die Umwelt?

Nur noch wenige Wissenschaftler und Politiker ziehen in Zweifel, dass menschliche Aktivitäten für den zu beobachtenden Klimawandel verantwortlich sind. Steigende Temperaturen in den erdnahen Luftschichten und den Ozeanen, tauende Gletscher in den Alpen, auf Grönland oder in der Antarktis oder steigende Meeresspiegel sind untrügliche Anzeichen dafür, dass der Ausstoß von Treibhausgasen das Klima der Welt verändert. Hauptverantwortlich dafür ist das Kohlendioxid, jenes Abgas, das bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Erdöl, Erdgas oder Kohle entsteht und sich seit Jahrzehnten in der Atmosphäre anreichert.


Im Klimaübereinkommen von Paris aus dem Jahr 2015 hat die Weltgemeinschaft auf Basis dieser Erkenntnisse beschlossen, alles zu tun, um den globalen Temperaturanstieg auf maximal zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Das Problem ist, dass es bisher neben Absichtserklärungen wenig erkennbare Anzeichen dafür gibt, dass der Klimaschutz auch ausreichend und rechtzeitig umgesetzt wird. So haben die USA, der weltweit zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen den Rückzug aus dem Abkommen verkündet. In Deutschland, das sich lange als Vorreiter in Klimaschutz gefeiert hat, steigen die Emissionen in jüngster Vergangenheit sogar wieder an, anstatt wie in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie anvisiert, deutlich zu sinken. 

 

Immer mehr Treibhausgase

Kohle, Erdöl und Erdgas hinterlassen bei ihrer Verbrennung Kohlendioxid. Trotz aller Warnungen, vom Bericht an den Club of Rome bis zu vielfältigen Umweltkonferenzen und -verträgen, sind die CO2-Emissionen immer weiter gestiegen. Für den jüngsten Moment deutet sich allerdings ein Plateau an.

 

Lösen die Ingenieure das Problem?

Bisher herrscht in politischen Kreisen die Meinung vor, die globalen Umweltprobleme ließen sich mit technologischen Mitteln lösen: Regenerative Energien sollen die fossile Ära beenden, effizientere Produktionsverfahren Rohstoffe sparen und Recycling den Ausstoß von Müll und Schadstoffen reduzieren. Doch problematischerweise haben derartige Anstrengungen in der Vergangenheit nicht zu mehr Nachhaltigkeit geführt. Schuld daran war der sogenannte Rebound- oder Rückschlageffekt. Denn der technische Fortschritt liefert zwar ständig effizientere Geräte und Verfahren, etwa stromsparende Waschmaschinen oder Automotoren mit weniger Spritverbrauch. Weil aber in dem Wettbewerb der Unternehmen die Produkte nicht nur sparsamer, sondern auch billiger werden, kaufen die Menschen immer mehr davon, wodurch die Stückzahlen steigen und der Preis weiter sinkt. Ein gutes Beispiel sind die Mobiltelefone, die einst sündhaft teuer waren, heute aber so billig sind, dass davon mehr in Betrieb sind, als es Menschen auf Erden gibt.

 

Säkulare Stagnation

Wenn aber mehr Nachhaltigkeit allein durch Technologie und Effizienz kaum zu erreichen ist, könnte dann vielleicht ein sich weltweit abschwächendes Wirtschaftswachstum dabei helfen, den Schaden an der Umwelt zu minimieren? Schließlich bedeutet es einen geringeren Zuwachs an produzierten Gütern. Genau diese Wachstumsverlangsamung ist zumindest in den früh entwickelten Industriestaaten seit Jahren zu beobachten, wie das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der jüngst erschienenen Studie „Was tun, wenn das Wachstum schwindet?“ analysiert hat. Fachkreise diskutieren dieses Phänomen bereits als „säkulare Stagnation“. In Deutschland etwa hat sich das Wirtschaftswachstum seit den 1950er Jahren im Zehnjahresmittel von 8 auf 4 und mittlerweile auf deutlich weniger als 2 Prozent abgeschwächt. Andere Industrieländer der Europäischen Union oder Japan haben einen noch stärkeren Einbruch zu verzeichnen. Die Menge beziehungsweise der Wert der produzierten Güter und Dienstleistungen erhöht sich also längst nicht mehr in dem Tempo der Vergangenheit.

 

Rückläufiges Wirtschaftswachstum in der Europäischen Union


EU-weit hat sich das Bruttoinlandsprodukt seit der Finanzkrise 2007/08 nur wenig vom Fleck bewegt. Auch wenn das Wachstum jüngst wieder angezogen hat, liegt es im Mittel der letzten Jahre bei rund einem Prozent. Dies gilt als zu wenig, um ausreichend Arbeitsplätze zu schaffen und die Sozialsysteme zu finanzieren.



Verantwortlich dafür ist vor allem der demografische Wandel mit einem Ende des Bevölkerungswachstums und einer Alterung der Bevölkerung. Zudem gelten sinkende Produktivitätszuwächse, eine wachsende Einkommens- und Vermögensungleichheit in der Bevölkerung sowie zunehmende Umweltschäden als Hemmschuhe für das Wirtschaftswachstum. Hinter den Einbußen steht somit vor allem ein struktureller Wandel, der sich nicht mit den klassischen Methoden der Konjunkturpolitik, mit staatlichen Investitionen oder niedrigen Zinsen bekämpfen lässt. Deshalb ist auch nicht zu erwarten, dass sich der weltweite Abwärtstrend in den entwickelten Staaten wieder in einen anhaltenden Aufschwung umkehrt.


In der Vergangenheit haben schwere Rezessionen, wie die Ölkrisen oder die Finanzkrise zu weniger Nachfrage, weniger Produktion und weniger Rohstoffverbrauch geführt. Doch sie haben Energieverbrach und Emissionen stets nur für einen kurzen Moment nach unten gedrückt, weil es nur kurzfristige konjunkturelle Einbrüche waren. Danach gingen die alten Verbrauchskurven wieder auf ihr altes Niveau zurück. 


Schuld daran war zum einen der Markt. Denn mit rückläufiger Nachfrage nach Rohstoffen reduzieren sich auch deren Preise und der Verbrauch wird wieder attraktiver. So war in den USA nach der Finanzkrise der Spritverbrauch gesunken, weil die Menschen weniger Geld verdienten, aber er ging mit dem verbilligten Sprit rasch wieder in die Höhe. Zudem reagiert die Politik auf Wirtschaftseinbrüche oft mit konjunkturfördernden Programmen, die Umwelteffekte außer Acht lassen. Dann werden schon mal Projekte zum Energiesparen auf Eis gelegt, Subventionen für den Verbrauch von Kohle, Öl oder Erdgas gezahlt oder Abwrackprämien erfunden, mit denen die Besitzer von funktionsfähigen Autos zum Kauf eines Neuwagens verlockt werden sollen.


Weil die Politik auf die strukturell bedingte Wachstumsschwäche bislang genauso reagiert wie auf konjunkturelle Einbrüche provoziert sie somit fatale Umweltfolgen, verhilft dem Wachstum aber keineswegs auf die Sprünge. Unter anderem deshalb steigen die Staatschulden vor allem in jenen Ländern massiv, die versuchen Wachstum gegen den Trend zu erzwingen.


Um aus dem rückläufigen Wachstum auch eine ökologische Dividende schöpfen zu können, wären andere, auf mehr Nachhaltigkeit ausgerichtete, staatliche Interventionen nötig. Erst wenn die Regierungsverantwortlichen akzeptieren würden, dass ein strukturell bedingter Rückgang des Wirtschaftswachstums schwerlich aufzuhalten ist, könnten sie auch ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik umstellen. Sie müssten das Wachstum auf jene Bereiche lenken, die nachweislich zu einer Verbesserung der Umweltlage beitragen, umweltschädliche Bereiche, Güter und Produktionsverfahren aber gleichzeitig mit Abgaben belasten. Sie müssten das Verschwinden von überkommenen Technologien und Industrien im Sinne einer schöpferischen Zerstörung befördern anstatt aufzuhalten. Letzteres war beispielsweise lange bei der Förderung der Steinkohleindustrie in Deutschland der Fall. Die Subventionen in dreistelliger Milliardenhöhe konnten langfristig nicht das Ende der Kohleförderung verhindern. Aber sie haben Deutschlands Emissionen zu lange auf hohem Niveau gehalten und gleichzeitig die Entwicklung einer emissionsarmen Energieversorgung behindert. Die Chance, die Interessen von Ökonomie und Ökologie zu versöhnen, wurden damit unnötigerweise vergeben.


Mehr zu den Fragen des strukturell bedingten Rückgangs des Wirtschaftswachstums in den weit entwickelten Staaten finden Sie in der Studie: „Was tun, wenn das Wachstum schwindet. Warum auf Staat Bürger und Wirtschaft eine neue Normalität zukommen könnte“.