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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Stabilität nur mit Zuwanderung

Stabilität nur mit Zuwanderung

Im Jahr 2015 starben in den 28 Ländern der EU erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen als geboren wurden. Der Trend für die kommenden Jahrzehnte ist damit vorgegeben. Denn bis zum Ende der aktuellsten Vorausberechnungen im Jahr 2080 dürfte es kein einziges Jahr mehr geben, in dem die Nachwuchszahlen ausreichen, um die Zahl der Sterbefälle aufzuwiegen – obwohl Forscher mit langfristig steigenden Geburtenziffern rechnen.

Trotzdem wird die EU aller Voraussicht nach vorerst weiterwachsen – von derzeit 510 Millionen Einwohner auf knapp 529 Millionen zur Mitte des Jahrhunderts. Erst dann wird ein leichter Rückgang erwartet. Dass dies so ist, liegt einzig und allein an Zuwanderung. Die Bevölkerungsforscher gehen nämlich davon aus, dass die EU langfristig Menschen aus anderen Weltregionen anziehen kann. Zur Mitte des Jahrhunderts rechnen sie damit, dass jeder der 28 EU-Mitgliedsstaaten ebenso wie Island, Norwegen und die Schweiz Wanderungsüberschüsse erzielen wird – dass also mehr Menschen zu- als abwandern. Diese Zuwanderung wird notgedrungen aus Nicht-EU-Ländern und größtenteils aus nicht-europäischen Ländern kommen müssen.

 

Ost-West-Wanderungen

EU-weite Bevölkerungszahlen und -vorausschätzungen überdecken erhebliche regionale Unterschiede. Denn schon heute schrumpfen insbesondere ländliche Regionen in Zentral-, Ost- und Südeuropa. Dort liegen die Kinderzahlen niedrig und die Restbevölkerung ist bereits deutlich gealtert. Vielerorts führt Abwanderung zu weiteren Verlusten. Im Gegensatz dazu finden sich die demografischen Boom-Regionen vor allem dort, wo die Geburtenziffern bei annähernd zwei Kindern je Frau liegen, also in Skandinavien, Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder Irland, sowie dort, wo Zuwanderung Sterbeüberschüsse ausgleicht – vor allem in dicht besiedelten Metropolregionen. Aktuell deutet wenig darauf hin, dass sich die Schere zwischen demografischen Gewinner- und Verliererregionen künftig wieder schließen könnte.

 

Diverses Europa

Als Ganzes dürfte die EU bis 2060 leicht an Einwohnern zulegen. Doch unter den Ländern zeigen sich erhebliche Unterschiede. So dürften viele Länder im Norden um im Westen des Kontinents auf absehbare Zeit wachsen. Im Osten und im Süden Europas leiden die Länder dagegen einerseits unter Abwanderung und andererseits unter niedrigen Kinderzahlen. Die stärksten Verluste drohen bis Mitte des Jahrhunderts den baltischen Staaten Lettland und Litauen.

 

Dass Europa demografisch immer stärker gespalten ist, hängt auch mit dem Wohlstandsgefälle zwischen den „alten“ EU-Mitgliedstaaten und den „neuen“ Mitgliedern zusammen. Seit Jahren verlassen vor allem junge Menschen die östlichen Staaten Bulgarien, Rumänien oder Polen und suchen in Deutschland, dem Vereinigten Königreich und anderswo ein neues Zuhause – zumindest vorübergehend. Daneben hat die Wirtschaftskrise, von der sich große Teile Südeuropas bis heute nicht erholt haben, eine neue Süd-Nord-Wanderung in Europa ausgelöst.

Derlei Wanderungen sind im Rahmen der europäischen Personenfreizügigkeit und des gemeinsamen Binnenmarktes explizit erwünscht. Die Menschen sollen dorthin gehen, wo sie für sich die besten Perspektiven sehen. Bislang tun sie dies im Vergleich zu anderen gemeinsamen Wanderungsräumen wie den USA sogar wenig. Doch die innereuropäischen Wanderungen bergen auch Gefahren. So fürchten viele Menschen im wohlhabenderen Teil Europas, dass gerade Zuwanderer aus ärmeren EU-Staaten als „Sozialtouristen“ nach Westeuropa kommen. Auch Ängste davor, dass Zuwanderer das Lohnniveau senken, sind weit verbreitet. In der Realität ist all dies bislang nicht in nennenswertem Ausmaß geschehen. Langfristig könnten eher die Herkunftsländer der Migranten unter der Abwanderung leiden: Sie verlieren viele gut qualifizierte Arbeitskräfte, die sie gerade bei der Modernisierung der Gesellschaften und dem angestrebten Aufholprozess gegenüber den wirtschaftsstarken EU-Ländern brauchen.

 

Integration verbesserungswürdig

Noch gespaltener als bei der Zuwanderung von Menschen aus anderen EU-Staaten sind die Bevölkerungen Europas hinsichtlich Migration von außerhalb Europas. Dies hat die Flüchtlingszuwanderung der vergangenen Jahre einmal mehr verdeutlicht. Insbesondere im Osten des Kontinents lehnen viele Menschen mehr Zuwanderung ab. Größere Offenheit bringen die Menschen in Skandinavien und Deutschland mit. Doch auch hier betrifft dies keinesfalls die gesamte Einwohnerschaft. Grundsätzlich zeigt sich bei den Einstellungen zu Migration das bekannte Schema, dass die Ressentiments dort am größten sind, wo am wenigsten Migranten leben.

 

Multikulti nur in Westeuropa

In vielen europäischen Staaten ist etwa jeder fünfte Einwohner im Ausland zur Welt gekommen. Den höchsten Migrantenanteil unter den Flächenstaaten verzeichnet die Schweiz. Im Osten des Kontinents leben dagegen historisch bedingt nur wenige Einwanderer. Gleichzeitig sind hier die Ressentiments gegenüber Zuwanderern am größten.

 

Dabei benötigen gerade diese Länder langfristig Zuwanderer, wenn sie ihre Wirtschaftskraft erhalten oder gar ausbauen wollen. In Tschechien herrscht schon heute annähernd Vollbeschäftigung, wodurch es für Arbeitgeber immer schwieriger wird, geeignetes Personal zu finden. Damit Zuwanderung auch ökonomisch zum Erfolg wird, kommt es vor allem darauf an, für eine reibungslose Integration in den Arbeitsmarkt zu sorgen. Dies ist den Staaten Europas in der Vergangenheit nicht sonderlich gut gelungen. Fast überall liegt die Arbeitslosigkeit unter Zugezogenen höher als unter Einheimischen. Gerade in den westeuropäischen Staaten, die schon Mitte des 20. Jahrhunderts auf angeworbene Arbeitskräfte setzten, ist das Missverhältnis frappierend. In Schweden und Norwegen sind Migranten statistisch mehr als dreimal so oft arbeitslos als Einheimische; nicht viel besser sieht es in der Schweiz, Belgien und Luxemburg aus.

Die Studie "Europas demografische Zukunft. Wie sich die Regionen nach einem Jahrzehnt der Krisen entwickeln" entstand mit Förderung des GfK Vereins. Zusätzliche Unterstützung erfolgte durch das Kai Drabe Family Office Berlin. 

 

Die Studie ist unter folgendem Link erreichbar:
http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/europas-demografische-zukunft.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Stephan Sievert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, sievert(at)berlin-institut.org, Tel. 030-31 10 26 98

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz(at)berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60