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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Education first!

Education first!

Es wird allerhöchste Zeit, für flächendeckende Bildung auf der Welt zu sorgen. Dies mahnen der Wiener Demograf und Leiter des Weltbevölkerungsprogramms am Internationalen Institut für Systemanalysen (IIASA) Wolfgang Lutz und Reiner Klingholz, der Leiter des Berlin-Instituts, in ihrem Buch „Wer überlebt? Bildung entscheidet über die Zukunft der Menschheit“ (2016) an. Dieses Buch ist jetzt in der englischen Übersetzung unter dem Titel „Education First! From Martin Luther to Sustainable Development“ erschienen.


Dass Bildung tatsächlich eine Überlebensfrage ist, zeigen die Autoren an vielen Beispielen. Denn erfolgreich, gut versorgt und abgesichert sind die Menschen dort auf der Welt, wo sie Kraft einer für alle zugänglichen Bildung ihre eigene Berufskarriere und den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Heimatländer vorantreiben können. Wo hingegen Hunger und Verteilungskonflikte an der Tagesordnung sind, wo Frauen schwer diskriminiert werden und sich religiöser Fanatismus ausbreitet, herrscht meist ein eklatanter Mangel an Bildung und Bildungschancen. Bildung wirkt sich nicht nur positiv auf das Lebenseinkommen aus, auf die Gesundheit und die Lebenszufriedenheit, sondern auch auf die Demokratisierung ganzer Staaten und auf die Möglichkeit, Umweltgefahren zu widerstehen.


Insbesondere in den Staaten südlich der Sahara, im Nahen Osten und in einigen Teilen Asiens bleibt der Zugang zu einer ausreichenden Bildung vielen verwehrt – mit fatalen Folgen für die dort lebenden Menschen, für die Nationen aber auch für die ganze Welt. Diese Menschen können ihren Entwicklungsrückstand zum Rest der Welt nicht aufholen und bleiben in einem Kreislauf von Unterentwicklung, Armut und hohem Bevölkerungswachstum gefangen. Denn Bildung für Mädchen und Frauen hat einen massiven Einfluss auf die Frage, wie viele Kinder diese Frauen bekommen. So haben beispielsweise in Äthiopien Frauen mit Sekundarabschluss im Schnitt 1,4 Kinder, ohne Schulbesuch aber 5. Ähnliche Unterschiede gelten in allen wenig entwickelten Ländern. Weil fast zwei Drittel aller Analphabeten auf der Welt weiblich sind, bedeutet die Diskriminierung von Mädchen und Frauen „vermutlich das größte Entwicklungshemmnis der Menschheit“, wie die Autoren schreiben.


Der Titel der englischen Fassung des Bildungsbuches namens „Education First!“ geht bewusst auf dieses Problem ein. Anders als der neue amerikanische Präsident mit seinem Leitziel „America First“ sind die Autoren der Ansicht, dass nicht nationale Interessen über den Wohlstand einzelner Nationen und den Weg zu einer friedlichen und nachhaltigen Entwicklung entscheiden, sondern die Menschen aller Länder mit ihrem Bildungskapital.


Welchen Effekt eine Breitenbildung haben kann, verdeutlicht auch der Untertitel der englischen Ausgabe „From Martin Luther to Sustainable Development“. Denn es war vor einem halben Jahrtausend der Reformator Martin Luther, der sich als erster Mensch der Weltgeschichte für die Alphabetisierung der breiten Bevölkerungsschichten stark gemacht hatte. Luther wollte damit erreichen, dass alle Menschen die von ihm übersetzte Heilige Schrift lesen konnten, damit sie sich einen persönlichen Zugang zu Heil verschaffen konnten – und nicht über das Monopol der Kirche, wie es damals üblich war. Ein, von Luther vermutlich gar nicht beabsichtigter, Nebeneffekt der Bildungsrevolution war der Aufstieg der protestantisch geprägten Länder Preußen, Schweiz, Niederlande, Großbritannien und der Vereinigten Staaten gegenüber jenen Regionen der Welt, die den Wert der Breitenbildung erst später erkannt hatten. Die lang anhaltende Vorherrschaft des Westens gründet damit im Wesentlichen auf frühen Investitionen in Bildung, schreiben die Autoren Lutz und Klingholz.


Das Buch ist auf Deutsch im Campus Verlag erschienen. Die englische Version hat Sun Media aus Südafrika verlegt. Es ist erhältlich unter http://www.africansunmedia.co.za/Sun-e-Shop.aspx.