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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Schlechte Aussichten in Südeuropa

Schlechte Aussichten in Südeuropa

Fast jeder achte 15- bis 24-Jährige in der EU ist weder erwerbstätig noch studiert er, noch besucht er eine Schule oder macht eine Ausbildung. Die europäische Statistikbehörde Eurostat bezeichnet diese jungen Menschen als „Neets“. Die englische Abkürzung steht für „not in education, employment or training“. Angehörige dieser Kategorie erwartet eine unsichere Zukunft. Denn wer schlecht in den Arbeitsmarkt startet, der wird auch auf lange Sicht eher von Arbeitslosigkeit und prekären Jobs betroffen sein. Darüber hinaus gründen Menschen mit einer löchrigen Erwerbsbiografie seltener Familien und sind im Alter öfter arm. Selbst in puncto Lebenserwartung müssen gering oder gar nicht Ausgebildete Abstriche machen. Während Akademiker Jahr für Jahr länger leben, verharrt die mittlere Lebenserwartung Geringqualifizierter auf konstantem und deutlich niedrigerem Niveau. 

Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, rief die Europäische Kommission 2013 die sogenannte Jugendgarantie ins Leben. Dahinter verbirgt sich eine Initiative aller EU-Mitgliedsstaaten, in der sie sich verpflichteten, allen arbeitslosen Jugendlichen eine Ausbildung oder ein vergleichbares Bildungsprogramm anzubieten. Die „Neet-Quote“ ist seitdem allerdings nur minimal von 13 auf 12 Prozent zurückgegangen. Und auch dies dürfte vor allem mit der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung zu tun haben. 

 

Europa – Kontinent der Gegensätze

Der EU-weite Anteil von 12 Prozent täuscht über erhebliche regionale Unterschiede hinweg: Während Deutschland, Schweden, Dänemark und die Niederlande vergleichsweise gut abschneiden – zum Teil sind hier deutlich weniger als acht Prozent von Perspektivlosigkeit betroffen – stehen vor allem der Süden und Südosten des Kontinents vor immensen Herausforderungen. Traurige Spitzenreiter sind Italien, Bulgarien und Kroatien. Zwischen Palermo und den Alpen sehen die Perspektiven für die Jüngeren am schwärzesten aus. Hier blicken mehr als 21 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen einer unsicheren Zukunft entgegen.

Die jüngste Wirtschaftskrise hat die Ungleichgewichte in der EU nur weiter befeuert. Deutschland gelang das Kunststück, selbst in den Hochzeiten der Krise seine Zahlen an Neets konstant zu halten und in den letzten Jahren sogar deutlich zu drosseln – auf lediglich 6,2 Prozent im Jahr 2015. Umgekehrt verlief die Entwicklung in Italien. Dort lag das Vorkrisenniveau bei 16,1 Prozent, stieg dann auf 22,2 Prozent im Jahr 2013 und sinkt erst seitdem minimal. 

 

Europa: Mehr Neets im Süden als im Norden
Neet-Raten 2015


Die Neet-Quote umfasst alle Menschen zwischen 15 und 24 Jahren, die weder in einem Arbeitsverhältnis stehen, noch studieren, noch eine Ausbildung oder berufliche Weiterbildung machen. Der Indikator eignet sich, um Zukunftschancen junger Menschen zu beleuchten. Dabei fällt auf: Vor allem in südlichen und südöstlichen Gebieten der Europäischen Union leben verhältnismäßig viele Menschen, die Gefahr laufen, langfristig abgehängt zu werden. Unter den Neets sind einige soziale Gruppen überproportional vertreten. So sind junge Mütter, Menschen mit geringen Sprachkenntnissen, junge Menschen aus einem bildungsfernen Elternhaus, Schulabbrecher, chronisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung besonders gefährdet, den Einstieg in ein unabhängiges Leben zu verpassen. (Datengrundlage: Eurostat)

 

Auf den Nachwuchs kommt es an


Das Berlin-Institut hat in einer kürzlich veröffentlichten Studie die demografische Entwicklung der europäischen Regionen analysiert. Das Ergebnis: Gerade südliche und südöstliche Gebiete stehen schon in naher Zukunft vor der großen Aufgabe, trotz stark alternden und schrumpfenden Bevölkerungen ihre Wirtschaft auf Kurs zu bringen. Dies sind aber oft die Gebiete mit einem hohen Neet-Anteil. Deshalb wäre es dort umso wichtiger, den Nachwuchs zu qualifizieren und beim Übergang ins Erwerbsleben adäquat zu unterstützen. Italien, dem Land mit der höchsten Neet-Rate, bescheinigt die Studie überdies ein unterdurchschnittliches Produktivitätswachstum. Die ökonomischen Kosten der Alterung werden hier bislang nicht dadurch wettgemacht, dass die Erwerbstätigen ihre Leistung steigern. Als ein Grund für die lahmende Produktivität gilt die wenig praxisnahe Ausbildung in Italien. Darüber hinaus sind die Schulabbrecherzahlen hoch und die Ergebnisse der Pisa-Studien schlecht. Auch Akademiker gibt es kaum: Unter den 25-bis 64-jährigen Italienern haben nur 18 Prozent eine Hochschule abgeschlossen. Dieser Wert wird in der EU nur von Rumänien unterboten. Dass der Bildung bislang ein zu geringer Stellenwert zugemessen wird, verdeutlicht am besten die Ausgabenstatistik. So investiert Italien als ältestes Land Europas nur rund vier Prozent seiner Wirtschaftsleistung in die Bildung seiner Jugend. In den deutlich jüngeren nordeuropäischen Staaten liegen die Quoten teilweise bei über sieben Prozent. 

Neben dem maroden Bildungssystem stand lange Zeit auch die rigide Arbeitsmarktgesetzgebung den Zukunftsperspektiven der Jugend im Weg. So sorgte ein strenger Kündigungsschutz dafür, dass Ältere einen sicheren Job hatten, aber junge Menschen vor allem befristete Arbeitsverträge erhielten und häufig den Job wechseln mussten. Die Zeit zwischen zwei Anstellungen überbrückten viele mit Arbeitslosigkeit. Humankapital, vor allem in Form von berufsspezifischem Wissen, sammelten sie so selten. Für Entlastung sorgten die Arbeitsmarktreformen des ehemaligen Ministerpräsidenten Matteo Renzi im Jahr 2014. Die neuen Gesetze lockerten den Kündigungsschutz und bewirkten, dass im ersten Monat nach der Verabschiedung fast doppelt so viele Langzeitverträge abgeschlossen wurden, wie im gleichen Monat des Vorjahrs. Für Einige kam das Gesetzespaket jedoch zu spät: Sie wandten sich in der Zwischenzeit vom Arbeitsmarkt ab und finden sich heute zum Teil immer noch in der Neet- und in der Langzeitarbeitslosenstatistik wieder.  

 

Die OECD gibt Antworten

Die OECD widmete den Neets 2016 eine große Studie. Dabei kam heraus: Zwei Drittel von ihnen reichen die „innere Kündigung“ von der Arbeitswelt bereits vor ihrer ersten Festanstellung ein. Den Schaden, der so für die Volkswirtschaften entsteht, beziffern die Wissenschaftler auf 360 bis 605 Milliarden US-Dollar im Jahr. Ein Weg, die Anzahl an Neets zu reduzieren, liegt laut OECD darin, die Zahl der Schulabbrecher zu verringern. So verschwinden in Europa zusehends Tätigkeiten, die auch für ungelerntes Personal geeignet sind. Ein fehlender Schulabschluss ist daher einer der Hauptgründe, warum Menschen weder eine Ausbildung noch eine Arbeit finden. Davon abgesehen empfehlen die Experten der OECD, betriebliche Ausbildungssysteme schulischen vorzuziehen. So sei ein weicherer Übergang von Schule zu Ausbildung möglich und Lehrlinge würden auf die häufig sehr spezifischen Tätigkeiten im Betrieb vorbereitet. 

 

Quellen

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017). Europas demografische Zukunft. Wie sich die Regionen nach einem Jahrzehnt der Krise entwickeln. Berlin.

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017). Hohes Alter, aber nicht für alle. Wie sich die soziale Spaltung auf die Lebenserwartung auswirkt. Berlin.

Eurostat (2017). Online-Datenbank. Luxemburg.

Ichino, P. (2016). Last Labour Reforms in Italy. Cesifo dice Report, 14(3), S.52-58.

Marelli, E.; Signorelli, M. (2017). Young People in Crisis Times: Comparative Evidence and Policies. https://www.cesifo-group.de/de/ifoHome/publications/journals/CESifo-Forum.html (22.09.2017).

OECD  (2016). Society at a Glance 2016: OECD Social Indicators. Paris. Cesifo Forum, 2017(02), S.19-25. http://www.oecd.org/social/society-at-a-glance-19991290.htm (22.09.2017).