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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Risiko Lebensmittelimporte

Risiko Lebensmittelimporte

Lebensmittelimporte dienen der Ernährungssicherheit. Insgesamt sind etwa 1,4 Milliarden Personen weltweit unmittelbar von Lebensmittelimporten abhängig. Dies gilt vor allem für die ärmeren Länder. In Palau oder Jemen entspricht der Wert dieser Einfuhren mehr als 15 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung. Auch in der Karibik sichern Lebensmittelimporte das Überleben vieler Menschen. Anderswo, vor allem in wohlhabenderen Ländern, führt die Einfuhr von Nahrungsmitteln lediglich zu einer größeren Palette an Produkten. Deshalb gibt es in Deutschland auch im Winter Himbeeren und Spargel.

 

Zahlreiche Risiken

Gerade für ärmere Länder ist die Einfuhr von Lebensmitteln aber auch mit Risiken verbunden. Ihre Kehrseite sind die hohen Kosten bei gleichzeitiger Abhängigkeit von den Importen. Dazu kommt, dass die Waren den Preisschwankungen des Weltmarktes unterliegen, die bei Lebensmitteln besonders groß ausfallen, und so die Kosten für die Zukunft kaum kalkulierbar machen. Bei Wirtschaftskrisen, die auch die Lebensmittelpreise nach oben schnellen lassen, stehen viele Staaten vor großen Problemen.

 

Ein teures Ungleichgewicht

Viele Staaten müssen große Teile ihres Haushaltes für den Import von Lebensmittel aufwenden. Dies kann zu Abhängigkeiten führen und ist besonders dann gefährlich, wenn der Einfuhr keine Ausfuhren entgegenstehen. Dies ist in den Ländern oberhalb der diagonalen Linie der Fall. Besonders eklatant ist das Missverhältnis in Jemen und Palau. Generell fällt auf, dass die am meisten von Lebensmittelimporten abhängigen Staaten Entwicklungsländer sind – viele von ihnen Inseln oder Inselgruppen. Viele dieser Staaten verzeichnen außerdem ein hohes Bevölkerungswachstum, was die Nachfrage nach Nahrungsmitteln weiter wachsen lässt. (Datengrundlage: World Bank Open Data)

 

Oftmals werden durch die Importe auch die lokale Produktion und nationale Märkte bedrängt. Der Wettbewerb, dem einheimische Bauern oft nicht standhalten können, führt vielfach zu Arbeitslosigkeit. Vor allem ländliche Regionen sind betroffen. Dies kann im Extremfall zu einer permanenten Verdrängung der lokalen Agrarproduktion führen und ist gerade dann gefährlich, wenn gleichzeitig keine neuen Jobs in anderen Wirtschaftszweigen entstehen. 

Ein eher unbekanntes Problem, das vor allem mit dem Import von Fertigprodukten zu tun hat, ist die Zunahme von Ernährungsstörungen. Der vermehrte Verzehr von Gerichten mit hohem Gehalt an tierischen Fetten, Zucker und Salz verstärkt die Gefahr von Adipositas, von krankhafter Fettsucht. Dies ist gerade in jenen Ländern eine Gefahr, in denen der Anteil der Übergewichtigen ohnehin hoch liegt.

Caricom, ein Zusammenschluss überwiegend karibischer Staaten, geht davon aus, dass 2011 von allen Mitgliedsstaaten etwa 25 Prozent der Männer übergewichtig waren. Bei den Frauen ist das Problem sogar noch größer. Während in den 1970er Jahren lediglich 20 Prozent der Frauen an Adipositas litten, waren es 2011 bereits über 50 Prozent. Extremes Übergewicht erhöht das Risiko vorzeitig zu sterben. Warum Menschen aus ärmeren und bildungsfernen Bevölkerungsschichten stärker davon betroffen sind, erklärt das Berlin-Institut in seiner im Juni veröffentlichten Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle“.

Schließlich ist der Transport von Nahrungsmitteln über den Globus auch mit ökologischen Risiken verbunden. Der zusätzliche Ausstoß von Kohlenstoffdioxid befeuert den Klimawandel. Vielerorts wäre es deshalb sinnvoll, lokale Produzenten zu stärken. Doch auch dies gilt nicht immer, wie das Beispiel Saudi-Arabien verdeutlicht. Um die Importabhängigkeit zu verringern und gleichzeitig die Nahrungsversorgung zu sichern, lancierte das arabische Land ein ambitioniertes Wüsten-Projekt zum Anbau von Getreide. Damit stieg das aride Land kurzzeitig zum weltweit sechstgrößten Produzenten von Weizen auf. Möglich wurde der Anbau allerdings nur, weil die Bauern fossiles Grundwasser einsetzen konnten, ein Rohstoff, der sich erst in Jahrhundertausenden wieder regeneriert. Entsprechend teuer war die Produktion – mit 500 US-Dollar pro Tonne etwa 380 US-Dollar über dem Weltmarktpreis. Zudem führte das Projekt zu starker Degradation und zur Versalzung der Böden, so dass Saudi-Arabien die Getreideproduktion nach herben Verlusten wieder weitgehend eingestellt hat.

Ganz andere Probleme hat das Bürgerkriegsland Jemen. Dort ist es schwieriger geworden, Nahrungsmittel zu importieren. Infolgedessen verzehren die Menschen vermehrt minderwertige oder gar verdorbene Lebensmittel. Diese lassen sich darüber hinaus kaum waschen, weil es nicht genügend sauberes Trinkwasser gibt. All dies hat dazu geführt, dass Cholera sich zu einer Epidemie ausgebreitet hat, welche die UN als „das größte humanitäre Desaster der Gegenwart“ bezeichnet. Aktuell sollen laut dem Kinderhilfswerk Unicef mehr als 300.000 Menschen im Jemen von der Erkrankung betroffen sein.

 

Die Krise lässt die Wirtschaft erlahmen

Das Bruttoinlandsprodukt und die Ausgaben für Lebensmittelimporte stiegen im Jemen bis 2014 mehr oder weniger einheitlich an. Einen Unterschied in der Entwicklung gab es erst 2015. Während die Ausgaben für die Lebensmittelimporte weiter zunahmen, verlor das Bruttoinlandsprodukt bedingt durch den Krieg und die Vertreibung erstmals seit 2009 wieder an Wert. Mittlerweile muss, auch wegen der großflächigen Zerstörung im Land, ein immer größerer Teil der Wirtschaftsleistung für die Versorgung der Bevölkerung aufgewendet werden. (Datengrundlage: World Bank Open Data)

 

Projekte, die Besserung versprechen

Lebensmittelimporte sind in einer globalisierten Welt nicht mehr wegzudenken. Um die ökologischen und ökonomischen Folgen dieses Handels zu minimieren, wäre eine nachhaltige Selbstversorgung vielerorts der bessere Weg. Einige Projekte verdeutlichen, wie dies gelingen könnte:

So reagiert etwa die Landwirtschaftsabteilung der Vereinten Nationen (FAO) auf die anhaltenden Versorgungsprobleme im Jemen mit verschiedenen Hilfsprojekten, welche 2016 mit insgesamt 25 Millionen US-Dollar finanziert wurden. Die FAO versucht, mit einheimischen Frauen zusammenzuarbeiten und sie beim Bestellen von Feldern und der Zucht von Hühnern zu unterstützen. Dafür stellt die FAO Saatgut, Werkzeuge und auch Tiere zur Verfügung.

Die aktuelle Versorgungsnot im Jemen hängt auch mit dem Mangel an Treibstoff zusammen, der nötig ist, um Pumpen in der Landwirtschaft zu betreiben. Jetzt sollen solarbetriebene Pumpen die Abhängigkeit vom Öl in der Landwirtschaft reduzieren. Nutztiere sollen mit Impfungen und geeignetem Futter vor Infektionen und ansteckenden Krankheiten bewahrt werden. Finanzielle Unterstützung geht auch an die vom letzten Zyklon betroffenen arbeitslosen Fischer, die neue Fangausrüstungen erhalten.

Eine andere Strategie verfolgt die FAO im Karibikraum. Hier soll eine Verbesserung der heimischen Nahrungsmittelproduktion zur Bekämpfung einer falschen Ernährung beitragen. Dafür will die FAO die Kulturpflanze Maniok wieder stärker in die Landwirtschaft einbinden. Maniok soll als gesünderes Mehl für die Brotherstellung zum Einsatz kommen und als Futtermittel die Kosten der Bauern senken.

 

Quellen

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017): Hohes Alter, aber nicht für alle. Wie sich die soziale Spaltung auf die Lebenserwartung auswirkt. Berlin.

Bischoff, Jürgen (2007): Der große grüne Irrtum. Geo.de

Breisinger, Clemens et. al. (2011): Impacts of the Triple Global Crisis on Growth and Poverty. The Case of Yemen. In: Development Policy Review 29 (2), S. 155–184.

CARICOM (2017): Who we are —Caribbean Community (CARICOM).

FAO (2003): Trade and agriculture. Subsidies, food imports and tariffs key issues for developing countries.

FAO (2013): CARICOM Food Import Bill, Food Security and Nutrition. Issue Brief 5.

FAO (2016): FAO warns of rapidly deteriorating food security in Yemen.

Gehlen, Martin (2017): Krieg und Cholera. Für die UN spielt sich im Jemen das „größte humanitäre Desaster der Gegenwart“ ab. In: Frankfurter Rundschau 73, 30.06.2017 (149), S. 8.

Massholder, Frank (2017): Saisonkalender Obst - Importkalender Obst.

OEC: Yemen (YEM). Exports, Imports, and Trade Partners.

Porkka, Miina et. al. (2017): The use of food imports to overcome local limits to growth. In: Earth's Future 5 (4), S. 393–407.

The World Bank (2017): World Bank Open Data.

Thomson, Fontaine (2008): KULTURAUSTAUSCH: Vor der Nase weggefangen. Aus dem Englischen von Karin Weidlich. Hg. v. Institut für Auslandsbeziehungen.

Unies-DPI/NMD, Nations (2017): Centre d'actualités de l'ONU - Yémen. l'UNICEF s'inquiète de l'aggravation de la malnutrition et de l'épidémie de choléra. Nations Unies-DPI/NMD.

United Nations News Service Section (2017): UN News - Aid agenices in Yemen forced to shift resources from fighting hunger to cholera – UN. United Nations-DPI/NMD - UN News Service Section.

United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (2017): High-level Pledging Event for the Humanitarian Crisis in Yemen - Geneva, 25 April 2017. Genf.