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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Atlas der Umweltmigration

Atlas der Umweltmigration

Der Klimawandel verändert die Welt und längst sind seine Folgen sichtbar. Extreme Wetterereignisse zwangen im Jahr 2015 mehr als 14,7 Millionen Menschen dazu, ihr Zuhause zu verlassen. Im Stil des „Atlas der Globalisierung“ macht die International Organisation for Migration (IOM) in ihrem Atlas der Umweltmigration auf einen zunehmend relevanten Faktor für Wanderungsbewegungen aufmerksam.

 

Heikle Definition

Niemand weiß genau, wie viele Menschen wegen Veränderungen in der Umwelt ihre Heimat verlassen – nicht nur, weil die Datenlage schlecht ist, sondern vor allem, weil die Definition von Umweltmigration Schwierigkeiten bereitet. Bewohner einer Pazifikinsel, die fortziehen, ehe der Meeresspiegel ihre Heimat unbewohnbar macht, gelten laut IOM-Definition genauso als Umweltmigranten wie amerikanische Rentner, die sich in Florida zur Ruhe setzen, um dort Wärme und Sonne zu genießen. Die Definition ist damit breit genug, um die unterschiedlichen Facetten der Umweltmigration zu berücksichtigen. Offen bleibt dabei, ob ein Umweltmigrant auch schutzbedürftig ist oder nicht. Damit unterscheidet sich die IOM-Definition von jener der Genfer Flüchtlingskonvention. Diese spricht Menschen, die politisch verfolgt werden, das Recht zu, außerhalb ihres Heimatlandes Schutz zu suchen. Aber muss dies bei Umweltflüchtlingen auch so sein? Was einen Migranten zum Umweltmigranten macht, sei deshalb eine politisch brisante Frage, argumentieren die Autoren des Atlas.

 

Migrationsursachen sind komplex

Selten sind Umweltveränderungen im Allgemeinen und der Klimawandel im Speziellen die unmittelbare Ursache von Migration. Zwar nehmen extreme Wetterereignisse an Intensität und Häufigkeit zu und damit auch plötzliche Migrationsbewegungen, wie der Atlas zeigt. Aber oft ist der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Vertreibung schwer nachweisbar. Selbst im Falle akuter Katastrophen wie Überschwemmungen, Stürmen oder Erdrutschen lässt sich nicht klar sagen, ob der Auslöser tatsächlich der  menschgemachte Klimawandel war. Manchmal ist es sogar schwierig, die ökologischen Faktoren hinter der Migration überhaupt zu erkennen: Schleichende Entwicklungen wie Bodendegradation, Wüstenbildung und Wasserverknappung können die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse oder die individuellen Lebensbedingungen verschlechtern, die dann letztlich den Ausschlag für die Migration geben.

 

Wie geht die Politik mit den wachsenden Herausforderungen um?  

Für die Autoren ist Migration eine Anpassungsstrategie der Betroffenen an den Klimawandel, auf welche die internationale Gemeinschaft bislang noch keine Antwort hat. Sie ist zwar im Falle akuter Katastrophen bereit, Geld und Hilfen zu mobilisieren. Aber sie hat keine Strategie für die schleichende Klimaveränderung und die daraus resultierenden Wanderungsbewegungen. Der Atlas stellt in diesem Zusammenhang die wichtigsten Fragen: Was bedeutet Umweltmigration für Entwicklung, Urbanisierung oder Sicherheit? Wie lassen sich die Menschenrechte der Migranten sichern? Die Autoren wissen, dass sich die Umweltmigration mit ihren komplexen Ursachen und Herausforderungen nur mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Rechtsinstrumenten wird regeln lassen. Mit einer Ausweitung der Genfer Flüchtlingskonvention auf Umweltmigranten wäre es sicher nicht getan – ganz abgesehen davon, dass kaum eine Regierung einen solchen Vertrag unterzeichnen würde.

 

Am Anfang steht die Analyse

Am Anfang einer politischen Lösung muss deshalb eine Analyse der Umweltmigration stehen. Wie sehr etwa trägt der Klimawandel dazu bei, dass sich eine wachsende Zahl von Menschen aus Afrika auf den Weg nach Europa macht? Was passiert mit den Menschen, die zurückbleiben, weil ihnen die Mittel fehlen, um sich an die Umweltveränderungen anzupassen? Die Autoren lassen sich zu keinen einfachen Antworten auf diese wichtigen Fragen hinreißen. Vielmehr setzen sie darauf, auf die Situation der Menschen vor Ort aufmerksam zu machen. Dies gelingt mit Hilfe detaillierter Karten, aufwendiger Grafiken sowie bebilderter Fallstudien. Auf diese Weise schaffen es die Autoren, den komplexen Zusammenhang zwischen Umwelt und Migration zu veranschaulichen. Damit trägt der Atlas letztlich dazu bei, Migration insgesamt besser zu verstehen.

 

 

Rezension von Alexandra Reinig, Nachdruck unter Quellenangabe (Alexandra Reinig / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Dina Ionesco, Daria Mokhnacheva, Francois Germenne (2017): Atlas der Umweltmigration. München: oekom verlag. 176 Seiten. 22 Euro.