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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Education first!

Education first!

Zuerst die gute Nachricht: Noch nie zuvor hatten so viele Kinder in Subsahara-Afrika die Möglichkeit zur Schule zu gehen wie heute. Während des Umsetzungszeitraums der Millenniums-Entwicklungsziele, also von 2000 bis 2015, hat sich der Anteil der Grundschulkinder ohne Bildungszugang nahezu halbiert. Die schlechte Nachricht: Trotz aller Fortschritte hinkt Subsahara-Afrika anderen Weltregionen in Sachen Bildung immer noch massiv hinterher. Mehr als die Hälfte der Kinder weltweit, die keinen Zugang zu Bildung haben, lebt in den Ländern südlich der Sahara – insgesamt 32 Millionen Menschen.

 

Bildungsmisere im Sahel

Besonders schlecht ist die Situation in den Ländern der Sahelzone, an den südlichen Ausläufern der Sahara: Burkina Faso, Mali, Mauretanien, Niger, Senegal und Tschad gehören nicht nur zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt, sondern auch zu denen mit dem niedrigsten Bildungsstand. Letzteres gilt auch für Nigeria, das bevölkerungsreichste Land Afrikas. Insgesamt können in den sieben Ländern nach Schätzungen der Unesco rund 70 Millionen Menschen nicht lesen, schreiben und rechnen.

 

Unerreichbare Ziele

Beim Bildungszugang haben die Sahelländer formal große Fortschritte gemacht. Doch die Zahl derer, die eine Grundschule tatsächlich abschließen und danach eine weiterführende Schule besuchen, ist gering. Das Ziel allen Kindern und Jugendlichen bis 2030 eine Grund- und Sekundarschulbildung zu ermöglichen, wie es die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG’s) vorsehen, liegt für die Länder der Sahelzone in weiter Ferne.

Auch die Chancen der heranwachsenden Generation auf einen besseren Bildungsstand sind noch immer gering: Die Einschulungsraten liegen teilweise unter 65 Prozent und selbst eine Einschulung bedeutet in der Sahelregion nicht, dass Kinder tatsächlich eine nutzbare Bildung erhalten. In Niger haben im Schnitt neun von zehn Schülern am Ende der Grundschule nicht richtig lesen und rechnen gelernt. Viele verlassen die Schule vorzeitig oder schaffen ihren Grundschulabschluss nicht, geschweige denn den Übergang auf eine weiterführende Schule. In den meisten Ländern sind Mädchen dabei besonders benachteiligt.

 

Ohne Bildung keine Entwicklung

Die Gründe für die Bildungsmisere im Sahel sind vielfältig: Es fehlt an finanziellen Möglichkeiten, an Schulgebäuden, Unterrichtsmaterialien und qualifizierten Lehrern. Der Bildungssektor ist schlecht organisiert und das rasante Bevölkerungswachstum in der Region lässt die Zahl der zu beschulenden Kinder schneller ansteigen als die benötigte Infrastruktur bereitgestellt werden kann. Das trübt nicht nur die Entwicklungsperspektiven jedes Einzelnen, sondern auch die der Länder: Ohne Bildung können keine privatwirtschaftlichen Unternehmen, keine Arbeitsplätze und keine Einkommensmöglichkeiten entstehen. Stattdessen bleiben immer mehr Menschen von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Auf der Suche nach besseren Lebensmöglichkeiten treibt es deshalb eine wachsende Zahl von ihnen in die ausufernden Städte, in andere Länder Afrikas oder nach Europa.

Mehr Bildung im Sahel und in gesamt Subsahara-Afrika wäre dagegen ein wichtiger – wenn nicht gar der wichtigste – Hebel, um einen positiven und anhaltenden Wandel einzuleiten. Ein besserer Bildungsstand der Bevölkerung trägt nicht nur zu einer höheren wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit und steigenden Einkommen bei, sondern auch zu besseren Gesundheitswerten und niedrigeren Kinderzahlen. Dadurch würde sich den Staaten Subsahara-Afrikas die Aussicht auf eine demografische Dividende und damit auf einen Entwicklungsschub eröffnen, wie ihn einst die asiatischen Tigerstaaten erlebt haben. Die dortige Erfahrung zeigt: Bildung trägt langfristig dazu bei, die Lebensperspektiven der Menschen vor Ort zu verbessern und Flucht- und Migrationsursachen zu reduzieren.

 

Mehr Engagement nötig

In den sieben Sahelländern ist es jedoch unwahrscheinlich, dass sich der Bildungsstand unter den momentanen Bedingungen in absehbarer Zeit deutlich verbessert. Einen Ausweg aus ihrer Bildungsmisere können die Länder – wenn überhaupt – nur mit verstärkter internationaler Unterstützung finden. Die neue Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft sind deshalb gefordert, dem Thema Bildung mehr Aufmerksamkeit zu schenken und den Staaten der Sahelzone finanziell und beratend zur Seite zu stehen, so das Fazit der Studie.

 

Durch Investitionen gegensteuern

Eine höhere Bildung – insbesondere bei Frauen – trägt in den wenig entwickelten Ländern dazu bei, die Kinderzahlen deutlich zu senken – um 50 Prozent und mehr. Die Bevölkerungsentwicklung in den Sahelländern hängt maßgeblich von den künftigen Erfolgen im Bildungsbereich ab: Bei hohen Investitionen in Bildung (Szenario 2) dürfte sich die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als verdoppeln, bei ausbleibenden Fortschritten im Bildungssektor (Szenario 3) dagegen fast verfünffachen.

 

Die Studie wurde durch das Auswärtige Amt finanziert und steht Ihnen kostenlos als PDF zur Verfügung unter: https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/education_first.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:
Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 75 60
Alisa Kaps, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, kaps(at)berlin-institut.org,Tel.: 030-31 01 68 35