Facebook
Twitter
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Eine verlorene Generation vermeiden

Eine verlorene Generation vermeiden

Im März dieses Jahres dauert der Krieg in Syrien bereits sieben Jahre an. Damit wächst in dem Bürgerkriegsland eine Generation ins Schulalter, die nie etwas anderes als Krieg und Gewalt in ihrer Heimat erlebt hat. Aufgrund der gewaltsamen Auseinandersetzungen haben viele Kinder in Syrien, aber auch in anderen Krisenländern, keinen Zugang zu Bildung. Das beeinträchtigt nicht nur die Zukunftsaussichten der jungen Generation, sondern auch die ihrer Heimatländer. Ohne eine gebildete Bevölkerung wird eine langfristige Befriedung und Stabilisierung der Länder immer schwieriger, wie das Berlin-Institut in einem Policy Paper für die KfW Entwicklungsbank zeigt.

 

Fehlende Lehrer, zerstörte Schulen

In Syrien ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die keine Schule besuchen, seit Kriegsausbruch dramatisch gestiegen. Zwischen 2011 und 2015 hat sich ihre Zahl auf zwei Millionen mehr als verdoppelt. Jede vierte Schule im Land wurde seit Kriegsbeginn beschädigt, zerstört oder zweckentfremdet. Zudem mangelt es an Lehrkräften, welche die verbleibenden Schulen in Betrieb halten könnten. Für diejenigen, die in einem der Nachbarländer Zuflucht suchen, sind die Bildungschancen kaum besser. Insgesamt fehlt es nach Schätzungen der Unesco über acht Millionen syrischen Kindern und Jugendlichen in ihrer Heimat oder in den Nachbarstaaten an ausreichenden Bildungsmöglichkeiten.

Das Schicksal der jungen syrischen Bevölkerung teilen Millionen von Kindern und Jugendlichen in kriegsgebeutelten Regionen weltweit. Insgesamt haben rund 36 Millionen junge Menschen in Kriegsländern keinen Zugang zu Bildung. Dort, wo noch Unterricht stattfindet, ist die Bildungsqualität meist gering. Klassenzimmer sind häufig überfüllt, Lehrer kaum qualifiziert und  Schulen immer wieder Ziel militärischer Angriffe. Unter solchen Bedingungen lernen die Schüler entsprechend wenig. 

 

Verlorenes Potenzial


In Kriegsgebieten ist der Bildungszugang häufig erschwert. Etwa die Hälfte aller Jugendlichen besucht die Schule nicht über die Grundschulzeit hinaus. In Syrien, Jemen und Afghanistan gehen jeweils mehr als 1,5 Millionen Jugendliche nicht zur Schule, obwohl sie im Alter dafür wären.

 

Durch Kriege verschlechtern sich nicht nur die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen in den Krisenländern. Auch in den wichtigsten Aufnahmeländern für die Menschen, die vor Krieg und Gewalt in ihrer Heimat fliehen, zeigen sich negative Folgen. Meist sind dies die Nachbarstaaten, die selbst schon damit überfordert sind, ihre eigene Bevölkerung angemessen mit Lehrern, Schulgebäuden und Unterrichtsmaterialien zu versorgen. Welchen Druck der Zustrom von Schutzsuchenden auf die Bildungssysteme der Aufnahmeländer ausübt, zeigt sich beispielsweise in Libanon: Zwischen 2011 und 2015 hat sich die Zahl der libanesischen Kinder im Grundschulalter, die keine Schule besuchen, beinahe verdreifacht.

Besonders schwer haben es jedoch die Geflüchteten selbst: Nach Schätzungen der Vereinten Nationen besucht weltweit gerade einmal die Hälfte der geflüchteten Kinder im entsprechenden Alter eine Grundschule und nur knapp über ein Fünftel eine weiterführende Schule. Mit etwa einem Prozent ist der Anteil der Studierenden unter den Flüchtlingen verschwindend gering. Besonders schlecht ist die Situation in den Flüchtlingslagern: Von den 6,4 Millionen Flüchtlingen im Schulalter, die unter dem Schutz des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen (UNHCR) stehen, konnten 2016 weniger als die Hälfte eine Schule besuchen. Während Kinder und Jugendliche in friedlichen Ländern im Schnitt etwa 200 Tage im Jahr zur Schule gehen, erhielten 3,5 Millionen Flüchtlingskinder unter UNHCR-Mandat 2016 keinen einzigen Tag an Bildung.

 

Ein Leben ohne Bildung

Die Mehrheit der militärischen Konflikte und Bürgerkriege wird in Afrika und dem Nahen Osten ausgetragen. Obwohl Krieg und Gewalt nicht die einzigen Gründe sind, warum Kinder keine Schule besuchen, ist die Zahl der Menschen ohne Bildungszugang in diesen Weltregionen hoch – besonders in Subsahara-Afrika. Von den rund 34 Millionen Kindern im Grundschulalter, die in den Ländern südlich der Sahara keinen Bildungszugang haben, werden etwa 15 Millionen auch in Zukunft keine Bildung erfahren.


Keine Zukunft ohne Bildung

Für Kinder und Jugendliche, die wegen kriegerischen Auseinandersetzungen und gewaltsamen Konflikten keine Schule besuchen können, hat dies unmittelbare Folgen. Es geht ihnen ein Stück Stabilität und Normalität verloren, die ein Schulalltag in einem chaotischen Umfeld bieten könnte. Langfristig trübt ein mangelnder Bildungszugang ihre Aussicht auf einen späteren Arbeitsplatz und ein entsprechendes Einkommen. Das wirkt sich wiederum negativ auf die Zukunftsperspektiven ihrer Heimatländer aus. Denn für sie bedeutet es einen Verlust an Humanvermögen, wenn ihre junge Generation keine Chance auf Bildung hat.

Je länger ein gewaltsamer Konflikt andauert, umso wahrscheinlicher wird es, dass eine ganze Generation heranwächst, die nie oder nur kurz eine Schule besucht hat. Im Falle Syriens etwa befürchtet die internationale Gemeinschaft bereits eine „verlorene Generation“, denen notwendige Kenntnisse fehlen, um das Land nach dem Krieg wieder aufzubauen und langfristig auch wirtschaftlich zu stabilisieren. 


Bildung schaffen, gewaltsame Konflikte vermeiden

Nicht nur in Kriegsregionen ist es wichtig, den Zugang zu Bildung zu gewährleisten, um eine „verlorene Generation“ zu vermeiden. Auch in wenig entwickelten Ländern, wo ein hohes Bevölkerungswachstum bei zunehmend knappen Ressourcen zu Spannungen führt, ist Bildung essentiell um gewaltsamen Konflikten vorzubeugen. Die im November 2017 erschienene Studie "Education first!" des Berlin-Instituts zeigt: In den Ländern der Sahelregion etwa ließe sich die momentane Abwärtsspirale aus schlechten Bildungs- und Gesundheitswerten, schwacher wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit, politischer Fragilität und hohem Bevölkerungswachstum dauerhaft nur durch Bildung durchbrechen. Sowohl in Krisen- als auch in Spannungsregionen muss der Bildungszugang deshalb durchgängig sichergestellt werden. Nur so lassen sich bestehende Konflikte aus dem Weg räumen oder deren Entstehung verhindern.

Obwohl die Bedeutung von Bildung für Entwicklung und Stabilität allgemein bekannt ist, bleibt der Bildungsbereich weiterhin unterfinanziert. Zwischen 2010 und 2015 ist der Anteil der weltweit für Bildung bereitgestellten Mittel an den Gesamtausgaben in der Entwicklungszusammenarbeit von acht auf fünf Prozent gesunken. In der Katastrophenhilfe wurden 2015 sogar nur zwei Prozent der zur Verfügung stehenden Gelder für Bildung verwendet. Anfang Februar richten die Präsidenten von Frankreich Emanuel Macron und Macky Sall aus Senegal gemeinsam die Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft in Dakar aus. Die internationalen Geberländer sollten diese Gelegenheit nutzen, um die für Bildung bereitgestellten Mittel zu erhöhen.


Quellen
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017). Education first! Bildung entscheidet über die Zukunft Sahel-Afrikas. Berlin.
International Commission on Financing Global Education Opportunity (2016). The Learning Generation. Investing in education for a changing world. New York.
KfW Entwicklungsbank (2017). Eine verlorene Generation vermeiden. Was Bildung in Krisensituationen leisten kann. Materialen zur Entwicklungsfinanzierung, Nr. 10, 31. August 2017.
OECD (o.J.). Creditor Reporting System (CSR).
Sherif, Yasmine (2017). Don’t Challenge the Humanity of 75 Million Children in Conflicts and Disaster, 22.01.2018.
UNESCO (2017). Syria in Brief – UNESCO Response.
UNESCO Institute for Statistics (2016): Data Center. Montreal.
UNHCR (2017). Left Behind. Refugee Education in Crisis.
UNHCR (2016). Missing out: Refugee education in crisis.
UNICEF (2016). Syria Crisis Education. Fact Sheet - Five Years of Crisis and Conflict.
UNICEF (2015). Education under fire. How conflict in the Middle East is depriving children of their schooling.
UNICEF (2014). No lost generation. Protecting the futures of children affected by the crisis in Syria. New York.