Facebook
Twitter
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Graue Zukunft für die Regenbogen-Nation?

Graue Zukunft für die Regenbogen-Nation?

Chancenreiche Ausgangslage

Südafrika ist ein Sonderfall in Afrika: Als einziges Land des Kontinents wird es seit Anfang des Jahrtausends mit Brasilien, Russland, Indien und China zu den sogenannten BRICS-Staaten gezählt, also den besonders aufstrebenden Schwellenländern. Das Land steht neben Nigeria an der wirtschaftlichen Spitze Subsahara-Afrikas und gehört zu den weltweit wichtigsten Produzenten von metallischen Rohstoffen.

Die Lebensbedingungen der Südafrikaner haben sich in den letzten 50 Jahren verbessert und auch die Mittelschicht ist gewachsen. Bei der Grundversorgung der Bevölkerung wurden große Fortschritte gemacht, besonders seit dem Ende der Rassentrennung: So haben ab 1994 Regierungsprogramme den Zugang zu medizinischer Verpflegung, Bildung und Wohnraum ausgebaut. Die primäre Gesundheitsversorgung wurde deutlich verbessert. Bis 2011 konnten über zehn Millionen Menschen in formalen Unterkünften untergebracht werden – etwa ein Fünftel der damaligen Bevölkerung – und der Zugang zum primären und sekundären Bildungssystem wurde für fast alle Kinder und Jugendliche sichergestellt.

Die bessere Gesundheitsversorgung hat, trotz der Rückschläge durch die HIV-Epidemie Mitte der 90er Jahre, dazu geführt, dass die Kindersterblichkeit in den vergangenen beiden Jahrzehnten um fast 60 Prozent auf 30 Todesfälle pro 1.000 Lebendgeburten gesunken ist. Diese wirkt sich wiederum auf die Geburtenziffer aus: Während südafrikanische Frauen bis 1990 im Schnitt 4 Kinder bekamen, sind es heute nur noch etwa 2,4.

Durch die kleiner werdenden Nachwuchsjahrgänge hat sich die Altersstruktur der südafrikanischen Bevölkerung verändert: Im Verhältnis zu den zu versorgenden jungen Menschen ist die Zahl der Erwerbsfähigen gestiegen. Dieser „demografische Bonus“ könnte Südafrika einen wirtschaftlichen Entwicklungsschub bescheren – vorausgesetzt die Rahmenbedingungen stimmen. Asiatische Tigerstaaten wie Südkorea haben diesen Bonus innerhalb der letzten 50 Jahre genutzt, indem sie frühzeitig in Bildung und Arbeitsplätze investiert haben.

 

Veränderte Altersstruktur, steigender Bildungsstand

Seit 1990 hat sich die Altersstruktur der südafrikanischen Bevölkerung verändert: Die Zahl der unter 15-Jährigen ist im Verhältnis zu den Menschen im erwerbsfähigen Alter kleiner geworden. Zudem hat sich das Bildungsniveau der Bevölkerung verbessert. Diese positive Ausgangslage bietet Südafrika die Aussicht auf einen Entwicklungsschub, also auf eine „demografische Dividende“, wenn es gelingt ausreichend Arbeitsplätze für die wachsende Zahl an Erwerbsfähigen zu schaffen.

 

Fortschritte mit Einschränkungen


Südafrika ist jedoch aktuell weit davon entfernt, dem Weg der asiatischen Tigerstaaten zu folgen und seine vorteilhafte demografische Ausgangslage für einen nachhaltigen wirtschaftlichen Aufschwung zu nutzen. Stattdessen bleibt das Land in den vergangenen Jahren hinter den hohen, an ein Mitglied der BRICS-Staaten gestellten, Erwartungen zurück. Gründe dafür sind besonders die noch immer großen Mängel im Bildungssystem und fehlende Arbeitsplätze.

So gibt es beispielsweise extreme regionale Unterschiede im Bildungsniveau und enorme Defizite bei der Bildungsqualität. Zwar sind laut dem Human Development Report heute 94 Prozent der erwachsenen Bevölkerung alphabetisiert, die Lerneffekte an den Schulen lassen jedoch zu wünschen übrig: Im Schnitt können acht von zehn Kindern nach vier Jahren Schulzeit nicht lesen. Bei internationalen Vergleichstests schneidet Südafrika schlechter ab als beispielsweise Marokko, Jordanien oder Saudi-Arabien und befindet sich weit abgeschlagen auf einem der hinteren Ränge. Insgesamt werden über 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen einem niedrigen Bildungslevel zugeordnet.

Der geringe Bildungsstand trägt mit dazu bei, dass die Zahl der Erwerbsfähigen, die keiner geregelten Arbeit nachgehen, weiter ansteigt. Großen Teilen der Gesellschaft mangelt es zudem an Möglichkeiten produktiv zu werden, da dringend benötigte Arbeitsplätze außerhalb des informellen Sektors fehlen. Dies stellt besonders die junge Generation vor immense Probleme. Aktuell befinden sich etwa 31 Prozent der 15- bis 24-Jährigen nicht mehr im Bildungssystem, gehen aber ebenso wenig einer festen Beschäftigung nach. Der Mangel an Einkommensquellen hat Folgen: Noch immer leben etwa 17 Prozent der Südafrikaner in absoluter Armut, also von weniger als zwei US-Dollar am Tag.

 

Jobmangel – das große Problem Südafrikas

Die Schere von Erwerbsbevölkerung und Beschäftigten geht in Südafrika immer weiter auseinander. Ohne Arbeitsplätze mangelt es vor allem der jungen Bevölkerung an Perspektiven.

 

Lässt sich der Bonus nutzen?

Südafrika benötigt somit dringend Arbeitsplätze, aber der Trend geht eher in die entgegengesetzte Richtung. Seit der Wahl Jacob Zumas zum Präsidenten im Jahr 2009 und der damit einhergehenden Umorientierung der Regierungsarbeit hin zu Süd-Süd-Beziehungen ist die wirtschaftliche Bedeutung Südafrikas als „Tor zu Afrika“ in Gefahr. Gleichzeitig treten andere Länder, wie Angola, Mosambik, Tansania, aber auch Dubai, die sich etwa durch Steueranreize aktiv um transnationale Unternehmen bemühen, immer mehr als Konkurrenten auf.

Die sich verstärkende ökonomische Belastung hat in der Vergangenheit zu einer Vielzahl von Streiks, Protesten und genereller politischer Instabilität geführt, die durch die stark verbreitete Korruption ranghoher Mitglieder der Regierungspartei „African National Congress“ (ANC) weiter befeuert werden. Inzwischen werden Rufe nach einem Rücktritt von Staatspräsident Jacob Zuma laut. Dies ist auch Ausdruck einer wachsenden Unzufriedenheit, insbesondere unter den jungen Menschen, die in Südafrika kaum eine Zukunftsperspektive sehen.

Statt seinen demografischen Bonus zu nutzen, scheint Südafrika eher in Richtung der Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas (Mena) abzudriften, wo eine solche Situation zu den Protesten des sogenannten Arabischen Frühlings geführt hat. Dies verdeutlicht auch der aktuelle Bericht des Fragile States Index, in dem für Südafrika eine erhöhte Warnung ausgesprochen wurde. Das Land zeige die sechststärkste Verschlechterung seiner gesamtpolitischen Lage innerhalb der letzten zehn Jahre.

Die Regierung Südafrikas müsste demnach dringend für eine bessere Bildungsqualität und mehr Arbeitsplätze sorgen, um das Potenzial der wachsenden Zahl an jungen Erwerbsfähigen nutzbar zu machen. Bis 2030 wird der Anteil der Südafrikaner im erwerbstätigen Alter über 67 Prozent erreichen, während die Zahl der unter 15-Jährigen weiter sinkt. Es bleibt abzuwarten, ob sich der im Dezember zum Vorsitzenden des ANC gewählte Cyril Ramaphosa, der damit aussichtsreichster Kandidat bei der Präsidentschaftswahl 2019 ist, verstärkt diesen Problemen zuwenden wird. Geschieht dies nicht, dürfte Südafrika in absehbarer Zukunft an wirtschaftlicher Relevanz auf dem Weltmarkt einbüßen, die Chance einer erfolgreichen demografischen Dividende verspielen und noch dazu die brüchige Stabilität der gesamten Region riskieren.

 

Quellen

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011). Afrikas demografische Herausforderung. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Berlin.
Fund For Peace (2017). Fragile States Index.
International Labour Organization (2016). ILO modelled estimates, Nov. 2016.
Kappel, R. (2013) Südafrika – die Krisensymptome verstärken sich. GIGA Focus 7. Hamburg.
National Planning Division (2011). Diagnostic Overview.
PIRLS 2016 (2017). PIRLS Literacy 2016: South African Highlights Report.
Scholvin, S.; Draper, P. (2012). Südafrika als „Tor nach Afrika“?. GIGA Focus 4. Hamburg.
Statistics South Africa (2017). Datenbank.
The World Bank (2011). Poverty headcount ratio at $1.90 a day (2011 PPP) (% of population).
TIMMS 2015 (2016). Grade 9 and Grade 5 Performance.
United Nations Development Programme (2017). Human Development Reports.
United Nations DESA/ Population Division (2017). World Population Prospects. 
Von Soest, C. (2012). Südafrika: Der ANC hat keine Lösung für die soziale Misere. GIGA Focus 12. Hamburg.
Wittgenstein Centre for Demography and Human Capital (2015). Wittgenstein Centre Data Explorer. Version 1.2 2015.