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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Krieg im ärmsten Land des Mittleren Ostens

Krieg im ärmsten Land des Mittleren Ostens

Der Bürgerkrieg in Jemen ist einer der schlimmsten und verheerendsten der Gegenwart. Über 10.000 Tote haben die Auseinandersetzungen nach UN-Angaben bislang gefordert. Seit dem Jahr 2000 befindet sich das Land praktisch ununterbrochen im Kriegszustand. Zu den Konfliktparteien gehören Stämme, Terrorgruppen, Milizen, aber auch ausländische Akteure: Allen voran das vom Westen, insbesondere den USA, aber auch von europäischen Staaten mit Waffen versorgte Saudi-Arabien, das die sunnitischen Rebellen im Osten des Landes unterstützt, und Iran, das 2015 die Machtübernahme durch die schiitischen Huthi-Milizen im Nordwesten vorbereitet hat.


Kein Arabia felix mehr

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass drei Viertel der 28 Millionen Bewohner des Landes humanitärer Hilfe bedürfen. So gut wie nichts funktioniert mehr in Jemen, das zu Zeiten des Römischen Reiches noch zu Arabia felix gehörte, zum „glücklichen Arabien“. Die meisten Schulen lassen sich nicht mehr betreiben, ebenso wenig wie die Kraftwerke zur Stromgewinnung. Die Trinkwasserversorgung liegt lahm, der Müll türmt sich überall und die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen. Dies waren die Ausgangsbedingungen für die weltweit größte Cholera-Epidemie der jüngeren Vergangenheit, die nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation schon im August 2017 über eine Million Menschen betroffen und rund 2.000 von ihnen getötet hatte.

Ein Staatshaushalt, der vor der Krise zu 90 Prozent aus Öl- und Gaseinnahmen gespeist wurde, existiert nicht mehr, weil die Förderung in weiten Teilen brachliegt und kriminelle Gruppen die Pipelines anzapfen. Korruption und die Unfähigkeit der politischen Führer machen es schwer einen Friedens- und Entwicklungsprozess auch nur einzuleiten. Große Flüchtlingsströme aus Jemen haben Europa bisher noch nicht erreicht, auch weil die Menschen arm sind und das Land vergleichsweise isoliert und weit entfernt auf der arabischen Halbinsel liegt. Das könnte sich ändern, wenn Jemen ähnlich wie zuvor Syrien oder Afghanistan endgültig zu einem gescheiterten Staat wird.


Fast Versechsfachung der Bevölkerung seit 1960

Was angesichts des vielfältigen Chaos untergeht, ist ein wesentlicher Faktor für die Instabilität des Landes: das hohe Bevölkerungswachstum. Nirgendwo im arabischen Raum (vielleicht mit Ausnahme des Irak) nimmt die Zahl der Menschen schneller zu als in Jemen. Aus den gut 5 Millionen Jemeniten im Jahr 1960 sind mittlerweile fast 30 Millionen geworden. Zwischen 1995 und 2000 lag die durchschnittliche Kinderzahl der jemenitischen Frauen noch bei 7,6. Daraus resultiert heute ein hoher Überschuss an jungen Menschen, die kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben und das Unruhepotenzial der Zukunft bilden. Offiziell hat nicht einmal jede dritte Person im Erwerbsalter einen Job. Inzwischen sind die Kinderzahlen je Frau zwar auf etwas über 4 gesunken, aber dieser Wert bedeutet immer noch starkes Wachstum. Daneben trägt die junge Bevölkerungsstruktur dazu bei, dass sich die Einwohnerschaft des Landes bis 2030 auf 37 Millionen erhöhen und bis 2050 auf 48 Millionen noch einmal fast verdoppeln dürfte. 

 

Wenig Entwicklung – viel NachwuchsIn den 1960er Jahren zählten Länder wie Malaysia, Peru oder Jemen zu den armen Entwicklungsländern. Doch seither verlief deren sozioökonomische Entwicklung grundsätzlich verschieden: Malaysia und später Peru konnten die Bildung ihrer Bevölkerung verbessern, Arbeitsplätze schaffen und ihren Bewohnern damit neue Perspektiven geben, in deren Folge auch die Kinderzahlen sanken und das Bevölkerungswachstum nachließ. In Jemen gelang das kaum, weshalb das Land noch immer in einem Kreislauf aus Armut, Krisen und hohem Bevölkerungswachstum gefangen ist. (Datengrundlage: UN)

 

Unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen, selbst bei einer zügigen Befriedung des Landes, ist es nahezu ausgeschlossen, so viele Menschen versorgen zu können. Auch eine „demografische Dividende“ eröffnet sich für Jemen kaum. Sie ließe sich einfahren, wenn die große Zahl an jungen Menschen zügig eine auskömmliche Arbeit fände. Dadurch entstünden neue Perspektiven und die Menschen könnten ihr Leben individueller planen. Erst unter derartigen Bedingungen sinken erfahrungsgemäß die Kinderzahlen, das Bevölkerungswachstum kommt langfristig zum Stillstand, während das wirtschaftliche Wachstum, vor allem das Pro-Kopf-Wachstum, an Fahrt aufnimmt. 


Dem Jemen geht das Wasser aus 

Doch bisher kann das Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum in keiner Weise mit dem Bevölkerungswachstum mithalten. Auch die natürlichen Ressourcen passen längst nicht mehr zu der Zahl der Bewohner. Das gilt vor allem für das Süßwasser. Seit vielen Jahren verbrauchen die Menschen in Jemen deutlich mehr Wasser, als in Form von Regen auf das Land fällt. Sie müssen dafür „fossile“ Wasserreserven anzapfen, die sich vor Hunderttausenden von Jahren gebildet haben. Einmal leergepumpt, liefern sie in menschlichen Zeiträumen keinen Tropfen Flüssigkeit mehr.

Die Wasserversorgung im Gebiet um die jemenitische Hauptstadt, in dem hoch gelegenen und dicht besiedelten Becken von Sana’a, ist ein Lehrbuchbeispiel für die Übernutzung einer ökologischen Dienstleistung bis kurz vor den Kollaps. Noch vor wenigen Jahrzehnten nutzten die Bewohner Ziehbrunnen für ihre Wasserversorgung. Sie förderten das Wasser von Hand oder ließen sich dabei von Zugtieren helfen. Das war zwar mühsam, aber mehr als zehn Meter tief mussten die Menschen die Brunnen nicht graben. Die Region konnte damals noch von den versickernden Niederschlägen leben, die in den zwei kurzen Regenzeiten fallen. Doch weil die Bevölkerung in der Hauptstadtregion noch deutlich schneller gewachsen ist als im Landesmittel, sank der Grundwasserspiegel immer weiter. Die Leute kauften sich Dieselpumpen, weil sie bald schon 100 Meter tief bohren mussten, um an Wasser zu kommen.

Heute reichen die Bohrungen 400 bis 1.000 Meter tief und die Zahl der Brunnen wird auf über 14.000 geschätzt. Wegen des Bevölkerungswachstums hat sich auch die Landwirtschaft massiv ausgebreitet, was den Wasserverbrauch immer weiter steigen ließ. Vor allem die Nationaldroge Kat, die praktisch das ganze Land spätestens nach der Mittagspause paralysiert und rund die Hälfte des Ackerlandes im Gebiet von Sana’a beansprucht, zehrt an den Wasserreserven: Die Büsche mit den berauschenden Blättern sind auf künstliche Bewässerung angewiesen und für die Erzeugung eines Bündels Kat, der landesüblichen Tagesdröhnung, braucht es rund 500 Liter Wasser.

Die Weltbank hat schon im Jahr 2003 geschätzt, dass die Bevölkerung im Sana’a-Becken jährlich bis zu 150 Millionen Kubikmeter Grundwasser mehr verbraucht, als sich im gleichen Zeitraum bilden kann. Die natürliche Erneuerungsrate wird damit um das Fünffache überschritten. Im landwirtschaftlich genutzten Wadi Al-Sirra fällt der Grundwasserspiegel dadurch um drei bis sechs Meter pro Jahr. Für künftige Generationen fehlt es damit an dem lebensnotwendigsten Rohstoff.

Die Probleme Jemens sind damit weitaus größer, als es der heutige Bürgerkrieg vermuten lässt. Neben einer Befriedung der Region gehört daher eine Eindämmung des Bevölkerungswachstums zu den vordringlichen Aufgaben einer künftigen Regierung.


Mehr zu den wirtschaftlich-demografischen Entwicklungen im Nahen Osten finden Sie in der Studie: Krisenregion Mena - Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet.


Quellen

Foster, S. (2003): Yemen: Rationalizing Groundwater Resource Utilization in the Sana’a Basin. Washington DC.
Population Reference Bureau (2017). 2017 World Population Data Sheet.

United Nations DESA/ Population Division (2017). World Population Prospects.
World Health Organization (2017). Cholera count reaches 500 000 in Yemen.
Release August 2017.