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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wohnsitzzuweisung für mehr Landbewohner?

Wohnsitzzuweisung für mehr Landbewohner?

Zuwanderung als Chance für den ländlichen Raum?

Seit langem vergrößert sich die Kluft zwischen Städten und Land in Deutschland. Die Bevölkerung in vielen Großstädten wächst, während entlegene und ländliche Regionen häufig mit Abwanderung zu kämpfen haben. Die gestiegenen Zuwanderungszahlen könnten also eine Chance für die demografisch angeschlagenen Regionen Deutschlands sein, sich zu stabilisieren.

Zunächst kommen auch in vielen entlegeneren Regionen Deutschlands Menschen aus Zuwanderungsländern, wie Irak, Syrien und Pakistan an. Denn die Verteilung von Asylbewerbern erfolgt nach einem speziellen Verfahren – dem sogenannten Königsteiner Schlüssel. Dieser legt den Anteil an Asylbewerbern für die jeweiligen Bundesländer fest. Der Schlüssel wird alljährlich entsprechend der Steuereinnahmen und der Bevölkerungszahl der Bundesländer berechnet. Die Länder verteilen die Neuankömmlinge dann weiter auf die Gemeinden.

Ein großer Teil der Zugezogenen möchte auch langfristig in Deutschland bleiben – doch nicht unbedingt in der Region, in der sie zuerst ein Zuhause gefunden haben. Wo sich die vielen Neuankömmlinge mittelfristig niederlassen, ist allerdings bislang wenig bekannt. Ein ungefähres Bild der regionalen Verteilung lässt sich nur über Umwege rekonstruieren – etwa über die örtliche Registrierung jener Erwerbspersonen, die aus einem Land wie Afghanistan, Irak, Iran, Pakistan und Syrien kommen. Diese Zahlen machen deutlich, dass im Dezember 2016 in Deutschland auf 10.000 Einwohner durchschnittlich knapp 70 gemeldete erwerbsfähige Personen aus den acht zugangsstärksten nichteuropäischen Asylzugangsländern lebten. Regional herrschen allerdings große Unterschiede: Rund die Hälfte der zu dieser Gruppe gehörenden 573.000 Personen wohnt in nur 61 der 401 bundesdeutschen Kreise – viele davon liegen in Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Im Osten der Republik gehören nur wenige Großstädte wie Magdeburg, Halle, Leipzig, Dresden und Berlin zu jenen Kreisen, in denen sich viele Menschen aus den acht zugangsstärksten Herkunftsländern registriert haben. Vor allem in den ländlichen Regionen des Ostens vermelden die regionalen Arbeitsagenturen und Jobcenter nur wenige Erwerbstätige aus diesen Ländern. Zwar herrscht auch im Westen ein Stadt-Land-Gefälle, jedoch nicht in diesem Ausmaß.

 

Kaum Schutzsuchende in ländlichen Regionen

Auf 10.000 Personen der gesamten Wohnbevölkerung in Deutschland kommen durchschnittlich 69,7 Menschen aus den acht zugangsstärksten nichteuropäischen Asylherkunftsländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien. Diese insgesamt 573.000 Zugewanderten verteilen sich jedoch nicht gleichmäßig über die Landkarte. Rund die Hälfte davon lebt in den rot markierten 61 Kreisen. Dabei handelt es sich überwiegend um Großstädte. In den ländlichen Regionen im Osten Deutschlands haben sich dagegen nur wenige Zuwanderer niedergelassen.

 

Ein Grund für die regionalen Unterschiede dürfte sein, dass ländliche Gebiete – und das gilt insbesondere für jene in Ostdeutschland – häufig nur eine Durchgangsstation für die Zugezogenen bleiben. Dies verdeutlichen Zahlen zur Aufenthaltsdauer von Ausländern: In rund 80 Prozent der Kreise Ostdeutschlands ziehen mindestens vier von zehn Zuwanderern binnen zwei Jahren wieder fort. In Westdeutschland trifft dies nur auf etwa jeden 40. Kreis zu.

Ein großer Teil der ankommenden Flüchtlinge scheint sich also nicht für das ländliche Leben begeistern zu können. Neben wirtschaftlichen Überlegungen wie der Suche nach Arbeits- und Ausbildungsplätzen dürfte auch der Wunsch eine Rolle spielen, in die Nähe von Verwandten zu gelangen, die bereits in den Städten untergekommen sind. 

Sollten die Zugewanderten nach einer gewissen Zeit ähnliche Wanderungsmuster zeigen, wie jene Menschen, die schon länger in Deutschland leben, dann dürfte sich der Strom in die Städte noch verstärken. Denn fast ein Drittel der Zugewanderten sind junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren und diese Gruppe neigt auch bei den Einheimischen dazu, auf der Suche nach einem Studien-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatz in die großen Städte zu ziehen.

 

Überwiegend junge Menschen kommen nach Deutschland

Über 70 Prozent der Asylerstantragsteller zwischen Januar und September 2017 waren jünger als 30 Jahre. Älter als 39 Jahre waren hingegen nur etwa 10 Prozent der Asylsuchenden. Besonders der Anteil der unter 18-Jährigen ist mit 45 Prozent auffallend groß. Insgesamt verstärkt sich im Jahr 2017 der Trend einer Zuwanderung von jungen Menschen deutlich.

 

Die Wohnsitzauflage als Maßnahme für mehr Landbewohner?

Um die große Zahl der Geflüchteten regional gleichmäßiger zu verteilen, diskutieren immer mehr Bundesländer die Einführung einer Wohnsitzauflage. Diese schreibt Flüchtlingen einen Wohnsitz bis zu maximal drei Jahren in dem Bundesland vor, in dem sie ihr Asylverfahren durchlaufen haben. Außerdem können die Länder den Zugezogenen zusätzlich eine Region oder Kommune als Wohnort zuweisen. Neben westdeutschen Bundesländern wie Bayern, Baden-Württemberg, Saarland und Nordrhein-Westfalen, die eine solche Wohnsitzauflage bereits eingeführt haben, hat auch die sächsische Landesregierung eine solche Auflage beschlossen, ebenso Sachsen-Anhalt. Aufgehoben werden kann sie bei Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung im Umfang von mindestens 15 Wochenarbeitsstunden.

Mit der Wohnsitzauflage soll verhindert werden, dass sich die Neuankömmlinge auf wenige große Städte konzentrieren, in denen sich dann „Gettos“ bilden könnten. Aktuell fehlen in den Städten immer noch Kapazitäten für die Aufnahme von Flüchtlingen, die auf dem Land eher vorhanden wären. Eine langfristige Perspektive bieten die ländlichen Regionen aber nur, wenn die Geflüchteten dort auch einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz finden und wenn sie schnell Teil des örtlichen Lebens in Vereinen oder Freiwilliger Feuerwehr werden.

Doch es wird auch Kritik an der Wohnsitzauflage laut. Neben der Freiheitseinschränkung herrscht die Befürchtung, dass sie vor allem die Integration in den Arbeitsmarkt behindert. Denn die Einwanderer könnten womöglich schneller einen Job finden, wenn sie an etablierte Migrationsnetzwerke anknüpfen können, die ihnen den Start ins Berufsleben erleichtern.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Wohnsitzauflage als Hebel für eine Wiederbelebung des ländlichen Raumes nur dann funktionieren kann, wenn die Neuankömmlinge dort das richtige Umfeld vorfinden, das ihnen eine schnelle Integration ermöglicht – also insbesondere soziale Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung und einen Arbeitsplatz.

 

Quellen
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2016). Im Osten auf Wanderschaft. Berlin. 
Bundesagentur für Arbeit (Dezember 2016). Räumliche Verteilung von gemeldeten erwerbsfähigen Personen (geP) aus den 8 nichteuropäischen Asylzugangsländern.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (September 2017) Aktuelle Zahlen zu Asyl.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2017). Zugang zum Arbeitsmarkt für geflüchtete Menschen.
Bundeszentrale für politische Bildung (2017). Zahlen zu Asyl in Deutschland. 
Statistisches Bundesamt (2017). Destatis. 1,6 Millionen Schutzsuchende in Deutschland am Jahresende 2016.
Statistisches Bundesamt (2016). Destatis. Migration. Integration. Regionen. Ausländer/-innen mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als 2 Jahren.
Zukunftsinstitut/ Bertelsmann Stiftung (2016) Vom Willkommen zum Ankommen. Die Wohnsitzauflage vor dem Hintergrund globaler Migration und ihrer Folgen für Kommunen in Deutschland.