Youth Can! Warum sich Deutschland für eine aufgeklärte und gesunde Jugend in Afrika engagieren sollte

Bis ins Jahr 2050 dürfte sich die Bevölkerung in Subsahara-Afrika verdoppeln – von heute etwas mehr als einer Milliarde auf knapp 2,2 Milliarden Menschen. Etwa ein Drittel der Einwohnerschaft ist derzeit zwischen zehn und 24 Jahre alt. An diesen jungen Menschen wird sich entscheiden, ob es den Ländern südlich der Sahara gelingt, Armut, Kriege und Hungersnöte langfristig hinter sich zu lassen und den Menschen stattdessen ein selbstbestimmtes Leben in Wohlstand und Frieden zu garantieren.

Die Hoffnung darauf ist nicht unrealistisch. So wie die Staaten Subsahara-Afrikas heute, zählten Länder wie Südkorea oder Singapur vor fünfzig Jahren zu den ärmsten der Erde. Heute haben sie eines der höchsten Wohlstandsniveaus weltweit erreicht. Ein Drittel dieses Wirtschaftswachstums führt die Wissenschaft auf eine demografische Dividende zurück: Das große Potenzial einer zahlenmäßig großen, jungen, gesunden und gut gebildeten Erwerbsbevölkerung wurde dafür genutzt.

Ein solches Wirtschaftswunder wäre prinzipiell auch in Afrika möglich. Doch dafür müssen die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden: Eine Entwicklung nach dem Vorbild der asiatischen Tigerstaaten wird nur möglich sein, wenn die heutige Jugendgeneration – und zwar Jungen und Mädchen – gesund ist, wenn die jungen Menschen eine gute Bildung bekommen, wenn sie einen Beruf erlernen und einen Arbeitsplatz finden. Investitionen in Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätze verlangsamen zugleich das Bevölkerungswachstum, wodurch die Versorgung der Bevölkerung leichter zu finanzieren ist und sich die sozioökonomische Entwicklung beschleunigt.

Zu einem selbstbestimmten Leben gehört auch, dass Jugendliche sich vor sexuell übertragbaren Krankheiten und ungewollten Schwangerschaften schützen können. Jährlich kommen mehr als zehn Millionen Kinder in Subsahara-Afrika zur Welt, deren Mütter jünger als 20 Jahre sind. Die jungen Mütter haben oft kaum Perspektiven darauf, die Schule abzuschließen, einen Beruf zu ergreifen und ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zudem sind Schwangerschaften in diesem Alter höchst riskant: Die Sterblichkeitsrate ist bei sehr jungen Müttern am höchsten. Viele der Schwangerschaften enden auch in gefährlichen, nicht professionell durchgeführten Abtreibungen, deren Folgen oft tödlich sind.

 

Jung und (mehrfach) Mutter

 

In 34 der 35 Länder Afrikas südlich der Sahara, in denen zwischen 2006 und 2016 Haushaltsbefragungen zu Demografie und Gesundheitsstand durchgeführt wurden, gab mindestens eine von zehn Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren an, bereits ein Kind zur Welt gebracht zu haben. In über der Hälfte der Länder galt dies sogar für jede Fünfte. Teilweise haben die Frauen und Mädchen in diesem Alter bereits zwei, manche sogar drei – in sehr seltenen Fällen sogar noch mehr – Geburten hinter sich.

 

Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist ein Menschenrecht

Diese schwierige Lage junger Menschen in Afrika südlich der Sahara bedeutet eine millionenfache Verletzung ihrer Menschenrechte. Denn im Jahr 1994 hat sich die internationale Gemeinschaft bei der Kairoer Weltbevölkerungskonferenz darauf geeinigt, dass sich aus den universellen Menschenrechten das individuelle Recht ableitet, frei über das eigene Sexualleben, die Ehe und Familienplanung zu entscheiden – auch für Jugendliche. Im dazugehörigen Aktionsplan sagten 179 Länder zu, die dafür notwendigen Informationen und Mittel zur Verfügung zu stellen.

Alle Aspekte rund um das körperliche und geistige Wohlbefinden und die Entscheidungsfreiheit in Bezug auf Sexualität, Familienplanung oder Fortpflanzung werden seitdem unter dem Begriff „Sexuelle und Reproduktive Gesundheit und Rechte“, kurz SRGR, zusammengefasst.

Die Staatengemeinschaft hat sich immer wieder zu den im Kairoer Aktionsplan verabschiedeten Zielen bekannt – zuletzt in den Nachhaltigen Entwicklungszielen (SDGs). Darin hat sie unter anderem zugesagt, die Müttersterblichkeit zu senken, HIV und Aids zu bekämpfen, den Zugang zu Familienplanung zu garantieren und den Zugang zu Sexualaufklärung zu verbessern. Jugendliche stehen hierbei zunehmend im Fokus. Denn sie sind zugleich Schlüssel für eine positive Entwicklung der Länder südlich der Sahara und besonders benachteiligt beim Zugang zu SRGR.

 

Bundesregierung in der Pflicht

Auch die Bundesrepublik Deutschland hat sich zu den Nachhaltigen Entwicklungszielen bekannt. Als eine der größten Volkswirtschaften der Welt und gewichtige Akteurin in der Entwicklungszusammenarbeit verfügt die Bundesrepublik Deutschland über sehr gute Voraussetzungen, zu einer Vorreiterin bei der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zu werden. Die Bundesrepublik hat in einer Vielzahl internationaler Abkommen zugesagt, SRGR weltweit voranzutreiben. Eine ganze Reihe von Strategie- und Positionspapieren des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstreicht dies. Die Studie hat untersucht, ob die deutsche Entwicklungszusammenarbeit den eigenen Zusagen gerecht wird und welche Stärken und Schwächen das Engagement im SRGR-Bereich aufweist.

 

Ohne USA kaum SRGR-Mittel

Die DAC-Geberländer haben von 2011 bis 2015 zusammen über 38,5 Milliarden US-Dollar für den SRGR-Sektor bereitgestellt. Mit 80 Prozent der Zusagen aller DAC-Geberländer sind die USA der mit Abstand größte Geber im SRGR-Sektor. Deutschland hat innerhalb der fünf Jahre Zusagen über etwa 744 Millionen US-Dollar getätigt. Dies entspricht knapp zwei Prozent der von allen DAC-Geberländern zugesagten Mittel in diesem Bereich. Deutschland befand sich damit auf Platz vier nach den USA, dem Vereinigten Königreich (acht Prozent) und den Niederlanden (zwei Prozent).

 

Die Analyse zeigt: Der SRGR-Bereich hat in der bilateralen Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern insgesamt an Gewicht verloren. Dieser Trend gilt jedoch nicht für Subsahara-Afrika, wo SRGR – entsprechend den eigenen Zielsetzungen des BMZ – an Stellenwert gewonnen hat. Auch die Jugend als Zielgruppe spielt eine wachsende, wenn auch nach wie vor überschaubare Rolle. Trotzdem konkurriert der SRGR-Sektor auch in der Zusammenarbeit mit den Ländern südlich der Sahara mit anderen, „bequemeren“ Themenbereichen. In vielen Länderverhandlungen spielt das Thema deshalb eine geringe Rolle.

Dies sollte sich ändern, schon allein, weil die weltweite Arbeit im SRGR-Bereich derzeit Problemen gegenübersteht. Mit dem Regierungswechsel im Jahr 2016 haben die Vereinigten Staaten angekündigt, ihr Engagement in diesem Themenfeld zu reduzieren. Mit dem teilweisen Rückzug des bislang weltweit größten Gebers für SRGR-Maßnahmen entsteht eine Finanzierungslücke in Milliardenhöhe. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem der Unterstützungsbedarf größer ist als je zuvor und weiter zunehmen dürfte. Dies gilt vor allem für Subsahara-Afrika, wo derzeit die größte Jugendgeneration aller Zeiten heranwächst.

Das Berlin-Institut hat die Studie „Youth Can! Warum sich Deutschland für eine aufgeklärte und gesunde Jugend in Afrika engagieren sollte“ im Auftrag der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) erstellt.

Die Studie steht Ihnen kostenlos als PDF zur Verfügung unter: https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/youth-can.html