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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Zuwanderer von morgen

Zuwanderer von morgen

Die Migration nimmt weltweit zu. Zwischen 2000 und 2017 stieg die Zahl der Menschen, die nicht in ihrem Geburtsland lebten, von 173 auf 258 Millionen. Im Verhältnis zur Weltbevölkerung, die im selben Zeitraum von 6,1 auf fast 7,6 Milliarden Menschen anwuchs, bedeutet dies einen Anstieg von 2,8 auf 3,4 Prozent. Dieser Trend könnte sich noch verstärken. Denn die Zahl der Menschen dürfte bis 2050 durchschnittlich um etwa 67 Millionen pro Jahr zunehmen, wobei sich das Wachstum vor allem in weniger entwickelten Ländern mit schwierigen Lebensbedingungen konzentriert. Gerade ökonomische Ungleichheiten zwischen Ländern tragen dazu bei, dass Menschen in anderen Ländern nach besseren Lebensbedingungen suchen.

 

Immer mehr Menschen wandern

Fast überall stieg die Anzahl der Menschen, die nicht in ihren Geburtsländern lebten, seit 1990 konstant an. Während sich dieser Prozess in entwickelten Regionen seit 2010 leicht abschwächt, war er in Entwicklungsregionen bis 2017 ungebrochen stark. Zwar hat die Süd-Nord Migration seit 1990 zugenommen, doch Süd-Süd Wanderungen machen noch immer den größten Teil internationaler Migration aus. (Datengrundlage: UNDESA, 2017, International Migration Report)

 

Für Europa ist ein hohes Migrationspotenzial aus anderen Teilen der Welt per se keine schlechte Nachricht. Denn alle europäischen Bevölkerungen altern und die Länder dürften deshalb über kurz oder lang auf Zuwanderung angewiesen sein. Die Alterung, die sich vor allem an mehr Ruheständlern bei gleichzeitig schrumpfender Erwerbsbevölkerung zeigt, erschwert es, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit auszubauen und die Sozialleistungen in gewohnter Höhe zu finanzieren. Langfristig wird die Migration innerhalb Europas nicht ausreichen, um Arbeitskräfteengpässe flächendeckend zu vermeiden. Stattdessen wäre Zuwanderung von außen nötig.

Doch es bedarf einer gelingenden Integration, damit die europäischen Zielländer und die Neuankömmlinge selbst von der Zuwanderung profitieren. Um Antworten darauf zu finden, wie Menschen beim Fußfassen in der neuen Heimat am besten unterstützt werden können, muss die Politik wissen, wer sich auf den Weg macht, also etwa, welches Alter und welchen Bildungsstand die Menschen haben und was sie zur Abwanderung bewegt.

Aus diesem Grund beschäftigt sich das Berlin-Institut in einem kürzlich angelaufenen Projekt „Zuwanderer von morgen“ mit der Frage nach den künftigen Migrationspotenzialen für Europa. Ziel der im Projekt erstellten Studie ist es, für verschiedene Weltregionen ein möglichst ganzheitliches Bild der potenziellen Abwanderer und ihrer Beweggründe zu zeichnen. Auf dieser Informationsbasis soll ein Dialogprozess mit relevanten Akteuren der Integrationsarbeit, also Verantwortlichen aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft initiiert werden. Dafür arbeitet das Berlin-Institut eng mit dem Forschungsbereich beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) zusammen, der in einer separaten Studie untersucht, inwieweit die europäischen Mitgliedsstaaten über erwerbs- und ausbildungsbezogene Zuwanderungswege verfügen, mit denen sie auf die Herausforderungen durch gemischte Wanderungen reagieren, also auf Wanderungen, die sich nicht eindeutig als Flucht oder freiwillige Migration kategorisieren lassen. So gibt es beispielsweise Menschen, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen, aber die Kriterien der Schutzgewährung, etwa der Genfer Flüchtlingskonvention, nicht erfüllen.


Viele Faktoren beeinflussen die Migrationsbereitschaft

Das Migrationspotenzial beschreibt die Zahl der Menschen, die grundsätzlich bereit sind, ihren Heimatort zu verlassen und anderswo ihr Glück zu suchen. Es lässt aber außen vor, ob eine Wanderung realistisch durchführbar ist und aus welchen Motiven heraus Menschen den Wunsch entwickeln auszuwandern.

Die Entscheidung, den eigenen Heimatort zu verlassen, wird dabei von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Zu den wichtigsten Faktoren, die eine Abwanderung befördern können, zählen Bevölkerungswachstum, der Bildungsstand der Bevölkerung, die wirtschaftlich-soziale Lage, die Politik sowie die Sicherheit in einem Herkunftsland. Aber auch die Rahmenbedingungen im Zielland sind hier zu berücksichtigen. Zurzeit zeigt sich deutlich, dass immer mehr Zielländer eine zunehmend restriktive Migrationspolitik verfolgen, während sich Nationalismen ausbreiten und ein migrationsskeptisches gesellschaftliches Klima fördern. All dies wirkt sich unmittelbar auf die Migrationsbereitschaft von Menschen aus. In der internationalen Debatte haben jüngst auch ökologische Veränderungen, wie die Erosion von Ackerböden, Wüstenbildung oder Wasserknappheit, an Gewicht gewonnen. Um fundierte Aussagen über künftige Wanderungsbewegungen zu treffen, müssten die Analysen möglichst viele dieser Faktoren mit einbeziehen und messbar machen. Doch gerade hierbei ergeben sich methodische Schwierigkeiten.


Unterschiedliche Ansätze zur Vorausschätzung und viele Probleme


Wissenschaftler versuchen schon seit längerem Wanderungsbewegungen abzuschätzen. In Europa kam es gerade nach dem Ende des Sozialismus sowie im Zuge der EU-Osterweiterung zu vielen Versuchen, den möglichen Umfang künftiger Migrationsströme von Ost nach West zu bestimmen. Dazu bedienen sich die Wissenschaftler vor allem demografischer, soziologischer und wirtschaftswissenschaftlicher Ansätze.

Eine gängige Methode ist es, Migrationspotenziale mittels ökonometrischer Modelle zu schätzen. Diese berechnen, wie sich unterschiedliche Einflussfaktoren auf die Zuwanderung auswirken könnten. Der Vorteil hierbei ist, dass mehrere Faktoren gleichzeitig analysiert werden können. Allerdings ergeben sich häufig schon aus der Datenlage Probleme. Denn es ist selten möglich, die verschiedenen Einflussfaktoren adäquat zu quantifizieren. Gerade kulturelle Aspekte oder schwerwiegende Schocks, wie gewalttätige Konflikte und Terror, können hierbei häufig nicht realistisch in die Schätzungen einbezogen werden.

Eine Möglichkeit, Migrationspotenziale jenseits vom reinen Volumen abzuschätzen, liefern subjektive Befragungsdaten. Derlei Statistiken erstellt etwa das Meinungsforschungsinstitut Gallup, welches jährlich weltweit Menschen zu ihrer Migrationsbereitschaft befragt. Die Daten liefern detaillierte Profile potenzieller Migranten: Gallup erhebt Eigenschaften wie Geschlecht, Alter, Bildungsstand und den Status etwaiger Vorbereitungen. Subjektive Angaben zu Wanderungsabsichten sind aber ein unzureichendes Instrument, um Migrationspotenziale zu erfassen. Denn der ganz allgemein geäußerte Wunsch, künftig einmal auswandern zu wollen, gibt noch keine verlässliche Information darüber, ob jemand tatsächlich seinen Heimatort verlassen wird. Das über diese Daten geschätzte Migrationspotenzial liegt in der Regel deutlich höher als die tatsächliche Zahl der Migranten.

 

Unklarheiten in Migrations- und Bevölkerungsvorausschätzungen

 

Das Schaubild zeigt schematisch, wie sich „Unsicherheiten“ bei Migrationsvorausschätzungen aufsummieren. So sind die genutzten Konzepte oft nicht eindeutig und variieren je nach Institution oder Land. Die Daten, die auf dieser Basis in den Ländern gesammelt werden, lassen sich entsprechend selten miteinander vergleichen oder fehlen gänzlich für einige Regionen. Auch theoretische Annahmen sind von den vorherrschenden Konzepten geprägt und führen mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen, wenn sie mittels Kovariaten in messbare Kategorien überführt werden. Darüber hinaus verteilt sich die Migrationsexpertise über verschiedene akademische Disziplinen und bringt unterschiedlichste Annahmen darüber hervor, wie sich Wanderungen entwickeln könnten. Letztlich steht hinter Migrationsvorausschätzungen der Versuch, komplexe Entscheidungen von Menschen vorauszusehen und zu quantifizieren – was schwieriger ist, als etwa Vorausschätzungen zur Lebenserwartung zu treffen, die sich unabhängig von bewussten Entscheidungen entwickelt.  (Eigene Darstellung nach Bijak, J., 2011)



Neben makro-ökonomischen Modellrechnungen sowie Befragungsdaten können auch Bevölkerungsprojektionen Grundlage für eine Schätzung sein. Diese gehen einen Schritt weiter, denn sie treffen Annahmen darüber, wie viele Menschen tatsächlich wandern. Häufig geschieht dies mittels einer simplen Fortschreibung vergangener Volumen in die Zukunft. So funktionieren beispielsweise die Bevölkerungsvorausschätzungen des Statistischen Bundesamtes oder von Eurostat, der europäischen Statistikbehörde. Das Wiener Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) errechnet dagegen Bevölkerungsprojektionen, die auch den Faktor Bildung mit einbeziehen. Doch auch sie weisen die typischen Einschränkungen quantitativer Ansätze auf, nämlich dass sie eine weite Bandbreite an Ergebnissen haben und, vor allem, dass sie keinen Blick „hinter die Kulissen“ in den Herkunftsländern erlauben.


Besserung in Sicht?

Internationale Organisationen, wie die Vereinten Nationen, bemühen sich darum, ihre Analysen auf eine bessere Datengrundlage zu stellen. Auch die Forschung zu künftigen Migrationspotenzialen für Europa hat sich in den vergangenen Jahren intensiviert. Sie ist aber weiterhin bruchstückhaft, denn quantitative und qualitative Untersuchungen liegen bisher nur für einzelne Regionen vor und sind überdies größtenteils vor der sogenannten Flüchtlingskrise entstanden. Sie müssen deswegen zumindest als teilweise veraltet gelten. Es fehlen zudem Einschätzungen darüber, wer die Menschen sind, die ihre Heimatorte verlassen.

Eine Besserung ist durch die für 2019 geplanten Migrationsszenarien des Centre of Expertise on Population and Migration (CEPAM) in Sicht. Dafür erstellen die Wissenschaftler - beschränkt auf die EU - acht bis zwölf Szenarien, die bis 2100 reichen und ergänzen diese durch detaillierte Analysen zu einzelnen Einflussfaktoren. Die Vielzahl unterschiedlicher Szenarien, die auch das CEPAM veröffentlichen wird, zeigt, dass es schwierig ist, Migrationspotenziale konkret zu quantifizieren. Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, die unterschiedlichen demografischen, politischen, sozialen und ökologischen Gründe für Wanderungen ausführlich zu erforschen, um auf dieser Grundlage zu versuchen, künftige Wanderungsbewegungen zu bestimmen.

In seiner Studie wird das Berlin-Institut die unterschiedlichen methodischen Ansätze zusammenzuführen. Die Studienveröffentlichung ist für Frühjahr 2019 geplant. „Zuwanderer von morgen“ wird von der Stiftung Mercator gefördert.


Quellen
Bijak, J. (2011). Forecasting International Migration in Europe: A Bayesian View. Springer: Dodrecht.
Bijak, J. (2016). Migration forecasting: Beyond the limits of uncertainty. GMDAC Data Briefing Series, Issue No. 6.
Dustmann, C., Casanova, M., Fertig, M, Preston, I., Schmidt C.M. (2003). The impact of EU enlargement on migration flows. Home Office Report 25/03.
Foresight (2011). Migration and Global Environmental Change. Future Challenges and Opportunities. London (Final Project Report).
Ionesco, D., Mokhnacheva, D. & Gemenne, F. (2017). Atlas der Umweltmigration (Deutsche Erstausgabe). München: oekom verlag.
Layard, R., Blanchard, O., Dornbusch, R. & Krugman, P. (1992). East-West Migration: The Alternatives. Boston: MIT Press.
UNDESA (2017). International Migration Report 2017.
UNDESA (2017). World Population Prospects. Key findings & advanced tables (The 2017 Revision).