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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Es wird enger

Es wird enger

Die Menschheit wächst: Nach aktueller Schätzung der Vereinten Nationen übertrifft ihre Zahl zum diesjährigen Weltbevölkerungstag am 11. Juli 7,6 Milliarden Menschen. Damit hat sie sich seit 1950 verdreifacht. Und in ihren Bevölkerungsvorausberechnungen gehen die Vereinten Nationen von weiterhin starkem Wachstum aus: Gemäß der mittleren Variante dürften im Jahr 2050 fast 9,8 Milliarden Menschen auf diesem Planeten leben. Bei einer jährlichen Wachstumsrate von 1,1 Prozent bedeutet dies einen durchschnittlichen Zugewinn von 83 Millionen Menschen pro Jahr. Damit wächst die Weltbevölkerung in den kommenden 32 Jahren mit jedem Jahr um die Einwohnerzahl Deutschlands an.

 

Dieser Zuwachs wird zum überwiegenden Teil auf zwei Kontinenten stattfinden. Zwar wird auch 2050 die Mehrheit der Menschen in Asien leben – 54 Prozent beziehungsweise 5,3 Milliarden. Doch Afrika holt rasant auf, und der Abstand zwischen beiden Regionen wird zusammenschmelzen: Ausgehend von 17 Prozent der Weltbevölkerung wird der Kontinent 2050 aller Voraussicht nach ein Viertel der Menschheit beheimaten. Das wäre ein Anstieg von 1,3 Milliarden auf 2,5 Milliarden Erdenbürger. Schenkt man noch langfristigeren Vorausberechnungen Glauben, leben in Afrika am Ende des Jahrhunderts etwa so viele Menschen wie in Asien – zwischen 4,5 und 4,8 Milliarden an der Zahl.

 

Warum Afrika und Asien weiter wachsen


Insbesondere Subsahara-Afrika erweist sich einmal mehr, wenngleich in anderem als dem ursprünglichen Sinne, als „Wiege der Menschheit“: Die Fertilitätsraten und damit das Bevölkerungswachstum sind und bleiben hier am höchsten. Hintergründe sind die nach wie vor oft existenzielle Armut, in der Kinder als Alterssicherung dienen, ein unzureichender Zugang zu Familienplanung und die gesellschaftliche Stellung der Frau. Ein Beispiel für diesen Zustand ist Roukaya Hamani aus Niger, welche die britische Tageszeitung The Guardian 2017 porträtierte. Sie hatte damals bereits 4 Kinder zur Welt gebracht, nach dem Wunsch ihrer Schwiegereltern aber sollten es noch deutlich mehr werden. Die junge Frau war zu diesem Zeitpunkt erst 18 Jahre alt, aber schon als Zehnjährige verheiratet worden.

 

In Asien lag die Fertilitätsrate in den 1950er Jahren bei fast 6 Kindern pro Frau. 2015 waren es nur noch 2,2 Kinder. Hinter diesem Rückgang stehen massive Investitionen in Gesundheit, inklusive Familienplanungsmöglichkeiten und sexuelle Aufklärung, in Bildung, insbesondere Sekundarschulbildung für Mädchen, sowie in Jobs, die den Menschen eine Perspektive jenseits des Kinderkriegens boten. Den größten Einfluss auf die Verlangsamung des Bevölkerungswachstums hatte China mit seiner rigorosen Zwei- und später Ein-Kind-Politik.

 

In Subsahara-Afrika sind die Kinderzahlen hingegen nur wenig gesunken, von durchschnittlich 6,6 Kindern je Frau 1950 auf gut 5 Kinder im Jahr 2015. Mit statistisch 7,4 Kindern bekommen nigrische Frauen wie Roukaya Hamani die meisten Kinder weltweit. Dass Asien auch nach dem Absinken der Fertilitätsraten auf annähernd bestandserhaltendes Niveau vorerst weiter auf Wachstumskurs bleibt, ist dem demografischen Momentum oder Trägheitseffekt geschuldet: Da in der Vergangenheit sehr viele Kinder geboren wurden, wird es noch einige Jahrzehnte lang viele Frauen im reproduktiven Alter geben, die in der Summe viele Kinder bekommen, selbst wenn jede Einzelne von ihnen nur noch zweimal Mutter wird.

 

Überholt Afrika Asien?


Der Zuwachs in Afrika und Asien bedeutet auch: Es wird enger. Als Maßzahl hierfür ist die Bevölkerungsdichte am weitesten verbreitet. Sie setzt die Zahl der Menschen in Beziehung zur verfügbaren Fläche.

 

Ungleiche Entwicklung

 

Aus der Bevölkerungsdichte lässt sich nicht unmittelbar ablesen, wie viel Platz die Menschen zum Leben haben, denn sie unterscheidet nicht zwischen gut bewohnbarem und unwirtlichem Gelände. Dadurch werden Flächenstaaten mit Gebirgen oder Wüsten wie die Mongolei oder Australien hinsichtlich ihrer Bevölkerungsdichte „kleingerechnet“, denn dort, wo die Menschen eine Lebensgrundlage finden, sind diese Länder oft sehr dicht besiedelt. Auch hinter den Durchschnittswerten der einzelnen Kontinente verbergen sich ganz unterschiedliche Wohn- und Lebensbedingungen. So fließen beispielsweise in die Bevölkerungsdichte Asiens die äußerst dünn besiedelte Mongolei sowie Bangladesch ein, der am dichtesten besiedelte Flächenstaat der Welt.

 

Asien ist seit Langem der am dichtesten besiedelte Kontinent - wobei die Russische Föderation in den hier genutzten Daten der Vereinten Nationen in Gänze Europa zugerechnet wird. Allein seit den 1950er Jahren hat sich die Zahl der Menschen pro Quadratkilometer verdreifacht. Teilten sich damals noch 45 Menschen einen Quadratkilometer, waren es 2015 bereits 142. In Europa stieg die Dichte im gleichen Zeitraum von 25 auf 34 Menschen pro Quadratkilometer. Und der Blick in die demografische Kristallkugel zeigt: Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte die Bevölkerungsdichte in Asien weiter, auf 170 Menschen pro Quadratkilometer, ansteigen, während in Europa nur geringfügige Veränderungen zu erwarten sind.

 

In Afrika spielt insbesondere die Region südlich der Sahara eine bedeutende Rolle. Mitte des letzten Jahrhunderts war Subsahara-Afrika mit 8 Menschen pro Quadratkilometeräußerst dünn besiedelt. Dies war ein Grund dafür, warum sich internationale Investoren in der Nachkriegszeit wenig für den Kontinent interessierten und sich stattdessen auf das menschenreiche Asien konzentrierten. Doch kurz nach dem Millenniumswechsel hatte die Region bereits die Bevölkerungsdichte Europas erreicht. Bis 2015, innerhalb von nur 65 Jahren, hatte sich die Zahl der Menschen pro Quadratkilometer auf 44 mehr als verfünffacht. Im subsaharischen Afrika von 2015 teilten sich somit genauso viele Menschen einen Quadratkilometer wie im Asien der 1950er Jahre.

 

Bis zur Mitte des Jahrhunderts dürfte sich die Bevölkerungsdichte in Subsahara-Afrika noch einmal mehr als verdoppeln, auf dann rund 100 Menschen pro Quadratkilometer. Schon ab etwa 2030 wäre dieses Gebiet, trotz seiner großen Wüsten und Regenwaldgebiete, dichter besiedelt als alle Länder der Erde im Durchschnitt.

 

Das Ausmaß der demografischen Kräfteverschiebung tritt angesichts der Flächenverhältnisse umso deutlicher zu Tage: Asien ist mit 31 Millionen Quadratkilometern der größte Kontinent der Erde, gefolgt von Afrika mit 30 Millionen Quadratkilometern. Europa kommt gerade einmal auf 22 Millionen Quadratkilometer.  Und dennoch hat der einzelne Europäer im Schnitt deutlich mehr Platz – heute und in Zukunft:2050 werden sich in Asien mehr als fünfmal so viele Menschen einen Quadratkilometer teilen als in Europa, und in Afrika zweieinhalb Mal so viele.

 

Ob nach Mitte des Jahrhunderts die Bevölkerung in Afrika so weiterwächst, wie in den Langfristszenarien der Vereinten Nationen unterstellt, ist fraglich. Demnach hätte Afrika im Jahr 2100 die fünffache Bevölkerungsdichte von Europa. Angesichts des heutigen Entwicklungsstandes ist es vielerorts aber kaum vorstellbar, dass diese Zahl und Dichte von Menschen überhaupt zu versorgen ist. Viele könnten gezwungen sein abzuwandern, im schlimmsten Fall könnten auch Konflikte, Hungersnöte und Epidemien das Wachstum bremsen. Sollte sich Afrika aber entgegen den derzeitigen Erwartungen besonders schnell entwickeln, etwa nach dem Vorbild der asiatischen Tigerstaaten, dann würden die Nachwuchszahlen rasch sinken und das Wachstum bis Ende des 21. Jahrhunderts fiele deutlich geringer aus als heute befürchtet.

 

Unser Leben auf zu großem Fuße


In der Vergangenheit entwickelte sich unser Ressourcenverbrauch parallel zum Bevölkerungswachstum und damit zur Bevölkerungsdichte. Nachhaltig leben wir dabei schon lange nicht mehr: Seit den 1970er Jahren verbrauchen wir jährlich mehr Ressourcen als die Erde in einem Jahr bereitstellen kann. Für die Zukunft wird erwartet, dass sich der Zusammenhang zwischen Bevölkerungszahl bzw. -dichte und Ressourcenverbrauch zunehmend entkoppelt, sich also unsere ungute Tendenz, mehrere Erden zu verbrauchen, noch weiter verstärkt.

 

Quellen
Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (2018). Atlas zur Weltbevölkerung.
Deutsche Stiftung Weltbevölkerung e.V. (2018). Weltbevölkerungsuhr der DSW.
Filipovic, J. (2018). Why have four children when you could have seven? Family planning in Niger. The Guardian, 15.03.2018.
UN DESA (2018). Datenbank des World Population Prospects 2017.
UN DESA (2017). World Population Prospects - The 2017 Revision.
Westermann (Hg.) (2018). Diercke Weltatlas: Erde - physische Übersicht, S.222