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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Früh für die Zukunft lernen

Früh für die Zukunft lernen

Nie ging es der Menschheit besser als heute. Davon zeugt schon die Lebenserwartung, die in nahezu allen Ländern der Welt seit vielen Jahren steigt. Sie ist der wahrscheinlich beste global verfügbare Querschnittsindikator für menschliches Wohlergehen. Diese positiven Meldungen dürfen allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Menschheit heute vor enormen Aufgaben steht. Sie werden ausgelöst durch neu aufkeimende Konflikte und durch grundlegende Veränderungen in der Arbeitswelt, im globalen Klimasystem oder bei der Bevölkerungsentwicklung. Längst haben diese Phänomene begonnen untereinander zu wechselwirken. Hier kommt eine gute Bildung für alle ins Spiel. Denn um die Entwicklung der Menschheit auf einen guten Weg zu bringen, brauchen möglichst viele Menschen die Fähigkeiten, mit denen sie die komplexen Zusammenhänge einer global vernetzten Welt verstehen und ihr Handeln entsprechend anpassen können.

 

Zu wenig vorschulische Bildung in Südasien und Afrika

Immer mehr Kinder nehmen an vorschulischer Bildung teil. Aber weltweit gilt dies bisher gerade einmal für die Hälfte von ihnen. Vor allem arme Länder haben die wichtige Funktion vorschulischer Bildung noch nicht erkannt oder es fehlt ihnen das Geld dafür. Sie bereitet die Kinder auf die Schule vor und gewöhnt sie an die entsprechenden Lernformen. Damit schlägt sie eine Brücke zwischen der vertrauten Umgebung zuhause und der Schule.

 

Bildung ist die wichtigste Einflussgröße und das zentrale Element politischer Intervention für eine gute Zukunft und sie beeinflusst, wie sich die Welt demografisch entwickelt. Besonders wichtig sind schon die ersten Lebensjahre, weil Kinder früh ihre eigenen Lernbedingungen entwickeln und damit die Grundlage dafür legen, wie sie sich Wissen später aneignen.

 

Lernen zu lernen

Einfachste Lernerfahrungen und Bildung verändern unser Denken und Handeln. Sie beeinflussen, wie wir Probleme lösen und Konflikte bewältigen, sie wirken sich auf unsere politischen und moralischen Einstellungen aus und bestimmen damit sowohl unsere persönliche, als auch die gesellschaftliche Entwicklung mit. Das Entstehen eines solchen Bewusstseins ist ein lebenslanger Prozess, doch die ersten Jahre sind von besonderer Bedeutung dafür. Dies haben die letzten zwanzig Jahre neurowissenschaftlicher Forschung deutlich gezeigt. Bei diesen frühesten Lernerfahrungen handelt es sich um taktile, visuelle und akustische Reize, wie das Betasten von Dingen oder Krabbel-Erkundungen, mit denen Kinder die Welt kennenlernen. Diese vermeintlich simplen Einflüsse formen wesentlich die persönliche Gehirnstruktur jedes Menschen.

Im Gehirn vollzieht sich nach der Geburt eine Auslese der rund 100 Milliarden Nervenzellen, mit denen ein Mensch zur Welt kommt. Jede neue Erfahrung, jeder Lernprozess schafft neue Synapsen, also neue Verbindungen zwischen Nervenzellen und somit bleibende Strukturen im Gehirn. Gleichzeitig werden nicht-funktionelle Synapsen abgebaut, beispielsweise, wenn Stimuli für bestimmte Hirnregionen ausbleiben. Die neu geknüpften Nervenverbindungen führen dazu, dass wir neue Erfahrungen stets auf Basis des vorher Gelernten wahrnehmen – also jeweils anders als zuvor. Mit jedem Lernprozess ändern sich also unser Bewusstsein und auch die physische Zusammensetzung des Gehirns. Lernen macht im wahrsten Sinne des Wortes andere Menschen aus uns.

 

Je früher, desto besser?

Die Aufmerksamkeit für frühkindliche Bildung ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen, was sich auch daran zeigt, dass sie als Ziel in die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG) der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. In der Debatte um frühkindliche Förderung wird häufig gefordert, Kinder so umfassend, früh und intensiv wie möglich zu fördern. Zentral ist jedoch, den Kindern ein sicheres Umfeld zu bieten, in dem sie die Welt selbst erkunden und kennenlernen können. Ob dieser Anspruch umgesetzt wird, hängt stark von den Angeboten ab.

Immer mehr Kinder zwischen drei und sechs Jahren konnten in den letzten Jahrzehnten an Vorschulprogrammen teilnehmen. 2016 war es weltweit etwa die Hälfte der Kinder. In den am wenigsten entwickelten Ländern waren es allerdings nur zwei von zehn. Obwohl der Anteil von Kindern in vorschulischen Bildungseinrichtungen wächst, variieren die Angebote je nach Regionen und Ländern. Mancherorts verhindern fehlende Betreuungsangebote und –plätze, dass Kinder überhaupt vorschulische Einrichtungen besuchen können. In anderen Fällen sind Eltern nicht in der Lage, die Kosten zu tragen oder die Betreuungsschlüssel reichen nicht aus, um den Kindern eine hohe Betreuungsqualität zu bieten.


Betreuung auf Finnisch

Das vielleicht erfolgreichste Beispiel für vorschulische Betreuung ist das finnische Neuvola-System. Dabei handelt es sich um ein flächendeckendes Beratungsangebot für alle werdenden Eltern und Familien mit Babys und Kleinkindern. Finnland beginnt die Betreuung angehender Eltern damit früher als andere Länder. Ein Netz aus Ärzten, Hebammen, Logopäden, Psychotherapeuten und Sozialarbeitern berät sie bis zum Schuleintritt der Kinder. Ziel dieser kontinuierlichen Betreuung ist es, spezielle Bedarfe der Kinder frühzeitig zu erkennen und die entsprechenden Unterstützungsmaßnahmen zu ergreifen. Die Besonderheit dieses Ansatzes liegt darin, dass er Gesundheit und Lernen zusammendenkt. Das reguläre Angebot geht entsprechend weit über Geburtsvor- und -nachbereitung hinaus und beinhaltet beispielsweise auch Tests zur neurologischen Entwicklung der Kinder. Vor allem sozial benachteiligte Kinder können von verbesserten Entwicklungsbedingungen zu Beginn ihres Lebens profitieren. Das Neuvola-System verknüpft die wichtige Bindung zwischen Kind und Eltern mit dem Fürsorgeauftrag des Staates. Nahezu alle Eltern nehmen die Beratung in Anspruch und verbessern damit auch langfristig die Lernvoraussetzungen ihrer Kinder. Es ist deshalb kein Zufall, dass gerade finnische Schülerinnen und Schüler besonders gute Bildungsergebnisse erzielen.

 

Bildung beginnt vor der Schule

Auch wenn unklar ist, in welchem Ausmaß frühe Bildung den Werdegang von Kindern beeinflusst, so ist ihre hohe Bedeutung für die Entwicklung des Gehirns in der Forschung unstrittig. Staatliche Programme wie das finnische Neuvola-System können Kindern das Rüstzeug für eine gute Entwicklung mitgeben - durch alle gesellschaftlichen Schichten hindurch. Alle Länder sollten die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu früher Bildung ernst nehmen und die Lernbedingungen verbessern, unter denen Kinder aufwachsen. Mit Blick auf die Zukunft sollten dabei vor allem die Entwicklung einer abstrakten und nachhaltigen Denkfähigkeit, kritisches Hinterfragen und die Autonomie der Kinder gefördert werden. Je mehr Kinder heute die Welt verstehen lernen, desto besser werden künftige Gesellschaften ihre Herausforderungen bewältigen und sich an eine veränderte Umwelt anpassen können.

 

Das Discussion Paper "Mehr Humankapital wagen!" steht Ihnen gratis als Download zur Verfügung unter:
www.berlin-institut.org/publikationen/discussion_papers/mehr_humankapital_wagen