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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Statt Schrumpfung kam Wachstum

Statt Schrumpfung kam Wachstum

Lange kamen Vorausberechnungen zur Bevölkerungsentwicklung zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Einwohner in Deutschland kontinuierlich sinken würde und dass hierzulande im Jahr 2050 rund zehn Millionen Menschen weniger leben könnten als noch Anfang des Jahrtausends. Zunächst schien die demografische Entwicklung auch den Berechnungen zu folgen. Doch seit 2011 ist Deutschland wieder auf den Wachstumspfad zurückgekehrt, und die Bevölkerungsverluste der 2000er-Jahre konnten mehr als ausgeglichen werden. Vorläufigen Zahlen nach lebten im Jahr 2017 rund 82,8 Millionen Personen in Deutschland – und damit mehr als jemals zuvor.

Die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung scheint damit einen anderen Verlauf zu nehmen, als es die koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes einst vorsahen. Doch wie groß sind die Abweichungen? Und wie gut schneiden die einzelnen Vorausberechnungen seit der Jahrtausendwende ab? Um diesen Fragen nachzugehen, hat das Berlin-Institut die tatsächliche Entwicklung mit jeweils zwei Varianten aus den fünf koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen, die nach 2000 erschienen sind, verglichen. Dabei handelt es sich jeweils um eine Variante mit einer Nettozuwanderung von 100.000 Menschen jährlich und eine, bei der das jährliche Wanderungsplus doppelt so hoch liegt. Diese beiden Varianten sind zwar nicht wahrscheinlicher als alle übrigen der jeweiligen Modellrechnung, als „mittlere“ Szenarien erhielten sie in der Öffentlichkeit allerdings die größte Aufmerksamkeit.


Wachstum falsch eingeschätzt – Alterung wie erwartet

Vor allem die Varianten mit einer jährlichen Zuwanderung von rund 100.000 Personen pro Jahr haben die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung deutlich unterschätzt. Denn zwischen 2000 und 2016 lag die durchschnittliche Nettozuwanderung pro Jahr mit über 250.000 Personen rund zweieinhalbmal so hoch, als angenommen. Allerdings ist der hohe Durchschnittswert auf die starke Zuwanderung seit 2011 zurückzuführen. In den 2000er-Jahren lag die jährliche Nettozuwanderung im Mittel bei rund 96.000 Personen und damit sogar etwas unter der getroffenen Annahme.


Zurück auf dem Wachstumspfad

Im Jahr 2016 lebten in Deutschland rund 82,5 Millionen Personen und damit mehr als in den ausgewählten Varianten mit niedriger Zuwanderung vorausberechnet wurden. Eine schrumpfende Einwohnerzahl, so wie es die 9. bis 12. Bevölkerungsvorausberechnung vorsah, scheint sich derzeit nicht einzustellen.

Ein anderes Bild zeigt sich bei der Alterung der Bevölkerung. Hier sind nur geringe Abweichungen auszumachen. Denn anders als bei den absoluten Bevölkerungszahlen weicht die Verteilung der Altersgruppen der unter 20-Jährigen, der 20- bis 65-Jährigen sowie der über 65-Jährigen auf die Gesamtbevölkerung kaum von der tatsächlichen Entwicklung ab. Dies liegt jedoch weniger an den getroffenen Annahmen, sondern daran, dass die Altersstruktur der Gesellschaft durch langfristige Trends geprägt ist. Die Alterung der Gesellschaft wird stärker durch die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer beeinflusst, als durch eine hohe Zuwanderung oder eine leicht gestiegene Nachwuchszahl.

Gemeinsam haben alle Varianten, dass sie bei den jüngsten Kohorten am stärksten von der tatsächlichen Bevölkerungsentwicklung abweichen. So sollten nach der Variante 1 der 9. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung im Jahr 2016 rund 643.000 Kinder im ersten Lebensjahr in Deutschland leben. Die tatsächliche Zahl lag um rund 150.000 Kinder höher. Hierfür dürften im Wesentlichen zwei Gründe verantwortlich sein: Zum einen ist die zusammengefasste Geburtenziffer, also die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau, in den letzten Jahren gestiegen – von unter 1,4 um die Jahrtausendwende auf knapp 1,6. Zum anderen hat sich auch die Zuwanderung der letzten Jahre auf die Zahl der Geburten ausgewirkt. Denn unter den Neuankömmlingen waren viele Menschen im Familiengründungsalter.

Mehr Kinder und mehr Ältere

Nach Altersklassen betrachtet, zeigen sich die größten Abweichungen bei den jüngsten Jahrgängen: Vier von fünf Berechnungen unterschätzten die Zahl der unter 1-Jährigen um mehr als 15 Prozent. Auch die Zahl der 18- bis 30-Jährigen ist höher ausgefallen. Bei den über 70-Jährigen schneidet die älteste der betrachteten Vorausberechnung am schlechtesten ab.

 

Fazit: Die Schrumpfung der Bevölkerung bleibt vorerst aus

Auch wenn sich vom aktuellen Wanderungsgeschehen kaum auf die künftige Entwicklung schließen lässt: Insgesamt ist künftig mit einer höheren Zuwanderung zu rechnen, als es die Projektionen bislang unterstellen. Falls sich der Wanderungssaldo bei einem Plus von rund 300.000 Personen einpendelt – aus heutiger Sicht ein wahrscheinliches Szenario –, sollte sich dies auch in den Varianten künftiger Bevölkerungsvorausberechnungen widerspiegeln. Darüber hinaus könnte sich der aktuelle Trend bei den Geburtenzahlen verstetigen und die zusammengefasste Geburtenziffer auf einen Wert in Höhe von 1,6 ansteigen. Auch diese Entwicklung sollte in künftige Vorausberechnungen einfließen. Einen Bevölkerungsrückgang dürften die Berechnungen auf absehbare Zeit dann nicht mehr ergeben.

Doch auch wenn sich die Einwohnerzahl stabilisieren sollte, wird die Bevölkerung weiter altern. Denn um die Alterung der Bevölkerung in Deutschland zu stoppen, müsste das aktuelle Wanderungsplus noch um ein Vielfaches steigen. Weil sich dieses Szenario ausschließen lässt, wird die Alterung der Gesellschaft die Diskussion um den demographischen Wandel weiter prägen. Zudem dürfte sich die Lebenserwartung auch künftig weiter erhöhen – wenn auch mit ungewissem Tempo. An den bekannten Herausforderungen für den Arbeitsmarkt und für die Finanzierung der Sozialsysteme dürfte sich daher auch künftig wenig ändern.

 

Die vollständige Studie steht Ihnen gratis zum Download zur Verfügung unter:
https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/einflussfaktoren-des-demographischen-wandels.html