Facebook
Twitter
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Vizeweltmeister auf Abstiegskurs

Vizeweltmeister auf Abstiegskurs

Knapp zwei Monate ist es her, dass sich im Finale der Fußballweltmeisterschaft zwei europäische Mannschaften gegenüberstanden: Frankreich und Kroatien. Bis auf die Tatsache, dass beide Länder Mitglieder in der Europäischen Union sind und jeweils Weltklasse-Fußballmannschaften zur WM schicken konnten, haben sie allerdings wenig gemein. Auf der einen Seite steht Frankreich, Gründungsmitglied der Europäischen Union, Einwanderungsland und mit einer erfolgreichen Familienpolitik, die anderen europäischen Ländern als Vorbild gilt. Die Projektionen der EU-Statistikbehörde Eurostat gehen davon aus, dass Frankreichs Bevölkerung noch bis 2080 weiter wachsen dürfte. Auf der anderen Seite steht Kroatien, jüngstes Mitglied der EU, dessen Bevölkerung auf Schrumpfkurs ist.

Nach der Finanzkrise 2008 hatte Kroatien mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen und der zuvor positive Entwicklungstrend kam zu einem jähen Ende. Durch den Beitritt zur EU im Jahr 2013 erhofften sich viele im Land einen wirtschaftlichen Aufschwung, der aber bisher noch auf sich warten lässt. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf erholte sich zwar und stieg seit dem Beitritt leicht an. Doch Kroatien gehört nach Rumänien und Bulgarien immer noch zu den wirtschaftlich schwächsten Ländern in der EU.

 

Abwanderung und immer weniger Kinder

Schon vor dem EU-Beitritt hatte Kroatien damit zu kämpfen, dass viele Menschen dem Land den Rücken kehrten. Die Freizügigkeit innerhalb der EU verschärfte dieses Problem weiter. Seit 2013 sind fast 150.000 Kroaten ins Ausland abgewandert, eine hohe Zahl angesichts einer Gesamtbevölkerung von gerade mal 4,2 Millionen. Hohe Arbeitslosigkeit und wenig Perspektiven im eigenen Land lassen vor allem die Jungen und gut Ausgebildeten ihr Glück im Ausland suchen. Den vielen Auswanderern steht nur eine vergleichsweise geringe Menge an Einwanderern gegenüber. Die meisten von ihnen kommen aus dem Nachbarland Bosnien und Herzegowina.

Durch die hohe Abwanderung hat sich die demografische Zusammensetzung der Bevölkerung Kroatiens verändert: Seit 2010 sinkt die Zahl der potentiellen Mütter im typischen Familiengründungsalter zwischen 25 und 39 Jahren – heute sind es fast 25.000 weniger als noch vor sieben Jahren. Daher ist es nicht verwunderlich, dass 2017 landesweit nur noch 36.647 Kinder geboren wurden, der tiefste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Nicht nur die absolute Kinderzahl, sondern auch die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau ist niedrig – selbst für europäische Verhältnisse. 2016 bekam jede Frau im Schnitt nur 1,42 Kinder, ein Wert, der weit unter jenem liegt, der für stabile Bevölkerungszahlen nötig wäre.

Abwanderung und niedrige Kinderzahlen haben zusammengenommen einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der Bevölkerung. Sie wird im Zeitraum von 2015 bis 2020 nach Projektionen von Eurostat um etwa 133.000 Einwohner schrumpfen, was einem Rückgang von 3,2 Prozent entspricht. Angenommen die Geburtenziffer sinkt noch weiter, auf einen Wert von 1,1, wird sich die Bevölkerung bis 2050 um fast ein Fünftel reduzieren. Auch die Alterung der Gesellschaft wird schnell voranschreiten. Denn die letzten geburtenstarken Jahrgänge, die noch aus der jugoslawischen Ära stammen, kommen langsam in das Ruhestandsalter, während am unteren Ende der Bevölkerungspyramide immer weniger Kinder nachwachsen.

 

Schrumpfende Bevölkerung in Kroatien

Seit 2007 sind die Bevölkerungszahlen in Kroatien rückläufig. Nach Projektionen von Eurostat dürfte die Bevölkerung unter Annahme einer gleichbleibenden Geburtenrate und eines stabilen Wanderungssaldos (Basisszenario) auf 3,2 Millionen fallen. Für das Szenario mit einer niedrigeren Geburtenrate wird ein Rückgang der Geburtenrate auf 1,1 Kinder pro Frau unterstellt. Dann würde die Bevölkerung noch stärker schrumpfen – auf nur noch 2,7 Millionen.

 

Bis 2050 dürfte der Altenquotient, also das Verhältnis von Menschen im Rentenalter zu Erwerbsfähigen, auf 50 Prozent steigen. Das bedeutet, dass dann im Schnitt zwei arbeitende und Sozialbeiträge zahlende Personen eine Person im Ruhestand finanzieren müssen. Dadurch werden die Rentenkassen und der Staatshaushalt besonders belastet.

Da auch die Politik begriffen hat, dass die Bevölkerungsentwicklung in Kroatien Probleme mit sich bringt, hat die Regierung ein Demografieministerium gegründet, welches sich besonders mit diesem Thema auseinandersetzen soll. Allerdings gibt es bisher noch keine konkreten Maßnahmen. Der Staatssekretär im Ministerium legte Anfang dieses Jahres nach nur 16 Monaten sein Amt nieder. In seiner Begründung hieß es, dass die jetzige Politik nicht zu einer Lösung des Problems beitragen könne. Erst wenn es gelingt, jungen Kroaten mehr Perspektiven im eigenen Land zu bieten, ließe sich die Abwanderung stoppen und jungen Menschen mehr Zuversicht für eine Familiengründung vermitteln.

 

Ähnliche Entwicklung in Kroatien und Deutschland

Kroatien und Deutschland sind sich in Bezug auf die Alterung der Bevölkerung ähnlicher als erwartet. Nach Projektionen von Eurostat würden beide Länder 2070 den gleichen Altenquotienten haben. Während sich die Herausforderungen des demografischen Wandels der Länder gleichen, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen 
allerdings stark.


Bessere Voraussetzungen in Deutschland

Auch in Deutschland ist nach den Projektionen von Eurostat mit einem Anstieg des Altenquotienten um 20 Prozentpunkte zu rechnen. Damit wird es in Deutschland nur noch zwei Erwerbstätige geben, die zusammen einen Rentner finanzieren – genauso wie in Kroatien. Damit ähnelt Kroatien trotz unterschiedlicher Rahmenbedingungen Deutschland in seinen demografischen Aufgaben. Auch hierzulande ist nach den Projektionen von Eurostat mit einem Anstieg des Altenquotienten um 20 Prozentpunkte zu rechnen. Also wird es auch in Deutschland nur noch zwei Erwerbstätige geben, die zusammen einen Rentner finanzieren. Allerdings sind die wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland deutlich vorteilhafter, denn die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt hat einen größeren Handlungsspielraum als Kroatien.

Nicht zuletzt hat die wirtschaftliche Stabilität in Deutschland dazu geführt, dass seit 2010 wieder mehr Menschen zu- als abwandern, darunter auch viele Kroaten. 61 Prozent aller Auswanderer aus Kroatien führt es nach Deutschland. Viele Migranten, die sich auf den Weg machen, sind junge Erwerbstätige, die einen Beitrag zur Volkswirtschaft leisten und in die Sozialkassen einzahlen.

Die derzeit hohe Zuwanderung hat einen weiteren Effekt: Seit 2011 sind vermehrt Frauen nach Deutschland gekommen, häufig aus Ländern mit höheren Kinderzahlen. Dadurch ist die Geburtenziffer von Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft gestiegen. So wurde 2017 rund ein Drittel aller Kinder von Frauen mit einem nichtdeutschen Pass geboren. Weil auch die Geburtenziffer von Frauen mit deutscher Staatsbürgerschaft wieder etwas angestiegen ist, gehört Deutschland mittlerweile nicht mehr zu den Ländern mit einer sehr niedrigen Geburtenziffer. Mit einer Fertilitätsrate von 1,59 Kindern pro Frau liegt das Land im europäischen Mittelfeld. Und damit nicht nur vor Kroatien, sondern auch vor anderen ost- und südeuropäischen Ländern wie Rumänien, Portugal, Griechenland oder Italien, die immer noch mit den Folgen der Finanzkrise zu kämpfen haben.

 

Quellen
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2018). Einflussfaktoren des demographischen Wandels. Berlin.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2017). Europas Demografische Zukunft. Berlin.
Croatian Bureau of Statistics (2018). Immigrant and Emigrant Population to/from Republic of Croatia, by country of origin/destination.
Eurostat (2018). Online Datenbank. Luxemburg.
Martens, M. (2018). Für eine Fußballmannschaft reicht es noch. Frankfurter Allgemeine Zeitung. 14.07.2018.
Statistisches Bundesamt (2018). Online Datenbank. Wiesbaden.