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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Vom Hungerland zum Hoffnungsträger

Vom Hungerland zum Hoffnungsträger

Es war ein historischer Tag: Am 9. Juli 2018 unterzeichneten Äthiopiens neuer Premierminister Abiy Ahmed und der eritreische Präsident Isaias Afwerki in Eritreas Hauptstadt Asmara den lang ersehnten Friedensvertrag. Nach 20 Jahren anhaltender Grenzstreitigkeiten nähern sich die ehemaligen Rivalen nun einander an. Die Versöhnung mit dem Nachbarn ist nur eine von vielen Veränderungen, die der junge äthiopische Premier in seiner kurzen Amtszeit bereits angestoßen hat und die viele Menschen im In- und Ausland optimistisch stimmt. Unter ihm könnte Äthiopien an seine bisherigen Entwicklungserfolge anknüpfen und so zum Vorbild für andere afrikanische Länder werden – so die Hoffnung.

 

Auf der Überholspur in Sachen Entwicklung

Tatsächlich sind die sozioökonomischen Fortschritte beachtlich, die das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas mit seinen über 100 Millionen Einwohnern in den vergangenen beiden Jahrzehnten erlebt hat: Zwar gehört Äthiopien bis heute zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern weltweit. Doch die Armut im Land hat sich seit Mitte der 1990er Jahre mehr als halbiert. Die Lebenserwartung, der wahrscheinlich beste Querschnittsindikator für das Wohlergehen der Menschen, ist seither um 16 Jahre angestiegen. Gleichzeitig hat sich die Einschulungsrate seit Beginn der 2000er Jahre mehr als verdoppelt. Vor allem für Mädchen und junge Frauen hat sich der Zugang zu Bildung verbessert: Während im Jahr 2000 noch sieben von zehn Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren nie einen Fuß in eine Schule gesetzt hatten, waren es 2016 nur noch zwei.

Auch wirtschaftlich ging es bergauf: Zwischen 2004 und 2016 verzeichnete Äthiopien mit durchschnittlichen Wachstumsraten von über zehn Prozent das höchste Wirtschaftswachstum in Subsahara-Afrika – und das ganz ohne Rohstoffexporte von Öl oder Mineralien. Grund dafür waren unter anderem hohe Investitionen in den Infrastrukturausbau und Fortschritte in der Landwirtschaft. So haben sich etwa die Getreideerträge in etwas mehr als zwei Jahrzehnten mehr als verdoppelt.

Erfolg in Zahlen

Mit Entwicklung, besserem Zugang zu Gesundheitsdiensten und Bildungseinrichtungen sinken überall die Geburtenziffern. Dies zeigt sich in den ehemals armen und von Kriegen gezeichneten asiatischen Ländern wie Bangladesch und Vietnam. Das afrikanische Vorzeigebeispiel für diesen Zusammenhang ist Äthiopien. In keinem anderen Land Subsahara-Afrikas sind die Kinderzahlen seit Mitte der 1990er Jahre so stark gesunken wie hier.

 

Möglich wurden diese Erfolge vor allem durch Äthiopiens umfangreiche Entwicklungsstrategie, die einen konkreten Fahrplan vorgegeben hat, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern. Zusammengenommen haben die Entwicklungsfortschritte auch einen anderen positiven Trend angestoßen: Die Geburtenziffern im Land sind deutlicher gesunken als sonst irgendwo in Afrika. Da Äthiopiens Geburtsjahrgänge mittlerweile kleiner werden, schwächt sich das Bevölkerungswachstum ab und der Schwerpunkt der Bevölkerung verschiebt sich zu den jungen Erwerbsfähigen. Damit steuert Äthiopien auf einen demografischen Bonus zu, der sich unter den richtigen Rahmenbedingungen in einen Entwicklungsschub verwandeln lässt. Diese sogenannte demografische Dividende hat den asiatischen Tigerstaaten zu mehr Wachstum und langfristigem Wohlstand verholfen.

 

Ein steiniger Weg

Wie schnell sich der demografische Bonus für Äthiopien eröffnet und ob sich dieser auch in eine Dividende verwandeln lässt, hängt ganz davon ab, ob es dem Land gelingt seine bisherigen Fortschritte zu verstetigen. Dazu muss es vor allem weiter in die drei Kernbereiche der Entwicklung investieren: in Gesundheit, Bildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Die Herausforderungen, die Äthiopiens neue Regierung zu bewältigen hat, sind nicht nur deshalb groß: Weiterhin sorgen ethnische Spannungen in Teilen des Landes für Konflikte. Der Ausbau der Basisinfrastruktur kann kaum mit dem Bevölkerungswachstum gleichziehen und die Zahl der Erwerbsfähigen steigt noch immer schneller als Arbeitsplätze geschaffen werden.

Um diese Aufgaben zu bewältigen, braucht Äthiopien auch künftig gezielte Unterstützung von außen. Die Europäische Gemeinschaft sollte das Land auf seinem weiteren Weg tatkräftig unterstützen und die Reformen des neuen Premiers bestmöglich flankieren. Gelingt es mit vereinten Kräften, Äthiopien auf einem friedlichen Entwicklungskurs zu halten, könnte das Land ein Vorbild für andere afrikanische Staaten werden. Ein Scheitern wäre dagegen fatal: Gelingt es nicht, Perspektiven für die wachsende Bevölkerung zu schaffen, könnte Äthiopien vom bisherigen Stabilisator am Horn von Afrika zum De-Stabilisator werden und die gesamte Region ins Chaos ziehen. Flucht und Vertreibung wären dann unausweichliche Folgen.

 

Die Mischung macht’s

Je nachdem, wieviel Äthiopien in die Wirtschaft, in die Bildung und in Gesundheitsdienste – inklusive Familienplanung 
 investiert, wird sich das Land unterschiedlich gut entwickeln. Direkt damit zusammen hängt die künftige Bevölkerungsentwicklung, denn bessere Perspektiven für die Menschen bedeuten automatisch kleinere Familien. Auch im besten Fall dürften in Äthiopien bis 2050 noch viele Menschen ohne Job bleiben. Aber bei Investitionen in alle drei Bereiche stiege das Pro-Kopf-Einkommen der Äthiopier am schnellsten.

 

Die Studie wurde durch die Austrian Development Agency (ADA) aus Mitteln der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit sowie durch die DEG – Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft und den GfK Verein finanziert. Sie steht Ihnen kostenlos als PDF zur Verfügung unter: 

https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/vom_hungerland_zum_hoffnungstraeger.html


Für Rückfragen und Interviews stehen Ihnen zur Verfügung:

Alisa Kaps, kaps(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 68 35

Dr. Reiner Klingholz, klingholz(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 75 60