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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Ist es möglich eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Ist es möglich eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren?

Die Weltbevölkerung wächst weiterhin beständig an. Während heute rund 7,6 Milliarden Menschen auf der Erde leben, dürften es nach den Schätzungen der Vereinten Nationen im Jahr 2050 bereits 9,8 Milliarden sein. Immer mehr Menschen treibt deshalb die Frage um: Werden wir es künftig schaffen alle satt zu bekommen?

 

Klimawandel und Kriege behindern den Kampf gegen den Hunger

In der Agenda für nachhaltige Entwicklung haben sich die Vereinten Nationen 2015 das Ziel gesetzt, den Hunger weltweit bis 2030 auszuradieren. Dass es auf dem Weg dorthin allerdings noch zahlreiche Hindernisse gibt, zeigt der kürzlich veröffentlichte Welthungerindex 2018. Laut diesem jährlich von der Welthungerhilfe errechneten Index ist die Hungersituation weltweit heute immer noch als „ernst“ einzustufen – und das, obwohl im weltweiten Durchschnitt Hunger und Unterernährung seit 2000 beständig zurückgegangen sind. Ein Blick auf die absoluten Zahlen und die jüngste Entwicklung verdeutlicht jedoch den Ernst der Lage: Trotz aller Fortschritte litten im Jahr 2018 mit 124 Millionen Menschen rund 44 Millionen mehr Hunger als noch 2016 – ein Anstieg um 55 Prozent in gerade einmal zwei Jahren.

Besonders betroffen sind weiterhin viele Länder Subsahara-Afrikas sowie Süd- und Westasiens, also Regionen, in denen das hohe Bevölkerungswachstum es zunehmend schwieriger macht die Bevölkerung angemessen zu versorgen. Als erschwerender Faktor kommt der Klimawandel hinzu: Immer häufiger beeinträchtigen Dürren und Überschwemmungen die Ernteerträge in Ländern, deren landwirtschaftliche Produktivität ohnehin schon zu gering ist, um die Menschen das ganze Jahr über ausreichend und ausgewogen zu ernähren.

Gravierend ist die Nahrungssituation auch dort, wo Konflikte und gewaltsame Auseinandersetzungen es den Menschen unmöglich machen ihre Felder zu bestellen oder auf andere Art ein Einkommen zu erzielen. So ist etwa im Jemen der Anteil der von Hunger Betroffenen an der Gesamtbevölkerung infolge des Bürgerkrieges von 26 auf 35 Prozent angestiegen. In der ebenfalls vom Krieg zerrütteten Zentralafrikanischen Republik hat sich der Anteil der unterernährten Menschen seit 2011 sogar auf über 60 Prozent verdoppelt.

Die meisten unterernährten Menschen leben noch immer in Südasien, der am dichtesten bevölkerten Weltregion. Allerdings sinkt die Gesamtzahl der Unterernährten in Südasien beständig, während sie in Subsahara-Afrika aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums, des Klimawandels und zunehmender Konflikte ansteigt.

 

Hunger als Fluchtursache

Wo Menschen aufgrund von extremen Wetterereignissen oder Konflikten ihrer Existenzgrundlage beraubt werden und Hunger leiden, sind Flucht und Vertreibung oft die Folge. Hunger ist aber nicht nur eine Begleiterscheinung von Krisen und damit ein Grund, warum Menschen ihre Heimat verlassen. In einigen Fällen tritt Hunger überhaupt erst als Folge von Vertreibung auf. Da die Mehrheit der Geflüchteten weltweit „Binnenvertriebene“ sind, die innerhalb ihres eigenen Landes oder in einem der Nachbarstaaten Unterschlupf suchen, ist ihre Versorgung mit Nahrungsmitteln nach der Flucht oft nicht gewährleistet. Schließlich handelt es sich bei den Aufnahmeländern überwiegend um wenig entwickelte Staaten, die durch den Zustrom in die Flüchtlingslager schlichtweg überfordert sind.

Humanitäre Hilfe ist in diesen Fällen wichtig, aber sie löst nicht die Ursachen von Hunger und ist stets nur kurzfristig wirksam. Der Bericht des Welthungerindexes 2018 plädiert deshalb dafür Hunger als politisches Problem zu begreifen: Konflikte, die Menschen ihre Existenzgrundlage rauben, müssen politisch gelöst werden. Und auch Naturkatastrophen, wie Dürren, können oft durch richtige politische Verwaltung und Planung in ihrer Auswirkung auf die Nahrungsmittelversorgung abgemildert werden. Dass dies möglich ist, zeigt der Bericht am Beispiel von Bangladesch und Äthiopien – zwei Ländern mit hohem Bevölkerungswachstum, die besonders vom Klimawandel betroffen sind.

 

Der Welthungerindex beschreibt, wie groß der Anteil der von Unterernährung betroffenen Bevölkerung in einem Land ist, wie viele Kinder im Verhältnis zu ihrer Größe untergewichtig sind oder an Wachstumsverzögerung leiden und wie hoch die Kindersterblichkeit ist. In insgesamt 51 Ländern wird die Lage beim Blick auf diese vier Indikatoren als „ernst“ oder „sehr ernst“ eingestuft. Für 13 Länder konnte 2018 aufgrund von mangelnden Daten kein Wert errechnet werden. In sieben von ihnen vermutet die Welthungerhilfe jedoch aufgrund gewaltsamer Konflikte vor Ort dramatische Hungersituationen.

 

Langfristige Strategien zeigen Wirkung

Sowohl in Bangladesch als auch in Äthiopien haben hohe Investitionen in der Landwirtschaft Erfolge gebracht. Wie die Studie „Vom Hungerland zum Hoffnungsträger“ des Berlin-Instituts  zeigt, konnten die Getreideerträge der äthiopischen Kleinbauern durch den Aufbau eines landesweiten Netzwerks von landwirtschaftlichen Beratern in den letzten beiden Jahrzehnten mehr als verdoppelt werden. Im dicht besiedelten Bangladesch hat die Entwicklung von Frühwarnsystemen bei Naturkatastrophen zu einer stetigen Verbesserung der Hungersituation beigetragen. Auch die Diversifizierung der angebauten Lebensmittel wirkt Mangelernährung entgegen. So wurden zum Beispiel Frauen in Bangladesch beim Anlegen von Hausgärten unterstützt, damit sie neben Reis auch Gemüse für den eigenen Bedarf anbauen können. Das macht sie und ihre Familien unabhängiger und gibt ihnen die Möglichkeit sich ausgewogen zu ernähren.

Zudem haben beide Länder neben der Landwirtschaft in zwei weiteren Kernentwicklungsbereichen investiert: in Gesundheit und Bildung. Zusammengenommen haben die bessere Versorgung mit Nahrungsmitteln und Gesundheitsdiensten sowie das steigende Bildungsniveau zu einem raschen Absinken der Fertilitätsraten geführt. Dieser positive Trend dürfte künftig dafür sorgen, dass sich das Bevölkerungswachstum in beiden Ländern verlangsamt – der wohl wirksamste Weg Hunger zu bekämpfen.

Die beiden Länderbeispiele zeigen, dass auch die ärmsten Länder der Welt große Fortschritte im Kampf gegen Hunger und Unterernährung machen können, wenn an den richtigen Stellschrauben gedreht wird. Laut den Analysen der Welternährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist es möglich die wachsende Weltbevölkerung auch künftig zu ernähren. Ob das gelingt, hängt aber vor allem davon ab, ob der politische Wille zu langfristigen Lösungen und Reformen vorhanden ist.

 

Quellen
FAO (2014). Building a common vision for sustainable food and agriculture. Principles and approaches.
FAO (2015). The State of Food Insecurity in the World. 
FAO (2016). Bangladesh. Country Fact Sheet on Food and Agriculture Policy Trends.
Welthungerhilfe (2018). Welthunger-Index. Flucht, Vertreibung und Hunger. Bonn und Dublin: Welthungerhilfe und Concern Worldwide.
UN DESA (2017). World Population Prospects – The 2017 Revision.