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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Äthiopiens Mittel gegen Armut

Äthiopiens Mittel gegen Armut

Zuerst die gute Nachricht: In Sachen Armutsbekämpfung hat die Menschheit in den letzten beiden Jahrzehnten große Erfolge erzielt. Seit dem Millenniumswechsel hat sich der Anteil der Menschen, die täglich mit weniger als umgerechnet zwei US-Dollar auskommen müssen, weltweit mehr als halbiert. Laut den aktuellsten Armutsstatistiken der Weltbank lebten 2015 insgesamt 736 Millionen Menschen in extremer Armut. Im Jahr 1990 waren es noch fast zwei Milliarden. Damit sind heute nur noch etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung von extremer Armut betroffen – ein historischer Tiefststand.

 

Bevölkerungswachstum erschwert Armutsreduktion

Die schlechte Nachricht dabei ist, dass es zunehmend schwieriger wird die bisherigen Erfolge im Kampf gegen die Armut zu verstetigen. Der Grund: In den letzten 20 Jahren konnten sich vor allem deshalb Millionen von Menschen aus der Armut befreien, weil bevölkerungsreiche asiatische Länder wie China, Bangladesch oder Indien große Entwicklungsfortschritte gemacht haben. Auf dem afrikanischen Kontinent fielen die Fortschritte geringer aus und in einigen Ländern halten sich die Armutsraten hartnäckig auf einem hohen Niveau von über 70 Prozent der Bevölkerung – etwa in der Zentralafrikanischen Republik und in Burundi. Im Vergleich zu den vorangegangenen beiden Jahrzehnten hat sich der Rückgang der Armut dadurch weltweit verlangsamt.

Besonders in den Ländern südlich der Sahara, wo heute bereits über die Hälfte der extrem Armen lebt, hemmt das hohe Bevölkerungswachstum die Entwicklungschancen. Vielerorts wächst die Bevölkerung schneller als die Gesundheits- und Bildungsinfrastruktur ausgebaut und Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die Folge sind fehlende Zukunftsperspektiven für die Menschen vor Ort und anhaltend hohe Kinderzahlen, die eine Lösung der vielfältigen Probleme in der Region wiederum erschweren.

Langsame oder ausbleibende Entwicklungsfortschritte bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum führen dazu, dass die absolute Zahl der Armen auf dem Kontinent aktuell wieder zunimmt. Zwischen 2013 und 2015 ist die Zahl der betroffenen Menschen um fast zehn Millionen gestiegen. Dieser Trend dürfte sich auch in den kommenden Jahren fortsetzen, insbesondere in den bevölkerungsreichsten Ländern Subsahara-Afrikas. Einer aktuellen Studie der Bill und Melinda Gates-Stiftung zufolge werden 40 Prozent der ärmsten Menschen weltweit bis 2050 in nur zwei Staaten leben: in Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo.

 

Mehr Arme südlich der Sahara

Nie war der Teil der Weltbevölkerung, der mit weniger als umgerechnet zwei Dollar am Tag auskommen muss, geringer als heute. Doch in Subsahara-Afrika erschwert das hohe Bevölkerungswachstum die Beseitigung der Armut. Bis 2030 dürften laut Prognosen der Weltbank neun von zehn der extrem Armen weltweit in Subsahara-Afrika leben.

 

Hoffnungsträger Äthiopien

Es gibt aber auch Positivbeispiele auf dem afrikanischen Kontinent. Besonders einem Land bescheinigen die Autoren der Gates-Studie gute Aussichten bis 2050 extreme Armut nahezu auszurotten: Äthiopien. Dass ausgerechnet eines der ärmsten Länder der Welt, das lange als Synonym für Armut, Hunger und Unterentwicklung herhalten musste, gute Erfolgsaussichten im Kampf gegen das Hungerproblem haben soll, klingt erst einmal erstaunlich. Doch der zweitbevölkerungsreichste Staat Afrikas, der mit seinem aktuellen Reformkurs und der erstmaligen Wahl einer Frau zur Präsidentin jüngst für positive Schlagzeilen sorgte, konnte in den vergangenen Jahren bereits große Fortschritte vermelden: Innerhalb von zwei Jahrzehnten ist es hier gelungen die Armutsrate mehr als zu halbieren.

Dieser Erfolg ist vor allem Äthiopiens langfristiger Entwicklungsstrategie zu verdanken, die von Beginn an die Armutsreduktion zu einer Priorität gemacht hat. Um dies zu erreichen konzentrierte sich die Regierung auf die drei Kernentwicklungsbereiche: Gesundheit, Bildung und die Schaffung von Arbeitsplätzen. So wurden beispielsweise im ganzen Land Gesundheitsstationen eingerichtet, Schulen gebaut und Kleinbauern dabei unterstützt ihre Anbaumethoden zu verbessern. Höhere Ernteerträge trugen dazu bei, dass die Einkommen der Familien in den ländlichen Regionen anstiegen und Armut verringert werden konnte.

Weitere Einkommensmöglichkeiten sollen künftig hauptsächlich im Industriesektor entstehen. Durch die Errichtung von Industrieparks und dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur möchte die äthiopische Regierung die Rahmenbedingungen für ausländische Investitionen verbessern, mit deren Hilfe bis 2025 zwei Millionen neue Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie geschaffen werden sollen. Äthiopien wird sich dadurch von einem Bauernstaat in ein Industrieland verwandeln und langfristig mehr Wohlstand und Wachstum erfahren – so der Plan der Regierung.

 

Demografischer Bonus in Sicht

Auf dem Weg zu mehr Wohlstand dürfte aber auch ein demografischer Faktor entscheidend sein: die sich wandelnde Altersstruktur der äthiopischen Bevölkerung. Dank der bisherigen Entwicklungsfortschritte erlebt Äthiopien zurzeit einen rasanten Fertilitätsrückgang, der die nachwachsenden Geburtenjahrgänge kleiner werden lässt. Der Schwerpunkt der Bevölkerung verschiebt sich dadurch hin zu den jungen Erwerbsfähigen, die vergleichsweise wenige Kinder und alte Menschen zu versorgen haben. Diese günstige Altersstruktur wird als demografischer Bonus bezeichnet.

 

Immer weniger Kinder

Mit Entwicklung, besserem Zugang zu Gesundheitsdiensten und Bildungseinrichtungen sinken überall die Geburtenziffern. Das afrikanische Vorzeigebeispiel für diesen Zusammenhang ist Äthiopien. In keinem Land südlich der Sahara sind die Kinderzahlen seit Mitte der 1990er Jahre stärker gesunken als hier. Gelingt es die Entwicklungsfortschritte zu verstetigen, könnte Äthiopien von einer demografischen Dividende profitieren und die Armut im Land besiegen.


Setzt sich der Rückgang der Geburtenziffer fort wie bisher, dürfte Äthiopien bis zum Jahr 2030 einen solchen Bonus erreichen, der sich unter den richtigen Rahmenbedingungen in einen demografiebedingten Entwicklungsschub verwandeln ließe. Dazu müsste das Land weiter in Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätze investieren, wie die Studie „Vom Hungerland zum Hoffnungsträger“ des Berlin-Instituts  zeigt. Wenn das gelingt, könnte Äthiopien als eines der ersten Länder Afrikas eine „demografische Dividende“ einfahren und zu einem Entwicklungsvorbild auf dem Kontinent werden. Die Ziele bis 2025 ein Land mit unterem-mittleren Einkommen zu werden und Armut endgültig auszuradieren, könnten so Realität werden.

 

Quellen
Bill and Melinda Gates Foundation (2018). Goalkeepers: The Stories behind the Data.
UNDESA (2017). World Population Prospects: The 2017 Revision. United Nations, New York.

World Bank (2018). Poverty and Equity DataBank. Washington DC.

World Bank (2018). Poverty and Shared Prosperity 2018: Piecing Together the Poverty Puzzle. Washington DC.