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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Im Arbeitsmarkt angekommen?

Im Arbeitsmarkt angekommen?

Ende des Jahres 2017 lebten knapp 1,7 Millionen Schutzsuchende in Deutschland. Die meisten von ihnen sind noch nicht lang im Land, der größte Teil ist seit 2015 gekommen. Für Geflüchtete ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt schwieriger als für die meisten anderen Zugewanderten. Flucht ist keine Erwerbszuwanderung und Geflüchtete kommen nicht zuvorderst als Arbeitskräfte ins Land. Dennoch ist es jetzt wichtig, die Menschen in die Lage zu versetzen, ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten und in der Gesellschaft Fuß zu fassen – zu ihrem eigenen Wohl genauso wie zu dem der Aufnahmegesellschaft.


Die Rahmenbedingungen dafür sind denkbar gut. Die Wirtschaft floriert, die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Unternehmen sind auf zusätzliche Arbeitskräfte angewiesen, denn die Babyboomer gehen allmählich in Rente. Die Gesellschaft altert und die Erwerbsbevölkerung schrumpft.


Mehrheitlich jung und männlich
Drei von vier Personen, die 2017 Asyl beantragten, waren jünger als 30 Jahre. Die in den Vorjahren am stärksten vertretene Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen wurde 2017 nur noch von Säuglingen und Kleinkindern übertroffen. Unter den über 15-Jährigen, also in einer Altersgruppe, in der sich viele auch ohne ihre Eltern auf den Weg machen, ist der größere Teil der Geflüchteten männlich. Gut 70 Prozent der Geflüchteten stammen aus acht Herkunftsländern. Dies sind neben den drei Spitzenreitern Syrien, Afghanistan und Irak der Iran, Pakistan, Nigeria, Eritrea und Somalia.


Erschwert wird der Zugang zum Arbeitsmarkt allerdings durch die fehlenden (formalen) Qualifikationen vieler Neuankömmlinge. Eine repräsentative Befragung unter Geflüchteten aus dem Jahr 2016 ergab, dass ein Viertel der über 18-Jährigen im Herkunftsland höchstens die Grundschule besucht hat. Nur wenige konnten vor der Flucht eine Berufsausbildung abschließen, was auch im meist jungen Alter zum Zeitpunkt der Flucht begründet liegt. Elf Prozent können demnach einen Hochschulabschluss vorweisen und fünf Prozent eine abgeschlossene betriebliche Ausbildung. Das bedeutet nicht, dass all diese Menschen keine Berufserfahrungen haben, denn in den Herkunftsländern arbeiten die meisten Menschen ohne Ausbildungszertifikate – oft mangelt es jedoch an der Feststellung und Anerkennung bestehender Qualifikationen.


Integration Geflüchteter in Arbeit braucht einen langen Atem

Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, haben in aller Regel nicht die Möglichkeit, sich wie reguläre Erwerbszuwanderer auf die Auswanderung vorzubereiten. Die deutschen Sprachkenntnisse sind entsprechend gering. Die genannte Erhebung ergab, dass bei der Ankunft in Deutschland nur ein verschwindend geringer Anteil der Geflüchteten über deutsche Sprachkenntnisse verfügte. Nach drei Jahren sprach nur etwa jeder Vierte sehr gut oder gut deutsch. Neben mangelnden Sprachkenntnissen zeigt sich in vielen Fällen auch eine mangelnde Kenntnis des deutschen Ausbildungssystems und des Arbeitsmarkts.


Dies alles ist keine Besonderheit der heutigen Geflüchteten. Entsprechend hat sich auch in der Vergangenheit gezeigt, dass die Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten einen langen Atem braucht. Während zu früheren Zeiten, etwa während der Jugoslawienkriege, im Zuzugsjahr im Schnitt acht Prozent der Geflüchteten im erwerbsfähigen Alter Arbeit fanden, lag die Beschäftigungsquote nach fünf Jahren bei knapp 50 Prozent und nach zehn Jahren bei 60 Prozent. Erst nach 15 Jahren glich sich ihre Beschäftigungsquote mit 70 Prozent der Quote anderer Zugewanderter an. Diese Erfahrungen bestätigen sich bislang im Rahmen der aktuellen Zuwanderung, auch wenn die Integration in den Arbeitsmarkt etwas schneller vonstatten zu gehen scheint. Im September 2018 lag die Beschäftigungsquote bei Personen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern bei 31,6 Prozent, Tendenz steigend.


Das Ganze ist zweifelsohne ein Erfolg. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Beschäftigungsverhältnisse auch nachhaltig sind. Ein Blick auf die Branchen, in denen der Großteil der Geflüchteten eine Anstellung findet, offenbart, dass es sich vielfach um Helfertätigkeiten handelt, zumal in Bereichen, in denen die Fluktuation meist hoch ist. Die mit Abstand größte Rolle spielt hierbei die Leiharbeitsbranche.


Dies ist unter anderem dadurch zu erklären, dass vielen Geflüchteten daran gelegen ist, schnell Geld zu verdienen – etwa um es an zurückgebliebene Familienmitglieder zu schicken oder um bei Schleppern ausstehende Schulden abzuzahlen. Ein langwieriges Verfahren zur Anerkennung beruflicher Qualifikationen oder einer beruflichen Ausbildung sind vor diesem Hintergrund hinderlich.


Alles nur geliehen

Von den 78.500 Geflüchteten, die zwischen August 2017 und Juli 2018 in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden haben, sind über ein Drittel in der Leiharbeitsbranche untergekommen. Leiharbeit scheint dabei nicht der Integrationsmotor zu sein, als der sie gern bezeichnet wird. Laut Auskunft der Bundesregierung befinden sich 90 Tage nach dem Ende eines Leiharbeitsverhältnisses rund 80 Prozent aller syrischen, afghanischen und irakischen Staatsangehörigen nicht in einer unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Demnach sind dann 54 Prozent arbeitslos oder aus anderen Gründen nicht beschäftigt, 6 Prozent befinden sich in geringfügiger Beschäftigung und 20 Prozent arbeiten erneut in der Leiharbeit. 83 Prozent der Leiharbeitsverhältnisse von Syrern, Afghanen und Irakern werden bereits innerhalb von neun Monaten beendet (bei Deutschen 27 Prozent), denn dann müssen Leiharbeiter vergleichbare Löhne zur Stammbelegschaft erhalten.


Ausbildung als Chance?

Angesichts der Altersstruktur der Geflüchteten stellt eine berufliche Ausbildung für viele von ihnen einen guten und nachhaltigen Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt dar – zumindest der Theorie nach. Insgesamt befanden sich im März 2018 gut 28.000 Menschen aus den acht wichtigsten Asylherkunftsländern in Ausbildung, doppelt so viele wie noch ein Jahr zuvor. Angesichts der vielen Geflüchteten im ausbildungsfähigen Alter ist diese Zahl aber noch immer vergleichsweise niedrig. Die hohen Anforderungen einer Berufsausbildung gepaart mit zunächst geringen Verdienstaussichten führen dazu, dass viele sich stattdessen für einen Berufseinstieg im unqualifizierten Bereich entscheiden.


Eine größere Rolle dürfte die berufliche Ausbildung – neben dem Studium – künftig bei denjenigen spielen, die in so jungen Jahren ins Land gekommen sind, dass sie hier zuvor noch die Schule besuchen müssen. Sie werden bis zu ihrem Schulabschluss bereits die deutsche Sprache und weitere grundlegende Kenntnisse erwerben. Erfahrungsgemäß gleichen sich die Berufspräferenzen hierbei schnell jenen der nicht geflüchteten Mitschüler an. Während viele der im erwerbsfähigen Alter nach Deutschland gekommenen Geflüchteten traditionell eher in Hilfstätigkeiten unterkommen, dürften vor allem die Jüngeren zu Fachkräften werden.


Manche Hürden sind vermeidbar

Nach der Flucht ist es für viele ein schwieriges und langwieriges Unterfangen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, weil sie selbst nicht die notwendigen Voraussetzungen mitbringen. Zusätzlich erschwert wird eine nachhaltige Arbeitsmarktintegration durch zahlreiche ordnungspolitische Hürden. Zum Beispiel verunmöglicht mangelnde Rechtssicherheit längerfristige Pläne, und die Fülle unterschiedlicher Aufenthaltstitel mit unterschiedlichen Ansprüchen auf Unterstützungsleistungen verhindert Transparenz und Kooperation zwischen Unternehmen, Ausbildungsstellen, Behörden und anderen Akteuren. Die Aussetzung des Familiennachzugs verursacht zusätzliche psychische Belastung, sorgt für Perspektivlosigkeit und hält potenzielle zukünftige Fachkräfte außerhalb des Landes.


Erste Fortschritte wurden in den letzten Jahren zwar bereits erzielt, zum Beispiel durch die Schaffung der 3+2-Regelung, die Geflüchteten in Ausbildung Planungssicherheit für fünf Jahre geben soll, oder durch die Aussetzung der Vorrangprüfung für Asylbewerber und Geduldete. Nach dieser Regel konnten diese nur dann eine Stelle besetzen, wenn sich dafür nachweislich keine Deutschen oder EU-Bürger finden ließen. Doch durch eine in den Bundesländern oft uneinheitliche Auslegung solcher Regelungen entsteht zusätzliche Unklarheit. Im Entwurf des Fachkräftezuwanderungsgesetzes, das die Bundesregierung dieser Tage beschließen will, beteuert sie, derartige Regelungen in Zukunft zu vereinfachen und zu vereinheitlichen. Es bleibt zu hoffen, dass sie dieses Versprechen hält. Eine langfristig erfolgreiche Arbeitsmarktintegration, die sowohl für die Geflüchteten als auch für die Unternehmen von Vorteil ist, erfordert das gemeinsame Wirken von Akteuren sowohl aus der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft, als auch aus der Politik.


Das Berlin-Institut beschäftigt sich derzeit im Rahmen des Projekts „Zuwanderer von morgen“ unter anderem mit der Herausforderung einer nachhaltigen Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten. In einer Workshop-Reihe mit Experten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen werden wir bestehende Hürden identifizieren, funktionierende Unterstützungsleistungen für Geflüchtete und Unternehmen zusammentragen und Handlungsempfehlungen für Politik und Wirtschaft formulieren. Ein Discussion Paper zu dem Thema wird im Sommer 2019 erscheinen.


„Zuwanderer von morgen“ wird von der Stiftung Mercator gefördert.



Quellen
Bundesagentur für Arbeit (2018). Fluchtmigration (Berichte: Arbeitsmarkt kompakt, Oktober 2018). Nürnberg.
Bundesagentur für Arbeit (2018). Fluchtmigration (Berichte: Arbeitsmarkt kompakt, November 2018). Nürnberg.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2018). Aktuelle Zahlen zu Asyl. Oktober 2018. Nürnberg.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2018). Das Bundesamt in Zahlen 2017. Asyl, Migration und Integration. Nürnberg.
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (2018). IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten 2016. Nürnberg (Forschungsbericht, 30).
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2015). Flüchtlinge und andere Migranten am deutschen Arbeitsmarkt. Der Stand im September 2015. Nürnberg (Aktuelle Berichte 14/2015).
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (2018). Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten beschleunigt sich (IAB Forum). Nürnberg.
Mayntz, G. (16.11.18). Leiharbeit bleibt für die meisten Flüchtlinge eine Sackgasse. Rheinische Post.
Statistisches Bundesamt (2017). Bevölkerungsentwicklung bis 2060. Ergebnisse der 13. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung. Aktualisierte Rechnung auf Basis 2015. Wiesbaden.
Statistisches Bundesamt (2018). Bevölkerung. Wiesbaden.
Statistisches Bundesamt (2018). Schutzsuchende. Ergebnisse des Ausländerzentralregisters 2017 (Bevölkerung und Erwerbstätigkeit Fachserie 1 Reihe 2.4). Wiesbaden.