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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wie Japan sich für seine Alterung wappnet

Wie Japan sich für seine Alterung wappnet

Japan und Deutschland werden in Zukunft vor ähnlichen demografischen Herausforderungen stehen. In beiden Ländern bekommen Frauen seit langem zu wenige Kinder, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung konstant zu halten. 2017 brachten japanische Frauen im Schnitt 1,43 Kinder zur Welt, gegenüber 1,57 in Deutschland – deutlich weniger als nötig wären, um eine nachwachsende Generation junger Arbeitskräfte zu garantieren. Gleichzeitig werden die Menschen immer älter, wodurch die Zahl derer wächst, die von den jüngeren Generationen versorgt werden müssen. In Japan ist heute ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt und damit bereits in einem Alter, ab dem sie eine reduzierte Frührente beantragen können. Das Alter für die Auszahlung der Renten soll aber nach und nach auf 65 Jahre angehoben werden.

Das mittlerweile als „Hyperalterung“ bezeichnete Phänomen stellt vor allem die Sozialsysteme vor Probleme: Gehen immer mehr Menschen in den Ruhestand, ohne dass genug junge Erwerbstätige nachkommen, wird es schwierig die Renten zu finanzieren. Schließlich liegen die dafür nötigen Gelder nicht in einem Tresor, sondern werden über ein Umlagesystem aus den Töpfen finanziert, in welche die gerade Erwerbstätigen einzahlen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wer sich um die Pflege älterer Menschen kümmert, wenn es an Fachkräften mangelt. Besonders in Japan wird die demografische Entwicklung dramatische Folgen für die soziale Sicherheit bedeuten: Während 2015 100 Erwerbstätige noch 43 Menschen im Rentenalter zu versorgen hatten, müssen sie im Jahr 2050 schon für 71 Ältere aufkommen.


Die Bevölkerung im Erwerbsalter schrumpft

Laut der Prognose des National Institute of Population and Social Security Research des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt wird in Japan die Zahl der Menschen im Erwerbsalter bis 2065 um 40 Prozent zurückgehen, wogegen die Zahl der Menschen im Rentenalter leicht zunimmt und dann fast 40 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen wird. Künftig werden somit immer weniger Menschen Geld in die Rentenkassen einzahlen, während immer mehr Menschen im Ruhestand diese in Anspruch nehmen werden.


Mehr Frauen und ältere Menschen für den Arbeitsmarkt

Die japanische Regierung hat erkannt, dass dieses Problem dringend nach einer Lösung verlangt. Um der Situation Herr zu werden, verfolgt sie momentan zwei Hauptstrategien: Zum einen sollen mehr Frauen für den Arbeitsmarkt gewonnen werden, für die es in Japan lange Zeit die Norm war nach der Heirat oder der Geburt des ersten Kindes zuhause zu bleiben. Dabei zeigen sich erste Erfolge: Mehr als die Hälfte der Japanerinnen fangen heute nach dem ersten Kind wieder an zu arbeiten, während es im Jahr 2010 nur 38 Prozent waren. Zum anderen möchte die Regierung Anreize für ältere Menschen schaffen, wie etwa höhere Rentenbeträge bei später Pensionierung, damit sie auch nach dem Eintritt ins offizielle Rentenalter einige Jahre weiterarbeiten. Schon heute sind japanische Rentner vergleichsweise aktiv: 2017 waren 23 Prozent der über 65-Jährigen in Japan berufstätig und machten damit über zwölf Prozent der arbeitenden Bevölkerung aus. In Deutschland nehmen die über 65-Jährigen nur knapp drei Prozent der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung ein.

Umfragen zufolge wünschen sich 66 Prozent der Japaner auch im Rentenalter noch eine Zeit lang weiterzuarbeiten. Trotzdem bleiben einige Hürden: Zum einen gibt es im Großteil der japanischen Unternehmen das System der verpflichtenden Pensionierung (teinen taishoku), in dem Arbeitsverträge automatisch auf das Erreichen des Rentenalters befristet sind. Zwar bieten laut eines Berichts des Ministeriums für Gesundheit, Arbeit und Wohlfahrt über 70 Prozent der Unternehmen die Möglichkeit einer Wiedereinstellung, allerdings in der Regel in einer anderen Position und mit geringerem Gehalt. Nur neun Prozent erlauben eine Verlängerung des bestehenden Arbeitsverhältnisses zu den gleichen Bedingungen. Trotzdem entscheiden sich viele ältere Menschen in Japan weiter zu arbeiten, teils um eine Beschäftigung zu haben und aktiv zu bleiben, teils aus finanziellen Gründen, da die staatliche Rente allein in der Regel zum Leben nicht reicht.

Aktive Rentner

In Deutschland und Japan ist die Beteiligung am Arbeitsmarkt sehr ähnlich, doch es gibt einen großen Unterschied: In Japan arbeiten viele Menschen auch nach dem Eintritt ins Rentenalter noch einige Jahre weiter. 2017 waren 23,5 Prozent der über 65-Jährigen erwerbstätig, in Deutschland nur sieben Prozent. Japan hat mit 84 Jahren eine der höchsten Lebenserwartungen weltweit und viele Menschen fühlen sich auch im Rentenalter noch in der Lage eine Beschäftigung ausüben.


Ehrenamtliches Engagement gegen Pflegekräftemangel

Neben der Mobilisierung von Frauen und älteren Menschen für den Arbeitsmarkt fällt in Japan vermehrt das Augenmerk auf die Zivilgesellschaft und das Ehrenamt, und auf die Frage, welche Rolle es in einer alternden Gesellschaft spielen kann. Anders als in Deutschland gibt es in Japan kaum staatliche Unterstützung für ehrenamtliche Tätigkeiten. Trotzdem weist das Land relativ starke subsidiäre Strukturen auf, die teilweise noch auf sogenannte Nachbarschaftsvereinigungen aus der Kriegszeit zurückzuführen sind. Nach der Organisation von Sport- und anderen Freizeitaktivitäten ist die Altenpflege das größte Aufgabenfeld solcher ehrenamtlichen Vereinigungen. Freiwillige besuchen beispielsweise regelmäßig alte Menschen, die allein leben, oder organisieren zweiwöchig stattfindende „Salons“, auf denen die Menschen zusammen Tee trinken, soziale Kontakte knüpfen und Sport treiben.

Von der Stärkung des Ehrenamts, etwa durch Aufwandsentschädigungen, erhofft sich Japan eine wichtige Stütze in der Altenpflege, die durch den zunehmenden Mangel an Pflegekräften immer wichtiger wird. Bislang übernehmen überwiegend Frauen und ältere Menschen solche freiwilligen Dienste. Genau diese beiden Gruppen sollen sich aber auch vermehrt auf dem Arbeitsmarkt verdient machen. Wie sich dieser Anspruch mit dem Wunsch nach mehr ehrenamtlichen Aktivitäten vereinbaren lässt, ist bislang ungeklärt.

In der Diskussion um die zunehmende Alterung und den wachsenden Arbeitskräftemangel wird ein zentraler Punkt in Japan – wenn überhaupt – nur zähneknirschend thematisiert: die Zuwanderung aus dem Ausland. Traditionell wehrt sich die japanische Regierung hartnäckig dagegen, den Zuzug ausländischer Fachkräfte zu erleichtern. Arbeitsgenehmigungen werden meist nur für begrenzte Zeiträume vergeben, um zu verhindern, dass Einwanderer sich dauerhaft niederlassen und ihre Familien mitbringen. Auch der jüngste Vorstoß von Premierminister Shinzo Abe, Arbeitsvisa für rund 340.000 ausländische Arbeitskräfte auszustellen, wird das langfristige Problem der Alterung und Bevölkerungsimplosion nicht lösen: Nach heutiger Rechtslage haben diese Personen lediglich eine Art Gastarbeiter-Status. Sie können nur für fünf Jahre in Japan bleiben und müssen dann für den Antrag auf ein zweites Fünf-Jahre-Visum zunächst in ihre Heimatländer zurückkehren. Das Recht auf einen Daueraufenthalt gibt es aber nur, wenn die jeweilige Person mindesten zehn Jahre am Stück in Japan gelebt hat.


Quellen
“Ageing in Japan. Demographic warrior”. The Economist, November 2018.
ILO (2018). ILO STAT. Labour force participation rate by sex and age (%), Japan, 1980-2017.
ILO (2018). ILO STAT. Employment by sex and age, Japan and Germany, 2017.
IPSS (2017). Population Statistics of Japan 2017. Population by Age.
MHLW (2017). Heisei 29 nen shūrō jōken sōgō. Kekka no gaikyō.
MHLW (2018). Hoikusho nado kanren jōkyō torimatome, Heisei 30.
OECD (2018). Gross pension replacement rates, 2016.
Suwa, Tōru (2018). “Ehrenamtliche Pflege älterer Menschen”, Vortrag beim deutsch-japanischen Symposium “Strategien zur Bewältigung des Demografischen Wandels in Deutschland und Japan”, Berlin. 
UN DESA (2017). World Population Ageing 2017. Highlights.
UN DESA (2017). World Population Prospects 2017.