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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Zwischen Wachstum und verpassten Chancen

Zwischen Wachstum und verpassten Chancen

Ägypten ist der bevölkerungsreichste Staat des gesamten Mittelmeerraumes und der Region Mittlerer Osten/Nordafrika, nach dem englischen Kürzel auch als Mena-Region bekannt. Laut den Vorausberechnungen der Vereinten Nationen wird das Land noch dieses Jahr als drittes in Afrika die Hundert-Millionen-Einwohnermarke übersteigen, nach Nigeria und Äthiopien. Dabei hatte Ägypten vor zehn Jahren noch die gleiche Bevölkerungsgröße wie Deutschland.

Die ägyptische Bevölkerung hat sich im 20. Jahrhundert dreimal verdoppelt. In der jüngeren Vergangenheit haben sich auch die Lebensbedingungen deutlich verbessert, sichtbar an einer gesunkenen Kindersterblichkeit und einer gestiegenen Lebenserwartung. Diese liegt in Ägypten mit 73 Jahren um ein Jahrzehnt höher als im afrikanischen Schnitt. Doch im Unterschied zu anderen ehemaligen Entwicklungsländern, etwa in Asien oder Lateinamerika, sind im Rahmen dieses Wandels die Geburtenziffern nicht entsprechend zurückgegangen. Sie liegen heute noch bei 3,4 Kindern je Frau, weshalb die Ägypter nach wie vor ein junges Volk sind: 2017 betrug das mittlere Alter rund 25 Jahre. In Deutschland liegt es mit 46 Jahren beinahe doppelt so hoch.

 

Stockende Entwicklung

Rückläufige Kinderzahlen je Frau sind in Entwicklungs- und Schwellenländern ein Zeichen für sozioökonomischen Fortschritt. Das zeigt sich nicht nur in dem ölreichen Saudi-Arabien, sondern auch in Äthiopien, das sich seit einigen Jahren von einem bettelarmen Land zur am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft Subsahara-Afrikas entwickelt hat. In Ägypten hatte der gesellschaftliche Wandel schon früher begonnen. Jüngst sind die Fertilitätsraten aber wieder gestiegen – Folge einer stockenden Entwicklung mit zu wenig Perspektiven für die junge Bevölkerung.

 

Vom Kurs abgeraten

Aus demografischer Sicht war Ägypten zu Beginn der 2000er Jahre auf einem vorteilhaften Entwicklungspfad: Seit den 1960er Jahren waren die Kinderzahlen je Frau von über sechs auf etwa drei gesunken. Damit war das nordafrikanische Land auf dem Weg in eine Altersstruktur mit kleiner werdenden Nachwuchsjahrgängen und einem vergleichsweise großen Anteil junger Menschen im Erwerbsalter, die sich theoretisch um die Volkswirtschaft verdient machen können. Gleichzeitig gab es noch wenige ältere Menschen, die auf eine Versorgung durch die Gesellschaft angewiesen waren.

Ländern wie den asiatischen Tigerstaaten, von Südkorea über Thailand bis China, hat diese Altersstruktur einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht. Sie haben eine „demografische Dividende“ eingefahren. Dies hat jedoch nur geklappt, weil es für die große Zahl an jungen Erwerbsfähigen ausreichend Arbeitsplätze gab. Genau dies ist in Ägypten bisher nicht der Fall: Seit zehn Jahren liegt die Arbeitslosigkeit unter den 15- bis 25-Jährigen mit 24 bis 34 Prozent auf einem hohen Niveau. Dies zeigt, dass Ägypten sein demografisches Potenzial nicht nutzen kann und stattdessen viele frustrierte junge Menschen hinterlässt. Die Proteste des arabischen Frühlings von 2011 haben gezeigt, dass eine junge und zunehmend besser gebildete Erwerbsbevölkerung schnell zum Risikofaktor werden kann, wenn es an Perspektiven und Jobs für sie mangelt.

Das alles passiert, obwohl Ägyptens Wirtschaft seit Jahren auf Wachstumskurs ist: Zwischen 1990 und 2015 lag die jährliche durchschnittliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts bei 4,2 Prozent und damit höher als in allen anderen nordafrikanischen Staaten. Ägypten ist heute die drittgrößte Volkswirtschaft Afrikas und nach Südafrika der am stärksten industrialisierte Staat des Kontinents. Als Grund für den wirtschaftlichen Erfolg wird oft die seit den 1980er Jahren begonnene marktwirtschaftliche Umstrukturierung des Landes gewertet. Mit Krediten und strukturellen Anpassungsprogrammen spielte der Internationale Währungsfond (IWF) dabei eine zentrale Rolle. Im Fokus standen unter anderem Privatisierungen, Handelsliberalisierung und die Minimierung der Staatsausgaben.

 

Ohne Jobs keine Dividende

Seit 1990 hat sich Ägyptens Bevölkerungsstruktur verändert: Die Zahl der jungen Erwerbsfähigen ist im Verhältnis zu den zu versorgenden Kindern und Jugendlichen größer geworden. Gleichzeitig hat sich das Bildungsniveau in Ägypten verbessert. Allerdings fehlen die Arbeitsplätze um dieses demografische Potential zu nutzen.

 

Mangel an Innovationen und produktiven Arbeitsplätzen

Eine statistische Analyse der vorrevolutionären Jahre von 1996 bis 2009 veranschaulicht allerdings die Probleme hinter dem ägyptischen Wirtschaftswachstum. Während die jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts in diesen Jahren zwischen 2,8 und 6,4 Prozent lag, wuchs die Produktivität im Durchschnitt nur zwischen 0,3 und 3,7 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass es an innovativen Unternehmen mit produktiven Arbeitsplätzen mangelt und stattdessen neue Jobs überwiegend in weniger produktiven Sektoren entstanden. Gleichzeitig zeigt sich in Ägypten ein Phänomen, das Ökonomen als „jobless growth“ bezeichnen, also ein Wirtschaftswachstum, das nicht von einem entsprechenden Zuwachs an Arbeitsplätzen begleitet wird. Dieses ist typisch für Länder, in denen viele Menschen mit geringen Qualifikationen arbeiten. Kommt es dann in den Unternehmen zu notwendigen Rationalisierungen, verlieren diese Menschen ihre Jobs.

Deshalb stagniert in Ägypten der Anteil der Erwerbsbevölkerung bei rund 44 Prozent der Menschen im entsprechenden Alter. Zurückzuführen ist dies auch auf die geringe Beteiligung von Frauen in der Arbeitswelt, die seit 1990 nur bei rund 20 Prozent liegt. Hinzu kommt die bereits erwähnte hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das ägyptische Wachstum ist demnach wenig inklusiv. Das belegt auch ein Blick auf die Armutszahlen: Zwischen 2000 und 2008, einer Zeit mit hohen Wachstumsraten, stieg die Zahl der Familien, deren Einkommen unterhalb der nationalen Armutsgrenze liegt, von 16,7 auf 21,6 Prozent. Hohes Bevölkerungswachstum bei schlechtem Angebot von Arbeitsplätzen bedeutet eine generelle Verarmung.

 

Verpasste Chancen

Ägypten hätte nur die – verspätete und reduzierte – Chance, eine demografische Dividende einzufahren, wenn die Geburtenziffern rasch sinken und gleichzeitig die nötigen Jobs für die Nachwuchsbevölkerung geschaffen würden. Notwendig wäre es zudem das Bildungssystem so zu verbessern, dass junge Menschen befähigt werden, eigene Unternehmen zu gründen. Zwar erwerben mittlerweile viele von ihnen einen Sekundar- und sogar einen Hochschulabschluss, aber weil sie häufig eine Karriere in der öffentlichen Verwaltung anstreben, haben diese Bildungserfolge wenig wirtschaftliche Auswirkungen. Zurecht kritisieren Fachleute, dass die Ausbildung in Ägypten an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbeigeht.

Ob sich die wirtschaftliche und politische Situation durch die Unterstützung des IWF verbessert, ist umstritten. Einige der strukturellen Anpassungsprogramme des IWF haben die Unzufriedenheit in der Bevölkerung erhöht – etwa die Kürzungen bei der sozialen Grundversorgung oder der Stellenabbau im öffentlichen Sektor.

2016 schloss die aktuelle ägyptische Regierung eine neue Vereinbarung mit dem IWF über Kredite in einem Volumen von zwölf Milliarden Dollar, die erneut an strukturelle Anpassungsprogramme geknüpft sind. Auch dieses Mal konzentrieren sich die Reformen auf makroökonomische Maßnahmen zur Inflations- und Schuldenkontrolle sowie der Förderung von Investitionen und Liberalisierungsmaßnahmen. Auf makroökonomischer Ebene scheint das Programm Erfolge zu zeigen: Seit 2016 ist die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts auf 5,5 Prozent angestiegen. Von Armut und Jungendarbeitslosigkeit ist aber nach wie vor ein Drittel der Bevölkerung respektive der Jugend betroffen. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ist damit bei weitem nicht gebannt.


Quellen
Bargawi H.; McKinley, T. (2011). The Poverty Impact of Growth and Employment in Egypt (1990-2009). United Nations Development Programme. Arab Development Challenges Report. Background Paper.
Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2016): Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet. 
Eman, A. H. (2018). The impact of structural changes on jobless growth. Case study. Egypt. J. Bus. Econ. Manag. 6(1): 007-013.
IMF (2019). Egypt — IMF Executive Board Completes Fourth Review under the Extended Fund Facility. Press Release No. 19/33.
Mohamadieh, K. (2013). Egypt & the IMF: Conditions as Usual.
Momani, B. (2018). Egypt’s IMF Program: Assessing the Political Economy Challenges.
UNDESA (2017). World Population Prospects 2017.
Wittgenstein Centre (2014). Wittgenstein Centre Data Explorer.
Zattler, J. (2018). Lessons of Structural Adjustment. Development and Cooperation, 8 (2018), S. 30-33.