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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen?

Wie zukunftsfähig sind Deutschlands Regionen?

Fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Deutschland weiterhin ein Land der Gegensätze. Doch dies hat nur zum Teil mit der jahrzehntelangen Teilung zu tun. Auch aufgrund anderer wirtschaftlicher und geografischer Gründe haben sich die Regionen Deutschlands sehr unterschiedlich entwickelt. Dies zeigt der Index, den das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung für seine neue Studie „Die demografische Lage der Nation“ errechnet hat. Das Ranking der 401 deutschen Kreise und kreisfreien Städte bewertet, wie die einzelnen Regionen für ihre demografische und wirtschaftliche Zukunft gerüstet sind.

 

Die Vielfalt der Lebensverhältnisse bleibt bestehen

Der Index setzt sich aus 21 Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und Familienfreundlichkeit zusammen, für die jeweils Schulnoten vergeben werden, die dann zusammen eine Gesamtnote für jeden der 401 deutschen Kreise und kreisfreien Städten ergeben. Besonders fit für die Zukunft sind wirtschaftsstarke Städte und ihr Umland, von denen viele im Süden der Republik liegen. Schwieriger sieht es in weniger zentral gelegenen Gebieten des Ostens, aber auch im Westen aus. Dort haben vor allem alte Industriereviere ihre Probleme.

 

Die Politik wünscht sich zwar eine „Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse“, doch die Realität zeigt, dass wir es eher mit einer Vielfalt der Lebensbedingungen zu tun haben. Der Süden sticht durch eine fast flächendeckende gute Bewertung in unserem Index heraus, während sich nördlich von Bayern und Baden-Württemberg positiv und negativ bewertete Regionen oft in enger Nachbarschaft finden. Im Osten der Republik treten dabei besonders scharfe Gegensätze zwischen attraktiven urbanen Zentren und peripher gelegenen ländlichen Gebieten hervor. Während der sachsen-anhaltinische Landkreis Stendal nur Platz 397 von 401 deutschen Kreisen belegt, schafft es die sächsische Landeshauptstadt Dresden mit Rang 15 in die Top-20-Gruppe. Die Elbmetropole als Zentrum des „Silicon Saxony“, wo jeder zweite Mikroelektronik-Chip Europas produziert wird, zieht junge und hochqualifizierte Menschen an. Gleichzeitig ist die Stadt sehr familienfreundlich und die Kinderzahl je Frau liegt mit 1,59 höher als in anderen Großstädten.

 

Der Süden bleibt vorn

Die restlichen 19 Kreise und kreisfreien Städte der Spitzengruppe befinden sich allesamt in Bayern und Baden-Württemberg. Den Spitzenplatz belegt die bayerische Landeshauptstadt München. Der Erfolg des Südens beruht auf einer ungebrochen starken Wirtschaft. In Baden-Württemberg verhilft die bis heute zentrale Autoindustrie den Menschen zu guten Jobs mit hohen Einkommen. Aufgrund der Wirtschaftskraft haben die Kommunen kaum Schulden, Bevölkerungsrückgang ist im Ländle bislang weitgehend unbekannt. In Bayern konzentriert sich die wirtschaftliche Stärke in und um München, wo deutschlandweit die meisten DAX-Konzerne zu Hause sind. Mit dem wirtschaftlichen Erfolg lockt der Süden weiterhin gut qualifizierte, junge Menschen an, was sich positiv auf die Altersstruktur und die Kinderzahlen auswirkt. Meist sind es weiterhin die Städte, die trotz hoher Mieten und wachsender Verkehrsprobleme als Wohnorte besonders attraktiv sind.

 

Spitzenplätze in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen

 

Stärker verändert hat sich die regionale Verteilung der 20 am schlechtesten bewerteten Kreise Deutschlands. In den Vorgängerstudien des Berlin-Instituts dominierten ostdeutsche Kreise diese Gruppe: 2006 lagen von den 20 Schlusslichtern 19 zwischen Rügen und dem Fichtelberg, 2011 waren es 14. In der aktuellen Bewertung sind es nur noch 5. Daran zeigen sich die punktuellen Erfolge des sogenannten Aufbaus Ost und die Tatsache, dass die jahrzehntelange Abwanderung von Ost nach West gestoppt ist. Auch bekommen Frauen in Ostdeutschland wieder deutlich mehr Nachwuchs, im sächsischen Landkreis Bautzen mit durchschnittlich 1,98 Kindern je Frau sogar deutschlandweit am meisten. Allerdings bedeutet der relative Aufstieg ostdeutscher Kreise nicht, dass dort flächendeckend die blühenden Landschaften entstanden wären. Im Gegenteil: Einem Großteil der ostdeutschen Regionen gehen regelrecht die Menschen aus, vor allem in weiten Teilen Sachsen-Anhalts, Vorpommerns und in den Brandenburger Gebieten fernab von Berlin. Viele Jahre der Abwanderung haben die Einwohnerzahlen nicht nur ausgedünnt, sondern die Restbevölkerung auch stark altern lassen. Bis 2035 dürften einige dieser Kreise bis zu einem weiteren Viertel ihrer Bewohnerschaft einbüßen.

 

Am Ende dominiert keine Region

 

Krisengebiete im Westen

Im Westen ist es vor allem der wirtschaftliche Strukturwandel, der hier und da seine Spuren hinterlassen hat. Im Ruhrgebiet aber auch in Teilen des Saarlands fallen einzelne Städte deutschlandweit immer weiter zurück. Allen Bemühungen zum Trotz ist es dort bislang nicht gelungen, die Folgen des Niedergangs von Kohle und Stahl zu bewältigen. Die Beschäftigungsquoten sind niedrig, vor allem geringqualifizierte Arbeitslose finden selten zurück in einen Job. Und so nimmt Gelsenkirchen den letzten Platz in der Gesamtbewertung ein, den in der Vorgängerstudie noch der dünn besiedelte, ländliche Kreis Uecker-Randow ganz im Osten Mecklenburg-Vorpommerns innehatte. Auch mehrere Kreise in den Randlagen Niedersachsens, von Emden über Wilhelmshaven und Lüchow-Dannenberg bis nach Holzminden gehören zu den Schlusslichtern.

Die ehemalige, rheinland-pfälzische Schuhmetropole Pirmasens ist auf den vorletzten Platz abgerutscht. Auch hier dauert die schwierige wirtschaftliche Lage an, die einst durch den Zusammenbruch der Schuhindustrie ausgelöst wurde. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Stadt ist mit fast 10.000 Euro pro Einwohner deutschlandweit am stärksten verschuldet und nirgendwo in Deutschland ist die Lebenserwartung geringer. Überraschend ist der drittletzte Platz, den der schleswig-holsteinische Kreis Dithmarschen einnimmt und damit fast hundert Plätze seit dem letzten Ranking eingebüßt hat. Der Küstenkreis steht für einen überdurchschnittlich hohen Anteil der Landwirtschaft am wirtschaftlichen Geschehen, geringe Beschäftigungsquoten und wenig hochqualifizierte Beschäftigte.



Wechsel in der Tabelle der Bundesländer

Auch das gesamte Bundesland Schleswig-Holstein verliert an Boden. Im Vergleich der Bundesländer ist es vom ehemals siebten auf den zwölften Platz abgestiegen und gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen am stärksten zurückgefallen.

Der größte Aufsteiger in der Gesamtwertung der Bundesländer ist die Hauptstadt Berlin. Die Spreemetropole hat ihre demografische und wirtschaftliche Durststrecke hinter sich gelassen und macht neun Plätze gut. Im Vergleich der Bundesländer steht der Stadtstaat nun auf Platz 5, knapp hinter Hessen und den drei Spitzenreitern Baden-Württemberg, Hamburg und Bayern. Berlin verdankt seinen Sprung nach vorn einem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung – nirgendwo sonst wuchs das Bruttoinlandsprodukt im jährlichen Durchschnitt zwischen 2013 und 2017 stärker.

Die anderen beiden Aufsteiger sind Thüringen und Sachsen. Hier ist es neben den hohen Beschäftigungsquoten vor allem das gute Abschneiden bei der Familienfreundlichkeit, das beide Bundesländer nach vorne gebracht hat. Der Tabellenletzte Sachsen-Anhalt dagegen leidet von allen Ländern am stärksten unter dem wendebedingten Strukturwandel. Das Bundesland hat seit 1990 bereits 23 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Bis 2035 ist ein weiterer Schwund von rund 16 Prozent zu erwarten.

 

Die Studie wurde gefördert vom Nürnberg Institut für Marktentscheidungen e.V. sowie der Körber-Stiftung, der Investitionsbank Berlin und dem Förderkreis des Berlin-Instituts.

Sie kann kostenlos als PDF heruntergeladen werden unter:
https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/die-demografische-lage-der-nation.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:
Dr. Reiner Klingholz, klingholz(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 75 60 oder 0171-50 78 39 0
Manuel Slupina, slupina(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 10 26 98 oder 0178-80 43 95 1
Susanne Dähner, daehner(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 74 50
Datenanfragen: Lena Reibstein, reibstein(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 74 50