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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Recht gut – Praxis verbesserungswürdig

Recht gut – Praxis verbesserungswürdig

Deutschland dürfte in den kommenden Jahrzehnten mehrere Millionen Einwohner verlieren. Gerade die Erwerbsbevölkerung wird davon betroffen sein. Bis 2050 sagen die aktuellsten Vorausberechnungen einen Verlust von mehr als acht Millionen Menschen zwischen 20 und 67 Jahren voraus. Ein Weg, diesem Trend entgegenzuwirken, ist Zuwanderung in der Größenordnung von mehreren hunderttausend Menschen pro Jahr wie wir sie aktuell beobachten. Damit diese Zuwanderung die Situation verbessert, müssen die Neuankömmlinge allerdings auch Beschäftigung finden. Nur so können die Sozialsysteme gestärkt und der drohende Fachkräftemangel abgewendet werden.

Die Politik hat dies erkannt und das deutsche Zuwanderungsrecht in den vergangenen Jahren immer stärker an den Bedarfen des deutschen Arbeitsmarktes ausgerichtet. So erleichtert die Blaue Karte EU Hochqualifizierten den Weg nach Deutschland, während die Positivliste der Bundesagentur für Arbeit auch Nicht-Akademikern die Tore ins Land öffnet. Weiterhin besteht allerdings die Schwierigkeit, dass die Einreise aus wirtschaftlichen Gründen fast ausnahmslos an ein bestehendes Jobangebot gekoppelt ist. Initiativen zur Einreise ohne Jobangebot wie die Aufenthaltserlaubnis zur Arbeitsplatzsuche zeigen bislang noch nicht den gewünschten Erfolg.

Ein guter rechtlicher Rahmen alleine stellt allerdings noch keine erfolgreiche Zuwanderung sicher. Auf der Suche nach Fachkräften müssen auch die Unternehmen aktiv werden und ihre Rekrutierungsstrategien international ausrichten. Dabei stehen sie allerdings häufig vor einer Reihe praktischer Probleme, etwa fehlende Kenntnisse des Zuwanderungsrechts, der kulturellen Gepflogenheiten in anderen Ländern oder auch der Wertigkeit ausländischer Abschlüsse. Wie die Rekrutierung dennoch gelingen kann, zeigt das Gutachten "Internationale Arbeitskräfte einstellen – Der rechtliche Rahmen und die Spielräume der Arbeitgeber", welches das Berlin-Institut für den Bundesverband der Personalmanager erstellt hat. Gerade öffentliche Dienstleister wie die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) sowie auf europäischer Ebene die Plattform der European Employment Services (EURES) können demnach Unternehmen wertvolle Hilfestellungen geben – sei es bei der Vorauswahl geeigneter Kandidaten oder durch direkte Beratung im Einstellungsprozess.

 

Weniger als jeder Zehnte kommt als Arbeitskraft

Ein Großteil der Zuwanderung nach Deutschland findet allerdings aus anderen Gründen als der Jobsuche statt. Vor allem humanitäre und familiäre Gründe haben in den vergangenen Jahren hunderttausende Menschen nach Deutschland gebracht. Auch die Zahl der internationalen Studierenden liegt höher als die Zahl der Zuwanderer aus Erwerbsgründen. Für Unternehmen bedeutet dies, dass sich ein großes Potenzial von zusätzlichen Arbeitskräften bereits im Land befindet. Bis auf wenige Ausnahmen verfügen diese Menschen bereits über eine Arbeitserlaubnis. Asylbewerber dürfen beispielsweise unabhängig vom Stand ihres Verfahrens nach drei Monaten in Deutschland grundsätzlich arbeiten.

 

Asylbewerber und ihr Zugang zum Arbeitsmarkt

 

Nach drei Monaten erhalten Asylbewerber Zugang zum deutschen Arbeitsmarkt – unabhängig vom Ausgang ihres Verfahrens. Diejenigen, die noch keinen Bescheid erhalten haben sowie abgelehnte Bewerber, die dennoch mit einer Duldung im Land bleiben, müssen allerdings noch die Vorrangprüfung bestehen sowie den Test vergleichbarer Beschäftigungsbedingungen mit denen einheimischer Erwerbstätiger. (Eigene Darstellung)

 

Viel größer als die rechtlichen sind die praktischen Herausforderungen. Denn Schnittstellen zwischen Asylbewerbern und Unternehmen entstehen nur langsam. Gute Beispiele sind „Arrivo Berlin“ oder auch „W.I.R. – Work and Integration for Refugees“ in Hamburg. Sie vermitteln Flüchtlinge an Firmen für kurze Praktika beziehungsweise sammeln Informationen über Qualifikationen, die sie interessierten Betrieben zur Verfügung stellen. Was auch sie nicht beheben können, ist allerdings das Kernhindernis für eine schnelle Integration: die noch immer zu langen Asylverfahren. Sie behindern Asylbewerber in mehrfacher Hinsicht, denn neben dem Unwissen über die eigene Zukunft verhindern sie häufig auch eine Erwerbstätigkeit, da Unternehmen naturgemäß ungern Menschen einstellen, deren Aufenthaltsstatus ungeklärt ist.

Eine Herausforderung für Betriebe ist auch die praktische Integration am Arbeitsplatz. Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und falsche Vorstellungen können bestehende Arbeitsverhältnisse schnell gefährden. Damit dies nicht geschieht, sollten Firmen selbst aktiv werden. Sie können ihre neuen Angestellten in einer Vielzahl von Situationen praktisch unterstützen, etwa bei der Anerkennung der Abschlüsse, dem Spracherwerb oder auch der Wohnraumsuche. Dabei helfen können auch einheimische Angestellte, etwa als Mentoren, die den Neuankömmlingen gerade in der Anfangszeit mit fachlichem und praktischem Rat zur Seite stehen. Das allerwichtigste jedoch ist, dass all dies rasch geschieht, Sprachkurse also möglichst schon vor der Einreise beginnen und auch der Anerkennungsprozess noch in der Heimat startet.

 

Das Gutachten "Internationale Arbeitskräfte einstellen – Der rechtliche Rahmen und die Spielräume der Arbeitgeber" wurde im Auftrag des Bundesverbands der Personalmanager erstellt. Sie erreichen es unter folgendem Link erreichen:

www.berlin-institut.org/publikationen/gutachten/internationale-arbeitskraefte-einstellen

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60

Stephan Sievert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, sievert[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31102698