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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Deutschlands demografische Herausforderungen

Deutschlands demografische Herausforderungen

Wer sich rechtzeitig auf die Veränderung der Bevölkerungsstruktur einstellt, kann daraus sogar Vorteile ziehen. Vor welchen Aufgaben unsere Gesellschaft dabei steht, beschreibt ein neues Discussion Paper des Berlin-Instituts.

Dem demografischen Wandel hängt ein negatives Image an. Wahlweise sterben die Deutschen aus, vergreisen oder schaffen sich gleich ganz ab. Dabei hat dieser Wandel einen überaus positiven Hintergrund: Er ist die Folge eines immer besseren Lebens, von mehr Wohlstand, von höherer Bildung und einer wachsenden Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Überall auf der Welt, wo sich diese gesellschaftlichen Prozesse vollzogen haben, sind die Kinderzahlen im Vergleich zu früheren Zeiten gesunken. Wie enorm sich die Lebensqualität der Menschen erhöht hat, lässt sich am besten an der Lebenserwartung ablesen, die in fast allen Ländern zunimmt. In Deutschland etwa gewinnen die Menschen seit vielen Jahrzehnten zwei bis drei zusätzliche Lebensjahre pro Dekade hinzu.

Seit über 40 Jahren liegen hierzulande die Kinderzahlen je Frau auf einem Niveau von etwa 1,4. Diese Zahl bedeutet, dass der Nachwuchs die Generation seiner Eltern nur zu zwei Dritteln ersetzt. Langfristig dürfte dieser niedrige Wert dazu führen, dass die Bevölkerung trotz Zuwanderung schrumpfen wird.

 

Der amtlichen Bevölkerungsvorausschau zufolge dürfte sich die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mittelfristig verringern. Und zwar unter der Annahme, dass pro Jahr im Saldo 200.000 Zuwanderer ins Land kommen. Künftig wird es vor allem an Nachwuchs im Ausbildungsalter fehlen, also an jungen Kräften für den Arbeitsmarkt. Die weniger werdenden Menschen im Erwerbsalter müssen dann so produktiv sein, dass sie die wachsende Zahl an Personen im Ruhestand finanzieren können. Einfacher wird das, wenn das Rentenalter, wie geplant, auf 67 Jahre steigt. Würde man das Verhältnis aus Arbeits- und Ruhestandsphase auf heutigem Niveau belassen, müsste das Rentenalter angesichts der permanent steigenden Lebenserwartung sogar auf 69 Jahre steigen. 

 

Für die Volkswirtschaft aber war der Rückgang der Kinderzahlen zunächst einmal ein Gewinn. Denn höhere Nachwuchszahlen in der Vergangenheit bedeuten, dass starke Jahrgänge ins Erwerbsleben hineinwachsen, während weniger junge Menschen zu versorgen sind und die Zahl der ebenfalls unterstützungsbedürftigen Älteren noch nicht sonderlich hoch ist.

Die letzten starken Jahrgänge in Deutschland waren die in den 1960er Jahren geborenen Babyboomer. Seit den 1980ern dominieren sie die Gruppe der Erwerbsfähigen, stellen einen überproportionalen Teil der Bevölkerung und schaffen damit einen sogenannten demografischen Bonus. Weil die Babyboomer im Schnitt gut qualifiziert sind und ertragreiche Jobs haben, konnten sie den Bonus in eine demografische Dividende verwandeln: Sie haben die Wirtschaft wachsen lassen und sind hauptverantwortlich dafür, dass derzeit die Zahl der Erwerbstätigen auf Höchstniveau liegt und der Staat Rekordeinnahmen in seinen Steuer- und Sozialkassen verbucht.

Dies sind die goldenen Jahre der gereiften Volkswirtschaften, von denen Deutschland derzeit seine letzten erlebt. In den kommenden Jahren steht nach der Dividendenphase der schwierigere Abschnitt des demografischen Wandels an: Die geburtenstarken Jahrgänge werden vom Erwerbsleben in den Ruhestand wechseln und damit zwangsläufig von Einzahlern zu Empfängern der Transfersysteme. Das Land steht unmittelbar vor einer massiven Verrentungs- und Pensionswelle, ohne dass bislang klar wäre, wer dann all die freiwerdenden, häufig anspruchsvollen Stellen besetzen soll. Um 2030, zum Höhepunkt der Babyboomer-Verrentung, wird jeder Jahrgang, der sich in den Ruhestand verabschiedet, etwa doppelt so groß sein wie der Jahrgang, der gerade ins Berufsleben einsteigt.

Weil in Deutschland die Kinderzahlen je Frau im internationalen Vergleich früh und deutlich gesunken sind, gehört das Land zu den Pionieren des demografischen Wandels. Nur Japan ist stärker gealtert und das auch nur, weil sich die Japaner seit langem konsequent gegen eine gesellschaftliche Verjüngung durch Zuwanderung wehren. Beide Länder müssen früher als andere lernen, mit dem demografischen Wandel umzugehen, sie müssen sich an die Veränderungen anpassen. Denn vermeiden lassen sie sich aufgrund der langen Vorlaufzeit demografischer Entwicklungen längst nicht mehr.

Anpassung bedeutet vor allem, dass die Gesellschaft ihr Humanvermögen besser nutzen muss: Das heißt erstens länger zu arbeiten, bis zu einem Alter von 67 Jahren, beziehungsweise mittelfristig sogar bis 69, um die weiter steigende Lebenserwartung zu kompensieren. Zweitens eine Zuwanderung zu organisieren, welche die entstehenden Lücken nicht nur quantitativ, sondern vor allem in Sachen Qualifikation schließen kann. Und drittens massiv in Bildung und in lebenslanges Lernen zu investieren, damit die Menschen Fähigkeiten erwerben, mit denen sich ein längeres Arbeitsleben auch erfüllen lässt.

Trotz aller Kritik an der deutschen Politik, die den demografischen Wandel lange Zeit ignoriert hat, ist festzustellen, dass sich das Land teilweise schon für die kommenden Veränderungen gerüstet hat. Als ältestes Land der EU müsste es eigentlich wirtschaftlich schlecht dastehen, wäre die Alterung der Gesellschaft allein das Kriterium für Wettbewerbsfähigkeit. Doch Deutschland gilt als eine der erfolgreichsten Volkswirtschaften, auch gegenüber jüngeren EU-Ländern wie Frankreich oder Spanien.

So haben sich in Deutschland die Erwerbsquoten sowohl der älteren Arbeitnehmer wie auch der Frauen überproportional erhöht. Auch die Bildungsergebnisse der jungen Menschen haben sich nach dem Pisa-Schock im Jahr 2000 deutlich verbessert. Obendrein ist das Land höchst attraktiv für Zuwanderer. Bis zum Beginn der neuen Flüchtlingswelle haben diese deutlich bessere Qualifikationen mitgebracht als die Zuwanderergenerationen zuvor. Umso wichtiger ist es jetzt, die Ausbildung der heutigen Flüchtlinge möglichst schnell auf ein angemessenes Niveau zu bringen.

Natürlich hätte Deutschland früher und besser auf den demografischen Wandel reagieren können. Aber das gilt für alle Industrienationen und längst auch für die ersten Schwellenländer. Heute liegen die Kinderzahlen je Frau in sämtlichen entwickelten Ländern (mit Ausnahme von Israel) unter dem Niveau, das ohne Zuwanderung für eine langfristig stabile Bevölkerung sorgen könnte. Über 80 Länder verzeichnen bereits keine bestandserhaltenden Kinderzahlen mehr.

Die meisten dieser Länder profitieren derzeit von ihrem demografischen Bonus, aber sie werden anschließend zwangsläufig in die Phase der Alterung kommen. Deutschlands wirtschaftliche Wettbewerber stehen damit vor den gleichen Herausforderungen. Gerade die dynamischen Schwellenländer, allen voran China, entwickeln sich besonders schnell hin zu einer alternden und schrumpfenden Bevölkerung. Wenn es Deutschland gelingt, frühzeitig Konzepte für ein Wohlergehen der Gesellschaft ohne demografisches und mittelfristig vermutlich auch ohne nennenswertes wirtschaftliches Wachstum zu sichern, könnte das Land auch als Pionier für die Bewältigung des demografischen Wandels dastehen.

 

Das Discussion Paper erreichen Sie unter folgendem Link: http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/deutschlands-demografische-herausforderungen.html.

 

Das Discussion Paper ist in modifizierter Form in der Publikation "Stiftungen und demografischer Wandel", herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Stiftungen, erschienen. Die Fassung thematisiert darüber hinaus Herausforderungen an Stiftungshandeln und gibt Empfehlungen für Stiftungsarbeit im demografischen Wandel. Sie dient als Grundlage für den Deutschen StiftungsTag, der vom 11.-13. Mai 2016 in Leipzig zum Thema demografischer Wandel und Stiftungen stattfindet.

 

Das Berlin-Institut dankt seinem Förderkreis für die Ermöglichung dieses Discussion Papers. Im Förderkreis kommen interessierte und engagierte Privatpersonen, Unternehmen und Stiftungen zusammen, die bereit sind, das Berlin-Institut ideell und finanziell zu unterstützen. Weitere Informationen zum Förderkreis finden Sie unter folgendem Link: http://www.berlin-institut.org/foerderkreis-des-berlin-instituts.html.