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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Wie viele werden wir in Zukunft sein?

Wie viele werden wir in Zukunft sein?

Zum diesjährigen Weltbevölkerungstag am 11. Juli dürften über 7,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben. In den 1960er und -70er Jahren, als noch die Angst vor einer globalen „Bevölkerungsexplosion“ grassierte, hätte sich das wohl niemand träumen lassen. Seither hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt und statt der Sorge um ein unaufhörliches Wachstum der Menschheit grassiert aktuell eine Gegenthese: Schlagzeilen wie „Leerer Planet“ (Der Spiegel, 18.05.19) oder „Die Bevölkerungsexplosion fällt aus“ (Spiegel Online, 23.06.2019) vermitteln den Eindruck, dass wir uns um das Thema Bevölkerungswachstum keine Gedanken mehr machen müssen. In ihrem Buch „Empty Planet“, das in besagten Artikeln zitiert wird, behaupten die Autoren Darrell Bricker und John Ibbitson sogar, dass sich die Weltbevölkerung bald auf Schrumpfungskurs begeben wird. Die beiden Kanadier sind der Meinung, dass die Zahl der Menschen zwischen 2040 und 2060 ihren Höhepunkt erreichen und dann unaufhaltsam abnehmen wird. Sterben wir also in nicht allzu ferner Zukunft aus?

 

Ein Blick in die Zukunft

Wer wissen möchte, wie sich die Weltbevölkerung künftig entwickeln dürfte, greift für gewöhnlich auf die Schätzungen der Vereinten Nationen zurück, die sich in der Vergangenheit als relativ zuverlässig erwiesen haben. Auf Basis seit 1950 gesammelter Daten treffen die UN-Statistiker für jedes Land Annahmen zur Entwicklung von Sterblichkeit, Geburtenziffern und Wanderungen und leiten daraus ab, wie sich die globale Bevölkerung bis ins Jahr 2100 entwickeln dürfte. In der mittleren Variante ihrer jüngsten Hochrechnung, die in der Öffentlichkeit meist als die wahrscheinlichste eingestuft wird und welche die UN-Experten Mitte Juni 2019 veröffentlicht haben, gehen sie davon aus, dass die Weltbevölkerung von heute 7,7 Milliarden auf 9,7 Milliarden im Jahr 2050 und bis 2100 auf 10,9 Milliarden Menschen anwachsen wird. Voraussetzung dafür ist, dass die Kinderzahl je Frau in den Entwicklungsländern stetig sinkt und die Lebenserwartung gleichzeitig steigt – so wie es zuvor in allen weiter entwickelten Staaten geschehen ist.

Wie viele Menschen künftig auf der Erde leben werden, hängt deshalb zu großen Teilen von der Entwicklung in Subsahara-Afrika ab, wo 33 der 47 am wenigsten entwickelten Länder liegen und wo die Geburtenziffern im weltweiten Vergleich noch am höchsten sind. In der mittleren Variante ihrer Vorausschätzungen gehen die UN-Statistiker davon aus, dass die Geburtenziffer in den Ländern südlich der Sahara von heute durchschnittlich 4,7 Kindern pro Frau bis zum Ende des Jahrhunderts auf das bestandserhaltende Niveau von 2,1 sinken wird. Genau diese Annahme kritisieren der Sozialwissenschaftler Bricker und der Journalist Ibbitson. Ihrer Ansicht nach dürfte die Geburtenziffer in den Ländern südlich der Sahara deutlich schneller sinken, als von der UN angenommen – vor allem aufgrund der immer stärker voranschreitenden Urbanisierung, die den Zugang zu Bildung und die Emanzipation der Frauen erleichtert.

 

Erst mal auf Wachstumskurs
Heute ist die Zahl der jungen Menschen weltweit, die noch vor oder am Anfang ihrer Familiengründungsphase stehen, größer als je zuvor. Aus diesem Grund wird die Weltbevölkerung in den kommenden Jahrzehnten erst einmal weiterwachsen, selbst wenn die Geburtenziffer weltweit morgen auf den bestanderhaltenden Wert von 2,1 Kindern je Frau sinken würde. Bis 2050 dürfte die Weltbevölkerung auf etwa 9,7 Milliarden anwachsen. Mehr als die Hälfte dieses Zuwachses wird dabei auf Afrika entfallen.

 

Bildung macht einen Unterschied

Mit der Kritik, dass die gängige UN-Vorausschätzung zu hoch ausfällt, stehen die Buchautoren nicht alleine da. Auch die Wissenschaftler um Wolfgang Lutz vom Wittgenstein Centre in Wien glauben, dass die UN-Schätzungen zu hoch gegriffen sind. Im Gegensatz zu jenen der UN beziehen ihre Modelle zur Vorausberechnung der Bevölkerungsentwicklung einen entscheidenden Einflussfaktor mit ein: Bildung. Sie hat sich in der Vergangenheit als eine, wenn nicht sogar die zentrale Einflussgröße auf die Geburtenziffer und damit auf die Bevölkerungsdynamik erwiesen. Denn im Schnitt bekommen Frauen in armen Ländern deutlich weniger Kinder, je länger sie eine Schule besucht haben.

Da für nahezu alle Länder weltweit Daten darüber vorliegen, wie viele Kinder Frauen je nach Bildungsstand bekommen, können die Forscher modellhaft berechnen, wie sich die Geburtenziffern in Abhängigkeit künftiger Bildungsinvestitionen verändern werden und was das für die Bevölkerungsentwicklung weltweit bedeutet. In ihrem mittleren Szenario, dem SSP2- oder Global-Education-Trend-Szenario, gehen die Demografen aus Wien davon aus, dass Fortschritte im Bildungsbereich kontinuierlich so voranschreiten, wie sie in der Vergangenheit weltweit vonstatten gingen. In diesem „Weiter-wie-bisher-Szenario“ dürfte die Zahl der Menschen weltweit bereits um das Jahr 2070 mit 9,7 Milliarden ihren Höhepunkt erreichen und bis zum Ende des Jahrhunderts auf 9,3 Milliarden schrumpfen. Laut diesem Szenario dürften bis 2100 also etwa 1,6 Milliarden Menschen weniger unseren Planeten bevölkern, als es die mittlere Variante der Vereinten Nationen annimmt.

Die These der „Empty Planet“-Autoren, dass der Höchststand der Weltbevölkerung in etwa drei Jahrzehnten überschritten wird, stützt das Global-Trend-Szenario des Wittgenstein Centre allerdings nicht. Und auch die Bevölkerungszahl von Bricker und Ibbitson, die sie bis zum Ende des Jahrhunderts auf etwa 7,7 Milliarden schätzen, liegt deutlich niedriger als in SSP2. Die Überzeugung, dass die Weltbevölkerung früher schrumpfen könnte, als von den Experten der UN und des Wittgenstein Centre angenommen, schöpfen die Autoren von „Empty-Planet“ aus Experteninterviews und Vor-Ort-Befragungen in mehreren Ländern – darunter China, Indien, Brasilien und Kenia. Dass Befragungen von Menschen in Städten wie Nairobi (die stellvertretend für die afrikanische Bevölkerung insgesamt stehen sollen), Sao Paulo oder Mumbai den Autoren bessere Einsichten zur Entwicklung der Geburtenziffer liefern, ist aber fragwürdig.


Elf oder sieben Milliarden?

Wie viele Menschen werden also zum Ende des Jahrhunderts auf der Erde leben? Die Antwort: Keiner kann es genau sagen. Modelle wie die der UN und des Wittgenstein Centre sind für einen Zeithorizont von 10, 20 oder vielleicht auch 30 Jahren relativ zuverlässig, weil es sich im Wesentlichen um buchhalterische Fortschreibungen handelt. Insofern lässt sich zumindest relativ sicher sagen, dass bis 2050 zwischen 9,3 und 9,7 Milliarden Menschen auf der Erde leben werden und der größte Zuwachs davon auf den afrikanischen Kontinent entfallen wird.

Einige Länder der Welt – darunter Japan, Russland, Deutschland und auch China – werden demnach schon bis zur Mitte des Jahrhunderts schrumpfen. Ob die Zahl der Menschen weltweit aber tatsächlich noch in diesem Jahrhundert sinkt oder ob sie bis 2100 auf knapp elf Milliarden anwächst, lässt sich dagegen nicht sicher sagen – schließlich kann die Geburtenziffer tatsächlich etwas schneller sinken als gedacht (auch dafür hat die UN ein Modell). Zudem können Faktoren wie die Erderwärmung oder unvorhersehbare Ereignisse wie Konflikte und Seuchen, die nicht in die Modelle einkalkuliert werden können, die Zahl der Menschen beeinflussen. Sicher ist jedoch, dass es in diesem Jahrhundert und auch noch lange darüber hinaus keinen „leeren Planeten“ geben wird. Die zentrale Frage bleibt also, wie sich der vorerst sichere Bevölkerungszuwachs, vor allem in Subsahara-Afrika, organisieren lässt und wie die Menschen dort künftig versorgt werden können – mit Schulen, Krankenhäusern und Arbeitsplätzen.

 

Milliarden-Unterschied

Die mittlere Variante der Vereinten Nationen beruht auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zur Entwicklung der Sterberaten, der Migration und vor allem der Fertilitätsraten. Im Modell des Wittgenstein Centre berücksichtigen die Wissenschaftler auch den Einfluss von Bildung. Sollten die Fortschritte im Bildungsbereich weltweit weiter voranschreiten wie bisher, könnte die Weltbevölkerung demnach noch in diesem Jahrhundert zu schrumpfen beginnen. Von einer Entwicklung der Weltbevölkerung, wie ihn die Autoren von „Empty Planet“ annehmen, sind die Modelle der Experten allerdings weit entfernt.

 

Quellen
Bricker, D. & J. Ibbitson (2019). Empty Planet. The Shock of Global Population Decline.
United Nations DESA, Population Division (2019). World Population Prospects. The 2019 Revision.
Wittgenstein Centre (2018). Wittgenstein Centre Data Explorer.