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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Urbane Dörfer – wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann

Urbane Dörfer – wie digitales Arbeiten Städter aufs Land bringen kann

Viele ländliche Regionen in Ostdeutschland sind demografisch angeschlagen und erfahren Abwanderung. Besonders junge Menschen verlassen ihre Heimatdörfer. Dem Sog der Großstädte können die Orte bislang kaum etwas entgegensetzen. Mit dem wachsenden Bildungsstand könnte sich dieser Trend künftig noch verschärfen, denn Universitäten gibt es auf dem Land kaum und Akademiker finden bislang vor allem in den Städten Arbeit. Manche entlegene Landkreise, die schon in der Vergangenheit starke demografische Verluste verbuchen mussten, dürften bis 2035 noch einmal rund ein Viertel ihrer heutigen Bewohner einbüßen.

Doch es tut sich etwas: Das Landleben rückt neuerdings in den Fokus eines urban geprägten Milieus. Stadtbewohner treffen sich bei sogenannten Meetups und diskutieren darüber, wie sich digitales Arbeiten mit dem Landleben verbinden lässt. Einige von ihnen sind schon mittendrin: Sie entwickeln und erproben in Dörfern und Kleinstädten Ostdeutschlands neue Formen gemeinschaftlichen Wohnens und Arbeitens.

 

Die besuchten Projekte

Zur Untersuchung des neuen Phänomens gemeinschaftlichen Wohnens und digitalen Arbeitens auf dem Land haben wir insgesamt 18 existierende wie auch werdende Projekte in Ostdeutschland besucht und Beteiligte interviewt. Der Großteil der Vorhaben findet sich in Brandenburg, denn in Berlin werden die ersten Kreativen stadtmüde. Zusätzlich haben wir Experten der Wohnprojektszene befragt sowie Initiativen im ländlichen Raum, die neue Arbeitsformen fernab der Großstädte erproben. Exemplarisch für einen solchen digitalen Treiber steht das Coconat in Bad Belzig (10), ein ländlicher Coworking Space mit angeschlossenem Gästehaus.

 

Beengte Städte sorgen für neue Landlust

Viele der von uns besuchten Projekte haben in Brandenburg einen neuen Wohn- und Arbeitsort geschaffen. Denn Berlin ist in den letzten Jahren immer enger und voller geworden, die Preise auf dem Wohnungsmarkt steigen und günstige Gewerberäume für Start-ups werden rar. Vor allem der Platz und die Freiräume im märkischen Umland wirken auf einige Menschen aus dem innovativen und kreativen Milieu der Spreemetropole wie ein Magnet. In ostdeutschen Regionen, in denen die Städte selbst noch ausreichend Platz bieten, sind derartige Projekte von kreativen und digital affinen Menschen auf dem Land hingegen selten.

Die neuen Landbewohner zieht es meist nicht in Neubauten am Dorfrand. Die Umzugswilligen interessieren sich eher für alte und baufällige Gebäude in den Ortskernen. Sie verwirklichen ihre Ideen in aufgegebenen Fabriken und Mühlen, in ehemaligen Krankenhäusern und Berufsschulen, Klosteranlagen und Landgütern, sogar in ehemaligen Plattenbauten der LPG. Für die Landlustigen sind diese Immobilien ideal, denn sie bieten viel Platz, nicht nur zum Wohnen, sondern auch um weitere Ideen umzusetzen – vom Café über eine eigene Kita, von Werkstätten bis hin zum Coworking Space, in dem sich Freiberufler und Selbständige temporär Schreibtische mieten können. Sie bringen damit frisches Leben in sonst kaum vermittelbare Immobilien und in den Ort.

 

Digitales Arbeiten als Umzugshelfer

Es ist nicht der Job, der die Menschen aufs Land zieht, sondern die Attraktivität des neuen Wohnortes und die Gestaltungsmöglichkeiten im Wohnprojekt. Dies bedeutet für die Umzugswilligen allerdings, dass sie nach Lösungen suchen müssen, wie sie ihre berufliche Tätigkeit auch in der neuen dörflichen Umgebung ausüben können oder wie sie sich dort ein wirtschaftliches Standbein schaffen. Viele der Neulandbewohner arbeiten in Wissens- und Kreativberufen – von den klassischen Digitalarbeitern wie Programmierern und Grafikdesignern bis hin zu Architekten, Journalisten, Sozialwissenschaftlern oder Kulturmanagern. Sie bringen eine wichtige Voraussetzung für das Landleben mit: Sie können einen Großteil ihre Arbeit von überall her erledigen – also auch am heimischen Computer auf dem Land.

Neben jenen, die örtlich flexibel arbeiten können, finden sich aber auch solche mit ortsgebundenen Berufen, wie Lehrer und Sozialpädagogen, Ärzte oder Handwerker. Wer in einem Beruf arbeitet, der auch im ländlichen Raum gefragt ist, sucht sich vor Ort eine neue Stelle. Doch nicht jeder erhält sofort ein Jobangebot. Dann bleibt zunächst das Pendeln in die Stadt. Im Unterschied zu vielen klassischen Umlandwanderern, bei denen Pendeln als notwendiges Übel zum Alltag gehört, möchten viele der neuen Landbewohner jedoch lieber früher als später auf die tägliche Fahrerei verzichten.

Einige der neuen Landbewohner gehen mit ihrem Umzug raus aus der Stadt auch beruflich neue Wege. Handwerker oder Heilpraktiker beispielsweise erfüllen sich im Gemeinschaftsprojekt den Traum von der eigenen Werkstatt oder Praxis. Kreativ- und Wissensarbeiter wie Projektmanager oder Kommunikationsberater wechseln in eine freiberufliche Tätigkeit. Und einige Befragte machen sich mit einer ganz neuen Geschäftsidee selbstständig und gründen ein eigenes Unternehmen im Umfeld des Wohnprojektes.

 

Städter bringen vielfältige Ideen mit

Die ländlichen Gemeinschaftsprojekte werden selten als reine Wohnprojekte geplant, denn die neuen Landbewohner bringen aus den Städten bestimmte Ansprüche an ihr neues Wohnumfeld mit. Zwar erwartet niemand auf dem Land die gleichen vielfältigen Angebote wie in dicht besiedelten Ballungsräumen. Mit einer lückenhaften Versorgung wollen sich viele aber auch nicht abfinden. Sie suchen nach Möglichkeiten, wie man auch ohne Auto auf dem Dorf mobil bleiben kann, vom Carsharing bis zur Mitfahr-App. Sie denken über Hofläden zur Verbesserung der Nahversorgung mit regionalen Lebensmitteln nach oder betreiben ein Café, eröffnen Galerien und organisieren Kulturfestivals. Andere planen, zusammen mit der Dorfbevölkerung, die alte Scheune als gemeinschaftlichen Treffpunkt und Veranstaltungsort wiederzubeleben. Die neuen Landbewohner verbessern mit ihrem Einsatz die Lebensbedingungen vor Ort – im Idealfall für alle Dorfbewohner.

 

Netzwerke und Ankerpunkte

Die Wohnprojekte sind nur ein Teil der Initiativen und Netzwerke, die es im ländlichen Raum gibt. Nicht jeder, der auf dem Land leben will, möchte in einem solchen Projekt leben und arbeiten. Der Zugang zu einem Netzwerk vor Ort ist ihnen trotzdem wichtig. Die Netzwerke können zu Ankern im ländlichen Raum werden und den Umzug raus aus der Stadt erleichtern.

 

Periphere Speckwürfel als Chance

Ob das gewachsene Interesse von urban geprägten, digital arbeitenden Menschen ein Zeichen für eine neue Bewegung „raus aufs Land“ ist, lässt sich mit der vorliegenden Studie nicht abschließend beantworten. Zu frisch ist das Phänomen und viele Projekte stehen noch am Anfang. Ob sie in einigen Jahren noch bestehen, weiteren Zuzug erfahren oder Nachahmer an anderen Orten finden, muss sich erst noch zeigen.

Sicher ist, dass die neue Landbewegung auf ordentliche Datenleitungen angewiesen ist. Denn ohne eine Anbindung an das weltweite Netz wird sich kaum ein Städter eine neue Heimat suchen oder dort ein Unternehmen aufbauen. Für einzelne Dörfer bietet die Digitalisierung deshalb eine große Chance. Orte, in denen sich die Menschen auf neue Formen des ländlichen Wohnens und Arbeitens einlassen, dürften in eine günstigere demografische Zukunft schauen. Sie können sich damit von der allgemeinen demografischen Entwicklung vieler entlegener, ländlicher Region abheben und zu Speckwürfeln in der Peripherie werden.

Die Politik, die ein wachsendes Interesse an einem Ausgleich zwischen Stadt und Land gefunden hat, sollte sich mit den Bedürfnissen, Motiven und Fähigkeiten der neuen Landbewohner auseinandersetzen und den richtigen Rahmen für ihre Vorhaben schaffen, damit den heutigen Pionieren möglichst viele Nachahmer folgen.

Die Studie wurde gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie.

Sie kann kostenlos als PDF heruntergeladen werden unter:
https://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/Urbane_Doerfer

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:
Dr. Reiner Klingholz, klingholz(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 75 60 oder 0171-50 78 39 0
Susanne Dähner, daehner(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 74 50
Manuel Slupina, slupina(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 10 26 98