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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Amerika – Wohlstand, Aufstieg und verpasste Chancen

Amerika – Wohlstand, Aufstieg und verpasste Chancen

Amerika wandelt sich. In Nordamerika stehen die USA schon seit ihrer Unabhängigkeit 1776 weltweit beispielhaft für Wirtschaftskraft und Fortschritt. Doch seit knapp zwei Jahrzehnten konnten sich auch Schwellenländer wie Mexiko, Brasilien, Argentinien oder Chile nicht nur wirtschaftlich enorm entwickeln, sondern fordern auch auf der internationalen Bühne nachdrücklich ihren Platz ein. Kleinere Staaten wie Costa Rica, Panama oder Uruguay weisen eine beachtliche politische Stabilität und damit verbunden einen wachsenden Wohlstand auf. Selbst in den einstmals als Armenhaus Lateinamerikas bekannten Andenstaaten Ecuador, Peru und Bolivien wächst eine selbstbewusst auftretende Mittelschicht heran.

 

Doch noch immer ist der Wohlstand sehr ungleich verteilt. Nicht nur zwischen den einzelnen Staaten – das Pro-Kopf Einkommen eines US-Amerikaners liegt 66-mal höher als das eines Haitianers – sondern auch innerhalb der Staaten finden sich extreme sozioökonomische Unterschiede. In der Zahl der Einwohner unterscheiden sich die Länder ebenfalls beträchtlich: Knapp eine Milliarde Menschen, also etwa jeder siebte Weltbewohner, lebt in Amerika, davon knapp 322 Millionen allein in den USA. Brasilien zählt mit 208 Millionen Einwohnern ebenfalls zu den Bevölkerungsgiganten. In anderen Staaten wie Belize leben dagegen weniger als eine Millionen Menschen. Zudem sind die Länder verschieden weit fortgeschritten in ihrer demografischen Entwicklung, weshalb sie sich in der Altersstruktur und im Bevölkerungswachstum unterscheiden.

 

In seiner Studie „Amerika – Wohlstand, Aufstieg und verpasst Chancen“ hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung die demografische und wirtschaftliche Entwicklung aller 24 amerikanischen Länder mit mehr als einer Million Einwohner untersucht. Auf Basis von 20 Indikatoren aus den Bereichen Bevölkerungspotenzial, Lebensbedingungen, Politik, Wirtschaft und Umwelt werden in der Studie die jeweiligen Chancen sowie potenzielle Schwierigkeiten der Länder miteinander verglichen. 15 Länderkapitel analysieren zudem den sozioökonomischen Zustand der wichtigsten lateinamerikanischen Staaten.

 

Von großen Mächten und kleinen Staaten

 

Am besten im Ranking schneiden die beiden nordamerikanischen Staaten Kanada und USA ab. Sie weisen in nahezu sämtlichen Indikatoren Spitzenwerte auf. Allein ihr durchschnittliches Bruttoeinkommen pro Kopf lag 2014 selbst unter Berücksichtigung der Kaufkraft dreimal so hoch wie das der lateinamerikanischen Länder. Nirgendwo in Amerika sind politische Rahmenbedingungen positiver und auch die Lebensstandards besser als in Kanada und USA, wobei ersteres Land mit einem Zehntel der US-Einwohnerzahl das Ranking der Länder in vier der fünf Bereiche anführt und damit in der Endbewertung auf Platz 1 landet. Einzig beim Bevölkerungspotenzial weisen die USA dank einer für ein hochentwickeltes Land relativ hohen Kinderzahl je Frau und dem ungebrochenen Zustrom von meist jungen Migranten die besseren Werte auf.

 

Von der Pyramide zum Bienenstock

Anfang der 1960er Jahre hatte die Altersstruktur der Bevölkerungen Mittel- und Südamerikas noch die typische Pyramidenform von Ländern mit einem relativ niedrigen Entwicklungsstand. Die Kinderzahl je Frau variierte damals zwischen 2,9 (Uruguay) und 7,4 (Honduras). Mit der Verbesserung der Lebensbedingungen in der Region sind die Fertilitätsraten in allen Ländern deutlich gesunken und liegen heute nur noch in Guatemala und Haiti bei über drei Kindern je Frau. Auf dem ganzen Kontinent weisen Kanada und Kuba mit knapp 1,6 die niedrigsten Kinderzahlen je Frau auf. Auch in Trinidad und Tobago, Chile, Brasilien, Costa Rica, Kolumbien, den USA, Uruguay und El Salvador werden weniger als 2,1 Kinder je Frau geboren und damit weniger, als zur langfristigen Erhaltung des Bevölkerungsstands ohne Zuwanderung nötig wären. Als Folge wandelt sich die Form der mittel- und südamerikanischen Bevölkerungspyramiden bis 2050 zum typischen Bienenstock von Ländern im demografischen Übergang. Die nordamerikanische Bevölkerungspyramide zeigt schon heute diese Form, da hier der demografische Übergang früher einsetzte.

 

Lateinamerika zählte noch bis in die 1980er Jahre zu den ärmsten Regionen der Welt. In den meisten Ländern regierten Diktatoren. Bürgerkriege, Korruption und Willkürherrschaft waren weit verbreitet. Heute zeigt sich die Situation in den einzelnen Ländern sehr viel positiver. Nicht nur Chile und Uruguay, die im Ländervergleich die Gruppe der lateinamerikanischen Staaten anführen, sondern auch viele andere Länder der Region konnten sich politisch weitgehend stabilisieren. Auch wirtschaftlich hat sich die Situation in Lateinamerika deutlich verbessert – mit wenigen Ausnahmen wie Haiti, Nicaragua, Honduras oder Guatemala. Unabhängig davon, ob die Staaten eher liberal regiert werden wie Panama, Costa Rica oder Kolumbien oder unter linker Regierungsführung stehen wie Bolivien, Ecuador oder Peru, profitierten sie alle von dem wirtschaftlichen Boom der frühen 2000er Jahre. Dieser Aufschwung kam nicht nur einer sozialen Oberschicht zugute, sondern weiten Bevölkerungsteilen. Zwischen 1995 und 2010 schafften nach Berechnungen der Weltbank 40 Prozent aller lateinamerikanischen Haushalte einen Aufstieg in die jeweils nächsthöhere soziale Klasse. Der Anteil der Haushalte, die mit einer Verfügbarkeit von 10 bis 50 US-Dollar pro Tag zur Mittelklasse zählen, stieg in diesem Zeitraum von 20 auf 30 Prozent.

 

Doch die Erfolge stehen auf wackligen Beinen. Noch immer gehört mit 39 Prozent ein Großteil der lateinamerikanischen Haushalte zur sogenannten „Sandwich“-Klasse zwischen Armut und Mittelstand. Sie gelten als besonders gefährdet, aufgrund von Konjunkturkrisen oder politischer Instabilität wieder in die Armut abzurutschen. Viele von ihnen arbeiten in der Schattenwirtschaft ohne Anstellung und formale Absicherung. Gleichzeitig stagniert die Produktivität in vielen Ländern oder war zuletzt sogar rückläufig. Damit stecken diese Länder in einer „Falle des mittleren Einkommens“: Sie konnten sich zwar aus der ärgsten Armut befreien, ihnen fehlen aber die technologischen und innovativen Kapazitäten, um im Wettbewerb mit den Industrieländern mithalten zu können.

 

Entwicklung am Tropf des Rohstoffmarktes

 

Die Hochkonjunktur Anfang des Jahrtausends verdankt die Region vor allem ihrem Ressourcenreichtum in Form von Erdöl und -gas, Edelmetallen und Erzen und landwirtschaftlichen Primärgütern wie Soja, Zucker, Kaffee oder Tropenholz. Befeuert durch den wirtschaftlichen Aufschwung in Asien, insbesondere in China, ist die weltweite Nachfrage nach Rohstoffen seit der Jahrtausendwende rasant gestiegen – und mit ihr sind die Preise angezogen. Viele der lateinamerikanischen Länder konnten sich im Zuge dieser Entwicklung über volle Staatskassen freuen. Den neuen Reichtum nutzen insbesondere die linken Regierungen in Brasilien, Venezuela, Bolivien oder Ecuador für umfangreiche Sozialprogramme, was ihnen unter anderem die Gunst der Wählerschaft sicherte.

 

Dieser Neo-Extraktivismus, eine Wirtschaftsform, die im Wesentlichen auf Rohstoffverkäufen gründet, steht seit einigen Jahren als ökonomisch, ökologisch und sozial wenig nachhaltig in der Kritik: Trotz Förderung der einheimischen Industrie und Maßnahmen zum Schutz derselben vor ausländischer Konkurrenz findet die Verarbeitung der Rohstoffe meist außerhalb der Förderländer statt, so dass die Abhängigkeit von der globalen Primärgüternachfrage bestehen bleibt und die Wertschöpfung anderswo entsteht. Einbrüche der Nachfrage, wie sie durch die Konjunkturflaute in Asien momentan zu beobachten sind, bringen daher das Wachstum in vielen lateinamerikanischen Ländern zum Erliegen und fördern politische Krisen.

 

Besonders dramatisch entwickelte sich die Situation in den letzten Monaten in Brasilien. In dem Vorzeigeland von einst wurde im vergangenen Monat Präsidentin Dilma Rousseff im Zuge eines rechtlich fragwürdigen Verfahrens zur Amtsenthebung von ihrem Dienst suspendiert, während die Bevölkerung durch zahlreiche Korruptionsskandale das Vertrauen in die politische Elite verloren hat und ihren Protest vehement auf die Straße trägt. Gewalttätige Ausschreitungen gehören mittlerweile auch in Venezuela zum Alltag, wo die rein auf dem Erdölexport basierende Wirtschaft zusammengebrochen ist. Präsident Nicolás Maduro ist kaum noch regierungsfähig und wird einen politischen Umbruch wohl nicht mehr verhindern können.

 

Abhängigkeit von Rohstoffen

 

Der Anteil von Rohmaterialien an den Exporten hat in Lateinamerika in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Beim Handel mit den asiatischen Ländern stellt er inzwischen über 70 Prozent des Volumens, während der Anteil höherwertig verarbeiteter Produkte zurückgeht. Auch der Export in die EU wird von Rohstoffen dominiert. Der Handel mit den USA ist stark durch mexikanische Warenexporte geprägt, denn das nördlichste aller lateinamerikanischen Länder hat die Rolle einer verlängerten Werkbank für viele US-amerikanische und global agierende Unternehmen. Rechnet man Mexiko heraus, liegt der Rohstoffanteil bei den Exporten von Lateinamerika in die USA etwa doppelt so hoch.

 

Der Druck aus der Bevölkerung für weitere soziale Reformen und eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes steigt auch in anderen Ländern Lateinamerikas. Die politische Stabilität der Region wird im Wesentlichen davon abhängen, wie es die einzelnen Länder schaffen, die wirtschaftliche Krise zu überwinden und breitere Bevölkerungsschichten dauerhaft an ihren bisherigen Erfolgen teilhaben zu lassen.

 

Die Studie „Amerika – Wohlstand, Aufstieg und verpasste Chancen. Die demografische und wirtschaftliche Entwicklung der Länder der Neuen Welt“ ist im Auftrag des GfK Vereins entstanden und nur für dessen Mitglieder erhältlich. Der GfK Verein ist eine Non-Profit-Organisation zur Förderung der Marketingforschung.

 

Im Vorfeld der Studie führte die Gesellschaft für Konsumforschung in einer Auswahl der Länder Haushaltsbefragungen zum Einkommen durch, deren Ergebnisse in einem Sonderkapitel in der Studie diskutiert werden.

 

Weitere Informationen erhalten Sie bei Ronald Frank: ronald.frank[at]gfk-verein.org.