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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: (Gem)einsame Stadt? Wie Kommunen sozialer Isolation im Alter entgegenwirken können

(Gem)einsame Stadt? Wie Kommunen sozialer Isolation im Alter entgegenwirken können

Wachsende Einsamkeit in Deutschlands alternder Gesellschaft

Verschiedene Studien bestätigen zwar, dass der Anteil von Menschen, die von Einsamkeit betroffen sind, ab einem Alter von 75 Jahren kontinuierlich ansteigt. Allerdings ist diese Einsamkeitsquote über die letzten Jahre und Jahrzehnte konstant geblieben. Die Herausforderungen sind somit keinesfalls neu. Auch von einer flächendeckenden Vereinsamung älterer Menschen kann nicht die Rede sein: Etwa sechs bis elf Prozent der 60- bis 85-Jährigen empfindet Einsamkeit. In Deutschland stehen jedoch die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer vor der Verrentung, welche 2017 etwa 30 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Damit kommt eine stark wachsende Zahl von Menschen in ein Alter, in dem die Einsamkeit ein Thema werden kann – was Folgen nicht nur für den Einzelnen hat. Studien zeigen, dass einsame Menschen beispielsweise anfälliger für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind. Sie haben, verglichen mit nicht einsamen Menschen, eine höhere Wahrscheinlichkeit, dement zu werden und sind früher und länger pflegebedürftig. Neben dem Verlust an individueller Lebensqualität dürfte eine Zunahme der Einsamkeit also stark steigende Kosten für die Sozialsysteme bedeuten.

 

Ab 75 nur noch aufwärts

Eine großangelegte Studie mit repräsentativen Daten über alle Altersgruppen hinweg zeigt, dass Erwachsene in Deutschland im Durchschnitt selten Einsamkeit empfinden. Sie legt nahe, dass Menschen ungefähr mit 30 und dann wieder mit 60 Jahren leicht erhöhte Phasen der Einsamkeit erleben. Dazwischen nimmt die Einsamkeit wieder ab. Ab dem Erreichen des 75. Lebensjahres steigt sie konstant an und erreicht Höchstwerte.

 

Soziale Randgruppen sind besonders von Isolation im Alter betroffen

Einsamkeit im Alter ist keine Zwangsläufigkeit. Es gibt jedoch eine Reihe von Faktoren, die sie begünstigen. Die Häufigkeit von Kontakten und die Größe des sozialen Netzwerks sinken nachweislich mit geringerem Einkommen. So ist es nicht erstaunlich, dass im Deutschen Alterssurvey 2014 etwa jeder fünfte Befragte, der unter Altersarmut litt, angab, auch tiefe Einsamkeit zu erleben. Ähnlich stark ist der Einfluss von Bildung auf die Einsamkeit: Während sie Gesundheit, Einkommen, Größe und Stärke des persönlichen Netzwerks positiv beeinflusst, empfinden Höhergebildete auch weniger chronischen Stress und Nervosität – was vorbeugend gegen Einsamkeit wirkt. Der Gesundheitszustand älterer Menschen wirkt ebenso auf ihre Einsamkeitsgefährdung: Wenn die kranke Hüfte am Besuch der Sportgruppe hindert oder das nachlassende Gehör vom Telefonieren abhält, bedeutet das für ältere Menschen oft den Rückgang ihrer sozialen Kontakte.
Alleinstehende Ältere sind durchschnittlich einsamer als Ältere mit Partner und Kindern, sofern deren Beziehungen vertrauensvoll sind. Menschen, die ein freiwilliges Engagement ausüben, kommen häufiger unter Leute und haben ein größeres außerfamiliäres Netzwerk, das sie vor Einsamkeit schützt. Kurz gefasst: Das Vorhandensein von Vertrauenspersonen und die soziale Einbindung in die Gesellschaft spielen eine wichtige Rolle.

Der Blick in die Zukunft zeigt unterschiedliche Entwicklungen in den genannten Bereichen. Die Altersarmut wird zunehmen: 2035 bis 2039 dürften etwa zwölf Prozent der Rentner Anspruch auf Grundsicherung haben, während es aktuell nur neun Prozent sind. Frauen sind überdurchschnittlich betroffen. Gleichzeitig sind die Rentner von morgen deutlich besser gebildet als ihre Vorgänger. Auch die Anzahl gesunder Lebensjahre und die Bereitschaft, sich nach Renteneintritt zu engagieren, steigt – beides trifft aber eher für sozioökonomisch besser Gestellte zu. Diese sind auch aufgeschlossener und geübter im Umgang mit digitalen Angeboten. Die genannten Einsamkeitsfaktoren wirken also nicht nur unabhängig voneinander, sondern stehen in enger Beziehung: Kommen Armut, Krankheit und schlechte Bildung zusammen, wächst die Gefahr zu vereinsamen. Auch eine ausdünnende Infrastruktur befördert Einsamkeit, weil sie den Menschen die Möglichkeit zu Begegnung und sozialer Interkation nimmt.

 

Altersarmut – ein stark weibliches Phänomen

Ein wichtiger Faktor, der Einsamkeit im Alter bedingt, ist Armut. Menschen mit niedrigem Einkommen sind häufig von gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. Die Altersarmut wird in Deutschland moderat zunehmen. Während aktuell etwa neun Prozent der Rentnerhaushalte Anspruch auf Grundsicherung hat, werden es 2035-2039 etwa zwölf Prozent sein. Frauen sind überdurchschnittlich betroffen.



Aktive Einbindung auf kommunaler Ebene als Schlüssel gegen Einsamkeit

Um Einsamkeit im Alter gezielt zu begegnen, ist die soziale Teilhabe Älterer entscheidend – und zwar schon bevor Menschen überhaupt vereinsamen. Diese Einbindung geschieht an ihren Wohnorten – in den Städten, Quartieren oder Dörfern. Kommunen sind daher Schlüsselakteure in der Bekämpfung der Einsamkeit. Altersfreundliche Kommunen sind sich dieser Herausforderung bewusst. Sie schaffen offene Räume für Begegnung und aktivieren Senioren, auch oder gerade wenn sie von Armut oder eingeschränkter Mobilität betroffen sind. Sie erproben innovative Wohn- und Kommunikationskonzepte, auch unter Einbindung neuer digitaler Möglichkeiten. Die Gesellschaft gewinnt dadurch: Ältere erhalten ihre Lebensqualität, Kommunen gewinnen aktive und engagierte Bürgerinnen und Bürger und enorme Pflege- und Unterbringungskosten werden gespart.

 

Das Discussion Paper ist in einer Kooperation mit der Körber-Stiftung entstanden und kann kostenlos als PDF heruntergeladen werden unter: https://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/(Gem)einsame_Stadt


Für Interviewanfragen steht Ihnen zur Verfügung:
Ann-Kathrin Schewe, schewe(at)berlin-institut.org, Tel.: 030-31 01 68 35