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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Hört die Signale!

Hört die Signale!

Nach Angaben der Vereinten Nationen zählt die Welt im Sommer 2016 rund 7,4 Milliarden Einwohner. Im Jahr 2050 könnten es mit 9,7 Milliarden Menschen über zwei Milliarden mehr sein. Die Welt müsste damit eine zusätzliche Einwohnerzahl verkraften, die rund sieben Mal so groß ist wie die heutige Bevölkerung der USA. Manche halten dies für unglaubwürdig – doch die Geschichte lehrt, dass es sich lohnt, die Vorausberechnungen ernst zu nehmen.

 

Als die Vereinten Nationen im Jahr 1958 zum ersten Mal Projektionen der Entwicklung der Weltbevölkerungen veröffentlichten, zählte die Welt etwa 3 Milliarden Einwohner. Damals rechnete man damit, dass die Menschheit im Jahr 2000 – so weit wagten sich die Statistiker mit den Szenarien vor – eine Zahl von beinahe 6,3 Milliarden erreichen würde. Seither sind 21 aktualisierte Ausgaben der Weltbevölkerungsprojektionen erschienen. Im Laufe der Jahrzehnte konnten die Vereinten Nationen nicht nur viele Datenlücken auffüllen, sie verfeinerten auch ihre Annahmen und Methoden und steigerten so die Verlässlichkeit ihrer Angaben. Im Ergebnis aber änderte dies kaum etwas. Denn die erste Vorausberechnung aus dem Jahr 1958 war bereits so akkurat, dass die Experten die Bevölkerungszahl für das Jahr 2000 mit einer Abweichung von gerade einmal 200 Millionen nach oben beinahe exakt vorhersagten. Daneben lagen sie nur bezüglich einzelner Länder. Auch die folgenreiche chinesische Ein-Kind-Politik oder Katastrophen wie die Aids-Epidemie konnten die Statistiker nicht absehen. Insgesamt aber hätte man die Prognosen von damals guten Gewissens ernst nehmen können.

 

Beinahe zehn Milliarden

Weltbevölkerung in Milliarden Einwohnern

 

Die jüngste Prognose der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2015 rechnet für das Jahr 2050 mit einer Weltbevölkerung von 9,7 Milliarden Menschen (mittlere Variante). Bekommen Frauen im weltweiten Durchschnitt rein rechnerisch nur ein halbes Kind mehr (hohe Variante), könnte die Zahl um 1,1 Milliarden darüber liegen. Sinkt die Fertilitätsrate dagegen schneller als angenommen, läge sie um eine Milliarde darunter (niedrige Variante). Ausschlaggebend dafür, in welche Richtung es geht, wird vor allem die Entwicklung in Afrika südlich der Sahara sein, wo Frauen heute die meisten Kinder zur Welt bringen. (Datengrundlage UNDESA (2015): World Population Prospects. 2015 Revision)

 

Aus dieser Erkenntnis lässt sich viel lernen. Denn am kommenden Montag, dem Weltbevölkerungstag, ist das Bevölkerungswachstum noch lange nicht ans Ende gelangt. Laut jüngsten UN-Hochrechnungen aus dem Jahr 2015 dürfte die Weltbevölkerung bis ins Jahr 2030 um etwa 1,1 Milliarden zunehmen, bis ins Jahr 2050 sogar um 2,3 Milliarden. Liegen die Statistiker auch diesmal einigermaßen richtig, zählt die Welt dann 9,7 Milliarden Menschen.

 

Dies dürfte die Menschheit vor wachsende Probleme stellen, welche bereits in den 1970er Jahren bekannt waren. So warnte die im Jahr 1973 erschienene dritte Ausgabe der World Population Prospects: „Am bemerkenswertesten ist das angenommene Wachstum der Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 15 und 64 Jahren, das eine wichtige Bedeutung für den Bedarf an Beschäftigungsmöglichkeiten und Kapital hat. (…) Das Wachstum wird sich auf 1,8 Milliarden Personen belaufen und eine zusätzliche Nachfrage nach Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätzen bedeuten, die Planer ernsthaft in Betracht ziehen sollten – auch vor dem Hintergrund bereits bestehender Probleme von Unterbeschäftigung und Erwerbslosigkeit.“ Derselbe Report verweist auch auf eine anstehende Zunahme der Kinder im Schulalter, welche es erschweren dürfte, Schulbildung für alle und dies auch noch bei guter Qualität zu erreichen.

 

Damit beschrieben die Statistiker der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen mit großer Treffgenauigkeit die Probleme des 21. Jahrhunderts – und das, obwohl sie ihre Projektionen niemals als Zukunftsvorhersagen, sondern nur als Szenarien, also als sogenannte Wenn-Dann-Aussagen verstanden wissen wollten. Als im Jahr 2000 – dem letzten prognostizierten Jahr aus dem Jahr 1958 – die internationale Gemeinschaft mit den Millennium Development Goals erstmals eine globale Entwicklungsagenda verabschiedeten, war trotz aller Vorwarnungen eingetreten, wovor die UN-Statistiker gewarnt hatten: In absoluten Zahlen gab es im Jahr 2000 mehr Kinder ohne Schulplatz und mehr Menschen ohne Arbeit als jemals zuvor. Denn sämtliche Entwicklungsfortschritte hatten mit dem Bevölkerungswachstum nicht Schritt halten können.

 

Im Grunde richtig, im Detail vertan

Für die Zukunft bedeutet dies, dass die Zahl der benötigten Schul- und Arbeitsplätze weiter zunimmt, ebenso die Nachfrage nach Ärzten und Krankenhäusern, nach Strom- und Wasserversorgung. Während es für die Staaten in den weniger entwickelten Ländern schwieriger werden dürfte, ihre Einwohner mit einer Grundversorgung auszustatten, dürfte in den Schwellenländern die Zahl der zahlungskräftigen Konsumenten rasant ansteigen. Dies könnte folgenreich sein. Denn bislang gilt: Je höher der weltweite Konsum, desto höher sind die CO2-Emissionen und desto fataler die daraus folgenden Umweltschäden. Als neues Problem kommt die Alterung vieler Gesellschaften hinzu, welche die Sozialsysteme und Volkswirtschaften vor bislang unbekannte Herausforderungen stellen wird.

Diese und andere Problemlagen hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seinen zahlreichen Studien und Discussion Papers thematisiert und Lösungsansätze entwickelt. Zu den Folgen des Bevölkerungswachstums erschienen zuletzt „Jobs für Afrika. Wie Nahrungsmittelproduktion und erneuerbare Energien Entwicklung beschleunigen können“ sowie „Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet“. Über die Folgen der Alterung in Deutschland veröffentlichte das Institut im März das Discussion Paper „Deutschlands demografische Herausforderungen. Wie sich unser Land langsam aber sicher wandelt.“

 

Für Interviewanfragen stehen wir jeder Zeit gerne zur Verfügung. Sie erreichen uns telefonisch unter +49 30 2232 4845 sowie via E-Mail unter info[at]berlin-institut.org.