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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: An die Arbeit

An die Arbeit

Rund 1,3 Millionen Menschen sind in den vergangenen drei Jahren als Schutzsuchende nach Deutschland gekommen. Dies hat zu großen Herausforderungen bei der behördlichen Erfassung, Unterbringung und Versorgung geführt. Die wichtigste Aufgabe, nämlich diese Menschen in Lohn und Brot zu bringen, steht jedoch noch weitgehend bevor. Ohne eigenes Einkommen ist es Flüchtlingen kaum möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und sich einzubringen, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln und mit der überwiegend arbeitenden einheimischen Bevölkerung Kontakte auf Augenhöhe zu knüpfen.


Die Voraussetzungen für eine zügige Integration in den Arbeitsmarkt sind nicht einfach. Denn kaum ein Geflüchteter spricht Deutsch. Selbst Englischkenntnisse sind nur bei einer Minderheit vorhanden. Auch das Qualifikationsniveau der Flüchtlinge lässt nicht erwarten, dass sie rasch eine Anstellung finden, da nur wenige einen Hochschulabschluss oder eine abgeschlossene Berufsausbildung besitzen. Positiv dagegen ist, dass der Großteil der Flüchtlinge noch sehr jung ist, theoretisch also fehlende Qualifikationen nachholen kann. Rund ein Drittel der 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge ist unter 18 und mehr als 70 Prozent sind jünger als 30 Jahre.


In der Vergangenheit hat sich Deutschland schwer damit getan, Schutzsuchende in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im ersten Jahr ihres Aufenthalts fanden nur acht Prozent der Asylbewerber eine Anstellung. Damit sich dies nicht wiederholt, haben Bundesagentur für Arbeit und Jobcenter ihre Vermittlungs-Kapazitäten deutlich aufgestockt. Die Regelförderung ist allerdings nur effektiv, wenn sie Flüchtlinge in den Unterkünften abholt und „an die Hand“ nimmt, also intensiver betreut als andere Kunden. Gerade dies kann aber nur begrenzt gewährleistet werden. Aus diesem Grund haben sich vielerorts lokale Initiativen der Aufgabe verschrieben, Flüchtlinge an Unternehmen zu vermitteln. Diese Initiativen sind teils öffentlich gefördert, teils privatwirtschaftlich organisiert beziehungsweise komplett auf ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen.

 

Bislang gibt es allerdings kaum Erkenntnisse darüber, was diese Initiativen tun, auf welche Herausforderungen sie treffen und wie sie diesen begegnen. Um dies zu ändern, hat das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zehn Initiativen zu diesen Themenbereichen befragt. Die Ergebnisse der Interviews sind in dem neuen Discussion Paper „An die Arbeit – Wie lokale Initiativen zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt beitragen können“ zusammengefasst.

 

Die wichtigste Erkenntnis: Um Flüchtlinge und Unternehmen zusammenzubringen, braucht es mehr als reine Vermittlungsarbeit. Denn viele Flüchtlinge müssen erst die Eigenheiten des deutschen Arbeitsmarktes kennenlernen und die deutsche Sprache lernen, bevor sie für die Firmen einen Mehrwert darstellen. Unternehmen wiederum kennen häufig die rechtlichen Rahmenbedingungen nicht oder vermuten rechtliche Hürden, die allerdings häufig gar nicht (mehr) existieren. Die Initiativen sehen sich auch deswegen bei ihrer Arbeit einem Dilemma ausgesetzt. Einerseits benötigen sie für die Vermittlung einen langen Atem. Andererseits dürfen sie keine Zeit verlieren, da die Motivation bei Flüchtlingen gerade zu Beginn besonders hoch ist.

 

Der lange Weg zum Job

Alle befragten Initiativen bieten mehr Angebote als die reine Vermittlung von Flüchtlingen an Unternehmen. Vor allem Weiterbildungsangebote wie Sprachkurse oder Kurzpraktika – oft in eigenen Übungswerkstätten – sind wichtig, um Geflüchtete auf den deutschen Arbeitsmarkt vorzubereiten. Damit diese Maßnahmen flexibel auf den jeweiligen Kenntnisstand der Teilnehmer abgestimmt werden können, verwenden viele Initiativen viel Zeit darauf, die Flüchtlinge kennenzulernen und ihre Interessen und Fähigkeiten herauszufiltern. (Eigene Darstellung)

 

Parallele Angebote ermöglichen

Gerade in der Arbeit mit den Flüchtlingen stehen Initiativen vor einer Reihe von Hürden. Die gravierendste von ihnen sind die meist geringen Sprachkenntnisse. Viele Initiativen bieten daher gesonderten Deutschunterricht an – der aber teilweise bei den Flüchtlingen am Anfang auf wenig Gegenliebe stieß. Denn diese wollten viel lieber direkt auf Arbeitssuche gehen, anstatt mit Sprachkursen Zeit zu verlieren. Diesem Prioritätenkonflikt können Initiativen nur entkommen, wenn sie Sprachunterricht parallel zu ersten praktischen Erfahrungen anbieten und diesen auch thematisch mit dem gewünschten Berufsfeld verzahnen. Ideal sind Teilzeitpraktika, in denen Flüchtlinge gerade gelernte Wörter gleich anwenden und ihre Kenntnisse vertiefen können. Manche Initiativen haben sogar selbst Zugang zu Übungswerkstätten oder kooperieren mit Kammern und Innungen, um unkompliziert praktische Qualifizierungen anzubieten.


Derlei Kurzpraktika und Übungswerkstätten sind nicht nur wichtig, um Kenntnisse zu vermitteln. Sie können auch dabei helfen herauszufinden, welche Fähigkeiten Flüchtlinge bereits mitbringen. Denn nur selten können Geflüchtete anhand von Zeugnissen oder Zertifikaten ihre fachlichen Kenntnisse nachweisen. Dies kann ihnen zum Verhängnis werden, wenn es Firmen davon abhält, sie einzustellen, obwohl sie eigentlich für den Job geeignet wären. Auch hier leisten die Initiativen wichtige Dienste, etwa indem sie Kurzlebensläufe zusammenstellen und geeignete Kandidaten für eine ausgeschriebene Stelle vorsortieren. Im Idealfall führt dies dazu, dass die Initiativen für die fachliche und persönliche Eignung der von ihnen betreuten Flüchtlinge „bürgen“ können und so deren Jobchancen erhöhen.

Das Discussion Paper "An die Arbeit. Wie lokale Initiativen zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt beitragen können" wurde vom GfK Verein gefördert. Sie können es unter folgendem Link erreichen:


http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/an-die-arbeit

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:


Stephan Sievert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, sievert[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31102698


Franziska Woellert, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, woellert[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31017450


Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60