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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Zunehmend apathisch

Zunehmend apathisch

Weltweit gibt es keinen Kontinent mit einem größeren Anteil an jungen Menschen als Afrika. Sie stellen ein enormes Entwicklungspotenzial dar. Doch wie lassen sich ihre Fähigkeiten im Sinne der Gesellschaft nutzen? Diese Frage nimmt das jahresbestimmende Motto der Afrikanischen Union (AU) für das kommende Jahr auf: „Harnessing the Demographic Dividend through Investments in the Youth“ – die demografische Dividende durch Investitionen in die Jugend nutzbar machen. Die 34 Mitgliedstaaten verschreiben sich damit der großen Aufgabe, die wachsende Zahl an jungen Menschen in einen lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung zu überführen. Die Stärkung der Jugendbevölkerung, also der Berufseinsteigergeneration zwischen 15 und 24 Jahren, ist ihnen dabei besonders wichtig. Schließlich gehört jeder dritte Afrikaner im Erwerbsalter (15 bis 64 Jahre) dieser Altersgruppe an.

 

Die Initiative der AU kommt zur rechten Zeit. Rein statistisch befindet sich die afrikanische Bevölkerung auf dem Weg in eine demografisch günstige Lage. Da in den vergangenen Jahren in den meisten Ländern die Fertilitätsraten gesunken sind, dürften viele Länder schon bald einen so genannten demografischen Bonus erreichen. Dieser stellt sich ein, wenn der Anteil der Erwerbsfähigen besonders groß ist und jener der Kindergenerationen unter 15 Jahren kleiner wird. Es können also anteilig mehr Menschen arbeiten und damit zum Wirtschaftswachstum beisteuern während weniger Menschen durch Nahrung, Bildung, Ärzte und Medizin mitversorgt werden müssen. Findet diese junge Erwerbsbevölkerung tatsächlich eine Beschäftigung, lässt sich ein wirtschaftlicher Aufschwung gar nicht vermeiden – aus dem demografischen Bonus wird eine demografische Dividende. Zudem werden Mittel frei für Konsumgüter und langfristige Investitionen, beides Motoren für weiteres wirtschaftliches Wachstum. Studien zufolge geht der rasante Aufstieg der asiatischen Tigerstaaten zu zwei Dritteln auf die demografische Dividende zurück.

 

Dividende braucht Engagement

Derzeit aber hat nicht einmal die Hälfte der jungen Afrikaner einen Job und jährlich streben schätzungsweise rund zehn Millionen zusätzliche junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Für die Politik gilt es also, die Hindernisse für ihre Beschäftigung aus dem Weg zu räumen – am besten in Zusammenarbeit mit den jungen Leuten selbst. Denn niemand kennt die Hürden so gut wie sie.

 

Doch jüngste Umfragen des Afrobarometers, eine seit 1999 erhobene afrikaweite Meinungsumfrage, zeigen: Nicht nur nimmt das Interesse junger Afrikaner an Politik ab, auch sinkt ihre Bereitschaft, sich selbst politisch zu engagieren. Bleibt es dabei, könnte der Kontinent die derzeitige Chance auf einen demografisch bedingten Wachstumsschub verpassen.

 

Seit der Jahrtausendwende ist sowohl der Anteil der politisch Interessierten als auch der zivilgesellschaftlich Engagierten in der Gruppe der 18- bis 35-jährigen Afrikaner gesunken – von insgesamt 81 (2002/2003) auf 58 Prozent (2014/2015). Am niedrigsten fällt er in den zentralafrikanischen Staaten aus. Viele dieser Länder sind durch Krisen und Konflikte geprägt und zählen zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt.

 

Politisches Interesse und Engagement sinken

Anteil derjenigen, die angeben, in der jeweiligen Dimension politisches oder zivilgesellschaftliches Engagement zu zeigen in unterschiedlichen Altersgruppen, in Prozent (0 Grad=0 Prozent/360 Grad=100 Prozent, Afrobarometer aus dem Jahr 2014/15, 36 afrikanische Länder, n=54.000 Personen)

 

 

Im Durchschnitt der 36 untersuchten Länder Afrikas fällt unter den jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren das politische sowie zivilgesellschaftliche Engagement niedriger aus als bei der Altersgruppe über 35 Jahren, besonders bei Frauen. Einzig bei der Teilnahme an Demonstrationen oder Protesten zeigen die jungen Afrikaner gegenüber älteren Generationen mehr Engagement – auch wenn der Anteil derjenigen, die an solchen Veranstaltungen teilnehmen, insgesamt sehr niedrig ist. (Datengrundlage: Afrobarometer)

 

Aber nicht nur das Herkunftsland, sondern auch der sozio-ökonomische Hintergrund der Befragten spielt eine große Rolle: Finden junge Leute keine Arbeit oder leben sie in Armut, ist ihr politisches Interesse eher gering. Je besser sie gebildet sind, desto höher fällt es dagegen aus und desto häufiger diskutieren sie in ihrem privaten Umfeld über politische und gesellschaftliche Themen. Trotzdem gehen gebildete junge Leute seltener wählen als ungebildete. Obwohl sie interessiert sind, machen sie also von ihren demokratischen Rechten keinen Gebrauch. Dahinter dürfte sich ein hoher Grad an Politikverdrossenheit verbergen.

 

Ähnliche Zusammenhänge ergeben sich für zivilgesellschaftliches Engagement, wie beispielsweise die Teilnahme an Gemeindeversammlungen oder das Bilden von Interessengruppen. Allerdings mit einer Ausnahme: Während Armut das politische Interesse sowie die Teilnahme an Demonstrationen und Protesten senkt, steigert sie die Wahrscheinlichkeit aktiven zivilen Engagements. Angesichts schlechter Lebensbedingungen scheint der Wille, aktiv zur Verbesserung der eigenen Lage beizutragen, unter den besonders Armen stärker auszufallen als unter weniger armen jungen Leuten. Dies zeigt sich auch darin, dass die Hälfte der sehr armen jungen Afrikaner angibt, im letzten Jahr in Kontakt mit politischen Amtsträgern gestanden zu haben – und damit deutlich mehr als unter den wohlhabenderen.

 

Bildung aktiviert – zumindest teilweise

Anteil der 18- bis 35-Jährigen, die in einer der jeweiligen Dimensionen politisches oder zivilgesellschaftliches Engagement äußern, nach Bildungsgrad, in Prozent (Afrobarometer aus dem Jahr 2014/15, 36 afrikanische Länder, n=54.000 Personen)

Mit dem Grad des Bildungsabschlusses wächst unter den 18- bis 35-jährigen Afrikanern das Interesse an politischen Themen. Ein umgekehrter Effekt ist bei der Wahlbeteiligung zu sehen: Je höher der Bildungsabschluss, desto niedriger ist die Wahrscheinlichkeit der Wahlbeteiligung. Bei der Bereitschaft zu Bürgerengagement fällt dieser Zusammenhang nicht eindeutig aus. Das größte Engagement zeigen hier diejenigen mit Grundschulbildung – während junge Leute  mit weiterführender Bildung schlechter abschneiden. (Datengrundlage: Afrobarometer)

 

Eine große Rolle spielt darüber hinaus das Geschlecht der Befragten: Zwar demonstrieren und wählen junge Frauen etwa gleich häufig wie gleichaltrige Männer, doch sind sie im Vergleich deutlich weniger politisch interessiert, beteiligen sich im privaten Umfeld seltener an politischen Diskussionen und werden nicht so häufig zivilgesellschaftlich aktiv. Angesichts des großen Einflusses von Bildung ist dies kein Wunder. Denn afrikanischen Mädchen bleibt der Schulbesuch deutlich häufiger verwehrt als Jungen. Außerdem, so die Autoren des Afrobarometers, gilt Politik auf dem Kontinent weiterhin als „Männer-Domäne“.

 

Um auf dem Weg in die Dividende die richtigen Maßnahmen einzuleiten, gilt es, die Jugend zu aktivieren und dazu zu bewegen, sich für die eigenen Belange stark zu machen. Vor allem Bildung und die Stärkung von Mädchen und jungen Frauen scheinen geeignete Schlüssel dafür zu sein. Sollte es den Entscheidungsträgern aus der Afrikanischen Union entsprechend ihrer Pläne tatsächlich gelingen, die Startbedingungen der jungen Afrikaner durch gezielte Investitionen zu verbessern, könnte sich dies als ein Katalysator für mehr politisches Interesse und gesellschaftliches Engagement erweisen – und damit würden die Chancen auf eine demografische Dividende bedeutend steigen.

 

Quellen:

 

Afrobarometer (2016): Does Less Engaged Mean Less Empowered? Political Participation Lags Among African Youth, Especially Women (Afrobarometer Policy Paper, 34). Online: globalreleases.afrobarometer.org/sites/default/files/documents/Round%206/Publication/ab_r6_policypaperno34_Youth_political_engagement_in_Africa_Youth_day_release_ENG.pdf (12.09.2016).

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2016): Krisenregion Mena. Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet. Online: www.berlin-institut.org/publikationen/studien/krisenregion-mena.html (12.09.2016).


Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2015): Jobs für Afrika. Wie Nahrungsmittelproduktion und erneuerbare Energien Entwicklung beschleunigen können (Discussion Papers, 17). Online: www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers/jobs-fuer-afrika.html (12.09.2016).


Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2011): Afrikas demografische Herausforderungen. Wie eine junge Bevölkerung Entwicklung ermöglichen kann. Online: www.berlin-institut.org/publikationen/studien/afrikas-demografische-herausforderung.html (12.09.2016).