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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: „Start-up-Nation“ Israel

„Start-up-Nation“ Israel

„Start-Up-Nation“ – so bezeichnen manche Analysten den Nahost-Staat Israel. Denn wie ein junges Unternehmen baut das Land seit seiner Gründung im Jahr 1948 auf schnelles Wachstum – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch was seine Bevölkerung betrifft. Wachstum bedeutet Identität, Legitimation, Zukunftsperspektive und -sicherung in einem Land, dessen Selbstverständnis nur gesichert ist, solange die Mehrheitsbevölkerung jüdisch bleibt.

 

Seit der Staatsgründung hat sich Israels Bevölkerungszahl von rund 800.000 auf etwa 8,5 Millionen Menschen mehr als verzehnfacht. Die Staatsdoktrin der Sicherung einer jüdischen Mehrheit hat Israel seither durchgängig erfüllt – trotz einer geburtenstarken arabischen Minderheit, die derzeit etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Lange war dieser Erfolg das Ergebnis einer gezielten Einwanderungspolitik. Die sogenannte Alija (Hebräisch für „Aufstieg“) bildet eines der Fundamente der Nation Israel. Kraft israelischen Gesetzes hat weltweit jeder Jude das Recht, ohne weitere Bedingungen nach Israel einzuwandern und die Staatsbürgerschaft anzunehmen.

 

Für die jüdische Diaspora bedeutet das Rückkehrgesetz eine Sicherheit. So haben verstärkte antisemitische Strömungen in Frankreich sowie der Ukraine-Konflikt einen Anstieg der Zuwanderung nach Israel verursacht. Kamen im Durchschnitt der Jahre 2004 bis 2013 jährlich rund 17.000 Juden in das Land, waren es im Jahr 2014 etwa 24.000, 2015 sogar beinahe 28.000.

 

Kaum noch Zuwanderung

Zuwanderung nach Israel seit der Staatsgründung bis heute

Ein Netzwerk von Auslandsbüros, etwa die „Jewish Agency for Israel“ oder „Nefesh B’Nefesh“ („Seele zu Seele“), organisieren und erleichtern gezielt die sogenannte „Rückkehr“ der Juden nach Israel. Im Land gibt es eine Vielzahl von Integrationsmaßnahmen. Auch wenn die Zahl der Zuwanderer jüngst wieder leicht zugenommen hat, gilt eine erneute jüdische Zuwanderungswelle als unwahrscheinlich – schon alleine, weil 43 Prozent der weltweiten jüdischen Bevölkerung bereits in Israel leben. Nicht-jüdische, arbeitsmarktbedingte Zuwanderung gibt es dagegen kaum, denn dies würde dem Staatsziel Israels widersprechen, wonach die Bevölkerungsmehrheit jüdisch sein sollte. (Datengrundlage: Central Bureau of Statistics Israel)

 

Auch wenn aktuelle Ereignisse die Wanderungsströme weiterhin stark prägen, beeinflusst Zuwanderung die israelische Bevölkerungszahl heute deutlich weniger als früher. In den meisten Jahren zwischen 1960 und 2000 ging ein Drittel oder mehr des jährlichen Bevölkerungswachstums auf das Konto von Zuwanderung. Im Jahr 2015 und den Vorjahren war es nicht einmal ein Viertel. Umso stärker bestimmt die Zahl der neugeborenen Kinder über die Zahl der Israelis und die Bevölkerungszusammensetzung des Landes.

 

Jüdische Mehrheit weiter gesichert, doch demografische Herausforderungen bleiben groß

Zunächst erscheint dies nicht als Problem – denn die Bevölkerung wächst und das auch künftig vorwiegend innerhalb der jüdischen Mehrheit, so die Prognosen der israelischen Statistikbehörde. Allerdings dürfte das Wachstum vornehmlich in der Gruppe der ultra-orthodoxen Juden, der sogenannten Haredim, stattfinden und damit in einer sozio-ökonomisch stark benachteiligten Gruppe. Strenggläubige jüdische Frauen bekommen im Schnitt 6 Kinder, gemäßigte nur 2,4. Gemäß den Vorausberechnungen der israelischen Statistikbehörde könnte bis ins Jahr 2059 der Anteil der gemäßigten Juden auf die Hälfte der Bevölkerung absinken, jener der Haredim dagegen auf ein Viertel ansteigen. Das Verhältnis liegt heute bei rund zwei Drittel zu einem Zehntel.

 

Bald größter Bevölkerungszuwachs bei den Haredim

prognostiziertes absolutes Wachstum der israelischen Bevölkerung nach Bevölkerungsgruppe

Weil ultra-orthodoxe jüdische Frauen im Schnitt beinahe vier Kinder mehr bekommen als moderate, wird ab Mitte der 2020er Jahre die Gruppe der Haredim in absoluten Zahlen stärker wachsen als die beiden anderen Bevölkerungsgruppen. Das schwächste Wachstum ist bei arabischen Israelis zu erwarten. Zwar bekommen arabische Frauen mit drei Kindern ebenfalls mehr Nachwuchs als die moderat-jüdische Bevölkerung. Doch weil die arabische Bevölkerungsgruppe sehr klein ist, fällt ihr Wachstum in absoluten Zahlen weiterhin schwächer aus als in den restlichen Gruppen. (Datengrundlage: Central Bureau of Statistics Israel)

 

Zur Wahrung des kulturellen Erbes und der religiösen Identität räumt das israelische Gesetz den Haredim bislang besondere Rechte ein: Ultra-orthodoxe Männer müssen weder eine reguläre Schule besuchen, noch den für die jüdische Mehrheit verpflichtenden Militärdienst ableisten. Stattdessen können sie sich bis weit ins Erwachsenenalter dem Thora-Studium widmen. Dafür erhielten sie bis vor kurzem sogar staatliche Stipendien. Weiterhin beziehen viele von ihnen finanzielle Unterstützung durch ihre Schulen, welche dank privater Förderer über die notwendigen Mittel dazu verfügen. 2015 hatten in 80 Prozent der Haredim-Familien weder der Mann noch die Frau einen akademischen Abschluss. Unter anderem deshalb sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt gering und sie sind häufiger von Armut betroffen als die Mehrheitsbevölkerung.

 

Gelingt es dem israelischen Staat nicht, die Haredim von ihren Sonderrechten zu befreien, sie auf diesem Wege besser zu qualifizieren, wirtschaftlich einzubinden und so die Ungleichheiten zwischen dieser Gruppe und der moderaten Bevölkerung aufzulösen, stehen dem Land große Probleme bevor.

 

Geburten drosseln und gleichzeitig fördern

Israel befindet sich damit in einem Dilemma: Um sein Staatsziel einer jüdischen Mehrheit aufrecht zu erhalten, muss es die Familien dieser Bevölkerungsgruppe besonders fördern. Das überproportionale Bevölkerungswachstum der Haredim bedeutet aber wirtschaftliche und soziale Herausforderungen. Die Familienpolitik unternimmt deshalb einen Spagat: Einerseits versucht sie, besonders hohe Kinderzahlen zu drosseln. Seit drei Jahren steigt das Kindergeld nicht mehr wie früher mit wachsender Kinderzahl, sondern wird ab dem fünften Kind sogar gekürzt. Ultra-orthodoxe Familien sind davon stark betroffen.

 

Andererseits fördert der Staat gezielt unerfüllte Kinderwünsche: Nirgendwo sonst auf der Welt ist die Dichte von Kliniken zur Behandlung von Unfruchtbarkeit so hoch wie in Israel. Künstliche Befruchtungen sind gesellschaftlich sowohl angesehen als auch häufig, nicht zuletzt aufgrund großzügiger staatlicher Unterstützung. Es liegt nahe, dass diese Programme vor allem gemäßigte Juden in Anspruch nehmen. Dank ihres höheren Bildungsgrads und ihrer starken Frauenerwerbsbeteiligung ziehen viele von ihnen eine Familiengründung erst spät in Betracht – dann, wenn das Kinderkriegen aus biologischen Gründen bereits schwierig geworden ist.

 

Doch selbst wenn diese familienpolitischen Instrumente Wirkung zeigen, wenn ultra-orthdoxe jüdische Israelinnen künftig weniger Kinder bekommen und moderate mehr, werden die Effekte erst langfristig spürbar sein. Kurz- und mittelfristig kommt das Land nicht umhin, die derzeit stark wachsende Zahl junger Haredim stärker ökonomisch einzubinden und ihnen damit auch eine Perspektive auf Wohlstand zu bieten. Doch die politischen Initiativen dazu sind stark umstritten. Zwar sind die staatlichen Vollzeit-Stipendien für das Thora-Studium seit dem Jahr 2014 gestrichen, doch bleiben die Haredim bis ins Jahr 2020 weiter vom Militärdienst befreit – und damit sechs Jahre länger als es ein Gesetz ursprünglich gefordert hatte.

 

Quellen:

Stiftung Wissenschaft und Politik (2016). Exklusiver Zugang zur israelischen Staatsbürgerschaft: Bewahrung der jüdischen Mehrheit als demographisches Ziel (SWP Aktuell No. 58). Berlin. Online: http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2016A58_avk_kranz.pdf.

 

Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung (2016). Krisenregion Mena: Wie demografische Veränderungen die Entwicklung im Nahen Osten und Nordafrika beeinflussen und was das für Europa bedeutet. Berlin. Online: http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Krisenregion_Mena/Mena_online.pdf.

 

Central Bureau of Statistics Israel (2016). Immigration to Israel 2015 (Media Release No. 157&2016). Jerusalem. Online: http://www.cbs.gov.il/www/hodaot2016n/21_16_157e.pdf.

 

Central Bureau of Statistics Israel (2012). Long-Range Population Projections for Israel: 2009-2059. Jerusalem. Online: http://www.cbs.gov.il/publications/tec27.pdf.

 

Fiske, G. (2013, August 20). Reduced child allowance benefits come into effect: Finance minister calls change a 'historic transition' into a 'culture of work'. The Times of Israel. Online: http://www.timesofisrael.com/reduced-child-allowance-benefits-come-into-effect.

 

OECD (2016). OECD Economic Surveys Israel. Paris. Online: http://www.oecd.org/eco/surveys/Israel-Overview-OECD-Economic-Survey-2016.pdf.

 

o.A. (2015, July 27). Eat, pray, don’t work: Israel cannot afford to keep paying ultra-Orthodox men to shun employment. The Economist. Online: http://www.economist.com/news/middle-east-and-africa/21656207-israel-cannot-afford-keep-paying-ultra-orthodox-men-shun-employment-eat.

 

Yaakov, Y. (2014, May 25). ‘Illegal’ stipends for yeshiva students to be canceled: Haredi politicians protest landmark High Court ruling, which says payments discriminate against university students. The Times of Israel. Online: http://www.timesofisrael.com/illegal-stipends-for-yeshiva-students-to-be-canceled.