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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Innovation aus Tradition

Innovation aus Tradition

Nicht nur in Deutschland, weltweit geht der Trend in die städtischen Zentren. Dort entstehen die neuen Arbeitsplätze der Wissensgesellschaft, dort sammeln sich Talente, Unternehmen und Forschungszentren, und es gedeiht ein kulturelles und soziales Umfeld, das die Menschen anspricht. Bundesweit ziehen Großstädte wie Frankfurt, München oder Leipzig und Berlin viele Menschen an, während anderenorts ländliche Regionen durch den Wegzug vor allem junger Einwohner zu veröden drohen.

 

Die Siedlungsstruktur passt sich dabei den veränderten Wirtschaftsstrukturen an: Wie in anderen wirtschaftlichen Bereichen haben auch in der Land- und Forstwirtschaft Maschinen die Handarbeit ersetzt. Arbeiteten 1960 im Durchschnitt 18 Arbeitskräfte auf 100 Hektar Ackerfläche, sind es heute gerade noch 3. Viele Regionen, in denen nicht aus historischen Gründen Unternehmen entstanden sind, die bis heute überleben konnten oder die so entlegen sind, dass ein Berufspendeln kaum möglich ist, verlieren ihre Bewohner – und mitunter an Lebensqualität. Denn herkömmliche Versorgungsangebote ziehen sich vielerorts aufgrund sinkender Nachfrage aus der Fläche zurück.

 

Doch trotz dieses generellen Trends finden sich in Ost wie West auch stabile und gar wachsende ländliche Gegenden: Orte in Oberbayern, im Oldenburger Münsterland oder im Berliner Speckgürtel konnten in den letzten Jahren Einwohner gewinnen. Und selbst in entlegenen Regionen finden sich Dörfer, die sich dem demografischen Abwärtstrend widersetzen können. Dabei handelt es sich meist um Ortschaften, in denen die Anwohner oder Bürgermeister, Alteingesessene oder Zugezogene, sich dafür engagiert haben, die Lebensqualität mit innovativen Ansätzen zu erhalten.

 

Land- und forstwirtschaftlichen Familienbetrieben kommt eine besondere Rolle zu

Eine Gruppe von Personen ist dem Land dabei besonders verbunden. Diese oft in Familienbetrieben tätigen Menschen sind im wahrsten Sinne des Wortes ortsgebunden: Sie besitzen landwirtschaftliche Flächen oder Wälder und zwar häufig seit Generationen. Doch haben Familienbetriebe aus der Land- und Forstwirtschaft auch einen Einfluss auf die Entwicklung ihrer ländlichen Umgebung? Können sie über Arbeitsplätze und ziviles Engagement zur Stabilisierung der Dörfer beitragen?

 

Das Berlin-Institut hat für die Studie „Innovation aus Tradition“ elf Betriebe zwischen Bodensee und Ostseeküste, zwischen dem Emsland und Sachsen besucht, die sich in besonderem Maße für die Revitalisierung des ländlichen Raums engagieren. Jeder auf seine Weise. Darunter waren Land- und Forstwirte, Winzer und Brauer ebenso wie Tourismus-Unternehmer. Die Auswahl ist nicht repräsentativ für alle Familienbetriebe in Deutschland, ihre Ideen und Lösungen sollen vielmehr Vorbildcharakter haben und andere inspirieren.

 

Zwischen Wachstum und Schrumpfung

Die insgesamt elf Interviewpartner verteilen sich über das gesamte Bundesgebiet und stammen aus wachsenden wie schrumpfenden Regionen. Einige Familienbetriebe liegen zentral im Einzugsgebiet einer Großstadt, andere fernab der Ballungszentren. (Datengrundlage: BBSR)

 

Nachhaltigkeit als Wirtschaftsprinzip

Bei den befragten Land- und Forstwirten scheint „Nachhaltigkeit“ kein Modewort zu sein, egal ob sie nach Demeter-Regeln oder konventionell anbauen. In der Forstwirtschaft, aus welcher der Begriff der Nachhaltigkeit ursprünglich stammt, wird das besonders deutlich: Anstelle von Fichten, den „Brotbäumen“ der deutschen Forstwirtschaft, wächst in den besuchten Betrieben ein artenreicher Mischwald. Statt Kahlschlag werden wertvolle, ausgereifte Einzelbäume aus dem Forst gesägt. Äste und Kronen bleiben zum Verrotten vor Ort, eine pflegerische Aktion, die den Kleinstlebewesen gefällt. Dabei treiben die Forstwirte nicht nur ökologische Gründe an. Ihnen geht es vor allem darum, einen vitalen Wald zu schaffen, der möglichst widerstandfähig gegenüber Schädlingen oder den Folgen des Klimawandels ist, und damit die wirtschaftliche Zukunft ihrer Betriebe sichert.

 

Neue Konzepte sind gefragt

Für viele Familienbetriebe reicht es heutzutage nicht mehr aus, nur in der landwirtschaftlichen Produktion tätig zu sein. Um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, müssen sie neue Geschäftsideen entwickeln. Einige der befragten Betriebe setzen darauf, ökologisch nach Demeter-Vorgaben erzeugte Produkte vor Ort weiterzuverarbeiten und sie in der Region zu vertreiben. Menschen aus den umliegenden Großstädten können sich dann einen erntefrischen Öko-Korb ins Haus liefern lassen.

 

Auch abseits der klassischen Landwirtschaft entwickeln einige Betriebe neue Geschäftsideen. In einem Beispiel entstand ein Ferienzentrum mit jährlich 165.000 Urlaubern. Andere land- und forstwirtschaftliche Familienbetriebe richten Ferienwohnungen, Hofläden oder kleine Cafés ein und locken Besucher in die Region. Rund um die Forstwirtschaft entstehen Dienstleistungsunternehmen und damit Jobs in strukturschwachen Regionen.

 

Bauernhöfe setzen auf Alternativen

Von etwa 285.000 landwirtschaftlichen Betrieben in Deutschland setzen rund 94.000 auf Einkommensalternativen. Bei etwa der Hälfte von ihnen macht das zusätzliche Einkommen jedoch unter zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus. Bei dreizehn Prozent der Betriebe steuert die Einkommensalternative allerdings über die Hälfte des jährlichen Umsatzes bei. (Datengrundlage: Statistisches Bundesamt)

 

Ökonomie ist nicht alles, für Stabilität braucht es mehr

Ob eine Region wächst oder die Bevölkerung schrumpft, darüber entscheidet nicht allein die Ökonomie. Es kommt auch darauf an, wie sich die Menschen vor Ort engagieren und welche Ideen sie haben. Dass ein starker sozialer Zusammenhalt wichtig für die Zukunft der Dörfer ist, haben viele der befragten Familienunternehmer erkannt. Sie sind in der Kommunalpolitik, in Vereinen, in der freiwilligen Feuerwehr oder kirchlichen Räten aktiv oder unterstützen ehrenamtliche Initiativen in ihrem Dorf. Mitunter gründen sie auch Stiftungen, die ältere und pflegebedürftige Menschen im Ort unterstützen.

 

Gemeinsam mit anderen Dorfbewohnern arbeiten einige Familienunternehmer daran, die Lebensqualität im Ort zu erhalten. Mit ihrer Hilfe soll ein Multifunktionshaus mit Kita, Mini-Laden, Paketstelle und Mitfahrzentrale entstehen, sie haben sich an der Gründung einer Grundschule in freier Trägerschaft beteiligt oder sie erhalten alte Kulturdenkmäler.

 

Familienbetriebe in Land- und Forstwirtschaft können ein wichtiger Anker in ländlichen Regionen sein. Die elf Beispiele von Familienbetrieben in der Forst- und Landwirtschaft in dieser Studie zeigen beispielhaft, wie Wirtschaftstreibende in ländlichen Regionen die Zukunft der Dörfer positiv beeinflussen können.

 

Die Studie "Innovation aus Tradition. Was land- und forstwirtschaftliche Familienbetriebe für die Stabilität und Entwicklung des ländlichen Raums leisten können" entstand in Zusammenarbeit mit den Familienbetrieben Land und Forst e.V.

 

Die Studie ist unter folgendem Link erreichbar:

http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/Innovation_aus_Tradition


Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Manuel Slupina, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, slupina[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 10 26 98

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60