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Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Globale Ansprüche, lokale Wirklichkeit

Globale Ansprüche, lokale Wirklichkeit

Als Schöpfer des Begriffs der Nachhaltigkeit gilt Hans Carl von Carlowitz. Als Oberberghauptmann in der sächsischen Bergbaustadt Freiberg sah er, dass die Verschalungen der Erzgruben und das Verhütten der Silbererze so viel Holz verschlangen, dass ein Ende der Wälder im Erzgebirge kurz bevorstand. Seine Lösung: Es dürfe künftig nicht mehr Holz aus dem Wald geschlagen werden, als in einem bestimmten Zeitraum nachwachse.

 

Bis Politik und Gesellschaft die Idee einer nachhaltigen Nutzung von Ressourcen auch außerhalb der Forstwirtschaft diskutierten, dauerte es jedoch noch mehr als zwei Jahrhunderte. Erst als die globalen ökologischen Auswirkungen des Wirtschaftens immer sichtbarer wurden, setzte allmählich ein Bewusstseinswandel ein. Der sogenannte Brundtland-Bericht 1987 machte den Anfang. 1992 legte das Abschlussdokument der internationalen Umweltkonferenz in Rio de Janeiro konkrete Handlungsaufträge für das 21. Jahrhundert vor. Zehn Jahre später beschloss auch die deutsche Regierung die erste nationale Nachhaltigkeitsstrategie, die sie 2016 umfassend überarbeitet hat. Darin formuliert sie konkrete Ziele in den Bereichen Generationengerechtigkeit, Lebensqualität, sozialer Zusammenhalt und internationale Verantwortung. Allerdings droht Deutschland einige seiner selbstgesteckten Ziele zu verpassen.

 

Noch lange kein Endspurt

Das Statistische Bundesamt misst die Fortschritte bei der Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie anhand von zahlreichen Indikatoren. Dazu zählen unter anderem der tägliche Flächenverbrauch, der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energieverbrauch oder die Höhe der Treibhausgasemissionen. Zwar weist die Entwicklung in allen drei Beispielen in die richtige Richtung, es gilt jedoch als unwahrscheinlich, dass die gesetzten Zielwerte erreicht werden.

 

Global denken, lokal handeln

Die Agenda 21 von Rio de Janeiro wies erstmalig den Kommunen eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsbestrebungen zu. Auch auf Bundesebene wird die besondere Bedeutung der lokalen und regionalen Verwaltungen hervorgehoben. Doch können die Städte und Gemeinden diesem Anspruch wirklich gerecht werden? Reichen ihre Anstrengungen aus, um die vielfältigen Ziele zu erreichen? An welchen – zumeist nicht bindenden – Zielen orientieren sich die Gemeinden letztendlich und wo ergeben sich aus ihrer Sicht gar Widersprüche?

 

Zehn Städte, zehn Strategien

Die Studie des Berlin-Instituts hat die Nachhaltigkeitsstrategien von zehn Städten in Deutschland untersucht, die unterschiedliche Voraussetzungen aufweisen, eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben. Die Städteanalysen beruhen auf leitfadengestützten qualitativen Interviews mit Bürgermeistern und Vertretern der Stadtverwaltungen sowie statistischen Auswertungen.

 

Von Freiburg bis Norderstedt, von Pirmasens nach OelsnitzDie zehn untersuchten Städte unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Größe, zentralörtlichen Funktion, Lage und demografischen Entwicklung. Vier der zehn Städte liegen in den östlichen Bundesländern. Davon repräsentiert Leipzig die wiedergewonnene Attraktivität der Großstadt, während Oelsnitz, Lutherstadt Wittenberg und Schmalkalden stellvertretend für kleine und mittelgroße Städte stehen. Unter den Städten in den westlichen Bundesländern haben Essen und Pirmasens eine altindustrielle Vergangenheit. Die Kleinstädte Bad Wildbad und Wunsiedel sind ebenfalls von schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt. Norderstedt und Freiburg hingegen können auf eine lange Geschichte demografischen und ökonomischen Aufschwungs zurückblicken.

 

Die Städte zeigen eine große Bandbreite an kommunalen Realitäten und Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung. Einige der befragten Städte wachsen rasant. Sie müssen genügend Wohnraum schaffen, ohne dass die letzten Grünflächen verschwinden und trotz zunehmenden Verkehrs verhindern, dass die Belastungen durch Luftverschmutzung und Lärm steigt. Andere Städte verlieren enorm an Einwohnern und stehen vor der Herausforderung, für immer weniger Nutzer kostspielige Infrastrukturen bereitzuhalten, etwa den öffentlichen Nahverkehr, Schulen und Kindergärten oder Sport- und Freizeiteinrichtungen.

 

Die konkreten Beispiele illustrieren dabei, wie die Verantwortlichen vor Ort Nachhaltigkeit verstehen. Und dies unterscheidet sich zum Teil stark. Nur wenige der befragten Kommunen haben ganzheitliche, sektorenübergreifende und langfristige Konzepte und Strategien, an denen Verwaltung und Politik ihr tägliches Handeln ausrichten können. Vor allem wachsende Städte mit einer guten finanziellen Ausstattung „leisten“ sich Nachhaltigkeitsmanagements. Für finanzschwache und schrumpfende Kommunen ist Nachhaltigkeit eher in jenen Themenbereichen interessant, in denen es Fördermöglichkeiten gibt oder wo sich langfristig Geld einsparen lässt.

 

Was tun?

Weil die Rahmenbedingungen für die Kommunen so unterschiedlich sind, können sie nicht im gleichen Umfang zum Erreichen jedes einzelnen Ziels beitragen. Eine regionale Differenzierung der Nachhaltigkeitsziele könnte diese Unterschiede aufgreifen und dafür sorgen, dass die Summe der kommunalen Anstrengungen unterm Strich den nationalen Zielen entspräche. Schrumpfende Städte und Gemeinden könnten etwa ungenutzte Flächen entsiegeln und ihre Flächeninanspruchnahme dadurch stärker reduzieren als wachsende Regionen. Gleichzeitig könnten wachsende Großstädte in die Pflicht genommen werden, ihren Verkehr stärker auf klimafreundliche Verkehrsträger zu lenken.

 

Während der Bund und einige Länder mit ihren Nachhaltigkeitszielen auch Indikatoren zur Messung von Erfolgen und Misserfolgen entwickelt haben, verfügen viele Kommunen weder über eine übergeordnete Nachhaltigkeitsstrategie noch über Möglichkeiten, die Wirkung ihres Handelns zu messen. Die Kommunen sind daher aufgefordert, konkrete Nachhaltigkeitsziele und darauf aufbauend geeignete Indikatoren zu entwickeln, mit denen Anspruch und Wirklichkeit der Nachhaltigkeitsbestrebungen abgeglichen werden können. Dabei brauchen insbesondere Kommunen mit geringen finanziellen und personellen Möglichkeiten die Unterstützung der Länder und des Bundes.

 

Die Studie "Globale Ansprüche, lokale Wirklichkeit. Wie unterschiedlich deutsche Kommunen eine nachhaltige Entwicklung umsetzen" entstand in Zusammenarbeit mit der Wüstenrot Stiftung.

 

Die Studie ist unter folgendem Link erreichbar:

http://www.berlin-institut.org/publikationen/studien/Globale-Ansprueche-lokale-Wirklichkeit.html

 

Für Interviewanfragen stehen Ihnen zur Verfügung:

Manuel Slupina, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, slupina[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31102698

Susanne Dähner, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, daehner[at]berlin-institut.org, Tel. 0 30-31 01 74 50

Dr. Reiner Klingholz, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, klingholz[at]berlin-institut.org, Tel. 030-31 01 75 60