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15. Ausgabe, 10. August 2005

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Mehr Kinder - am besten sofort!
Deutschland hat noch zehn Jahre Zeit, um die größten demografischen Probleme abzufedern

Bericht mit drei Grafiken


 
     
 

1. Mehr Kinder - am besten sofort!
Deutschland hat noch zehn Jahre Zeit, um die größten demografischen Probleme abzufedern

Seit über 30 Jahren baut sich in Deutschland ein demografisches Problem auf. Aufgrund niedriger Kinderzahlen schrumpft und altert die Bevölkerung. Teile des Landes beginnen sich zu entleeren und die Sozialsysteme sind nicht mehr finanzierbar. Auch Bundespräsident Horst Köhler hat in seiner Rede zur Auflösung des Parlamentes den Kindermangel als eines der größten Zukunftsrisiken beschrieben.

Zahl der Geburten in Deutschland

Um das Land wieder kinderfreundlicher zu machen, werden mittlerweile vielfältige Vorschläge diskutiert: Ausbau der Kinderbetreuung vor allem für die Kleinsten, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Absenken der Mehrwertsteuer auf Kinderartikel, steuerliche Entlastung der Eltern, einmalige Babyprämien, höheres Kindergeld und so weiter. Das Problem dabei ist, dass all diese Maßnahmen Geld kosten - eine rare Ressource zu Zeiten leerer Staatskassen.

Dennoch ist es jetzt Zeit zu handeln. Alle Maßnahmen sollten so schnell wie möglich umgesetzt werden. Denn nur noch für etwa zehn Jahre steht ein Zeitfenster für einen kleinen Babyboom offen. Danach sinkt die Zahl der potentiellen Mütter, die Chancen für eine bezahlbare Familienfreundlichkeit sinken. Dann wird es wesentlich teurer, vergleichbare Effekte zu erzielen. Gleiche Kinderzahlen werden in Zukunft enorm steigende Ausgaben erfordern.

Der Grund dafür liegt in der demografischen Entwicklung der Vergangenheit: Die letzten geburtenstarken Jahrgänge der Republik stammen aus den 1960er Jahren - die so genannte Babyboom-Generation. Anfang der 1970er sank die Kinderzahl je Frau binnen weniger Jahre von 2,5 auf 1,4. Dieser Wert ist seitdem mehr oder weniger konstant und er bedeutet, dass jede Kindergeneration um ein Drittel kleiner ist als die ihrer Eltern. Inzwischen (2003) ist die Kinderzahl sogar auf 1,3 abgesunken.

Die letzten Frauen der Babyboom-Generation sind demnach heute zwischen 35 und 45 Jahren alt. Die Jahrgänge umfassen mehr als 7,5 Millionen Frauen. Die Kohorte macht also fast zehn Prozent der gesamten deutschen Bevölkerung aus. Die nächstfolgende Generation, aus den heute 25- bis 34-jährigen Frauen, ist mit nur noch rund fünf Millionen Personen bereits um ein Drittel kleiner.

Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen keine Familien gründen. Einige wollen einfach keine Kinder. Manche können aus medizinischen Gründen keinen Nachwuchs bekommen. Anderen fehlt der passende Partner zum richtigen Zeitpunkt. Wieder andere wünschen sich ein erstes oder weiteres Kind, verzichten darauf aber aus finanziellen Überlegungen oder weil sich Beruf und Familie schlecht unter einen Hut bringen lassen. Dieser letztere Teil der Gesellschaft wäre ansprechbar für eine neue Familienpolitik.

Wenn nur zehn Prozent der heute 35- bis 45-jährigen Frauen aufgrund familienfreundlicher Maßnahmen einen vorhandenen Kinderwunsch wirklich werden ließen, würden in den kommenden zehn Jahren 750.000 zusätzliche Kinder in Deutschland geboren - etwas mehr als ein gesamter Nachwuchsjahrgang. Danach könnte auch die beste Familienpolitik diese Frauen nicht mehr erreichen, weil sie aus biologischen Gründen ihre fertile Phase abgeschlossen haben.


In der Bevölkerungspyramide von Deutschland für das Jahr 2004 ist deutlich der Überhang der heute 35- bis 45-jährigen Babyboom-Generation erkennbar. Wenn eine gute Familienpolitik dafür sorgen würde, dass nur zehn Prozent der Frauen darunter in den kommenden zehn Jahren Mütter würden, bedeutete das ein Plus von 750.000 Geburten. In der Pyramide für das Jahr 2015 sind diese zusätzlichen Kinder eingezeichnet. Zehn Jahre später würde eine kinderfreundliche Politik nur noch 500.000 potentielle Mütter erreichen. Um die gleichen demografischen Effekt zu erzielen, müsste die Kinderzahl pro Frau weit stärker steigen und dafür wären viel größere Anreize notwendig.


Dass sich Frauen über 35 Jahren verstärkt für Kinder entscheiden, ist durchaus realistisch. Denn das Alter, in dem Frauen Kinder bekommen, verschiebt sich seit Jahren kontinuierlich nach oben. Waren 1990 nur fünf Prozent der Erstgebärenden über 35 Jahre alt, so lag ihr Anteil im Jahr 2000 bereits bei 16 Prozent. Tendenz weiter steigend.


2003 kamen in Deutschland rund 150.000 Kinder von Frauen zwischen 35 und 45 Jahren zur Welt. Fast jedes fünfte Baby hatte eine Mutter, die 35 oder älter war, Tendenz weiter steigend.


Die 750.000 zusätzlichen Kinder würden ungefähr dann in das Erwerbsleben eintreten, wenn die Babyboom-Generation in Rente geht. Genau der richtige Zeitpunkt, um die dann entstehenden enormen Belastungen für die Sozialsysteme abzufedern. Denn das heutige Verhältnis von etwa vier Erwerbsfähigen zu einer Person im Rentenalter wird sich bei anhaltendem Kindermangel bis zum Jahr 2025 auf drei zu eins und bis 2050 auf zwei zu eins verschieben.

Einen Weg zu mehr Kindern, der kurzfristig umzusetzen wäre, sieht das Berlin-Institut in finanziellen Anreizen, bis hin zu einer Babyprämie. Diese müsste so hoch sein, dass sie eine deutliche Wirkung erzielt. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass dies funktionieren kann - zum Beispiel in Australien.

Dort hat die Regierung Mitte 2004 eine Babyprämie eingeführt, die mittlerweile auf umgerechnet rund 2.500 Euro angehoben wurde und 2008 abermals erhöht werden soll. Erstmals seit 40 Jahren ist dort die Fertilitätsrate wieder leicht angestiegen - binnen eines Jahres immerhin von einer Kinderzahl je Frau von 1,74 auf 1,77. Der Demograf Peter McDonald von der Australian National University geht davon aus, dass sich dieser Effekt weiter verstärkt. Neben dem finanziellen Reiz sei aber vor allem wichtig, dass die Regierung durch ihre Politik Kinderfreundlichkeit signalisiert, meint der Bevölkerungsforscher. Denn aus der bisherigen Forschung geht hervor, dass finanzielle Anreize zur Steigerung der Geburtenrate nur kurzfristige Effekte erzielen. Für Deutschland wäre dies kein Manko, denn es geht gerade vor allem um eine Wirkung in den nächsten zehn Jahren.

Geld alleine kann die Geburtenrate nicht erhöhen. Aus der Studie "Emanzipation oder Kindergeld" des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung geht hervor, dass gesellschaftliche Phänomene eine entscheidende Rolle spielen. So sind die Kinderzahlen je Frau in den westeuropäischen Staaten dort am höchsten, wo die höchste Gleichstellung der Geschlechter erreicht ist, wo Frauen auch im Berufsleben am wenigsten benachteiligt sind.

Nebeneffekt eines familienfreundlichen Paketes wäre, dass alle potentiellen Eltern davon profitieren könnten und nicht nur die 35- bis 45-jährigen Mütter. Denn langfristig sollten familienfreundliche Programme eher auf jüngere Menschen mit Kinderwunsch zielen. Eine Kinderbetreuung für Frauen in der Ausbildung oder an Universitäten, wie sie in Skandinavien längst die Norm ist, wäre dabei vermutlich sinnvoller als eine einmalige finanzielle Hilfe. Ein Vergleich mit anderen westeuropäischen Ländern zeigt, dass dort die Kinderzahlen höher liegen als hierzulande, wo sich die Menschen in jüngeren Jahren zur Familiengründung entschließen.


Quellen:
http://www.themercury.news.com.au/common/story_page/0,5936,15584042%255E421,00.html
Statistisches Amt Australien: http://www.abs.gov.au/

Für Interviews stehen Dr. Reiner Klingholz unter 030-31017560 oder 0171-5078390 und Nienke van Olst unter 030-31017450 zur Verfügung



   
 

 

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