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9. Ausgabe, 13. Juli 2004

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Junger Staat am Bosporus
Türkei ist europaweit das einzige Land mit dynamischer Bevölkerungsentwicklung

Bericht mit Grafik

2. Babymangel in Fernost
Weltweit niedrigste Geburtenrate alarmiert die koreanische Politik

Bericht mit Grafik

 
 

   

1. Junger Staat am Bosporus

Türkei ist europaweit das einzige Land mit dynamischer Bevölkerungsentwicklung

Würde die Türkei heute in die Europäische Union aufgenommen, wäre sie der einzige Staat der Gemeinschaft mit einer jungen und dynamisch wachsenden Bevölkerung. Die meisten alten EU-Länder und erst recht die neuen Mitgliedsstaaten haben aufgrund niedriger Geburtenraten mit stagnierenden oder zurückgehenden Bevölkerungszahlen zu rechnen.

Für die Gesamtbevölkerung der EU würde ein Beitritt der Türkei zahlenmäßig in etwa das Gleiche bedeuten, wie die jüngste Erweiterung vom 1. Mai 2004. Die zehn neuen Mitglieder brachten 74 Millionen Menschen in die Union; in der Türkei leben heute 68 Millionen. Doch damit haben sich die demografischen Gemeinsamkeiten beider Regionen auch schon erschöpft: Denn ihre Wachstumsdynamik verläuft geradezu entgegengesetzt. Die neuen Mitgliedsländer - mit Ausnahme von Polen, Zypern und Malta - schrumpfen schon seit Jahren durch Abwanderung und mangelnden Nachwuchs. Zwischen 1997 und 2001 sank die Einwohnerzahl der zehn Neuen zusammen um eine halbe Million Menschen. Auch in den osteuropäischen Kandidaten Rumänien und Bulgarien stehen die Zeichen auf Schwund.

Ganz anders in der Türkei, wo die Bevölkerung durch einen Überschuss an Geburten derzeit um jährlich 1,5 Prozent wächst. Obwohl auch in der Türkei die durchschnittliche Kinderzahl je Frau seit längerem sinkt und gegenwärtig bei einem Wert von 2,4 liegt, kommen auf Grund des früheren starken Wachstums in Zukunft immer stärker besetzte Jahrgänge ins Alter der Familiengründung. Deshalb wird die Türkei auch bei zurückgehender Kinderzahl je Frau weiter wachsen - nach Prognosen der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen bis zum Jahr 2050 auf nahezu 100 Millionen Einwohner.

Im Falle eines Beitritts wäre die Türkei spätestens im Jahr 2015 das größte Land der EU. Und das mit Abstand jüngste: Heute sind rund 30 Prozent der Türken unter 15 Jahre - das sind etwa zehn Prozentpunkte mehr, als in jedem anderen der neuen EU-Mitgliedsländer. Und während in Deutschland der Anteil der über 65-Jährigen bei 17 Prozent liegt, sind nur rund sechs Prozent der Türken älter als 65 Jahre. Ursache dafür ist, neben dem anhaltenden Bevölkerungswachstum, die vergleichsweise geringe Lebenserwartung der Türken. Sie liegt für Frauen bei 71 und für Männer bei 66 Jahren. Damit leben vor allem die Frauen deutlich kürzer als in den übrigen europäischen Ländern.

Doch so sehr das alternde Europa dynamische, junge Menschen brauchen könnte, das türkische Bildungssystem ist nur unzureichend auf den europäischen Arbeitsmarkt vorbereitet. Trotz deutlicher Fortschritte lag der Anteil der Jugendlichen, die mehr als die achtjährige Schulpflicht absolvieren, im Jahr 2001 bei lediglich 43 Prozent. Und noch immer können rund 20 Prozent der türkischen Frauen über 15 Jahre nicht Lesen und Schreiben - die durchschnittlich absolvierte Schulzeit lag 1997 für Türkinnen bei lediglich 5 Jahren. Männer brachten es im Mittel auf sieben Schuljahre. Ein berufliches Ausbildungssystem existiert in der Türkei nur in Ansätzen. Zwar hat das deutsche Bundesamt für Berufsbildung im Jahr 1994 offiziell die Beratung der türkischen Regierung bei der Einführung einer dualen Berufsausbildung übernommen. Aber dennoch besaßen 2001 nur 30 Prozent der 25- bis 34-Jährigen einen Berufsabschluss oder die Hochschulreife - weniger als irgendwo sonst in Europa. Auch beim Anteil der Menschen mit Hochschulabschluss gehört die Türkei zu den europäischen Schlusslichtern.

Vor allem im wirtschaftlich schwach entwickelten Osten der Türkei, in Mittel- und Ostanatolien sowie im Schwarzmeergebiet ist das Bildungsniveau niedrig. Gleichzeitig liegen dort die Geburtenraten etwa doppelt so hoch wie im Westteil des Landes mit der Metropole Istanbul. Das große Abwandererpotenzial der Osttürkei passt kaum zu dem heutigen Bedarf an Arbeitskräften in europäischen Industrienationen wie Deutschland. Hierzulande könnte es aufgrund der seit Mitte der 1970er Jahre gleichbleibend geburtenschwachen Jahrgänge bereits in wenigen Jahren zu einem Mangel an Fachkräften kommen.


 

Quellen
State Institute of Statistics: http://www.die.gov.tr
Eurostat - Statistical yearbook on candidate countries. Data 1997 bis 2001
http://www.eu-datashop.de/download/DE/inhaltsv/thema1/candi.pdf

Für Interviews steht Steffen Kröhnert und 030-22324844 zur Verfügung.

   
 

   

2. Babymangel in Fernost

Weltweit niedrigste Geburtenrate alarmiert die koreanische Politik


Über zu wenig Kinder klagen nicht nur die Deutschen. Noch dramatischer ist die Lage in den ostasiatischen Industriestaaten wie Japan und Südkorea. Die Republik Korea verzeichnete im Jahr 2002 mit 1,14 Kindern je Frau sogar die niedrigste Geburtenrate der Welt.

"Zu schaffen macht uns vor allem die Geschwindigkeit des demografischen Wandels", sagt Jong-Ik Kim. Der Mediziner ist Vorsitzender des im vergangenen Jahr eingesetzten "Präsidentialen Beraterkomitees für das Altern und die zukünftige Gesellschaft", eine Art Krisenstab in Sachen Demografie, der weltweit nach Strategien gegen den Geburtenrückgang und zum Umgang mit der rapiden Alterung der Bevölkerung sucht. Aufmerksam geworden durch die Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation", hat eine Delegation auch das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung besucht.

Die Koreaner fühlen sich von der Entwicklung geradezu überrollt. Denn noch in den 1960er Jahren galt das rasante Bevölkerungswachstum als eines der größten Probleme des Landes. Nach dem Ende des Koreakriegs im Jahr 1953 erlebte das Land einen enormen Babyboom. Zwischen 1960 und 1970 nahm die Einwohnerzahl von 25 auf 32 Millionen zu. Koreanische Frauen bekamen damals im Mittel 4,6 Kinder.

Mit gut organisierten Familienplanungsprogrammen versuchte die Regierung, dem Wachstum entgegenzusteuern. Doch weit besser als kostenlose Verhütungsmittel wirkte der Aufstieg des Landes zur asiatischen Industriemacht. Der in den 1960er Jahren durch japanische Kriegsreparationen gepushte Wirtschaftsaufschwung ließ das Bruttosozialprodukt für Jahrzehnte mit zweistelligen Raten wachsen. Die Gesellschaft des Tigerstaates wurde von einem enormen Leistungs- und Konkurrenzdenken erfasst. Und das galt für beide Geschlechter. In der Folge wurde es für Frauen immer schwieriger, Familie und Beruf zu vereinbaren. Obendrein ist die Kindererziehung in Südkorea extrem teuer. "Unsere Gesellschaft ist sehr wettbewerbsorientiert", sagt Jong-Ik Kim. "Die Ausbildung von Kindern verursacht enorme Kosten. Deshalb entscheiden sich immer mehr Paare für nur ein Kind, oder sie bleiben sogar kinderlos."

Alterung und Geburtenarmut sind auch in Europa bekannte Phänomene. Doch kein europäisches Land muss den demografischen Wandel in so kurzer Zeit bewältigen wie Südkorea. Innerhalb einer Generation haben sich die Zeichen von einem enormen Bevölkerungsboom zu einem absehbaren dramatischen Schwund verändert. Prognosen zufolge wird Südkoreas Bevölkerung bis 2018 weiter wachsen, um dann in massives Schrumpfen überzugehen. Weil derzeit die kopfstarke Babyboom-Generation altert und gleichzeitig nur sehr wenig Kinder geboren werden, steigt das Durchschnittsalter der koreanischen Bevölkerung alle zwei Jahre um etwa ein Jahr an - rund drei Mal so schnell wie in Deutschland.

Dabei ist Südkorea heute mit einem Anteil von knapp neun Prozent über 65-Jähriger und 20 Prozent unter 15-Jähriger noch ein junges Land (in Deutschland sind bereits 17 Prozent der Bevölkerung im Rentenalter). Im Jahr 2050 allerdings wird Korea mit 35 Prozent über 65-Jährigen eines der ältesten Länder der Welt sein.

Quellen
Korea National Statistical Office; http://www.nso.go.kr/eng/


Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung

 

   

 

 

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