Wachsen und Schrumpfen
Das Weltbevölkerungswachstum hält an und wird wahrscheinlich stärker ausfallen als bisher vermutet. So lautet die jüngste Prognose der Abteilung für Bevölkerungsfragen der Vereinten Nationen (UN). Und es bleiben Zweifel, ob sie nicht bald erneut nach oben korrigiert werden muss.
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„Den Status Quo zu halten, ist eine riesige Herausforderung“
Prof. Dr. Thomas Büttner war zwischen 2006 und 2011 stellvertretender Direktor der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen (UN). Der Demograf hat die Berechnungsmethoden der Weltbevölkerungsprognosen mitentwickelt und geprägt und ist auch im nun angetretenen Ruhestand ein weltweit gefragter Experte. Als solcher engagiert er sich unter anderem im Stiftungsrat des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Im Interview erklärt er, warum das Bevölkerungswachstum nach den jüngsten Prognosen der UN höher ausfällt als bisher angenommen, warum Frauen in Industrieländern bald schon wieder etwas mehr Kinder bekommen könnten und warum die Prognosen trotz robuster Rechenverfahren keine sicheren Vorhersagen darstellen.
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Europa begrüßt alternden Kleinstaat
Bis vor wenigen Jahren war Kroatien ein Kriegsschauplatz vor den Toren der Europäischen Union (EU). Seit wenigen Tagen ist die Balkanrepublik eines ihrer Mitgliedsländer und hat damit einen langen Kriterienkatalog erfüllt. Trotzdem sind die Folgen von Sozialismus und Krieg nach wie vor spürbar. Das zeigt sich auch demografisch.
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Wachsen und Schrumpfen
Das Weltbevölkerungswachstum hält an und wird wahrscheinlich stärker ausfallen als bisher vermutet. So lautet die jüngste Prognose der Abteilung für Bevölkerungsfragen der Vereinten Nationen (UN). Und es bleiben Zweifel, ob sie nicht bald erneut nach oben korrigiert werden muss.

Von Franziska Woellert

Alle zwei Jahre veröffentlichen die UN Neuberechnungen zur weltweiten Bevölkerungsentwicklung und passen sie damit aktuellen Trends in den drei wichtigsten Einflussfaktoren Fertilitätsraten, Sterberaten und Migration an. Die jüngsten Prognosen zeigen, dass die Kinderzahl pro Frau in vielen Entwicklungsländern langsamer sinkt als bislang angenommen. Weil gleichzeitig die Lebenserwartung weltweit steigt, wird der Zuwachs länger anhalten als bisher angenommen. Insgesamt hat sich die Menschheit mit aktuell 7,2 Milliarden seit 1950 beinahe verdreifacht. Solch ein rasantes Wachstum erleben wir heute nicht mehr, aber ihr Maximum hat die Weltbevölkerung noch lange nicht erreicht. Nach der mittleren Variante der UN-Vorausberechnung könnte die Welt 2025 schon gut acht Milliarden Einwohner zählen, 2050 etwa 9,6 Milliarden und 2100 sogar 10,8 Milliarden. Erst dann käme der Anstieg langsam zum Stillstand.
Die Hälfte des absoluten Wachstums findet in nur acht Ländern statt, nämlich in Nigeria, Indien, Tansania, der Demokratische Republik Kongo, Niger, Uganda, Äthiopien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Andere Länder hingegen, darunter Deutschland, werden bis 2050 unterm Strich Einwohner verlieren – viele osteuropäische Länder wie Bulgarien, Georgien, Litauen, Rumänien, Serbien oder die Ukraine sogar bis zu 15 Prozent ihrer aktuellen Bevölkerung.

Ein halbes Kind Unterschied

Die Bevölkerungsprognosen der Vereinten Nationen basieren auf Annahmen zu drei Faktoren: Fertilitätsrate, Sterberate und Migration. Dabei gehen sie davon aus, dass alle Länder einen ähnlichen Pfad der Bevölkerungsentwicklung durchlaufen. Grundlage hierfür ist das Modell des demografischen Übergangs, nach dem in allen Ländern zuerst die Sterbe- und dann die Geburtenrate sinkt, wenn auch je Land in anderer Geschwindigkeit. Diese Annahmen werden mit weiteren Erfahrungswerten in der mittleren Variante der Prognosen zusammengeführt. Allerdings gilt die mittlere Variante nicht als gesichert, denn einige Länder müssten große Anstrengungen unternehmen, um die erforderlichen Bedingungen zu erreichen. Daher berechnet die UN darüber hinaus zwei weitere Varianten. Diese sind an die mittlere Prognose gebunden und unterscheiden sich einzig in den Annahmen zur Fertilitätsrate: Die untere Variante rechnet mit einem halben Kind pro Frau weniger als die mittlere Version, die höhere Variante mit einem halben Kind mehr. (Datengrundlage: UN Population Division, 2012 Revision).

Insbesondere in den Industrienationen wachsen die Bevölkerungen zunehmend langsamer und dürften ab 2020 insgesamt sogar schrumpfen. Auch die Entwicklungsländer wachsen künftig nicht mehr so schnell wie in früheren Jahrzehnten, weisen aber noch immer hohe Zuwachsraten auf. So dürften die 49 am wenigsten entwickelten Länder selbst nach der mittleren Variante der Prognosen ihre gemeinsame Einwohnerzahl von heute 900 Millionen bis 2050 auf knapp 1,8 Milliarden verdoppeln. Die meisten von diesen Ländern liegen in Subsahara-Afrika, der Region mit dem stärksten Wachstum überhaupt. Hier wird sich die Bevölkerung in einigen Ländern Uganda, Mali oder Niger bis 2050 sogar verdreifachen.

Wo das Wachstum stattfindet

Asien stellt mit Riesenreichen wie China, Indien oder Indonesien den bevölkerungsreichsten Kontinent dar. Hier findet auch in den kommenden 25 Jahren noch der Großteil des absoluten weltweiten Bevölkerungswachstums statt. Doch während in vielen Ländern Asiens der demografische Wandel schon weit fortgeschritten ist und damit das Wachstum absehbar zu einem Ende gelangt, sieht es in Sub-Sahara-Afrika ganz anderes aus. Hier wachsen die Einwohnerzahlen aufgrund anhaltend hoher Geburtenraten und einer anteilig großen jungen Bevölkerung weiterhin rasant an. Alleine in Nigeria dürften 2050 mehr Menschen wohnen als in den USA. (Datengrundlage: UN Population Division, 2012 Revision, mittlere Variante).

Voraussetzung für das Eintreffen der aktuellen Prognose ist, dass die Fertilitätsraten vor allem in Ländern mit hohen Kinderzahlen pro Frau massiv sinken. Ansonsten sind noch deutlich höhere Bevölkerungszahlen möglich. Das kann zu großen Problemen führen, wie das Beispiel Nigeria verdeutlicht. Der Fläche nach ist das Land zweieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik und zählt heute knapp 160 Millionen Einwohner – also bereits doppelt so viele wie in Deutschland. 2050 wird sich die Bevölkerung Nigerias den Prognosen zufolge noch einmal verdreifachen und 2100 wäre sie auf knapp eine Milliarde Menschen angewachsen. Aber nur, wenn die Kinderzahl pro Frau von heute knapp sechs bis 2050 auf 3,8 und bis 2100 auf 2,2 sinkt. Selbst in der optimistischen Variante ist es kaum vorstellbar, dass ein solches Wachstum ohne Konflikte vor sich geht.

Warum es anders kommen mag

Nach den aktuellen Entwicklungen könnte die mittlere Variante der Prognosen sogar noch zu niedrig greifen. Denn sie setzt voraus, dass die Fertilitätsrate im Afrika südlich der Sahara so schnell sinkt, wie in Asien und Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Würde dies so geschehen, hätte 2050 in Subsahara-Afrika nur noch Niger eine Fertilitätsrate von über vier Kindern pro Frau. Heute liegen noch 40 Länder in der Region zum Großteil deutlich über dieser Grenze. Es ist fraglich, ob die sozioökonomische Entwicklung in den betroffenen Ländern so zügig voranschreitet, dass die Kinderzahlen entsprechend schnell sinken. Denn in einigen Regionen Afrikas ist der Rückgang ins Stocken geraten oder hat sich sogar umgekehrt. Nur mit deutlichen Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungssektor werden die Länder südlich der Sahara dem Beispiel der asiatischen Staaten folgen können. Fortschritte in diesen beiden Bereichen wirken sich besonders stark auf die Geburtenzahlen aus.
Für den europäischen Kontinent dürfte dagegen der angenommene leichte Zuwachs bei den Geburtenzahlen mit Unsicherheiten behaftet sein. So wird für Deutschland bis 2050 ein Anstieg der Geburten pro Frau auf 1,7 erwartet. Seit fast vier Jahrzehnten liegen wir jedoch bei einem Wert von 1,4. Warum dieser gerade in den kommenden Jahren ansteigen sollte, bleibt unklar. Erst recht, weil bisher noch nirgendwo eine vergleichbare Entwicklung beobachtet werden konnte. Eher liegt die Vermutung nahe, dass sich kleine Familien oder sogar eine Kinderlosigkeit hierzulande als soziale Norm so stark verfestigt haben, dass eine Umkehr fast unmöglich ist.

 

„Den Status Quo zu halten, ist eine riesige Herausforderung“
Prof. Dr. Thomas Büttner war zwischen 2006 und 2011 stellvertretender Direktor der Bevölkerungsabteilung der Vereinten Nationen (UN). Der Demograf hat die Berechnungsmethoden der Weltbevölkerungsprognosen mitentwickelt und geprägt und ist auch im nun angetretenen Ruhestand ein weltweit gefragter Experte. Als solcher engagiert er sich unter anderem im Stiftungsrat des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Im Interview erklärt er, warum das Bevölkerungswachstum nach den jüngsten Prognosen der UN höher ausfällt als bisher angenommen, warum Frauen in Industrieländern bald schon wieder etwas mehr Kinder bekommen könnten und warum die Prognosen trotz robuster Rechenverfahren keine sicheren Vorhersagen darstellen.

Bild: privat

Interview von Dr. Reiner Klingholz und Ruth Müller.

Die Ergebnisse der Projektionen sind alle zwei Jahre immer etwas unterschiedlich. Laut der neusten Prognose wird die Weltbevölkerung einen höheren Maximalwert erreichen als bisher angenommen. Gleichzeitig hat sich der Zeitpunkt, zu dem wir diesen Wert erreichen werden, nach hinten verschoben. Wie kommt es dazu?

Das hat eine Reihe von Ursachen: Die Absenkung der Fertilität in Afrika verläuft nach der jetzigen Prognose langsamer als vorher angenommen. Das multipliziert sich bis zum Ende des Jahrhunderts und führt deshalb zu einem signifikanten Ergebnis. Außerdem werden die Einflussfaktoren auf höhere Bevölkerungen angewandt. Wenn eine Bevölkerung klein ist und eine höhere Fruchtbarkeit hat, sind die Auswirkungen relativ klein. Anders ist das bei großen Bevölkerungen, insbesondere in den noch weiter wachsenden afrikanischen Ländern. Die dritte Ursache für die leicht erhöhten Bevölkerungszahlen am Ende des Jahrhunderts liegt darin, dass die Prognosen von einem Wiederanstieg der Fruchtbarkeit in den Niedrigfertilitätsländern ausgehen , also in Industrieländern, die schon seit langem weniger als zwei Kinder pro Frau verzeichnen. In dieser Kategorie ist auch China. Dort hat die Version von 2010 einen Bevölkerungsverlust von rund 400 Millionen angegeben. In der aktuellen Version sind es nur noch etwa 275 Millionen. Das sind erhebliche Änderungen, obwohl sich das alles in einem Bereich zwischen 2,0 und 1,6 Kindern abspielt.

Ich habe früher mal gelernt, dass Afrika ein dünn besiedelter Kontinent ist. Kann man das noch sagen?

Das ist immer noch wahr. Selbst dann, wenn man sich die Dichte der Bevölkerung in den Ländern ansieht, die nicht in der Sahel-Zone liegen. Man muss aber dazu sagen, dass in Afrika relativ große Strecken der Landwirtschaft mit armen Böden ausgestattet sind, sodass die Erträge dort nicht vergleichbar sind mit denen von Asien, wo intensiver Reisanbau möglich ist. Deshalb ist die Tragfähigkeit in Afrika gering. Hinzu kommen die großen Wälder, von denen man möchte, dass sie nicht weiter abgeholzt werden. Denn sie sind globale Dienstleister für Klima und Umwelt. Tatsache ist: Afrika wird in den kommenden Dekaden nicht vor Bevölkerung überquellen. Da ist schon noch Platz. Es kommt aber darauf an, wie dieser Platz angelegt, ausgelegt, verbunden und organisiert wird.

Der größte Bevölkerungszuwachs findet in Subsahara-Afrika statt. Was bedeutet das denn für diese Länder?

Das bedeutet, dass sie es schwer haben werden, selbst den bestehenden Zustand aufrecht zu erhalten. Bei der Grundschulbildung und bei weiterführenden Schulen zum Beispiel liegen sie heute noch unterhalb internationaler Zielsetzungen. Alleine durch das Bevölkerungswachstum sind enorme Zusatzanstrengungen nötig. Die Zahl der Jugendlichen schwillt an und sie brauchen Bildung. Den Status Quo zu halten, ist also eine riesige Herausforderung. Und der muss auch noch verbessert werden. Das Bevölkerungswachstum verschlingt eine Menge an produktiven Investitionen, die sonst in andere Bereiche, wie etwa Infrastruktur, investieren werden könnten.

Was bedeutet das konkret?

Eins der weniger bekannten aber immens wichtigen Probleme ist, dass die Bevölkerung nicht zu Genüge mit Abwassersystemen und Toiletten versorgt werden kann. Dadurch wiederum kann die Belastung durch Krankheiten und Seuchen nicht in dem Maße gesenkt werden, wie es möglich wäre. Die Bevölkerung bleibt also in miserablen Lebensumständen gefangen. Deshalb ist es notwendig, dass in diesen Ländern internationale Hilfe stattfindet.

Bleibt die Bevölkerung unter solchen Umständen überhaupt dort?

Die meisten Menschen bleiben lieber dort, wo sie geboren sind und wo ihre Familie ist. Migration ist also eine Ausnahmesituation und wird durch Ausnahmesituationen ausgelöst. Für die Projektionen ist Migration ein schwierig zu berechnender Faktor. Denn für die meisten Länder gibt es keinen deutlichen Trend. Das geht hoch und runter.
Aber ich glaube, dass wir sind sehr konservativ sind, was den Umfang der Migration betrifft. Über zwischenstaatliche Wanderung in Afrika wissen wir nicht genug. Und es könnte durchaus sein, dass die Wanderung insgesamt größer wird. Wir haben in einer Studie gezeigt, dass die Süd-Süd-Wanderung in etwa so groß ist, wie die Wanderung vom Süden in den Norden. Das ist ein vergessener Teil der menschlichen Bewegung. Und Migration ist eine demografische Veränderung, die Staaten in beide Richtungen selbst beeinflussen können. Bei Sterblichkeit kann man wahrscheinlich nur Verbesserungen erzielen und bei Fruchtbarkeit sind die Einflussmöglichkeiten allein wegen der Menschenrechte begrenzt. Aber um Wanderungsströme zu verändern, können Staaten Quoten einführen oder ganz zu machen. Wir erleben das etwa in der Europäischen Union, die sehr stringente Kontrollmechanismen hat.

In manchen der afrikanischen Ländern ist die Situation in verschiedenen Bereichen kritisch: Wasserversorgung, Ernährungssicherheit, politische und ethnische Konflikte sind bereits heute auf der Tagesordnung. Wie verändert sich diese Problemlage, wenn die Bevölkerung weiter wächst?

Der Bevölkerungsdruck selbst führt nicht unbedingt zu Gewalt. Aber er macht sie möglicher. Vor allem, wenn er mit anderen Konflikten, wie Verteilungsungerechtigkeiten oder Zugang zu Macht, zusammenfällt, wird es kritisch. Politische und andere Probleme spitzen sich dann zu Gewalt zu –innerhalb von Ländern und zwischen verschiedenen Staaten. Ruanda ist da ein scheinbar gutes Beispiel. Der enorme Bevölkerungsdruck wurde dadurch verstärkt, dass eine bestimmte Ethnie sich auf Viehzucht und die andere auf Bodenbesitz spezialisiert hatte. Dieser Konflikt hat bis hin zu einem Massenmord geführt. Gleichzeitig ist das Land seit Jahren mit Burundi und Kongo in einen Konflikt um die Großen Seen verwickelt.

Wie realistisch sind die langfristigen Vorhersagen überhaupt, wenn man über manche Entwicklungen, wie etwa Kriege, gar nicht so viel weiß?

Die Möglichkeiten sind natürlich recht groß, dass nicht das eintritt, was die mittlere Variante der Vereinten Nationen vorhersagt. Man muss aber wissen, dass in der Modellberechnung der mittleren Variante Ausnahmeereignisse enthalten sind. Sie beziehen die AIDS-Epidemie, Bürgerkriege und dergleichen aus der Vergangenheit ein. Die Modelle, die jetzt gerechnet werden, sind damit nicht einfach nur ein festes, statisches, mathematisches Modell, sondern sie versuchen, von der Vergangenheit zu lernen. In einem sogenannten „Bayes’schen Update-Prozess“ werden die Veränderungen im eigenen Land untersucht und dann variiert. Im Anschluss wird die kollektive Erfahrung von Ländern auf einem ähnlichen Niveau einbezogen. Aber die UN können Naturkatastrophen oder Bürgerkriege nicht vorhersagen.
Die Vorausberechnungen hängen außerdem vom Eintreten ganz bestimmter Ereignisse zu Fertilität und Sterblichkeit ab. Damit die Weltbevölkerung am Ende des Jahrhunderts zehn Milliarden umfasst, ist ein weiterer Rückgang der Fruchtbarkeit um beinahe ein halbes Kind notwendig. Das ist, betrachtet man die Vergangenheit, wahrscheinlich, doch es ist nicht sicher. In einigen Ländern, insbesondere in Afrika, geht es langsamer voran. Die Prognose nimmt darüber hinaus an, dass sich die Sterblichkeit weiter reduziert. Auch das basiert auf der historischen Erfahrung, ist aber nicht sicher, wie uns die HIV/AIDS Pandemie gelehrt hat.

Viele der Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum finden sich zurzeit in Afrika. Würde die Fertilitätsrate dort schneller sinken, wenn der Kontinent auf denselben Entwicklungspfad wie Asien oder Lateinamerika käme?

Da bin ich relativ sicher. Modernisierung beschleunigt diesen Prozess. Die Reduzierung der Kinderzahl wird nicht nur durch ökonomische Faktoren oder Bildung beeinflusst. Zeitverläufe und Massenmedien spielen eine Rolle. Besonders aber geht sie mit einer veränderten Lebensweise einher, die durch eine bezahlte Erwerbstätigkeit befördert wird. Das zeigen alle Länder, die den Übergang schon hinter sich haben und das zeigt sich bereits in den großen Städten Afrikas. Sicher bin ich mir allerdings nicht darüber, wie ein solcher Modernisierungsprozess in Afrika erfolgreich zustande kommen kann. Das ist eine große Herausforderung.

Gibt es ein Beispiel für ein afrikanisches Land, das den demografischen Übergang begonnen hat und auf geradem Wege durchzumarschieren scheint?

Mir ist kein Beispiel bekannt. Das hat auch ein wenig damit zu tun, dass die politischen Eliten der afrikanischen Länder zunächst gar nicht begeistert von der Idee waren, das Bevölkerungswachstum zu bremsen. Bei einigen Entscheidungsträgern herrschte die Meinung vor, dass Afrikas demografische Antwort auf AIDS im großen Bevölkerungswachstum liege. Angeblich ist jetzt der Ernst der Lage aber in einzelnen Ländern angekommen.

Während die UN einen Rückgang der Fertilitätsraten für die afrikanischen Länder prognostizieren, gehen sie davon aus, dass die Kinderzahl pro Frau in den hoch entwickelten Ländern wieder steigt. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Es gibt drei Gründe für diese Prognose. Der erste ist theoretisch: Untersuchungen zeigen, dass ein demografisches Regime, das eine Fertilitätsrate zwischen 1,85 und 2,2 Kindern pro Frau aufweist, von einer Gesellschaft am leichtesten zu handhaben ist. Solch ein Land befindet sich in einem Gleichgewichtsbereich, in dem es sich auf andere Dinge konzentrieren kann. Deshalb wird ein solches Idealmaß am Ende des demografischen Übergangs erwartet. Aber bisher ist das Gleichgewicht noch nicht eingetreten. Trotzdem gibt es zunehmend empirische Beweise dafür, dass dieses Idealmaß erreicht wird: Immerhin wurden in 25 Ländern, nachdem sie einen Tiefpunkt ihrer Fruchtbarkeit erreicht hatten, Anstiege beobachtet. Der zweite Grund für die prognostizierte Steigerung der Fertilitätsrate ist also empirischer Art. Es gibt auch keine vernünftigen Gründe für eine sehr niedrige Fertilitätsrate. In Niedrigfertilitätsländern können viele Menschen das Idealmaß durchaus leben. Manche können es aber gar nicht. In Deutschland etwa ist die Kinderlosigkeit das große Problem und nicht so sehr die Kinderzahl. Die Ursachen sind nicht per se biologisch. Die Kinderlosigkeit hierzulande hat damit zu tun, wie das Leben eingerichtet wird. Der dritte Grund für die Prognose ist ein technischer. Die UN gehen davon aus, dass ein Verschiebungsprozess zu den niedrigen Fertilitätsraten geführt hat. Die Geburt von Kindern verlagerte sich also nach hinten. Wenn dieser Effekt aufhört, führt das zu einer Erholung der Fertilitätsrate.

Das ist bislang aber Theorie. Die abgeschlossenen Fertilitätsraten gehen alle nach unten. Und wenn die Frauen die Geburt nach hinten verschieben, kommen die Kinder später. Spätere Kinder haben den gleichen Effekt wie eine niedrige Fertilität. Zwei Kinder pro Frau im Alter von 40 Jahren haben den gleichen Effekt wie ein Kind pro Frau mit 20 Jahren.

Ja, das stimmt. Die Generationen liegen weiter auseinander. Das Beste für Deutschland wäre es, wenn man die Bevölkerung stabil halten würde. Dafür müssten die Kinder möglichst früh kommen. Dann holt man auf. In Deutschland sind wir aber im Moment bei einem Durchschnittsalter bei der Geburt von über 30 Jahren angelangt. Das ist nah an der natürlichen Grenze. Der von den UN prognostizierte Verschiebungsprozess ins höhere Alter hat also seine Grenzen. Wir haben vor zehn Jahren eine Kohortenanalyse gemacht. Da konnte man zeigen, dass die 1,8 Kinder eigentlich die gelebte Lebenswirklichkeit der Frauen in den 1980er Jahren war – also gar nicht so unmodern. Die 1,8 Kinder pro Frau, zu denen die hoch entwickelten Länder laut Prognose tendieren, sind nichts Verrücktes. Der Unterschied zwischen 1,6 und 1,8 ist verschwindend gering für die Menschen.

Wenn der Höhepunkt am Ende des Jahrhunderts mal erreicht ist und alle Länder im Schnitt auf das Ideal von 1,8 kämen, was würde dann langfristig passieren?

Dann wird nicht nur die Weltbevölkerung, sondern auch die Bevölkerung in diesen Ländern zurückgehen. Und das hat Folgen. Wir haben im Jahr 2002 mit der damaligen durchschnittlichen Kinderzahl von rund 1,4 Kindern pro Frau berechnet, was passieren würde. Entsprechend dieser Prognose hätte die Bundesrepublik im Jahr 2300 noch drei Millionen Einwohner. Der Bevölkerungsrückgang wird auf lange Sicht nicht billig werden. Wir sehen das schon jetzt bei der Rente, die nicht mehr gesichert ist. Der Rückgang ist nicht nur eine Einsparung. Es ist auch eine Menge Aufwand notwendig, um mit weniger Menschen auszukommen.

Im Moment beschränkt sich die Methodik ausschließlich auf Annahmen zur Fertilität, Mortalität und Wanderung. Gibt es Überlegungen, andere Indikatoren einzubeziehen? Das International Institute for Applied Systems Analysis in Wien macht das, indem es Bildung zugrunde legt. Man könnte etwa annehmen, die Nutzung moderner Medien ginge einher mit dem Rückgang der Fertilität. Gibt es Überlegungen, die das einzubeziehen?

Die gibt es immer wieder, doch sie werden regelmäßig verworfen. Die bekannten praktischen Beispiele haben bisher nicht zu besseren Prognosen geführt. Denn den erklärenden Prozess, die unabhängige Variable, muss man auch projizieren: Dazu muss man ebenfalls Annahmen treffen – und im Falle der Vereinten Nationen für jedes Land. In manchen Ländern müsste man erst einmal bestimmen, wann bestimmte Technologien überhaupt eingeführt werden. Die gibt es dort noch gar nicht. Insofern ist das schwierig.

Die Prognosen wurden im Laufe der Zeit immer wieder methodisch erneuert. Was hat sich getan und warum?

Man hat bei der Formulierung der Projektionsannahmen der UN bereits versucht, die Formulierung robuster zu machen, indem man nicht die Zahl der Geburten projiziert oder die Fruchtbarkeit selbst, sondern die Rate der Veränderung. Je weiter man in die Differenzen kommt, desto stabiler können Prozesse werden. Für Fruchtbarkeit und Sterblichkeit werden heute außerdem in einer Vorstufe probabilistische Projektionen berechnet, die eigene Erfahrungen und die anderer Länder mit einbeziehen. Durch diese Methode sind Verfälschungen seltener geworden. Auch die mittlere Variante wurde früher deterministisch mit einem Modell berechnet. Heute rechnet man 60.000 Mal die Projektion für jedes Land und verwendet schließlich den Medianwert daraus. Und, man glaubt es nicht, doch es ist so: In 90 Prozent der Fälle stimmt das relativ gut mit den Dingen überein, die vorher mechanisch gemacht wurden.

Wie verfahren die UN denn mit ihren Daten? Machen sie manchmal Stichproben oder vertrauen sie blind auf das, was aus den Ländern gelieferten wird?

Nein. Grundsätzlich gibt es kein blindes Vertrauen. Wir nehmen zwar alles, was wir kriegen können. Aber wir versuchen, alle Informationen durch das Hirn eines Demografen zu drehen. Die Demografie ist damit begnadet, dass sie nur wenige Faktoren hat: Geburten, Sterbefälle und Migration. Das heißt, man kann recht schnell feststellen, ob die Daten stimmen. Wir haben erlebt, dass ein arabischer Staat einen Zensus erhoben und eine neue Bevölkerungszahl herausgegeben hat. Aber die bereitgestellten Daten wiesen die exakt gleiche Altersstruktur wie vor zehn Jahren auf. Das heißt, dort hat sich irgendjemand eine Totalzahl ausgedacht und multipliziert mit der prozentualen Altersverteilung beim letzten Zensus. Man kann aber nicht die gleiche Altersstruktur sehen, da die Leute alle zehn Jahre älter geworden sind. Solche Dinge kriegen wir raus. Für die Datenprüfung wenden wir die meiste Zeit auf.


Nachdruck unter Quellenangabe (Klingholz, Müller / Berlin-Institut) erlaubt.

 

Europa begrüßt alternden Kleinstaat
Bis vor wenigen Jahren war Kroatien ein Kriegsschauplatz vor den Toren der Europäischen Union (EU). Seit wenigen Tagen ist die Balkanrepublik eines ihrer Mitgliedsländer und hat damit einen langen Kriterienkatalog erfüllt. Trotzdem sind die Folgen von Sozialismus und Krieg nach wie vor spürbar. Das zeigt sich auch demografisch.

Kroatien ist mit seinen heute 4,4 Millionen Einwohnern etwa so bevölkerungsreich wie Irland. Seit seiner Unabhängigkeitserklärung von Jugoslawien 1991 hat es rund 300.000 Einwohner verloren. Als zu Beginn der 1990er Jahre das sozialistische Jugoslawien in seine Einzelteile zerbrach, lösten die Balkankriege große Migrationswellen aus. Viele der Flüchtlinge suchten in der Europäischen Union Schutz, andere verließen ihre Heimatorte, blieben aber auf dem Balkan. Denn im Zuge der Kriege wurden dort die Landkarten neu gezeichnet, Grenzverläufe entlang ethnischer Linien gezogen und mit Gewalt durchgesetzt.
In Kroatien etwa war bei Ausbruch des Krieges mehr als jeder Zehnte Serbe. Heute ist es nicht einmal jeder Zwanzigste. Viele haben ihr Glück im Nachbarland Serbien gesucht. Ein kleiner Teil aber ist geblieben oder ist nach dem Krieg in die Heimat zurückgekehrt. Heute leben die kroatischen Serben überwiegend in größeren Städten, die meisten in der Hauptstadt Zagreb. In 16 Gemeinden bilden sie sogar die Bevölkerungsmehrheit. Doch die Versöhnung mit der serbischen Minderheit ist nach wie vor ein sensibles Thema und die Rücksiedlung der im Krieg Vertriebenen verläuft schleppend.
Trotz der Rückkehr einiger Serben und kroatischer Kriegsflüchtlinge aus Westeuropa in den vergangenen Jahren ist der Wanderungssaldo negativ. Dabei war Kroatien als jugoslawische Republik früher ein attraktives Einwanderungsland: In den 1960er Jahren sorgten viele albanische, bosnische und chinesische Gastarbeiter für einen Migrationsüberschuss. Dagegen verlassen, Schätzungen der kroatischen Regierung zufolge, heute jährlich 100.000 junge Kroaten das Land. Sie gehen vorzugsweise nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz. Ein Viertel der kroatischen Schüler entscheidet sich für Deutsch als erste Fremdsprache, das damit nach Englisch am zweitpopulärsten ist.

Vielvölkerstaat

Der Umgang mit ethnischen Minderheiten hat sich auch durch den EU-Beitrittsprozess wegen der Anforderungen zum Schutz von Minderheiten verbessert. Kroatien alleine zählt über zwanzig ethnische Gruppen. Die größte bilden die Serben mit weitem Abstand vor den Bosniaken (0,7 Prozent) und Italiener (0,4 Prozent). Neben den aufgelisteten Gruppen leben auch einige Deutsche, Österreicher, Russen, Juden, Polen, Rumänen, Bulgaren, Türken und Walachen hier. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist mit jeweils weniger als 0,1 Prozent aber verschwindend gering. (Datengrundlage: Bevölkerungszensus 2011. Kroatische Statistikbehörde).

Ein maßgeblicher Grund für die starke Abwanderung ist die schleppende Wirtschaftsentwicklung. Kroatien hat sich noch nicht gänzlich von der Isolation im Sozialismus und von den Kriegsfolgen erholt. Die Arbeitslosenquote beträgt 18 Prozent. Damit hat Kroatien eine der höchsten Arbeitslosenquoten EU-weit. Nur Griechenland und Spanien liegen noch darüber. Der wichtigste Wirtschaftsbereich ist der Tourismus. Doch der hat in den vergangenen Jahren durch die Finanz- und Wirtschaftskrise stark gelitten.
Besonders für junge Menschen ist es schwierig, einen Arbeitsplatz zu finden. Beinahe jeder zweite zwischen 15 und 24 Jahren ist arbeitslos. Und weil sie keine Berufserfahrung sammeln können, bleiben ihre Chancen gering. Darüber hinaus ist ihr Ausbildungsniveau oft schlecht. Die Studenten haben erst sehr spät im Verlauf ihres Studiums und häufig erst danach die Möglichkeit, sich zu spezialisieren. Der Weg zur Universität bleibt vielen verschlossen. Gerade einmal 23,7 Prozent der 30- bis 34-jährigen Bevölkerung weisen einen abgeschlossenen Hochschulabschluss auf. Damit liegt Kroatien weit unter dem EU-Durchschnitt (35,8 Prozent) und steht unter Reformdruck. Denn die EU hat es sich zum Ziel gesetzt, den Akademikeranteil der 30- bis 34-Jährigen bis zum Jahr 2020 auf mindestens 40 Prozent zu steigern. Einige EU-Länder wie Litauen, Frankreich, Estland haben diesen Zielwert schon erreicht. In Deutschland liegt er bei 31,9 Prozent.
Der EU-Beitritt erleichtert jungen Kroaten die Auswanderung und erhöht ihre Chancen auf einen Job und eine Ausbildung im Ausland. Doch je mehr von ihnen das Land verlassen, desto schneller altert die kroatische Gesellschaft. Wie in den anderen Transformationsländern auch, ist die Fertilitätsrate im Zuge der Umbrüche der 1990er Jahre in Kroatien rapide gesunken. Sie liegt heute bei 1,4 Kindern pro Frau. Damit sieht sich das Land heute bereits den Herausforderungen des demografischen Wandels gegenüber. Kroatien muss also zwei Herausforderungen gleichzeitig stemmen: sowohl die wirtschaftliche Modernisierung, die nach wie vor nicht abgeschlossen ist, als auch den demografischen Wandel, der Geld kosten wird. Doch dass die Kroaten zielstrebig in die Zukunft schreiten und Herausforderungen gezielt anpacken können, haben sie im Zuge des EU-Beitritts bereits bewiesen.

Links/Literatur

Eurostat Pressemitteilung (2013): Kroatien in der EU in Zahlen.

Jan Diedrichsen (2011): Das 28. Mitglied in der Europäischen Union: Minderheitenfragen in Kroatien noch lange nicht geklärt.

Eurostat (2012): Bildungsstatistiken auf regionaler Ebene.



Ausgabe 155, 11.07.2013

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