5. Ausgabe, 16. Januar 2004

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politk, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

 

   
     
  1. Ist Zuwanderung ein Verlustgeschäft?
Die Aufnahme von Migranten kann den Staat viel Geld kosten

Kurznachricht (631 Zeichen)
Bericht mit Grafik (2.971 Zeichen)

2. Familienplanung im Sinne des Islam
Muslimische Geistliche lehren Verhütung auf den Philippinen

Kurznachricht (761 Zeichen)
Bericht mit Grafik (3.982 Zeichen)

3. 100.000 Rupien für zehn Kinder
Indiens Ultrarechte fordern mehr Nachwuchs von Hindus

Kurznachricht (1.026 Zeichen)
Bericht mit Grafik (2.702 Zeichen)

   
     
  1. Ist Zuwanderung ein Verlustgeschäft?
Die Aufnahme von Migranten kann den Staat viel Geld kosten

Die Zuwanderung der vergangenen Jahrzehnte in den Niederlanden war ökonomisch gesehen ein Verlustgeschäft. Dies ergab eine Studie des CPB Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis, die im Dezember in Berlin vorgestellt wurde. Danach kostet jeder nicht westliche Einwanderer im Laufe seines Lebens den Staat durchschnittlich 50.000 Euro. Der Traum der Deutschen, mit Hilfe von Zuwanderern die Probleme seiner alternden und schrumpfenden Bevölkerung zu lösen, scheint damit ausgeträumt. Einziges Mittel gegen eine auch zukünftig negative "Zahlungsbilanz" der Migration scheint die gezielte Auswahl von Zuwanderern zu sein.

Für Interviews steht Steffen Kroehnert unter 030 - 22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
  2. Familienplanung im Islam
Muslimische Geistliche auf den Philippinen rufen zur Verhütung auf

Muslimische Geistliche auf den Philippinen haben jüngst eine Lehranweisung veröffentlicht, um Informationen über Verhütung zu verbreiten. Sie weisen ausdrücklich darauf hin, dass Familienplanung mit dem islamischen Glauben vereinbar ist. Belegt wird der Aufruf mit zahlreichen Versen aus dem Koran, die dem Wohlergehen der Kinder den Vorrang vor einer großen Familie geben. Die Schriftgelehrten betonen sogar, dass Familienplanung nicht nur erlaubt, sondern unter Umständen sogar gefordert wird. Beispielsweise, wenn einer der Partner eine übertragbare Krankheit hat, die Gesundheit der Frau geschont werden muss oder der Ehemann keine weiteren Kinder unterstützen kann.

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
  3. 100.000 Rupien für zehn Kinder
Indiens Ultrarechte fordern mehr Nachwuchs von Hindus

In Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, wirbt die ultrarechte Partei Shiv Sena (übersetzt: Armee des Gottes Shiva) mit dem Slogan: "100.000 Rupien Belohnung für mehr als zehn Kinder". Die umgerechnet rund 1800 Euro entsprechen fast vier durchschnittlichen Jahreseinkommen. Die Initiative der Partei gilt freilich nur der hinduistischen Bevölkerungsmehrheit. Mit dem Aufruf zur Vermehrung soll die muslimische Minderheit in Uttar Pradesh, die lediglich 17 Prozent der Bevölkerung stellt, gegenüber den Hindus klein gehalten werden. Shiv Sena untergräbt mit dem Aufruf bewusst die Bemühungen der Regierung, die hohen Geburtenraten in dem extrem armen Bundesland durch Familienplanung zu senken. "Angesichts des gespannten Verhältnisses zwischen Muslimen und Hindus in Indien können solche Aufrufe der Hindu-Nationalisten verheerende Folgen haben", warnt das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung".

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
  1. Ist Zuwanderung ein Verlustgeschäft?
Die Aufnahme von Migranten kann den Staat viel Geld kosten

Die Aufnahme von wenig qualifizierten Zuwanderern kostet den Staat eine Menge Geld. Zu dieser Aussage kommt eine Studie des "Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis" in Den Haag. Darin wurden die ökonomischen Kosten und Nutzen von Migranten für die niederländische Gesellschaft untersucht. Die Ergebnisse sind auch für andere Staaten von Bedeutung, denn der europaweite Geburtenrückgang erfordert in Zukunft eine wachsende Zahl von Einwanderern. Und dabei stellt sich die Frage, ob sich mit den Zuwanderern womöglich auch die Probleme der Renten- und Sozialversicherungskassen lösen lassen.

Von den 16 Millionen Niederländern sind 20 Prozent nicht im Lande geboren. Die Hälfte davon stammt aus Nicht-Industrie-Ländern wie Niederländische Antillen, Marokko und der Türkei. Gerade diese Zuwanderer haben die größten Probleme bei der Integration. Die hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität in vorwiegend von Migranten bewohnten Stadtteilen hat in den vergangenen Jahren in den Niederlanden zu einer Verunsicherung der heimischen Bevölkerung geführt. Ein Phänomen, das viele Wähler ins rechte Lager des 2002 ermordeten Populisten Pim Fortuijn abwandern ließ.

Die wirtschaftlichen Folgen für den niederländischen Staat, so die Studie, sind nicht weniger ernüchternd. Denn während die begrenzte Zahl der Einwanderer mit hoher Berufsqualifikation im Laufe ihres Lebens der Staatskasse sogar mehr nützen als Einheimische, ist die Mehrheit der Migranten ein reiner Kostenfaktor. Durchschnittliche Einwanderer aus Nicht-Industrieländern empfangen im Laufe ihres Lebens deutlich mehr Mittel an staatlichen Transferleistungen, als sie dem Fiskus an Steuern bezahlen. Unter dem Strich kostet jeder dieser Zuwanderer, wenn er im Alter von 25 Jahren nach Holland kommt, im Laufe seines Lebens rund 50.000 Euro. Die Forscher kritisieren die jahrzehntelange niederländische Praxis der ungesteuerten Einwanderung von Menschen mit schlechtem Bildungs- und Ausbildungsstand. Dies führe zu hoher Arbeitslosigkeit. Speziell Frauen hätten nicht einmal das Bedürfnis, auf Arbeitssuche zu gehen.

Für Deutschland sei es deshalb erforderlich, gezielt nach Einwanderern mit besonderen Qualifikationen zu suchen, betont das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung". Klassische Einwanderungsländer wie die Australien, Neuseeland und Kanada praktizieren dies schon seit Jahrzehnten. Völlig zu unterbinden ist der Zuzug von schlecht Ausgebildeten allerdings nicht, schon weil für Flüchtlinge und Familiennachzügler humanitäre Lösungen gefunden werden müssen. Zudem werden die alternden Industrieländer zunehmend vor einem Wettbewerb um qualifizierte Einwanderer stehen. "Deshalb sollten ausländische Jugendliche schon im Kindergartenalter die deutsche Sprache erlernen", sagt Dr. Reiner Klingholz. Direktor des Berlin-Instituts. "Nur so haben die Migranten in der zweiten Generation eine Chance auf Bildung und können später im produktiven Teil der Bevölkerung unterkommen."


Durchschnittliche jährliche Netto-Beiträge zum Staatshaushalt nach Lebensalter

Quelle: CPB Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis

Für Interviews steht Steffen Kroehnert unter 030 - 22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
 

2. Familienplanung im Sinne des Islam
Muslimische Geistliche lehren Verhütung auf den Philippinen

Familienplanung ist mit dem islamischen Glauben vereinbar. Das besagt eine Lehranweisung (Fatwa), die muslimische Geistliche auf den Philippinen jüngst erlassen haben. Die Fatwa entstand nach Beratungen von rund 100 islamischen Schriftgelehrten zu den Aussagen des Korans über Familienplanung. Damit reagierten die Geistlichen auf eine kürzlich veröffentlichte Umfrage aus der vorwiegend muslimischen autonomen Region Mindanao. Diese hatte ergeben, dass die Bevölkerung häufig auf Familienplanung verzichtet, weil sie Verhütung für nicht mit dem Islam vereinbar hält.

Heute leben rund 82 Millionen Menschen auf den Philippinen. Im Jahr 2050 werden es bereits 133 Millionen sein. Durchschnittlich bekommt jede Frau 3,5 Kinder. 83 Prozent der Bevölkerung sind Katholiken. Der Einfluss der katholischen Kirche auf Politik und Gesellschaft ist groß. Ihre vehemente Opposition gegen Familienplanung und Sexualaufklärung erschwert Maßnahmen zur Verlangsamung des Bevölkerungswachstums, das die Regierung insgesamt als zu hoch einschätzt. Fünf Prozent der Bevölkerung sind Muslime.

Entgegen weit verbreiteten Vorurteilen erlaubt der Islam Familienplanung. Zwar gelten Kinder als ein Segen Allahs, als "Zierde des Lebens". Der Prophet Mohammed selbst war Familienvater und forderte seine Anhänger auf, seinem Vorbild zu folgen. Aber die Gläubigen sind nicht aufgefordert, das Leben unter allen Umständen weiter zu geben. Zahlreiche Verse des Korans weisen darauf hin, dass ein Wohlergehen der Kinder Vorrecht vor einer großen Familie hat. Es gibt bereits eine Jahrhunderte alte Tradition von Familienplanung in der muslimischen Welt. Der Koran selbst empfiehlt den Coitus interruptus zur Empfängnisverhütung. Viele der Schriftgelehrten betonen daher, dass Familienplanung nach islamischen Recht nicht nur erlaubt, sondern unter Umständen sogar notwendig ist. Sie fordern ausdrücklich zur Verhütung auf, wenn die Ehefrau sich von einer Schwangerschaft erholt, die Gesundheit der Frau aus anderen Gründen geschont werden muss, wenn einer der Partner eine übertragbare Krankheit hat oder der Ehemann keine weiteren Kinder unterstützen kann.

Lediglich an der Frage der Sterilisation scheiden sich die Geister. Die meisten Gelehrten lehnen irreversible Methoden der Empfängnisverhütung ab. In Ländern wie dem Iran, der Türkei oder Tunesien ist die Sterilisation allerdings erlaubt.

Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" begrüßt den Aufruf der philippinischen Mullahs. Denn viele islamische Länder weisen ein sehr hohes Bevölkerungswachstum auf, das nur noch von dem Großteil der schwarzafrikanischen Nationen übertroffen wird. "Genau wie dort erschwert dieser Zuwachs jede ökonomische Entwicklung", sagt Reiner Klingholz, Direktor der Berlin-Instituts. "Die Versorgungs- und Gesundheitssysteme sind hoffnungslos überfordert und der Arbeitsmarkt kann schon jetzt nicht ausreichend Jobs für die Menschen zur Verfügung stellen. Umgekehrt haben islamische Länder wie Bangladesch gezeigt, dass Familienplanung einen Ausweg aus Armut und Unterentwicklung weisen kann."

Eine Abtreibung ist nach islamischem Verständnis kein Mittel der Familienplanung - es sei denn, das Leben der Mutter ist in Gefahr. Diese Ausnahme gilt nur während des ersten Drittels einer Schwangerschaft. Grundlage für diese Entscheidung sind die Worte Allahs: " Töte Deine Kinder nicht aus Gründen der Armut - wir werden für Dich und sie sorgen" (al-Anaam 151). Ein liberaleres Abtreibungsrecht, das sich nicht nur nach der Auslegung des Koran richtet, gilt in Ländern der ehemaligen Sowjetunion wie Aserbaidschan, Kirgisien, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan sowie in Albanien, Tunesien und der Türkei.

Quellen:
CBN News
Alan Guttmacher Institute

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
       
     
  3. 100.000 Rupien für zehn Kinder
Indiens Ultrarechte fordern mehr Nachwuchs von Hindus

In Indien wirbt die ultrarechte Partei Shiv Sena mit dem Slogan: "100.000 Rupien Belohnung für mehr als zehn Kinder". Die umgerechnet rund 1800 Euro entsprechen fast vier durchschnittlichen Jahreseinkommen. Generell will die Partei in Uttar Pradesh, dem bevölkerungsreichsten Bundesstaat Indiens, Familien mit mehr als vier Kindern fördern - vorausgesetzt, es sind Hindus. Hinter der Aktion steht allerdings keine familienfreundliche Politik, sondern reine Propaganda.

Die Bevölkerung von Uttar Pradesh besteht derzeit zu über 80 Prozent aus Hindus. Nur 17 Prozent der Menschen sind Muslime. Die Geburtenrate in dem selbst für Indien armen und extrem dicht besiedelten Bundesstaat liegt mit durchschnittlich 4,5 Kindern pro Frau deutlich über dem Landesdurchschnitt von 3,1. Bei dieser Wachstumsrate droht sich die Bevölkerung binnen 30 Jahren zu verdoppeln - mit dramatischen Folgen für die soziale und wirtschaftliche Lage.

Aus diesem Grund hat die Regierung von Uttar Pradesh die Kampagne "Kleine Familien - glückliche Familien" ins Leben gerufen. Mehr als 500 Millionen Rupien steckt die Verwaltung von Uttar Pradesh jährlich in Kampagnen zur Familienplanung, um das Bevölkerungswachstum unter den 166 Millionen Einwohnern zu begrenzen. Doch die offizielle Politik stößt auf vehementen Widerstand der hinduistischen Fundamentalisten: "Wenn wir dem Aufruf der Regierung zu kleineren Familien folgen, wird der Tag nicht fern sein, an dem die Muslime uns an Zahl überlegen sind", sagt Vijay Tiwari, der Vorsitzende der Partei Shiv Sena (übersetzt: Armee des Gottes Shiva) in Uttar Pradesh.

Das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" warnt vor den Folgen der pronatalistischen Propaganda aus dem rechten Spektrum. "Die Gewaltausbrüche zwischen Muslimen und Hindus in der Provinz Gujarat im letzten Jahr haben deutlich gezeigt, wie spannungsgeladen das Verhältnis zwischen Muslimen und Hindus in Indien ohnehin schon ist. "Bevölkerungswachstum als Waffe gegen Minderheiten einzusetzen, erschwert das friedliche Zusammenleben noch mehr", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts.

Ähnliche Versuche, Politik mit Kinderreichtum zu betreiben, sind aus der nationalsozialistischen Ära bekannt. Auch im Konflikt zwischen dem Iran und dem Irak in den 1980er Jahren wurde jedes neugeborene Kind zum "Pfeil im Auge des Gegners" hochstilisiert. Und heute versuchen sich im Nahen Osten Palästinenser und jüdische Siedler in ihren Kinderzahlen zu übertreffen, um politische Ansprüche geltend zu machen. In allen Fällen waren pronatalistische Kampagnen Vorboten bewaffneter Auseinandersetzungen.

Entwicklung der Muslimische Bevölkerung in Uttar Pradesh (1951 bis 2001)

Quelle:
PopReporter, 24. Nov. 2003

Weitere Informationen

Für Interviews steht Ilsabe v. Campenhausen unter 0172-40 83 182 zur Verfügung.

   
     
 

Ältere Ausgaben finden Sie im Archiv:
http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs_newsletter_archiv.html

Möchten Sie den Newsletter abbestellen? Bitte hier klicken.

Dieser Newsletter wird herausgegeben von dem Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung, Wissenschaftsforum Berlin, Markgrafenstr. 37, 10117 Berlin