Anmelden Glossar Über uns Kontakt  
 
 
13. Ausgabe, 20. Januar 2005

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

Der Abdruck von Artikeln und Grafiken ist honorarfrei. Um die Übersendung eines Belegexemplars wird gebeten.

Wenn Sie den Newsletter DEMOS nicht mehr erhalten wollen, können Sie sich hier abmelden.

 
   
 
   

1. Das Ende des Mega-Reis-Projektes
Starkes Bevölkerungswachstum kann zu politischen Fehlentscheidungen führen

Bericht mit Grafik

2. Russlands Bevölkerung droht der Kollaps
Niedrige Geburtenraten, ein desolates Gesundheitssystem und der rasante Anstieg von Aids-Infektionen könnten die Einwohnerzahl der einstigen Supermacht bis zum Jahr 2050 halbieren

Bericht mit Grafik

 

 
     
 

1. Das Ende des Mega-Reis-Projektes
Starkes Bevölkerungswachstum kann zu politischen Fehlentscheidungen führen

Mit rund 220 Millionen Einwohnern ist Indonesien heute das viertmenschenreichste Land der Welt. Und weil die Bevölkerung weiter wächst, werden in dem Inselreich UN-Prognosen zufolge im Jahr 2050 über 300 Millionen Menschen wohnen. Nur wo und wovon sie leben werden ist derzeit nicht ganz klar.

Indonesiens ehemaliger Diktator Suharto hatte dazu seine eigenen Ideen: Mit einem gewaltigen Umsiedelungsprogramm wollte er Millionen seiner Landleute von den stark besiedelten Inseln Java und Bali in die wenig bevölkerten und von dichtem Urwald bewachsenen Gebiete Borneos verfrachten. Nur ein Viertel der Bauern auf Java verfügt überhaupt über eigenes Ackerland. Die Provinz Zentral-Kalimantan auf Borneo sollte deshalb zur Reiskammer Indonesiens werden. Das "Mega-Reis-Projekt" war geboren.

Weite Teile des tropischen Regenwaldes auf Borneo wachsen auf mächtigen, bis zu 20 Meter starken Torfschichten. Diese Biomasse hat sich über Jahrtausende angesammelt und ist durch den hohen Wasserstand der Sümpfe vor der Verrottung geschützt. Über eine Million Hektar dieser Wälder wollte Suharto in Reisfelder verwandeln. Dazu wurden die Bäume gerodet und die Sümpfe mit einem System aus 4.600 Kilometern Kanälen trockengelegt. Handarbeit für Zehntausende von landlosen Javanesen.

Doch mittlerweile gilt das "Mega-Reis-Projekt" als gescheitert. Es sei kaum ein Korn Getreide geerntet worden, berichtet das britische Wissenschaftsmagazin "Nature". Denn die sauren und extrem nährstoffarmen Torfböden eignen sich kaum für die Landwirtschaft. Viele der Umgesiedelten haben Borneo inzwischen wieder verlassen.

Stattdessen tut sich ein gigantisches Umweltproblem auf: Denn die vermeintliche Urbarmachung hat die torfige Biomasse nicht nur ans Licht, sondern nach 26.000 Jahren im Verborgenen auch an die Luft gebracht. Und dort beginnen Bakterien die kohlenstoffhaltige Substanz abzubauen. Dabei werden große Mengen an Methan und Kohlendioxid freigesetzt, die beiden wichtigsten Treibhausgase in der Atmosphäre.

Vor allem aber breiten sich in der trockengelegten Landschaft nach dem Ende der Regenzeit regelmäßig Feuer aus. Die schlimmsten Brände wüteten während des letzten großen El Niño im Jahr 1997, aber auch in den Jahren 2002 und 2004. El Niño ist ein Klimaphänomen, das regelmäßig und weltweit für einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren für extreme Wetterlagen sorgt.

1997 waren die Torfbrände in einer achtmonatigen Dürrephase völlig außer Kontrolle geraten und hatten zwischen 0,9 und 2,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid freigesetzt. "Dies entspricht der zehn- bis zwanzigfachen Menge, die Deutschland in den letzten zehn Jahren im Rahmen der Klimapolitik mit Milliardenaufwand eingespart hat", meint Florian Siegert, ein Experte von der Universität München, der diese Torfbrände anhand von Satellitenmessungen untersucht hat. "Eine global gesehen eher kleine Region kann somit innerhalb kürzester Zeit die Umweltanstrengungen einer ganzen Industrienation zunichte machen."

Um diese Kohlendioxid-Mengen mit neu angepflanztem Wald wieder einzufangen, müsste man über 200.000 Quadratkilometer aufforsten, eine Fläche zweieinhalb mal so groß wie Österreich, und den Bäumen dann dreißig Jahre Zeit zum Wachsen lassen. Die einzige Möglichkeit, der Katastrophe Einhalt zu gebieten, sei es, große Dämme zu errichten und das ganze Gebiet wieder zu fluten, meint Siegert.


Quellen:
Nature, Vol 432, 11. November 2004, Seite 144
www.rssgmbh.de/de/projects/research/Nature/Nature2002.html

Für Interviews steht Nienke van Olst unter 030-31017450 zur Verfügung


   
 



2. Russlands Bevölkerung droht der Kollaps
Niedrige Geburtenraten, ein desolates Gesundheitssystem und der rasante Anstieg von Aids-Infektionen könnten die Einwohnerzahl der einstigen Supermacht bis zum Jahr 2050 halbieren

Das russische Volk schmilzt jedes Jahr um eine dreiviertel Million Menschen dahin. Der amerikanische Bevölkerungsexperte Murray Feshbach befürchtet, daß die Einwohnerzahl von Russland zur Jahrhundertmitte von heute 145 Millionen auf rund hundert Millionen sinken wird - und auch das nur, falls das Land die galoppierende Verbreitung des Immunschwäche-Erregers HIV eindämmen kann. Falls nicht, könnte die Bevölkerung bis auf 75 Millionen Menschen zurückgehen - ein Schwund, der den Fortbestand des russischen Staates und die Sicherheit seiner Nachbarn bedrohen würde.

Grund für diese Entwicklung ist eine drastisch gesunkene Geburtenrate und die beständig steigende Sterblichkeit bei Erwachsenen. Auf zehn Neugeborene kommen heute in Rußland 17 Todesfälle. Während die Lebenserwartung in fast allen Industrienationen fortwährend ansteigt, sinkt sie unter russischen Männern bereits seit 1965. Heute beträgt sie nur noch 58 Jahre, selbst in Bangladesch werden die Männer älter. Nur die Hälfte der männlichen Bevölkerung erreicht ein Alter von 60 Jahren (in Deutschland 87,5 Prozent), der Rest stirbt vorher - hauptsächlich an Herzkreislauf-Erkrankungen, den Folgen von Alkoholismus oder Tuberkulose.

Doch die größte Gefahr für die Stabilität des Riesenlandes ist Aids. Bereits jetzt gehen die Vereinten Nationen von bis zu 1,2 Millionen Infizierten in Russland aus (Westeuropa etwa 600.000). Nirgendwo, nicht einmal in Afrika, nimmt die Zahl der HIV-Infizierten so rapide zu wie in Russland und in der Ukraine. Bereits heute haben sich in manchen Städten fünf Prozent der männlichen Bevölkerung mit dem Virus angesteckt. In der Industriestadt Togliatti sind gar zwischen 7 und 8,4 Prozent der 20 bis 29-jährigen Männer positiv. Feshbach nimmt an, dass mittlerweile ein Prozent der Bevölkerung das Virus tragt. Ein Prozent gilt als kritische Grenze, ab der die Epidemie kaum mehr zu kontrollieren ist. Bis 2020 könnte die Zahl der HIV-Positiven auf 14 Millionen gestiegen sein. Dann würden jedes Jahr 650.000 Menschen an der Seuche sterben. Allein für Medikamente müßte der Staat jährlich 28,5 Milliarden Dollar aufwenden.

Der Demograf Murray Feshbach befürchtet durch den Bevölkerungsrückgang tiefgreifende Verwerfungen in der russischen Gesellschaft. Er sagt einen jährlichen Schwund von bis zu acht Prozent des Bruttosozialproduktes voraus, wenn die Zahl der Aids-Erkrankungen voll durchschlägt - eine Entwicklung, die das Land an den Rand seiner Stabilität führen könnte. Bereits jetzt steht Pakistan im Begriff, seinen westlichen Nachbarn hinsichtlich der Einwohnerzahl zu überholen. Der russische Teil Sibiriens entvölkert sich zusehends, während das angrenzende China unter einer hohen Bevölkerungsdichte leidet.

"Dieser Teil der Erde steht vor epochalen Umbrüchen", glaubt Feshbach. Doch anders als die von Aids getroffenen Länder Afrikas, in denen zum Teil jeder Fünfte infiziert ist, liegt Rußland an der sensiblen Gelenkstelle zwischen Asien und Europa. Noch immer verfügt es über ein riesiges Arsenal an chemischen, biologischen und atomaren Waffen. Zu deren Überwachung steht immer weniger qualifiziertes Personal bereit. Schon heute ist nur etwa jeder zehnte Wehrpflichtige diensttauglich; der Anteil der bei der Musterung HIV-positiv Getesteten stieg seit 2000 um das Fünfundzwanzigfache.

Doch bisher nimmt die Putin-Regierung die Katastrophe kaum zur Kenntnis. Brasilien, mit einer vergleichbaren Bevölkerungszahl und einem etwas niedrigeren Pro-Kopf-Einkommen, gibt jedes Jahr fast eine Milliarde Dollar für den Kampf gegen Aids aus. Russland investiert nicht einmal ein Zehntel dieser Summe. Pro Einwohner standen im Jahr 2004 etwas über fünf Rubel zur Aids-Prävention und - Behandlung zur Verfügung - etwas mehr als der Preis einer Packung Zigaretten.

Dafür überwies Russland gerade zwanzig Millionen Dollar an den globalen Aids-Fonds, der die Krankheitsbekämpfung vor allem in Afrika verbessern soll. "Die Russen möchte mit den USA verglichen werden, nicht mit Ghana", sagt Feshbach. "Aber Aids wird ihnen nicht erlauben, sich dieser Illusion länger hinzugeben."


Quelle:
Feshbach, Murray (2005): HIV / Aids in Russia - an analysis of statistics. Woodrow Wilson International Center for Scolars, Washington
Specter, Michael (2004):The Devastation. The New Yorker

Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung

   
 

 

Ältere Ausgaben finden Sie im Archiv:
http://www.berlin-institut.org/pages/fs/fs_newsletter_archiv.html

Möchten Sie den Newsletter abbestellen? Bitte hier klicken.

Dieser Newsletter wird herausgegeben von dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung,
Schillerstr. 59, 10627 Berlin