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11. Ausgabe, 20. September 2004

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Emanzipation statt Kindergeld
Welches sind die besten Rezepte für mehr Nachwuchs für Europa?

Bericht mit Grafik

2. Deutliches Nord-Südgefälle
Deutschland ist Schlusslicht in Sachen Kinderfreundlichkeit in Europa

Bericht mit Grafik

 
 

1. Emanzipation statt Kindergeld
Welches sind die besten Rezepte für mehr Nachwuchs für Europa?

Nicht traditionelle Familienwerte sondern die Emanzipation von Frauen und die Modernisierung der Gesellschaft sorgen in Westeuropa für mehr Nachwuchs. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung".

In den Ländern Westeuropas variiert die durchschnittliche Kinderzahl je Frau zwischen 1,2 und 1,9. Während im Süden des Kontinents die Kinderzahlen durchweg sehr niedrig liegen, erreichen sie in Frankreich und Irland fast das Niveau, das für den stabilen Bestand einer Bevölkerung nötig wäre. Aber wie erklärt sich ein Unterschied von 50 Prozent zwischen Ländern wie Italien und Island?

Das Berlin-Institut hat den Zusammenhang zwischen den Kinderzahlen und verschiedenen sozioökonomischen Indikatoren untersucht. Das überraschende Ergebnis: Wo Frauen besonders emanzipiert sind und qualifizierten Berufen nachgehen, wo traditionelle Familienwerte wenig gelten und die Scheidungsraten hoch liegen, wird weitaus mehr Nachwuchs geboren, als in Ländern, in denen die Frauen eher am Herd stehen und am Arbeitsmarkt benachteiligt sind.

Europaweit streben immer mehr Frauen nach guter Ausbildung, nach eigener beruflicher Entwicklung und wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Die Mehrheit der Frauen möchte aber auch Kinder. Wo sich beide Wünsche schlecht vereinbaren lassen, entscheiden sie sich immer häufiger für die berufliche Karriere. Länder, in denen Frauen zwar emanzipiert sind, der Rest der Gesellschaft aber noch auf einem vergleichsweise traditionellen Entwicklungsstand verharrt, leiden deshalb am meisten unter Nachwuchsmangel. Wo Frauen "moderner" sind als die Gesellschaft, in der sie leben, passen Kinderwunsch und individuelle Lebensentwürfe nicht mehr zusammen. Zum Beispiel in Italien, wo Frauen mittlerweile die Mehrheit der Hochschulabsolventen stellen, die Männer aber noch weitgehend in konservativen Rollenmustern denken und häufig noch im Erwachsenenalter im Haushalt der Eltern leben.

Vor allem eine Benachteiligung der Frauen am Arbeitmarkt geht mit niedrigen Kinderzahlen einher. So liegt die Erwerbstätigkeit von 25- bis 54-jährigen Frauen in den besonders kinderarmen Ländern Spanien und Griechenland um 35 Prozentpunkte niedriger als die der gleichaltrigen Männer. Im kinderfreundlichen Schweden beträgt diese "Geschlechter-Lücke" nur vier Prozentpunkte. Auch wo Frauen häufiger arbeitslos sind als Männer, werden im Durchschnitt weniger Kinder geboren. Je schwieriger die Situation von Frauen auf dem Arbeitsmarkt, um so geringer die Kinderzahl.

Umgekehrt liegen dort die Kinderzahlen hoch, wo es kaum noch Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern gibt, wo sich auch Väter um kleine Kinder kümmern und wo eine Kinderbetreuung schon ab dem ersten Lebensjahr Müttern die Möglichkeit gibt, berufstätig zu bleiben.

Auf den ersten Blick verblüffend ist die Tatsache, dass traditionelle Familienstrukturen nicht kinderförderlich sind: In liberalen Kulturen, wo Ehen häufig geschieden werden, wo Eltern ohne Trauschein zusammenleben und viele Kindern außerehelich zur Welt kommen, lassen sich die Menschen am ehesten auf Kinder ein. So werden im familienfreundlichen Schweden die Hälfte aller Kinder von unverheirateten Müttern geboren. In Gesellschaften hingegen, in denen die Scheidung oder uneheliche Kinder tabuisiert sind, wie etwa in Griechenland, entscheiden sich immer mehr Menschen für ein Leben ohne Kinder.

Das Berlin-Institut sieht daher als wichtigste Maßnahmen auf dem Weg zu höheren Kinderzahlen und zu demografischer Nachhaltigkeit die Gleichbehandlung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt, die Sicherstellung einer Kinderbetreuung bereits ab dem ersten Lebensjahr und die Abschaffung von finanziellen Privilegien für die Institution Ehe, solange sie die Abhängigkeit der Partner voneinander fördern. Erst damit ließe sich der Kinderwunsch potenzieller Eltern und die beruflichen Ansprüche von Frauen miteinander vereinbaren.


Tendenziell werden dort in Europa am meisten Kinder geboren, wo die Gesellschaft auch uneheliche geborene Kinder als etwas Normales akzeptiert. Irland gilt als Sonderfall, denn in diesem Land waren Ehescheidungen bis 1996 verboten.

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Für Interviews steht Steffen Kröhnert und 030-22324844 zur Verfügung.

 

 

2. Deutliches Nord-Südgefälle
Deutschland ist Schlusslicht in Sachen Kinderfreundlichkeit in Europa

Das "Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung" hat neun westeuropäische Länder auf ihre Kinderfreundlichkeit untersucht. Das Ergebnis: Island auf Platz eins - Deutschland liegt abgeschlagen auf dem letzten Platz der Rangliste.

Für die Wertung wurden sieben Kriterien herangezogen. Etwa das Angebot an Krippen- und Kindergartenplätzen, die Familiengröße oder der Anteil der Frauen, die sich gegen ein Leben mit Kindern entscheiden. Deutschland verzeichnet dabei den höchsten Anteil kinderloser Frauen wie auch den höchsten Wert an Einzelkindern. Nirgendwo gibt es weniger Großfamilien mit drei und mehr Kindern als im Land zwischen Rügen und dem Bodensee.

Eindeutiger Spitzenreiter ist Island, das sich mit Schweden und Frankreich deutlich vom Rest Europas absetzt. Die kinderfreundliche Insel im Nordatlantik liegt bei allen Kriterien auf den vorderen Plätzen. Dort finden gut ausgebildete Frauen gute Betreuungseinrichtungen und auch gute Jobs. Und sie haben offenbar nicht nur Freude an den Kindern, sondern sind auch mit sich selbst rundum zufrieden: Nach einer weltweiten Erhebung dürfen sich die Isländer glücklichstes Volk der Erde nennen. Was sich auch darin niederschlägt, dass die Isländerinnen mit durchschnittlich 25,5 Jahren so früh wie in keinem anderen untersuchten Land mit dem Kinderkriegen beginnen. Das können sie auch unbelastet tun, denn alle Daten weisen darauf hin, dass Island die beste soziale und wirtschaftliche Absicherung für eine Familiengründung bietet.

Einfluss auf die Kinderzahl haben auch die Betreuungseinrichtungen für den Nachwuchs. Während Österreich, Spanien und Italien kaum Betreuung für Kleinkinder bieten, ist die Versorgung mit Krippenplätzen in Schweden, Großbritannien und Frankreich sehr viel besser. Die Angebote für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren sind generell befriedigend: Besonders gut sind sie etwa in den Niederlanden, wo die Schule schon mit vier Jahren beginnt. Unter diesen Bedingungen ist für beide Elternteile eine Berufstätigkeit möglich. Selbst wenn diese Versorgung in Deutschland in der Kindergartenphase gegeben ist, so endet sie häufig, sobald die Mädchen und Jungen in die Grundschule kommen. Denn während Ganztagsschulen in fast allen europäischen Ländern die Norm sind, machen diese in Deutschland nur einen Anteil von wenigen Prozent aus. Die meisten davon hat Berlin zu bieten, wo es viele internationale Schulen gibt.

Deutschland muss in diesem Vergleich nicht nur als kinderunfreundlich, sondern auch als gesellschaftlich rückständig und unmodern bezeichnet werden. Es weist sowohl eine geringe Frauenerwerbsquote wie auch eine steuerliche Bevorzugung von Ehen gegenüber anderen Formen von Familie auf. Nur mit gutem Willen lässt sich dieses Ergebnis auch positiv deuten: Nirgendwo ist das Potential größer, mehr für junge Familien zu tun, als in Deutschland.
Ranking

Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung.

 

 

 

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