7. Ausgabe, 22. April 2004

Der Newsletter DEMOS informiert über demografische Veränderungen und deren Auswirkungen auf Politik, Entwicklung, Wirtschaft und Gesellschaft.

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1. Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation
Neue Studie des Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung

Bericht mit Grafik

2. Gute Aussichten für Eichstätt
Der bayerische Landkreis erreicht in einer neuen Studie zur Zukunftsfähigkeit die besten Noten

Bericht mit Grafik

3. Nach dem Osten schrumpft der Westen
Regionen mit wirtschaftlichen Problemen droht ein deutlicher Bevölkerungsrückgang

Kurznachricht
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4. Kinderreiches Cloppenburg
Liegt die Zukunft Deutschlands im Nordwesten der Republik?

Kurznachricht
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5. Journalisten-Workshop
Demografische Folgen der EU-Erweiterung

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1. Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation
Neue Studie des Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung

Deutschlands Gesellschaft wird sich in den kommenden Jahrzehnten radikal verändern. Landesweit kommt zu wenig Nachwuchs zur Welt und die Bevölkerung altert, die klassischen Industrieregionen haben an Bedeutung verloren und immer mehr Menschen aus anderen Kulturkreisen wandern ein. Das Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung hat die Auswirkungen dieses Wandels regional anhand von 22 Kriterien untersucht. Herausgekommen ist die erste flächendeckende Rangliste in Sachen Zukunftsfähigkeit für alle 440 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte.

Die Liste zeigt, wo die Bevölkerungszahlen auch in Zukunft stabil bleiben werden und wo die Problemzonen liegen; welche Gebiete sogar noch von dem Wandel profitieren können und wo der Schwund nicht mehr aufzuhalten ist und langsam in die Entsiedelung übergeht.

In der Gesamtbewertung ist ein klares Nord-Süd- sowie ein Ost-West-Gefälle zu erkennen. Im Osten ist die anhaltend schlechte Wirtschaftslage dafür verantwortlich, dass bis heute viele junge Menschen abwandern. Besonders in Thüringen und Sachsen-Anhalt kündigt sich aufgrund nahezu aller demografischen und wirtschaftlichen Indikatoren eine weitere Standort-Verschlechterung an. Im Westen stehen Ruhrgebiet und Saarland vor einem Schwund, wie er bis dato nur aus den neuen Bundesländern bekannt ist. Ebenso viele Gebiete entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze: Nordostniedersachsen, Nordhessen und die Region Oberfranken. Wirklich gut auf die Zukunft vorbereitet ist nur der Süden der Republik mit den beiden Ländern Bayern und Baden-Württemberg.

Weil deutschlandweit kein einziger Kreis die für eine stabile Bevölkerung notwendige Kinderzahl von 2,1 je Frau aufweisen kann, haben jene Regionen die besten Aussichten, die attraktiv genug sind, um junge und qualifizierte Menschen anzulocken. Alle anderen verlieren im doppelten Sinn: Weil die Bevölkerung durch Geburtenmangel und Sterbeüberschuss auf natürliche Weise schrumpft; und weil die wirtschaftlich prosperierenden Gebiete junge Fachkräfte abwerben.

Die fünf Schlusslichtkreise sind allesamt Leidtragende des Zusammenbruchs traditioneller Industrien: des Braunkohle-Tagebaus im thüringischen Altenburger Land; des Schiffbaus in Wismar und Bremerhaven, der Kohle in Gelsenkirchen; der Textilwirtschaft in Löbau-Zittau. Der Landkreis Altenburger Land zeigt alle Anzeichen des Niedergangs. Die dortige Wirtschafts- und Kaufkraft gehört zu den geringsten der Republik. Zwischen 1990 und 2001 hat der Kreis 13 Prozent seiner Bevölkerung verloren. Vor allem junge Frauen haben die Region verlassen - und damit die potenziellen Mütter der Zukunft. Je 100 Männer in der Alterklasse der 18- bis 29-Jährigen gibt es im Altenburger Land nur noch 82 Frauen.

Ganz anders sieht die Lage im Süden aus. Von den 20 zukunftsfähigsten Kreisen der Studie liegen 13 in Bayern und sechs in Baden-Württemberg. Erst auf Platz 20 folgt der hessische Main-Taunus-Kreis. Besonders die Umlandgebiete von München und die Region Stuttgart ziehen mit ihrer modernen und florierenden Wirtschaft Menschen an. Sie und ihr Nachwuchs garantieren dem Süden Deutschlands eine relativ junge Bevölkerung und weiteres Bevölkerungswachstum. Gewinner sind vor allem die Speckgürtel der Städte, die von der Stadtflucht junger Familien profitieren.

An der Spitze der Gesamtwertung liegt der oberbayerische Landkreis Eichstätt; gefolgt von Erding, Ebersberg und Freising. Eichstätt, vor den Toren Ingolstadts gelegen, profitiert von der Nähe zu den Audi-Werken und wird aufgrund seiner Wirtschaftskraft bis 2020 vermutlich um weitere 15 Prozent wachsen. Gleichzeitig werden in Eichstätt vergleichsweise viele Kinder geboren - immerhin fast 1,6 je Frau. Mehr als ein Viertel der Bevölkerung ist jünger als 20 Jahre, nur sechs Prozent sind älter als 75.

Cloppenburg, im Westen Niedersachsens gelegen, ist der kinderreichste Kreis Deutschlands. Mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,92 je Frau liegt er fast 30 Prozent über dem deutschen Mittelwert von 1,37. Am wenigsten Nachwuchs verzeichnet mit 0,88 Kindern je Frau das badische Heidelberg.

Die "älteste" Stadt Deutschlands ist die Kurstadt Baden-Baden. 11,8 Prozent der Bevölkerung sind dort über 75 Jahre alt. Nur noch 17 Prozent sind jünger als 20. Auch wenn nach wie vor viele Menschen nach Baden-Baden zuwandern - die Stadt wird auf Grund ihrer Altersstruktur bis zum Jahr 2020 voraussichtlich fast 14 Prozent ihrer Einwohner verlieren.

Unter den Kreisen der neuen Bundesländer schneidet Potsdam-Mittelmark, im Speckgürtel von Berlin gelegen, am besten ab. Der Landkreis profitiert enorm von Stadtflüchtigen aus Potsdam und Berlin. Diese bringen nicht nur ihren Nachwuchs sondern auch ihre Steuerzahlungen mit in das Berliner Umland.

Das größte deutschlandweite Bevölkerungswachstum des letzten Jahrzehnts erlebte der mecklenburgische Landkreis Bad Doberan. Zuwanderer aus Rostock, Schwerin und Wismar ließen die Einwohnerzahl des Küstenkreises zwischen 1990 und 2001 um 26,3 Prozent wachsen. Bad Doberan wurde dadurch auch zum deutschen Wohnungsbau-Meister. Kein Kreis hat, bezogen auf den bisherigen Bestand an Wohnungen, so viel neu gebaut.

Den größten Bevölkerungsverlust musste die sächsische Stadt Hoyerswerda hinnehmen. Die Stadt, in der heute noch etwa 45.000 Menschen leben, hat seit der Wende ein Drittel ihrer Einwohner verloren.

Nahezu Vollbeschäftigung gibt es im bayerischen Landkreis Unterallgäu. Auf 1.000 Einwohner kommen dort nur 9 Menschen, die arbeitslos sind oder von der Sozialhilfe leben. Im deutschen Stadtkreis mit der schlechtesten Bewertung, in Bremerhaven, hängen dagegen 130 von 1.000 Einwohnern von Transferzahlungen des Staates ab.

Das größte Frauendefizit herrscht im vorpommerschen Landkreis Uecker-Randow. Dort gibt es je 100 Männer zwischen 18 und 30 Jahren nur 76 Frauen. Einen Mangel an jungen Männern hingegen hat die badische Universitätsstadt Heidelberg zu verzeichnen. Dort stehen 100 Männern in dieser Altersklasse 122 Frauen gegenüber.

Sieger in der Wirtschaftsbewertung der Berlin-Institut-Studie ist der Landkreis München. Nicht nur das Bruttoinlandsprodukt von mehr als 75.000 Euro je Einwohner ist Spitze, sondern auch die Kaufkraft der Bürger. Nur zwölf von 1.000 Einwohnern sind arbeitslos oder auf Sozialhilfe angewiesen.

Wirtschaftlicher Schlusslichtkreis in den alten Bundesländern ist die Südwestpfalz. Dort beträgt das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner mit 11.155 Euro nur ein Siebentel des Landkreises München. Selbst in Ostdeutschland schneidet nur ein Kreis schlechter ab - der Mittlere Erzgebirgskreis in Sachsen.

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Die Kreise mit der besten Bewertung sind:

Kreis
  Note
Eichstätt (Bayern)   2,64
Erding (Bayern)   2,68
Ebersberg (Bayern)   2,73
Freising (Bayern)   2,73
Böblingen (Baden-Württemberg)   2,77
Bodenseekreis (Baden-Württemberg)   2,82
Landkreis Heilbronn (Baden-Württemberg)   2,82
Landkreis München (Bayern)   2,82
Erlangen-Höchstadt (Bayern)   2,86
Neumarkt in der Oberpfalz (Bayern)   2,86
Pfaffenhofen an der Ilm (Bayern)   2,86
Hohenlohekreis (Baden-Württemberg)   2,91
Kelheim (Bayern)   2,91
Landkreis Landshut (Bayern)   2,91
Landsberg am Lech (Bayern)   2,91
Ludwigsburg (Baden-Württemberg)   2,91
Tübingen (Baden-Württemberg)   2,91

Die schlechteste Bewertung erhielten:

Kreis
  Note
Altenburger Land (Thüringen)   4,95
Bremerhaven (Bremen)   4,95
Gelsenkirchen (Nordrhein-Westfalen)   4,86
Löbau-Zittau (Sachsen)   4,82
Wismar (Mecklenburg-Vorpommern)   4,82
Herne (Nordrhein-Westfalen)   4,77
Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt)   4,73
Pirmasens (Rheinland-Pfalz)   4,73
Aue-Schwarzenberg (Sachsen)   4,64
Görlitz (Sachsen)   4,64
Oberspreewald-Lausitz (Brandenburg)   4,64
Schönebeck (Sachsen)   4,64
Quedlinburg (Sachsen-Anhalt)   4,64
Wilhelmshaven (Niedersachsen)   4,59
Hoyerswerda (Sachsen)   4,59

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Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-22324845 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

   
     
       
 

   
2. Gute Aussichten für Eichstätt
Der bayerische Landkreis erreicht in einer neuen Studie zur Zukunftsfähigkeit die besten Noten

Das oberbayerische Eichstätt ist der deutsche Kreis mit den besten Zukunftsaussichten. Dies ist das Ergebnis der Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation", die das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" heute veröffentlicht. In der Untersuchung sind alle 440 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte nach einem System von 22 Kriterien bewertet. Dabei wurden Daten aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung, Familienfreundlichkeit und Ausländerintegration berücksichtigt. In einer bundesweiten Rangliste erreicht der vor den Toren der Audimetropole Ingolstadt gelegene Landkreis die beste Wertung.

Eichstätt besticht nicht nur durch die hohe Kaufkraft seine Bürger und eine niedrige Arbeitslosigkeit, sondern vor allem durch seine Attraktivität für junge Familien. Der Kreis wird aufgrund seiner guten Wirtschaftsdaten auch weiterhin qualifizierte Menschen anziehen und Prognosen zufolge bis 2020 um weitere 15 Prozent wachsen. Das Lehrstellenangebot ist exzellent und auch die durchschnittliche Kinderzahl je Frau von 1,58 liegt deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 1,37. Allerdings reicht der Nachwuchs, wie in sämtlichen deutschen Kreisen, auch in Eichstätt bei weitem nicht aus, um die Bevölkerungszahl ohne Zuwanderung stabil zu halten.

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Für Interviews steht Steffen Kröhnert unter 030-22324844 zur Verfügung.

   
     
       
     

3. Nach dem Osten schrumpft der Westen (Kurzfassung)
Regionen mit wirtschaftlichen Problemen droht ein deutlicher Bevölkerungsrückgang

Auf die massiven Abwanderungen aus den neuen Bundesländern seit der Wende folgt jetzt der Bevölkerungsschwund im Westen. Dies hebt die neue Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" des "Berlin-Instituts für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" hervor. Weite Gebiete entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, von Südostniedersachsen über Nordhessen bis nach Nordbayern, werden bis 2020 voraussichtlich zwischen zehn und 15 Prozent ihrer Einwohner verlieren. Ebenso die alten Industriereviere des Ruhrgebietes und des Saarlands. Der wirtschaftliche Strukturwandel, ausgelöst durch den Niedergang von Bergbau und Grundstoffindustrie, hat in diesen Regionen vor allem junge Menschen abwandern lassen. Heute fehlen dort jene Familien, deren Kinder die Städte und Dörfer zukunftsfähig machen könnten.

Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-22324845 oder 0171-5078390 zur Verfügung

   
     
       
 

   
3. Nach dem Osten schrumpft der Westen (Langfassung)
Regionen mit wirtschaftlichen Problemen droht ein deutlicher Bevölkerungsrückgang

Kindermangel und Abwanderung, Bevölkerungsrückgang und der Abriss ganzer Stadtviertel bleiben nicht auf die neuen Bundesländer beschränkt. Auch im Westen Deutschlands werden ganze Regionen veröden. Dies beschreibt das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" in der neuen Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation". Darin bescheinigt das Berlin-Institut insgesamt fünf westdeutschen Großgebieten mangelnde demografische Zukunftsfähigkeit. Darunter Südostniedersachsen, Nordhessen und das nordbayerische Oberfranken - allesamt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze gelegen. Sie haben mit dem Wegfall der "Zonenrandförderung" an Wirtschaftskraft verloren. Viele junge Menschen sind abgewandert und die verbleibende Bevölkerung altert rapide. Da sich kaum noch Investoren für diese Gebiete interessieren, ist die demografische Talfahrt kaum zu bremsen.

Bereits zwischen 1990 und 2001 haben die fünf Kreise des Weserberglandes und der Harzregion, Holzminden, Osterrode, Northeim, Goslar und Salzgitter, insgesamt 14.000 Menschen verloren. Der Anteil über 65-Jähriger liegt mit 21 Prozent bereits heute viereinhalb Prozent über dem deutschen Mittelwert. Osterode war 2000 mit 21,9 Prozent Senioren der "älteste" Landkreis Deutschlands überhaupt. Weil diese in den nächsten Jahrzehnten sterben und nicht mit einem Zuzug jüngerer Menschen zu rechnen ist, wird Südostniedersachsen bis 2020 wahrscheinlich um weitere 100.000 Menschen schrumpfen. Die oberfränkischen Landkreise Wunsiedel, Hof und Kronach, nahe der thüringischen Grenze, wo in den 1990er Jahren durch den Zusammenbruch von Keramik- und Textilindustrie Tausende Jobs wegfielen und der hessische Landkreis Werra-Meißner stehen vor einer ähnlichen Entwicklung.

Die größte westdeutsche Abstiegsregion ist allerdings das Ruhrgebiet. Dort werden im Jahr 2020 voraussichtlich nur noch 4,8 Millionen Menschen leben - fast eine halbe Million weniger als im Jahr 2000. "Ein Grund für die deprimierende Entwicklung sind die enormen Subventionen, die der deutsche Staat seit den 1980er Jahren in die Steinkohleindustrie gesteckt hat", sagt Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Institutes: "Die 100 Milliarden Euro haben geradezu verhindert, dass sich innovative Industrien angesiedelt haben. Der Versuch, die langfristig sterbende Kohlebranche mit viel Geld am Leben zu halten, musste aus den gleichen Gründen scheitern wie der Aufbau Ost in vielen Regionen."

Aus demografischer Sicht ist das Ruhrgebiet deshalb nach Ansicht des Berlin-Instituts in einer schwierigen Lage. Der vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung bis 2020 prognostizierte Bevölkerungsrückgang übersteigt in zwölf Kreisen Nordrhein-Westfalens die Zehn-Prozent-Marke. Hagen und Gelsenkirchen sollten sogar mehr als 15 Prozent ihrer Einwohner verlieren - gleichermaßen durch Geburtenmangel und Abwanderung. Bis zum Jahr 2020 wird der Anteil der unter 20-Jährigen im Ruhrgebiet um fast ein Viertel sinken. Dagegen werden in den Regionen Emscher/Lippe, Duisburg/Essen und Bochum/Hagen rund ein Viertel mehr über 60-Jährige leben als heute. Das einstige Zentrum der deutschen Schwerindustrie wird dann eine der am stärksten überalterten Regionen Westdeutschlands sein. Auch das Saarland, das zweite ehemalige Großindustrierevier, kann den Rückgang der Bevölkerung nicht mehr aufhalten. In den kommenden zwei Jahrzehnten wird das kleinste Flächenland der Republik vermutlich ein Zehntel seiner Bevölkerung einbüßen. Die Landeshauptstadt Saarbrücken wird dann um ein Viertel kleiner sein als 1970.

"Diese Regionen können Einiges vom Osten lernen", sagt Reiner Klingholz. "Denn während es in den neuen Bundesländern mittlerweile gute Konzepte für den Rückbau von Städten gibt, wird das Problem im Westen häufig noch ausgeblendet. Dieses Totschweigen des anstehenden Wandels droht die Attraktivität der Gebiete weiter zu beschädigen."

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Für Interviews steht Dr. Reiner Klingholz unter 030-22324845 oder 0171-5078390 zur Verfügung.

   
     
       
     

4. Kinderreiches Cloppenburg (Kurzfassung)
Liegt die Zukunft Deutschlands im Nordwesten der Republik?

Ganz Deutschland klagt über Kindermangel. Nur in einer Region der Republik wird genug Nachwuchs geboren: Im westniedersächsischen Landkreis Cloppenburg platzen sogar die Schulen aus dem Nähten. Dort bringt jede Frau durchschnittlich 1,92 Kinder zur Welt - so viele wir sonst nirgendwo in Deutschland, wo der Mittelwert bei nur 1,37 Kindern liegt. Diese Zahlen gehen aus der Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" hervor, die das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" heute vorlegt. Insgesamt befinden sich die sieben kinderreichsten deutschen Landkreise im Umkreis von Cloppenburg. Der Grund für den aus demografischer Sicht zukunftsträchtigen Kindersegen liegt offenbar in einer traditionellen Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern: In der katholisch geprägten und als konservativ geltenden Region Westniedersachsens sind nur wenige Frauen berufstätig. Sie haben im Vergleich zu anderen Gebieten Deutschlands seltener Abitur sowie eine eher niedrige Berufsqualifikation.

Für Interviews steht Steffen Kroehnert unter 030 - 22 32 48 45 zur Verfügung.

   
     
       
 

   
4. Kinderreiches Cloppenburg (Langfassung)
Liegt die Zukunft Deutschlands im Nordwesten der Republik?

Nirgendwo in Deutschland werden so viele Kinder geboren wie im westniedersächsischen Landkreis Cloppenburg. Mit einer durchschnittlichen Kinderzahl von 1,92 je Frau erreicht der Kreis fast das sogenannte "Ersatzniveau" von 2,1 Kindern, bei dem eine Bevölkerungszahl langfristig konstant bleibt. Der bundesdeutsche Durchschnitt liegt bei 1,37. Im Jahr 2003 wurden deshalb zwischen Rügen und dem Bodensee so wenig Jungen und Mädchen geboren wie nie zuvor. Mittlerweile sind es nur noch halb so viele wie noch Mitte der 1960er Jahre. Was macht Cloppenburg in diesem Umfeld zurückgehender Geburtenraten so kinderfreundlich?

Es ist nicht etwa die gute Kindergarten-Betreuung der Kleinen, wie aus der Studie "Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" hervorgeht, die das "Berlin-Institut für Weltbevölkerung und globale Entwicklung" heute veröffentlicht. Vielmehr ist in Westniedersachsen die Versorgung mit Kindergärten ausgesprochen schlecht - ebenso wie im angrenzenden nordrhein-westfälischen Münsterland, das ebenfalls relativ hohe Kinderzahlen aufweist. Der Kreis Cloppenburg liegt mit 43 Kindergartenplätzen je 100 Jungen und Mädchen unter sechs Jahren deutschlandweit abgeschlagen im unteren Viertel.

Auch die vielbeschworene Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint in Cloppenburg keine Voraussetzung für Kinder: In der ländlichen Region sind nur 340 von 1.000 Frauen berufstätig - eine der niedrigsten Quoten der Frauenerwerbstätigkeit in Deutschland. Lediglich 2,6 Prozent der erwerbstätigen Frauen haben einen Fach- oder Hochschulabschluss. Auch damit gehört der Kreis zu den Schlusslichtern der Republik.

"Generell zeigt sich, dass überall dort, wo die Erwerbstätigkeit von Frauen und der Bildungsgrad von Frauen hoch liegen, eher weniger Kinder geboren werden", sagt Steffen Kröhnert, Demograf am Berlin-Institut und Mitautor der Studie "Deutschland 2020". Umgekehrt führt ein gutes Angebot an Kindergärten nicht automatisch zu einem Kindersegen: Die neuen Bundesländer, wo die Versorgung mit Kindergärten flächendeckend gut ist, verzeichnen die niedrigsten Geburtenraten Europas. In Gera, der einzigen Stadt in Deutschland, wo rein rechnerisch für jedes unter sechsjährige Kind ein Betreuungsplatz zur Verfügung steht, bekommen die Frauen im Mittel nur 1,12 Kinder.

"Viele Deutsche scheinen noch immer zu glauben, dass Erwerbsarbeit und Kinder aus moralischen Gründen unvereinbar seien", meint Kröhnert: "Sie hängen offenbar noch einer traditionellen Mutterrolle nach, wie sie der Familienbericht der Bundesregierung aus dem Jahr 1974 beschreibt. Darin hatten die Autoren die ‚bedauerliche Zunahme der Erwerbstätigkeit verheirateter Frauen' für Erziehungsmängel bei Kindern verantwortlich gemacht."

Beruf und Kinder passen hierzulande nur schwer zusammen. Denn bei einem Rechtsanspruch auf vier Stunden Kinderbetreuung pro Tag können nicht beide Elternteile einer Erwerbsarbeit nachgehen. Noch schwieriger wird es, wenn Frauen Karriere machen wollen. Dann bekommen sie häufig gar keine Kinder. Akademikerinnen bleiben zu 40 Prozent kinderlos. Das kinderreiche Cloppenburg taugt deshalb nicht als Vorbild für ganz Deutschland. Als Modell der Vergangenheit ist es nicht auf Hamburg, Leipzig oder München übertragbar, wo Berufstätigkeit und Qualifikation von Frauen weit höher liegen als im niedersächsischen Westen.

Dass es auch anders geht, zeigt ein Vergleich mit Frankreich, das eine der höchsten Fertilitätsraten in Europa aufweist. Dort hat die Frauenerwerbstätigkeit eine lange Tradition. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts standen Französinnen deutlich häufiger im Berufsleben als deutsche Frauen. Der französische Staat hat diese Entwicklung mit dem "Code de la famille" aus dem Jahr 1939 stets massiv unterstützt. Die Betreuung von Kleinkindern in Krippen, die finanzielle Entlastung der Familien sowie die Subventionierung von Haushaltshilfen und Tagesmüttern gehören in Frankreich seit Jahrzehnten zur Familienpolitik. Kinder und Beruf lassen sich deshalb ganz selbstverständlich vereinen - auch für hochqualifizierte Frauen.

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Karte: Durchschnittliche Kinderzahl pro Frau in den deutschen Kreisen

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5. Journalisten-Workshop
Demografische Folgen der EU-Erweiterung

Der Einbruch der Geburtenraten in den mittel- und osteuropäischen Ländern hat ähnlich dramatische Auswirkungen wie in Westeuropa. Auf die zehn neuen und die künftigen Mitgliedstaaten der EU kommen daher erhebliche Herausforderungen zu.

  • Wie sieht die demografische Entwicklung in den osteuropäischen Ländern genau aus?
  • Wie gehen diese Staaten mit Herausforderungen wie Überalterung und Migration um?
  • Welche Migranten aus den Beitrittsländern werden nach Deutschland kommen?
  • Wie wird sich die demografische Situation in der Türkei entwickeln und welche Konsequenzen für Europa sind im Falle eines Beitritts zu erwarten?

Referenten
Dr. Carl Haub, Population Reference Bureau, Washington DC, USA
PD Dr. Ralf Ulrich, Universität Bielefeld

Der Workshop findet in deutscher und englischer Sprache statt.

Termin: 13. Mai 2004
Zeit: 9.30 bis 13.00 Uhr
Veranstaltungsort: Stiftung Wissenschaft und Politik
Ludwigkirchplatz 3-4
10719 Berlin

Die Zahl der Teilnehmer ist auf 25 begrenzt. Anmeldung unter info@berlin-institut.org unbedingt erforderlich!

   
     
       
       
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